Frömmigkeit und Fegefeuer

Eine Untersuchung über Pilgerfahrten, Gebete für das Seelenheil und religiöse Stiftungen in den Paston Letters des 15. Jahrhunderts


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
23 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Religion im England des 15. Jahrhunderts
2.1 Allgemeiner Charakter
2.2 Religion und Adel

3 Tod, Fegefeuer und Seelenheil

4 Testamente
4.1 Funktion und Aussagewert von Testamenten
4.2 Das Testament von Margaret Paston

5 Pilgerfahrten

6 Gebete für Verstorbene

7 Religiöse Stiftungen

8 Fazit

9 Quellen – und Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In dieser Hausarbeit soll unter einem bestimmten Blickwinkel und anhand ausgewählter Untersuchungsgegenstände die Frömmigkeit in der Familie Paston aus dem englischen Norfolk ergründet werden. Grundlage dafür ist die Korrespondenz, welche die Pastons zurückließen und weite Teile des fünfzehnten Jahrhunderts umfasst. Anhand dieser Selbstzeugnisse soll die Rolle der Frömmigkeit bei den Pastons, aber auch bei einigen ihrer Zeitgenossen untersucht werden. Dies geschieht jedoch nicht allumfassend, sondern beschränkt sich schwerpunktmäßig auf drei Bereiche: Und zwar die der Pilgerfahrten, den Gebeten für das Seelenheil sowie dem Aspekt der religiösen Stiftungen. Eine wichtige Rolle hierbei spielt das im England des fünfzehnten Jahrhundert vorherrschende Konzept des Fegefeuers, welches eine ganze Reihe von Konventionen prägte, die mit dem Sterben des Körpers und dem Heil der Seele im Jenseits verknüpft waren.

Für eine wissenschaftliche Arbeit, die sich mit Frömmigkeit beschäftigt, ist es unabdinglich, diesen Begriff zunächst zu definieren. Aus diesem Grunde wird hier auf eine Definition zurückgegriffen, die zwar sehr allgemein, für die Zwecke dieser Hausarbeit jedoch sehr brauchbar ist:

Frömmigkeit […], traditionelle Bez. für die komplexe seelisch-geistige Grundhaltung und Gestimmtheit des (religiösen) Menschen, die – gekennzeichnet durch Ehrfurcht, Verehrung und Hingabe – sein Denken, Handeln und Fühlen gegenüber Gott bzw. dem Göttlichen (Numinosen) prägen. Als allgemeinste Bestimmung von F. erscheint in den versch. Religionen „den Göttern das Ihre geben“, eine äußere rituelle Konformität. […] Äußere Symbole der F. veräußerlichen und erstarren leicht, sodass Außenstehende leicht die „innere“ Religiosität darin vermissen.“[1]

Die Aussage, dass Frömmigkeit das Denken, Handeln und Fühlen gegenüber Gott prägt, ist ebenso akzeptabel wie schlüssig. Sie zeigt aber auch eine der Grenzen dieser Hausarbeit auf: Die hier behandelten Beispiele aus den Briefen geben selten mehr Auskunft als über das konkrete Handeln der Protagonisten – was diese im Hinblick auf ihre Frömmigkeit gedacht oder gefühlt haben, ist oft unersichtlich und kann letzten Endes nur gemutmaßt werden. Da Frömmigkeit jedoch viel mit „äußere[r] rituelle[r] Konformität“ zu tun hat, und äußere Symbole eben oft mit dem Handeln verknüpft sind, verspricht eine Untersuchung aus diesem Blickwinkel nichtsdestotrotz sinnvoll und ergiebig zu sein.

Die Beschränkung auf die Themenfelder Pilgerreisen, Gebete für das Seelenheil und religiöse Stiftungen ergab sich zum einen aus der Wichtigkeit, den Umfang dieser Arbeit nicht zu sprengen und gleichzeitig einzelnen Schwerpunkten genügend Raum für Schilderung und Diskussion zu geben. Zum anderen kommen nicht wenige Aspekte, die mit dem Komplex Frömmigkeit verbunden sind, in den Briefen der Pastons gar nicht vor. Bennett nennt in diesem Zusammenhang die Schilderung von Taufen, Hochzeitszeremonien und –feste sowie Gottesdienste, über die in den Briefen entweder gar nicht oder nur sehr vereinzelt und kaum vertiefend berichtet wird.[2] Hierzu bemerkt Bennett, dass die gewöhnlichten und alltäglichsten Angelegenheiten, selbst wenn diese von zentraler Wichtigkeit sind, selten oder nie als aufzeichnenswert erachtet werden.[3] Dies gilt etwa für die Gottesdienste, könnte aber insoweit auch auf Pilgerfahrten, die Verfassung von Testamenten oder andere hier zu behandelnde Dinge bezogen werden, als dass Vorgänge dieser Art zwar oft genug erwähnt, selten jedoch ausführlich geschildert werden – besonders, was die innere Einstellung der Briefautoren dazu, also deren Denken und Fühlen, anbelangt.

Diese Hausarbeit ist in einen allgemeinen und einen speziellen Teil aufgeteilt. So gibt der erste Teil zunächst einen Überblick über den Charakter der Religion im England des fünfzehnten Jahrhunderts und beschäftigt sich dann mit der Rolle, die der Adel in dieser spielte. Daraufhin folgen generelle Betrachtungen über Tod, Fegefeuer, Seelenheil und spätmittelalterlichen Testamente, die eine nötige Basis für die vertiefenden Ausführungen des zweiten Teils bilden. Dort werden schließlich die oben genannten Themenfelder abgearbeitet, wobei es hier zu einer Gegenüberstellung der Sekundärliteratur und den Quellen kommt. Die herangezogenen Briefe wurden aus zwei Sammlungen entnommen, einmal der sprachlich modernisierten Ausgabe von Davis, die lediglich eine Auswahl der Briefe enthält,[4] und zum anderen der sprachlich unveränderten Gesamtausgabe von Gairdner.[5]

2 Religion im England des 15. Jahrhunderts

2.1 Allgemeiner Charakter

Religion war sehr wichtig im spätmittelalterlichen England – der christliche Glaube und der Gehorsam gegenüber den Lehren der Kirche waren so gut wie universal.[6] Die Auseinandersetzungen im Zuge der Reformation waren noch nicht in Sicht und Häresie trat nur in Einzelfällen auf. Zuweilen fürchteten sich die kirchlichen Autoritäten davor, dass Gläubige sich zu tief mit deren Materie vertraut machten,[7] letzten Endes war ein gewisser Grad an Eigeninitiative in spirituellen Dingen jedoch erwünscht.

Nicht nur in der direkten Religionsausübung, sondern auch in vielen anderen Lebensbereichen spielten die Gemeindekirchen und ihre Priester eine wichtige Rolle.[8] So übte die in vielerlei Hinsicht privilegierte und gut ausgestattete Kirche nicht nur spirituelle, sondern auch wichtige juristische Funktionen aus – und zwar in der Regelung von Heirat und Nachlassangelegenheiten, aber auch in Dingen wie Vertrauensbrüchen und Ehrenkränkungen.[9]

Bezogen auf die Religionsausübung im England des fünfzehnten Jahrhunderts listet Pollard[10] folgende grundlegende Charakteristika auf:

“It was Christo-centric, focused on the miracle of the Eucharist and the passion of Christ; it was superstitious and credulous; it encouraged personal commitment and understanding; it demanded practical participation, it blurred the distinction between clergy and laity. It was, perhaps, complacent. And it was the religion of the privileged and propertied who were expected to set a good example.”[11]

Der von Pollard angesprochene Trend des Christozentrismus bedeutete, dass Erlösung zu dieser Zeit mehr noch als früher durch die direkte Fürbitte an Jesus Christus erlangt werden sollte und der Sohn Gottes somit im Zentrum einer kultischen Verehrung stand.[12] Gleichzeitig schränkt Pollard aber ein, dass dies nicht mit einer Abwertung von anderen Heiligenfiguren einherging: Heilige gab es in Hülle und Fülle, und die Gründe, weshalb diese verehrt wurden, waren vielseitig und auch spezialisiert. Die beiden Hauptfunktionen bei der Verehrung von Heiligen, bzw. mit ihnen in Verbindung gebrachten Reliquien, Erscheinungs- oder Begräbnisorten war die Vergebung von Sünden sowie Schutz oder Heilung von allerlei Unbill. Dies schließt an den Aspekt der immensen Bedeutung und Verbreitung von Pilgerfahrten (siehe Kapitel 4) an und bewegt auch in dem oben von Pollard genannten Problemfeld von Aberglauben bzw. Leichtgläubigkeit.

Der Schritt vom Aberglauben hin zum Glauben an Zauberei und Okkultes war nicht weit und wurde durchaus auch vollzogen. Der Grund hierfür war die geringe Kontrolle, die die Menschen über ihre Umwelt hatten, besonders im Hinblick auf ihre körperliche Gesundheit und den Tod. Oft wurde nach magischen Erklärungen und Schutz für bzw. gegen das Unerklärliche gesucht, wobei die Kirche ein Teil der weiteren Kultur dieses Phänomens war.[13] Pollard weist jedoch auch darauf hin, dass das Bild einer abergläubigen, umnachteten Laienschar, die unter dem dauernden Eindruck einer morbiden Todesfurcht stand, ein Trugbild ist. Vielmehr hat die jüngere Forschung argumentiert, dass es sich bei vielen mit Aberglauben verbundenen Phänomenen um eine positiv geprägte religiöse Überzeugung handelte: “The roles of relics and icons, the intercessionary powers of saints, and prayers for the dead are now perceived as integral elements of a widely-shared and positive religious conviction.”[14]

2.2 Religion und Adel

Die Aussage Pollards, wonach die spätmittelalterliche englische Religion eine der Privilegierten und Besitzenden war, welche mit gutem Beispiel voran gehen sollten, bezieht sich vor allem auf das christliche Gebot der Barmherzigkeit. Von dem, der mehr als das zum Überleben notwendige Einkommen zur Verfügung hatte, wurde erwartet, dass er bedeutende Teile davon an Menschen in Not, aber in verschiedenen Formen auch an die Institution Kirche weiterleitete.[15] Dies war nicht zuletzt ein wichtiges Element zur Sicherung des Seelenheils im Jenseits; ein Zusammenhang, der in den Kapitel 2 und 6 näher beleuchtet werden soll.

Ein Überschuss an Ressourcen bedeutete gleichzeitig die Möglichkeit von mehr spiritueller Vertiefung, da weltliche Zwänge, also die konkrete Sicherung des Überlebens, weniger Zeit und Kraft in Anspruch nahmen. Für bestimmte Wohlhabende, also auch den Adel, war von daher im Spätmittelalter ein „gemischtes Leben“[16] vorbehalten oder auch erwartet – auf der einen Seite also die weltliche (Wirtschafts-)Tätigkeit, auf der anderen Seite ein Leben von persönlicher, spiritueller Vertiefung. Sichtbare Ausprägungen davon sind etwa die aufkommende andächtige Literatur für den Hausgebrauch, etwa die „Books of Hours“. Aber auch Hauskapellen und Hauskaplane sind Belege für einen solchen Lebensstil, der für weniger privilegierte Schichten undenkbar war. Die Familie der Pastons konnte beides, Kapelle wie Kaplan, vorweisen, wie aus den Briefen hervorgeht und was durchaus für ihren gehobenen Status spricht. Ihr chaplain Sir James Gloys ist in der Gruppe außerhalb der Familie einer der wichtigsten und meistgenannten Protagonisten der Paston Letters, obwohl wir wenig über seine religiöse Tätigkeit an sich lesen.[17] Die Hauskappelle der Pastons wird weitaus weniger erwähnt, hatte für ihr vornehmes Selbstverständnis aber ähnliche Bedeutung wie der Hauskaplan Sir James: Als John Paston II. dem König die adlige Herkunft seiner Familie beweisen sollte, war die Hauskapelle laut Bennett “one of the strongest points in the case”.[18] Eine eigene Kapelle zu haben war zwar weit verbreitet unter den Wohlhabenden im England des fünfzehnten Jahrhunderts, nichtsdestotrotz stellte die Einrichtung und Benutzung einer solchen ein besonderes Privileg dar, welches beim Bischof der Diözese beantragt werden musste – besonders, wenn dort nicht nur gebetet, sondern auch Messen gehalten werden sollten.[19] In einem Brief aus dem Jahr 1472 gibt John Paston III. den Auftrag Margaret Pastons an seinen älteren Bruder John II. weiter, die vom Bischof nur für ein Jahr gewährte Lizenz für die Durchführung von Messen in der Hauskapelle zu erneuern.[20]

In der Forschung wird diskutiert, ob die bei Adligen und Wohlhabenden festzustellende Religionsausübung in den eigenen vier Wänden für einen allgemeinen Trend hin zur Entfremdung von der volkstümlichen Ausübung der Religion steht oder nicht. Für Pollard sprechen Hauskapellen oder eigene Bänke in der Gemeindekirche zumindest für eine einsetzende Distanzierung von den einfachen Leuten. Auch attestiert er eine soziale Distinguierung der Wohlhabenden, die durch Schenkungen, etwa zur Ausstattung der Gemeindekirche, nicht zuletzt auch moralische und spirituelle Kontrolle über Gläubige und Kleriker in ihrer Gemeinde ausüben konnten.[21] Swanson sieht in diesen Entwicklungen eher soziale als religiöse Phänomene, die wenig über den Charakter der Spiritualität der Beteiligten an sich aussagen.[22] Für die Pastons selbst lässt sich zumindest sagen, dass ein eigener Kaplan sowie die Hauskapelle zumindest nicht dazu führten, sich weniger in der Gemeindekirche sehen zu lassen. Die weiblichen Mitglieder der Familie sollen diese regelmäßig an Wochentagen, aber auch zu allen wichtigen Anlässen besucht haben.[23]

[...]


[1] Annette Zwahr (red. Leitung): Brockhaus Enzyklopädie. 21., völlig neu bearbeitete Auflage, Bd. 10, Leipzig und Mannheim, 2006, 21.

[2] Henry S. Bennett: The Pastons and their England. Studies in an Age of Transition. 2. Auflage (1932), Nachdruck, Cambridge 1968, 193-6, 204.

[3] “The very frequency and commonplace nature of certain events is often the cause of their omission.” Ebd., xvi.

[4] Norman Davis (Hg.): The Paston Letters. A Selection in Modern Spelling. Oxford 1983.

[5] James Gairdner (Hg.): The Paston Letters 1422-1509. Neue Auflage, 3 Bde., London 1872-5.

[6] Bennett, 93.

[7] Robert Norman Swanson: Church and Society in Late Medieval England. Oxford 1989, 279f.

[8] Bennett, 93.

[9] A.J. Pollard: Late Medieval England 1399-1509. Harlow u.a. 2000, 204.

[10] Pollard, Kapitel X.

[11] Ebd., 227.

[12] Zur Christusverehrung siehe auch Swanson, 276.

[13] Pollard, 221 f.

[14] Ebd., 216.

[15] Swanson auf S. 299 zum Gebot der Barmherzigkeit: ”The obligations of generalized caritas merged into the specific moral and financial obligations of those with money to assist those without: charity was a moral imperative on the wealthy.”

[16] Der Begriff ist übernommen von Pollard, der von einem „mixed life“ spricht, siehe 225.

[17] Bennett, 206.

[18] Siehe Bennett, 205 und Nr. 554 in Gairdner, Bd. 2, 283ff.

[19] Bennett, 205f.

[20] Nr. 712 in Gairdner, Bd. 3, 73.

[21] Pollard, 226.

[22] Swanson, 284. In Fußnote 78 erwähnt Swanson noch den Aufsatz von C. F. Richmond, ‚Religion and the English Gentleman’, der gerade anhand der Paston Letters eine Entfremdung des Niederadels von der volkstümlichen Religion belegen will. Zu diesem schreibt Swanson: „Some of his arguments evoke sympathy, but I feel that the generalization rests too much on a personal response to the gaps in the letters, and ignores the fact that much of the activity – personal books of hours, private chapels and chaplain – was fairly widespread even in the fourteenth century.” Richmonds Aufsatz lag dem Autoren dieser Hausarbeit nicht vor. Er ist enthalten in R.B. Dobson (Hg.): Church, Politics and Patronage in the Fifteenth Century. Gloucester, 1984.

[23] Siehe Bennett, 205.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Frömmigkeit und Fegefeuer
Untertitel
Eine Untersuchung über Pilgerfahrten, Gebete für das Seelenheil und religiöse Stiftungen in den Paston Letters des 15. Jahrhunderts
Hochschule
Universität Hamburg  (Department Geschichtswissenschaft)
Veranstaltung
Englischer Adel im 15. Jahrhundert: Die Paston Letters
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V87301
ISBN (eBook)
9783638016940
ISBN (Buch)
9783638918190
Dateigröße
481 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frömmigkeit, Fegefeuer, Englischer, Adel, Jahrhundert, Paston, Letters
Arbeit zitieren
Johannes Huhmann (Autor), 2007, Frömmigkeit und Fegefeuer, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87301

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