Das Geschlecht als soziales Konstrukt am Beispiel der Agnes-Studie und am Beispiel Jin Xin


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
28 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Das Geschlecht als soziales Konstrukt

3. Der Genderwechsel
3.1.Agnes-Studie nach Harold Garfinkel
3.2 Jin Xing – Das Leben einer Soldatin und Tänzerin
3.3 Die Gesellschaft im Angesicht der Transsexualität

4. Garfinkels ethnomethologische Sichtweise

5. Fazit

6. Literatur

1. Einleitung

Betrachtet man sich die heutige Gesellschaft Europas, so lässt sich eine Zweiteilung in Bezug auf die Geschlechterunterscheidung erkennen. Denn wenn ein Kind in eine solche Gesellschaft hineingeboren wird, so wird diesem aufgrund des zur Geburt festgestellten Geschlechtes ein sexueller Status bzw. ein gender[1] zugeordnet. Je nach Geschlecht werden mit dem Kind geschlechtsspezifische Eigenschaften in Verbindung gebracht. Ebenso erfolgt eine spezifische Erziehung, in der dem Kind entsprechende Normen und Sitten der Gesellschaft vermittelt werden. In diesem Prozess spiegelt sich am deutlichsten die dichotome Gesellschaft wieder, die keine Übergänge oder Zwischenstufen zwischen den beiden Geschlechtern Mann und Frau zulässt bzw. als „normal“ abtut.

Diese Geschlechterzuordnung erfolgt in jeder Gesellschaft auf unterschiedliche Weise, da jede Gesellschaft ihre Bevölkerung in anderer Form prägt. Schaut man jedoch auf die Gesellschaft Europas, so stößt man auf Probleme im Zusammenhang mit der Akzeptanz, wenn man Menschen begegnet, die einen „gender“-Wechsel bzw. einen Geschlechterwechsel vornehmen lassen oder vornehmen lassen wollen.

Diese Hausarbeit soll sich mit dieser Thematik des Geschlechterwechsels in Verbindung mit der Agnes-Studie von Harold Garfinkel und der Lebensgeschichte von Jin Xing, ein prominentes Beispiel für einen gender-wechsel, befassen. Hierbei soll es darum gehen die unterschiedlichen Aspekte und Erwartungen zu beleuchten, die eine Gesellschaft an einen Menschen stellt. Dabei sollen im ersten Teil der Hausarbeit kurz die Geschlechterrollen einer Gesellschaft Erwähnung finden und es soll darüber berichtet werden, was passiert, wenn ein Mensch nicht in diesem Bild der Gesellschaft entspricht. In diesem Kontext soll auf Agnes eingegangen werden. Es handelt sich bei Agnes um einen Jungen, der sich sein Leben lang in den falschen Körper geboren, empfindet und der durch Berichte, denen Garfinkel[2] beiwohnen durfte, über sein Leben erzählte. In diesem Zusammenhang wird in dieser Hausarbeit ein ähnlicher Fall herangezogen, der ebenso Aspekte widerspiegelt, die scheinbar ein Geschlechtswechsel mit sich bringt. Dabei handelt es sich um Jin Xing, eine sehr prominente Tänzerin, die in ihrem früheren Leben das Leben als Mann beschritt und in der Armee diente. Sie hat selbst ein Buch über ihren Lebenswandel verfasst, woraus im späteren Teil der Hausarbeit zitiert werden soll. Insgesamt soll gezeigt werden, ob ein Geschlechtswandel dazu

führt, dass den „Umoperierten“ die normale Geschlechterrolle in der Gesellschaft ohne weiteres zugeschrieben werden kann und welche Probleme auftreten, wenn ein Mann plötzlich das Leben und die Lebensweise einer Frau annimmt. Die Frage stellt sich, ob der operierte Mann tatsächlich als eine natürliche Frau anzusehen ist, nur weil er sich umoperiert hat lassen und die Verhaltensweisen anderer Frauen angelernt und nachgeahmt hat. Im Anschluss an diese Betrachtungen soll ein abschließendes Fazit aufzeigen, inwieweit die so genannten Transsexuellen Anerkennung in der Gesellschaft finden und ob es möglich ist trotz der geschlechtsspezifischen Erziehung das Leben des anderen Geschlechtes zu führen und sich damit identifizieren zu können. Aus diesen Überlegungen resultierend gibt es im Bereich der feministischen Forschung unterschiedliche theoretische Ansätze um die Geschlechterverhältnisse zu analysieren. So existiert zum einen die Position, dass eine zweigeschlechtliche Struktur von der Gesellschaft akzeptiert wird und den unterschiedlichen Geschlechtern typische Eigenschaften durch die Gesellschaft zugeschrieben werden. Auf der anderen Seite gibt es Menschen in der Gesellschaft, die einen biologischen Aspekt abstreiten und sich von einer zweigeschlechtlichen Gesellschaft lossagen. Sie gehen von einer Eventualität einer multiplen Wesensart von Geschlechtlichkeit aus. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass eine Gemeinsamkeit in allen Positionen auftrat, nämlich diese, dass in allen Auffassungen eine Ungleichheit zwischen Mann und Frau zu erkennen war.

Die unterschiedlichen Ansätze können in Makrotheoretische und Mikrotheoretische Ansätze unterteilt werden. Bei den Makrotheoretischen Ansätzen wird das Geschlechterverhältnis innerhalb seiner historischen Entwicklung analysiert und wird im Kontext mit den jeweiligen gesellschaftlichen Strukturen betrachtet. Hingegen beschäftigen sich die Mikrosoziologischen Ansätze mit unterschiedlichen Einzelsituationen von Individuen, durch die das Geschlechterverhältnis resultiert. Wiederum andere Ansätze interessieren sich für die Verbindung des Dualismus von Mikro- und Makrosoziologie.[3] In dieser Hausarbeit soll jedoch auf die Mirkosoziologische Sichtweise und insbesondere auf die der Ethnomethodologie in Verbindung mit der Transsexualitätsforschung Bezug genommen werden. Hierzu soll im nächsten Punkt das Konzept des „doing-gender“ vorgestellt werden und Harold Garfinkels Position dargestellt werden, der als Erfinder der Ethnomethodologie gilt.

2. Das Geschlecht als soziales Konstrukt

Bevor im Spezifischen auf das Thema der Transsexualität näher eingegangen werden soll, sollte in diesem Punkt die Rolle des Geschlechtes als soziales Gebilde verdeutlicht werden. Denn so sind deutliche Unterschiede in den Gesellschaften verschiedener Nationen zu verzeichnen. So werden beispielsweise Anomalien bei den Genitalien in anderen Kulturen problemloser akzeptiert. So wird im Buch „Genderparadoxien“ von Judith Lorber darüber berichtet, dass in der Dominikanischen Republik das Phänomen auftrat, dass Kinder, die von Geburt an als weiblich anerkannt wurden während der Pubertät männliche Hormone produzierten und dadurch sich die Geschlechte umbildeten und das physische Bild eines Mannes annahmen.[4]

Daraus lässt sich erkennen, dass das Geschlechterverhältnis, so wie es in den europäischen Ländern verwendet wird auf keine feststehende Begriffsbestimmung verweist und dass für die Definition von Geschlecht immer neue Definitionen erfolgen müssen.[5] Diese Tatsache resultiert daraus, dass jede Kultur unterschiedliche kulturelle Erwartungen und Normen stellt und ihre Gesellschaft demnach auf individuelle Weise prägt. So bestehen Zweifel von Seiten der geschlechtsbezogenen Ethnomethodologie[6] bzw. der Mikrosoziologischen Soziologie, dass es so etwas wie eine dichotome Gesellschaft geben kann. Eine dichotome Gesellschaft meint, dass nur eine Unterscheidung zwischen Männern und Frauen ohne Zwischenstufe existiert.[7]

Die Position der geschlechtsbezogenen Ethnomethodologie beinhaltet, dass das Geschlecht sozial konstruiert wird und dass es weniger eine Eigenheit von Individuen sei, sondern ein Resultat aus sozialen Situationen. So wurden innerhalb der Ethnomethodologie kleinste Alltagssituationen betrachtet und es wurde die Behauptung von Garfinkel aufgestellt, dass alle Mitglieder einer interagierenden Gesellschaft praktizierende Ethnomethodologen seien. Denn alle Interagierenden haben Kenntnis von ihren aufgestellten Regeln der Interaktion und bringen diese zur Anwendung.[8]

Betrachtet man sich die Bezeichnung im anglo-amerikanischen Raum für die Differenzierung zwischen dem biologischen Geschlecht und dem sozialen Geschlecht durch den Doppelbegriff „gender“, scheint diese gut gelöst. Daher wurde im deutschsprachigen Raum der Begriff „gender studies“ eingeführt, um mit dieser Unterscheidung mithalten zu können.

Wie schon erwähnt, wurde in dem Mikrosozologischen Ansatz zu den Studien über Transsexuelle durch Garfinkel im Jahr 1967 und Kessler[9] sowie Mc Kenna[10] die Behauptung, dass nur zwei Geschlechter in der Gesellschaft existent sein würden, angezweifelt bzw. widerlegt.

So hat Garfinkel mit seiner Studie über die transsexuelle Agnes, die im späteren Teil der Hausarbeit betrachtet wird, dargestellt, dass sich die Gesellschaft über die zweigeschlechtlich strukturierten Deutungsmuster stark identifiziert. Garfinkel zeigt auf, dass keine soziale Situation zu finden sei, für die eine Zuordnung einer Person zu „Frau“ oder „Mann“ unbedeutend ist. So kann eine Interaktion meist nur dann erfolgen, wenn das Gegenüber Bescheid weiß, mit wem er es zu tun hat. So gesehen spricht Marotzki in Bezug auf Garfinkel von einer Pflicht gegenüber der Gesellschaft Mann oder Frau zu sein.

Mit seiner Agnes-Studie bringt Garfinkel zum Ausdruck, dass es nicht die Genitalien sind, die bedeutend für Interaktionen sind, sondern die Rolle der kulturellen Zuschreibungen, die für die Interaktionen von großer Relevanz sind.[11]

Neben Garfinkel haben Kessler und Mc Kenna erstmals den Begriff des „doing gender“ in Verbindung mit dem Geschlecht verwendet. In ihrer Forschung über Transsexuelle deuteten sie darauf hin, dass der einzelne Mensch Prozesse der Geschlechtszuweisungen über sich ergehen lassen muss. Meist wird eine Zuweisung des Geschlechts nach der Geburt vorgenommen. Anhaltspunkt ist für das männliche Geschlecht der Penis und für das weibliche Geschlecht die Vagina. Durch die heutigen modernen Möglichkeiten des Ultraschalls ist selbst vor der Geburt die Zuweisung möglich geworden. Eine weitere Zuweisung des Geschlechts lässt sich im Alltag durch soziale Kontakte finden. Dabei werden die Geschlechtsmerkmale durch die äußeren Faktoren wie Kleidung, Gang, Stimme, Körperhaltung oder ähnliches bestimmt. In ihren Betrachtungen sind Kessler und Mc Kenna zu der Erkenntnis gelangt, dass der Mann eine primäre Konstruktion ist. Bei der Frau ist von einer Negativ-Definition die Rede. Daher wird sie nicht als Vagina-Besitzerin betrachtet, sondern als Penislose. Als Schluss ihrer Untersuchungen definieren Mc Kenna und Kessler die Gesellschaft als androzentristisch[12].[13]

[...]


[1] Gender: Der Begriff Gender bezeichnet das „soziale“ oder „psychologische“ Geschlecht einer Person im Unterschied zum biologischen Geschlecht (engl. sex). Der Begriff wurde aus dem Englischen übernommen, um auch im Deutschen die Unterscheidung zwischen sozialem (gender) und biologischem (sex) Geschlecht treffen zu können, da das deutsche Wort Geschlecht in beiden Bedeutungen verwendet wird.

[2] Garfinkel, Harold, geboren 1917 in den USA, ist ein US-amerikanischer Soziologe, Begründer der Ethnomethodologie

[3] Vgl. Wingenbach, Carmen. (1999) Wissenschaft und Forschung. Konstruktion der Geschlechter: http://www.carelounge.de/sozialeberufe/wissen/fem_1.php, 1.11.07

[4] Vgl. Lorber, Judith: (1999) Genderparadoxien. Reihe Geschlecht und Gesellschaft.Seite 143

[5] Vgl. Marotzki. Von der Frauenforschung zu Gender Studies – eine wechselvolle Geschichte:

http://www.uni-magdeburg.de/iew/web/Marotzki/05/Vorlesung/11.pdf, 29.10.2007

[6] Ethnomethodologie: ist eine praktische Forschungseinrichtung in der Soziologie, die von Harold Garfinkel in Kalifornien (USA) begründet wurde. E. ist ein soziologischer Forschungsansatz, der die grundlegenden formalen Methoden (Basisregeln) aufzudecken versucht, die die Gesellschaftsmitglieder bei ihren alltäglichen Handlungen anwenden, um Ereignisse und Handlungen zu interpretieren, d.h. ihnen Sinn zu verleihen. (Schäfers 2000:358)

[7] Vgl. Marotzki. Von der Frauenforschung zu Gender Studies – eine wechselvolle Geschichte: http://www.uni-magdeburg.de/iew/web/Marotzki/05/Vorlesung/11.pdf, 29.10.2007

[8] Vgl. Wingenbach, Carmen. (1999) Wissenschaft und Forschung. Konstruktion der Geschlechter: http://www.carelounge.de/sozialeberufe/wissen/fem_1.php, 1.11.07

[9] Kessler, Suzanne J.

[10] Mc Kenna, Wendy

[11] Vgl. Marotzki. Von der Frauenforschung zu Gender Studies – eine wechselvolle Geschichte:

http://www.uni-magdeburg.de/iew/web/Marotzki/05/Vorlesung/11.pdf, 29.10.2007

[12] Andro(grch.) Wortbestandtzeil mit derb Bedeutung Mann: Mann steht im Mittelpunkt

[13] Vgl. Vgl. Marotzki. Von der Frauenforschung zu Gender Studies – eine wechselvolle Geschichte:

http://www.uni-magdeburg.de/iew/web/Marotzki/05/Vorlesung/11.pdf, 29.10.2007

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Das Geschlecht als soziales Konstrukt am Beispiel der Agnes-Studie und am Beispiel Jin Xin
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Interpretative Soziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
28
Katalognummer
V87060
ISBN (eBook)
9783638012034
ISBN (Buch)
9783638948388
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht, Konstrukt, Beispiel, Agnes-Studie, Interpretative, Soziologie
Arbeit zitieren
Doreen Gleissner (Autor), 2007, Das Geschlecht als soziales Konstrukt am Beispiel der Agnes-Studie und am Beispiel Jin Xin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87060

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