Schöne neue Arbeitswelt?

Die Novellierung des Produktionsfaktors Arbeit: Determinanten und Konsequenzen


Studienarbeit, 2007

54 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Globalismus und Informationalismus
2.1. Globalismus
2.2. Informationalismus
2.3. Effekte auf die Produktionsfaktoren
2.3.1. Kostenexternalisierung

3. Globalisierte Wirtschaft
3.1. Anforderungen an Unternehmen
3.1.1. Shareholder-value
3.2. Konkurrenz und Wettbewerb
3.3. Flexibilität

4. Der Produktionsfaktor Arbeit
4.1. Die Bedeutung von (Erwerbs-) Arbeit
4.2. Das Normalarbeitsverhältnis
4.2.1. Bewertung und Kritik
4.2.2. Erosion
4.3. Atypische Beschäftigung
4.3.1. Flexibilisierung
4.3.2. Subjektivierung

5. Résumé

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Entwicklung der Widersprüche einer geschichtlichen Produktionsform

ist jedoch der einzig geschichtliche Weg ihrer Auflösung und Neugestaltung.[1]

Dieses einleitende Zitat von Karl Marx hat bis heute nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Die geschichtliche Produktionsform des Kapitalismus befindet sich heute in einem Wandel, dessen Existenz Ende der 1970er Jahre erstmals festgestellt wurde und der seinen größten Boom in den späten 1980er Jahren einsetzte; seine Folgen sind so vielfältig wie schwer zu überblicken. Die Widersprüche und Entwicklungen des Kapitalismus sind heute wie vor 150 Jahren, zu Zeiten Marx’, immanent und gravierend für alle, die in dieses Produktionssystem eingebunden sind.

Arbeit hat in der westlichen Gesellschaft nicht nur die Funktion der materiellen Existenzsicherung, sondern ist durch die protestantische Ethik zu einem zentralen Faktor der Gesellschaft an sich geworden. Die protestantische Ethik gibt vor, die gesamte Lebensgeschichte so zu formen, so dass diese ein sinnvolles Ganzes ergibt und – vor allem – würdig ist:[2] „Der einzelne [ist] […] ethisch für seine gelebte Zeit verantwortlich […]“.[3] Dies folgt der calvinistischen Tradition und bedeutet demnach für den Einzelnen, den Sündenfall der Menschheit durch Fleiß und Arbeitseifer zu büßen, um so – vielleicht – Erlösung im Himmelreich zu finden: „Die eigene Lebensgeschichte mittels harter Arbeit zu organisieren, kann als kleines Licht in der Dunkelheit dienen, ein [Zeichen], daß [sic] man zu den vor der Hölle Erretteten zählen könnte.“[4] Folgt man dieser Argumentation, so ergibt sich folgendes Bild: Arbeit wird zu dem zentralen Bestandteil des individuellen Lebens und in Konsequenz so zum Mittelpunkt der Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft sieht Arbeit somit als einzigen Zweck und Sinn. Dass dieses Ethos nicht nur zu frühkapitalistischen Zeiten vorherrschte, sondern auch heute durchaus Aktualität genießt, hat u.a. Hannah Arendt bereits Mitte des 19. Jahrhunderts konstatiert.[5]

In den westlichen Industriegesellschaften ist Arbeit somit nicht nur die primäre – wenn nicht sogar einzige – Quelle des Wohlstands;[6] sie „[…] strukturiert und koordiniert das zeitliche Verhalten der Gesellschaft“[7] an sich.

Ziel dieser Arbeit soll sein, den von zahlreichen Autoren festgestellten Wandel der Arbeitswelt zu skizzieren und zentrale Aspekte herauszuarbeiten. Dabei soll versucht werden, mögliche Ursachen dieses Wandels aufzuzeigen; ein Schwerpunkt dabei wird der Globalismus und die daraus resultierenden Konsequenzen sein. Wie sich die festgestellten Konsequenzen auf den Faktor Arbeit auswirken und welche Folgen dies für Arbeitnehmer und Arbeitgeber haben kann, wird den zweiten Schritt dieser Analyse darstellen.

Der Faktor Arbeit ist schon immer einem gewissen, steten Wandel unterlegen; dies ist durch seine zentrale Einbettung in Gesellschaft und Wirtschaft auch nicht anders möglich. So waren zum Beispiel Form und Dauer von Arbeitsverhältnissen von je her gewissen Schwankungen unterworfen. In den 1970er Jahren (und besonders intensiv in den 1990ern) begann allerdings eine Entwicklung, die einen fundamentalen Wandel der Arbeit einleitete und so zu gravierenden Veränderungen in der Gesellschaft führen kann (und dies in Teilen bereits erreicht hat). Dieser Wandel ist nicht monokausal zu bestimmen, er unterliegt zahlreichen Faktoren, die allein schon durch ihre Anzahl nicht vollständig aufgezählt werden können. Interdependenzen der einzelnen Faktoren und empirisch kaum zu erfassende Weiterentwicklungen selbiger machen es schwer, den Wandel von Arbeit exakt nachzubilden.

Dennoch soll hier versucht werden, einige Aspekte dieses Wandels zu erfassen und zu analysieren. Als wichtigste Determinanten wurden dazu Globalismus und Informationalismus gewählt, die in Kapitel 2 näher erläutert werden. Beide Begriffe spiegeln stetig anwachsende Trends wieder, die massiven Einfluss auf Arbeitgeber und Arbeitnehmer haben und diese vor neue Herausforderungen stellen.

Globale (also internationale) wie auch nationale Wirtschaften werden heute durch Globalismus und Informationalismus maßgeblich bestimmt und geprägt. Welche Konsequenzen dies für Unternehmen haben kann, soll in Kapitel 3 zumindest ansatzweise geklärt werden – eine vollständige Analyse ist im Rahmen dieser Ausarbeitung nicht möglich.

Herausforderungen der Wirtschaft betreffen Unternehmen und damit fast zwangsläufig den in sie gebundenen Produktionsfaktor Arbeit. Dieser wird demnach definiert als Summe der leitenden, ausführenden oder geistigen Arbeit in einem Unternehmen. In Kapitel 4 soll demzufolge insbesondere analysiert werden, in wiefern Arbeitsverhältnisse in Deutschland traditionell strukturiert waren und ob sie dies immer noch sind; zu diesem Zweck wird das so genannte Normalarbeitsverhältnis erläutert werden. Der Wandel der Arbeitswelt hat primär Konsequenzen für dieses Normalarbeitsverhältnis, daher wird die häufig festgestellte Erosion des selbigen einen weiteren Aspekt der Analyse darstellen. Welche (neuen) Formen von Arbeit sich zu etablieren beginnen und welche Folgen diese für die einzelnen Arbeitnehmer haben können, schließt dieses Kapitel ab. Dabei wird die Analyse der Folgen für Familie und Privatleben (Freizeit) eine besondere Rolle spielen.

In dieser Hausarbeit wird das generative Maskulinum verwendet; geschlechter-spezifische Schreibweisen werden nur dann vorgenommen, wenn dies aus syntaktischen Gründen notwendig ist.

2. Globalismus und Informationalismus

2.1. Globalismus

Ob der Begriff der Globalisierung nun eine Erfindung amerikanischer Managementschulen ist oder nicht[8] – sie ist ein Prozess, der zwar von niemandem ernsthaft negiert wird, der allerdings oft auch einer klaren definitorischen Umschreibung entbehrt. Die Definitionen von Globalisierung variieren sowohl in zeitlicher Dimension (Beginn der Globalisierung) als auch in der Form (vgl. hierzu weiter unten) – schnell wird klar, dass es nicht nur die Globalisierung gibt, sondern vielmehr viele kleine und große Globalisierungen, die zwar nicht alle zur selben Zeit anfingen oder stattfinden, sich aber dennoch in einer Art „Raum der Ströme“[9] vereinen. Unter „Strom“ werden hier beispielsweise Ströme von Kapital, Information, Technologie oder organisatorischer Interaktion verstanden; wichtig dabei ist, dass diese Ströme „nicht einfach ein Element der sozialen Organisation [sind]: Sie sind der Ausdruck von Prozessen […]“.[10] Eine so verstandene Globalisierung besteht also aus vielen Prozessen, die voneinander abhängig sein können, es aber nicht müssen. Sie gleicht - bildhaft - einem großen Fluss, der sich aus vielen kleinen Flüssen speist.

Wird Globalisierung also als Ergebnis verschiedener Prozesse begriffen, bleibt zu konstatieren, dass dennoch eine Gemeinsamkeit existiert, die letztlich aus dieser globalen Größe resultiert; die Idee oder Ideologie hinter dem Phänomen Globalisierung: Der Globalismus.[11] Globalismus ist die normativ gewordene Globalisierung, ihr geistiger Aspekt.[12]

Nach Safranski stellt der Neo-Liberalismus die wirkungsvollste Variante des Globalismus dar.[13] Der Neo-Liberalismus reicht weit bis in Politik und Gesellschaft hinein, oberstes Primat ist der Wettbewerb, „befreit“ von störenden Regulierungen und Interventionen von Staaten; diese sollen lediglich Rahmenbedingungen bereitstellen und sich aus anderen Bereichen (auch dem Sozialbereich) heraushalten.[14] Verkürzt kann gesagt werden, dass der Neo-Liberalismus das Prinzip der „Invisible Hand“ verfolgt:

„Jeder Mensch ist stets darauf bedacht, die vorteilhafteste Anwendung allen Kapitals […] ausfindig zu machen. Er hat in der Tat nur seinen eigenen Vorteil und nicht den der Nation im Auge; aber […] notwendigerweise führt ihn [dies] gerade dahin, daß [sic] er diejenige Kapitalbenutzung vorzieht, welche zugleich für die Nation die vorteilhafteste ist.“[15]

Danach wird der Hinweis auf die Globalisierung benutzt, um für eine Entkopplung des Kapitals von seiner sozialen Verpflichtung zu argumentieren. „Investitionshindernisse“ (ökologische, sozialstaatliche oder gewerkschaftliche Regelungen) sollen von den Staaten auch als solche erkannt und möglichst abgebaut werden. Das „mobile Kapital“ wird so zum Lock- und Drohmittel zugleich. Letztlich resultiert daraus eine Durchsetzung des Primats der Ökonomie: „Staat und Kultur haben der Ökonomie zu dienen“[16].

An dieser Stelle kann keine vollständige Analyse der einzelnen Globalisierungen vorgenommen werden, ebenso wenig wie eine detaillierte historische Analyse des Gesamtprozesses. Für das Thema dieser Ausarbeitung wird daher der Globalismus (also die normative Globalisierung) auf die ökonomische Globalisierung abstrahiert (vgl. Kapitel 2.3.: Effekte auf die Produktionsfaktoren); für Kapitel 4 werden die Folgen dieser Globalisierung für die BRD analysiert – insbesondere in Hinsicht auf den Faktor Arbeit.

Die zeitliche Einordnung des hier verwendeten Globalisierungsbegriffs datiert ihren ersten Anfang auf die frühen 1970er Jahre und den finalen „Startschuss“ auf die frühen 1990er Jahre.[17] Als Eckdaten dieser Zeitspanne dient zu einem der Zusammenbruch des Bretton-Woods-Systems fester Wechselkurse Ende 1971, welches durch Regime floatender Währungen abgelöst wurde, legalisiert durch das Abkommen von Kingston (1976).[18] In Folge entstand ein weltweiter Kapitalmarkt mit beträchtlichen Optionen für Investoren; die nun fast grenzenlose Mobilität des Kapitals setzt Unternehmen und Nationalstaaten unter bis dato fast unbekannten, immensen Druck.[19] Investoren des klassischen Verständnisses (also als eher passive Institutionen und Individuen) wandelten sich zu aktiv Einfluss nehmenden, die im Zweifel keinerlei Rücksicht auf Kultur oder langfristige Assoziationen der Unternehmen nahmen.[20]

Eine nicht unwesentliche Rolle dürfte auch die rasante Entwicklung der Informationstechnik gespielt haben, welche im Kapitel 2.2. (Der Information-alismus) näher erläutert werden wird.

Letztlich muss für die aktuelle Form der Globalisierung der Zusammenbruch des sozialistischen Systems in Osteuropa als wichtiges Datum gesehen werden. Ideologische Grenzen fielen und neue Märkte erschlossen sich; aber auch neue Konkurrenten treten zunehmend in den Vordergrund.

2.2. Informationalismus

Informationalismus ist ein wesentlicher Aspekt des weiter oben beschriebenen Globalismus bzw. der hier untersuchten ökonomischen Globalisierung. Darunter ist im Wesentlichen die informationstechnische Revolution zu sehen, die Anfang der 1970er Jahre einsetzte.[21] Als Folge dieser Revolution sind Akteure der Wirtschaft „grundlegend von ihrer Fähigkeit abhängig […], auf effiziente Weise wissensbasierte Information hervorzubringen, zu verarbeiten und anzuwenden.“[22] An dieser Stelle sollen insbesondere zwei Aspekte des Informationalismus hervorgehoben werden: Die informationelle Ökonomie, als auch die informationelle Arbeit.

Die informationelle Ökonomie zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass sie in Netzwerken organisiert ist und dass Informationen (also ihre Produktion bzw. Verarbeitung) zentraler Bestandteil sind. Merkmal Informationeller Arbeit ist nach Castells, dass sie hauptsächlich durch flexible Arbeitsformen gekennzeichnet ist (vgl. spätere Kapitel dieser Ausarbeitung) – informationelle Technologien ermöglichen auch hier wichtige Transformationen der Arbeit, beispielsweise eine globale Arbeitsteilung.[23]

Bindendes Element des Informationalismus sind moderne Informations- und Kommunikationsmittel, da sie beispielsweise eine Echtzeit-Datenübertragung über sehr große Entfernungen ermöglicht. Die moderne Informationstechnologie hat demnach vor allem eines zur Folge: Das Schrumpfen von Zeiträumen. Computer und weltweite Vernetzung durch das Internet[24] ermöglichen es, zum Beispiel Geschäftstransaktionen in Echtzeit quer über den Globus zu vollziehen. Datenübertragung kann dazu genutzt werden, bestimmte Arbeitsaufgaben in andere Länder zu verlagern, die über höher qualifizierte Fachkräfte verfügen und/oder diese günstiger entlohnt werden können. Auch Einrichtungen wie Call-Center oder sogar Nachhilfe-Schulen bieten ihre Dienste häufig nicht mehr in dem Land der Kunden an.[25] Auch innerhalb von Unternehmen können Informationstechnologien, zum Beispiel in Form von Software, eine nahezu lückenlose Kontrolle von Angestellten bzw. dem Produktionsprozess ermöglichen – die Unternehmensleitung ist nun in der Lage, zu jedem beliebigen Zeitpunkt den genauen Status der Produktion jedes einzelnen Teils des Unternehmens einzusehen[26] - zentrales Stichwort ist hier Zeitcontrolling.[27]

Zusammenfassend ist dieses Schrumpfen von Zeiträumen eine wesentliche Bedingung für die Konkurrenzfähigkeit von Unternehmen in einer beschleunigten Wirtschaft:

„Kognitive Leistungen lassen sich heute informationstechnisch abwickeln. Statistiken, technologische Entwicklungsmuster, Datensätze, Programme, Informationen und Wissen aller Art werden nahezu in Echtzeit an jeden Ort des Globus ‚transportiert’ und Distanzen verlieren mit der Beschleunigung […] ihre einstmalige Bedeutung.“[28]

Schließlich darf auch die Tertiarisierung des Arbeitsmarktes nicht unerwähnt bleiben. Informationalismus wirkt hauptsächlich auf den Dienstleistungsbereich und führt hier zu einem großen Zuwachs. Abbildung I zeigt die Entwicklung der drei Wirtschaftsbereiche im Zeitraum von 1960 bis 2004. Deutlich wird der sprunghafte Anstieg des tertiären Sektors seit den 1970er Jahren. Die Daten für die neuen Bundesländer wurden hier nicht integriert, zeigen aber die gleichen Entwicklungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Anzumerken bleibt, dass der Informationalismus allerdings fast ausschließlich auf die westlichen Industriestaaten begrenzt ist. Entwicklungsländer fallen unweigerlich noch weiter zurück, da nicht nur die benötigte Infrastruktur für moderne Informations- und Kommunikationsmedien fehlt, sondern auch das so genannte „Humankapital“, in diesem Kontext hauptsächlich die benötigte Bildung: Von über 500 Millionen Internet-Nutzern leben über 70% in Europa und Nordamerika .[29] Es entsteht ein „Digital Divide“, der letztlich Ausdruck einer weltweiten (Chancen-)Ungleichheit ist.[30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.3. Effekte auf die Produktionsfaktoren


Der zentrale Effekt, verursacht durch die ökonomische Globalisierung, findet sich in der in dieser Form bisher unbekannten örtlichen Dezentrierung.[31] Diese betrifft sämtliche Produktionsfaktoren (Arbeit, Boden und Kapital) auf verschiedene Weise. Alle Produktionsfaktoren interdependieren und müssten, um zum Beispiel ein vollständiges Bild unternehmerischen Handels zu bekommen, zusammen betrachtet werden. Eine Betrachtung des Faktors Arbeit ist ohne Betrachtung der Faktoren Boden und Kapital letztlich unvollständig; es bleibt allerdings zu konstatieren, dass eine vollständige Betrachtung aller Produktionsfaktoren den Rahmen dieser Arbeit sprengen würde und daher nicht durchgeführt werden kann.

Der Effekt der örtlichen Dezentrierung äußert sich auf Ebene der Unternehmen in Form von Netzwerken, wie sie (u.a.) von Altvater/Mahnkopf, Castells und Sennett festgestellt werden:

„An die Stelle [der] […] zentral gesteuerten Organisationen des ‚tayloristisch-fordistischen’ Typs treten Produktionssysteme, die […] flexibel operierende Unternehmenseinheiten zu mehr oder weniger eng verknüpften Netzwerken integrieren […]“.[32]

„Das Entscheidende […] ist also die vertikale Desintegration entlang eines Netzwerkes von Firmen. Dieser Prozess ersetzt die vertikale Integration der Abteilungen innerhalb [der] […] Konzernstruktur.“[33]

„Eckpfeiler des modernen Managements ist der Glaube, lockere Netzwerke seien offener für grundlegende Umstrukturierungen pyramidaler Hierarchien, welche die Ford-Ära bestimmten.“[34]

Als wichtiges Fazit kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich die Form von Unternehmen wandelt. War bisher der tayloristisch-fordistische Typus vorherrschend (vgl. hierzu Kapitel 3 und 4), ist die neue Form der Unternehmen von asymmetrischen Netzwerken bestimmt, mit - auf den ersten Blick – flachen Hierarchien.

2.3.1. Kostenexternalisierung

Die neuen, globalen Netzwerke erlauben es ökonomischen Einheiten (also zum Beispiel Unternehmen) Kosten in großem Maßstab zu externalisieren. Eine so verstandene Kostenexternalisierung wird dabei definiert als

„[…] alle direkten und indirekten Verluste, die Drittpersonen oder die Allgemeinheit als Folge einer uneingeschränkten wirtschaftlichen Tätigkeit zu tragen haben. Die Sozialkosten können in Schädigungen der menschlichen Gesundheit, in der Vernichtung oder Verminderung von Eigentumswerten und der vorzeitigen Erschöpfung von Naturschätzen zum Ausdruck kommen“.[35]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung III zeigt die wesentliche Struktur der Kostenexternalisierung. Durch eine wirtschaftliche Tätigkeit (ausgeübt durch Individuen, soziale Gruppen oder Nationen) entstehen soziale und ökologische Kosten. Diese müssten – im Falle einer Kosten internalisierung – im Marktpreis des Produktes oder der Tätigkeit kalkuliert sein. Stattdessen werden diese Kosten allerdings an Dritte „weitergereicht“, also an andere Individuen, soziale Gruppen oder Nationen.

Kostenexternalisierung war schon immer Teil und zu einem gewissen Grad wohl auch Voraussetzung ökonomischen Handelns – gerade unter dem Primat immerwährenden Wettbewerbs, wie es der Kapitalismus postuliert. Sind wirtschaftliche Akteure gezwungen, ihre Dienstleistungen/Produkte so günstig wie möglich anzubieten, kommt es nahezu zwangsläufig zu Einsparungen, die auf Kostenexternalisierung beruhen. Es kann festgestellt werden, dass ein großer Teil des Wohlstandes der Industrienationen auf Kostenexternalisierung beruht; Abbildung IV zeigt eine – theoretische – Analyse des Wohlstandes mit verschiedenen Varianten der Kostenexternalisierung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Neu bei der aktuellen Form der Kostenexternalisierung ist die Möglichkeit, auf Grund der beschriebenen Netzwerke diese Kostenexternalisierung auf alle Produktionsfaktoren in nahezu uneingeschränkter (globaler) Weise auszuweiten; insbesondere die Faktoren Informationalismus und Mobilität des Kapitals spielen hier eine entscheidende Rolle.

Das Beispiel der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital wird in Kapitel 3 an Hand der Herausforderungen an Unternehmen erläutert werden; eine ausführliche Beschreibung des Produktionsfaktors Boden muss im Kontext dieser Ausarbeitung sehr knapp gehalten werden.

Klar ist, dass eine uneingeschränkte Kostenexternalisierung (exemplarisch) auf Kosten des Bodens (also der Natur) zwar durchaus möglich ist, dem aber in absehbarer Zeit Grenzen gesetzt werden (Stichwort Klimawandel, Artensterben, Umweltverschmutzung etc.). Dies ist auch erkannt worden; die Brundtland-Kommission versuchte bereits 1987 dem Postulat der Nachhaltigkeit Rechnung zu tragen.[36] Letztlich ist aber deutlich, dass die Tendenz zur uneingeschränkten Nutzung des Produktionsfaktors Boden nach wie vor vorhält und keine Entwicklung vorweist, die wirklich nachhaltig genannt werden könnte:

„Es ist jedenfalls eine Selbsttäuschung zu glauben, daß [sic] globale Probleme in apokalyptischer Größenordnung zu globaler Solidarität führen könnten. Auch hier gilt: die [sic] Letzten tragen die Last. Solange man hoffen kann, daß [sic] man zu den Vorletzten gehören wird, bleibt diese Logik in Kraft“[37].

Angesicht der globalen Dimensionen der Probleme (soziale, ökonomische als auch ökologische) bleibt zu konstatieren, dass eine solche Hoffnung höchst irrational ist. Ein ökonomisches (und auch gesellschaftliches) System, das die beschriebene Art der Kostenexternalisierung praktiziert und auch geradezu provoziert, beraubt sich letztlich seiner eigenen Ressourcen[38] und damit seiner Existenzgrundlage.

In letzter Konsequenz ist die hier beschrieben Form der Kostenexternalisierung nur möglich, da die Globalität der Wirtschaft kaum einen Widerpart in der internationalen Politik findet, zum Beispiel in Form von global verbindlichen (und von allen wichtigen Akteuren auch akzeptierten) Regelungen. Zwar beschäftigt sich auch die internationale Politik mit den Auswüchsen einer globalen Wirtschaft, letztlich kann aber am Beispiel des Kyoto-Protokolls gut nachvollzogen werden, dass wichtige Vorhaben letztenendes am Egoismus einzelner scheitern – die weiter oben zitierte „Logik des Vorletzten“ dominiert.

Festzustellen bleibt, dass es „auf globaler Ebene keine Akteure gibt, die in einer

[...]


[1] S. Marx, Karl: Das Kapital. In: Marx/Engels: Ausgewählte Werke. Berlin: Directmedia 1998. S. 4030.

[2] Vgl. Sennett, Richard: Der flexible Mensch. Berlin: Berlin Verlag 2006. S. 139.

[3] S. Ebd.

[4] S. Ebd. S. 140.

[5] Vgl. Arendt, Hannah: Vita activa oder Vom tätigen Leben. München: Piper 2005. S. 11.

[6] Vgl. Bauman, Zygmunt: Aufstieg und Niedergang der Arbeit. In: Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Perspektiven auf Arbeit, Leben, Politik. Hrsg. von Gerhard Damm, Andreas Hetzel u. Markus Lilienthal. Frankfurt/Main: Campus-Verlag 2004. S. 24.

[7] S. Eberling, Matthias, Hielscher, Volker, Eckart Hildebrand et al: Prekäre Balancen. Flexible Arbeitszeiten zwischen betrieblicher Regulierung und individuellen Ansprüchen. Berlin: Edition Sigma 2004. S. 21.

[8] Vgl. Krätke, Michael: Standortkonkurrenz - Realität und Rhetorik. In: Ökonomie ohne Arbeit – Arbeit ohne Ökonomie? Hannover: Offizin Verlag 1997. S. 45.

[9] Vgl. Castells, Manuel: Das Informationszeitalter. Teil 1 Der Trilogie. Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. Opladen: Leske + Budrich 2001. S. 466ff.

[10] S. ebd. S. 467.

[11] Vgl. Safranski, Rüdiger: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? München: Carl Hanser Verlag 2003. S. 19.

[12] Vgl. ebd. S. 21.

[13] Ebd.

[14] Vgl. Nohlen, Dieter: Lexikon der Politik. Berlin: Directmedia 2003. S. 9139.

[15] S. Smith, Adam: Reichtum der Nationen. Paderborn: Voltmedia GmbH o.J. S. 458.

[16] S. Safranski, R.: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? S. 21.

[17] Vgl. Altvater, Elmar u. Mahnkopf, Birgit: Grenzen der Globalisierung. Ökonomie, Ökologie und Politik in der Weltgesellschaft. 6. Auflage. Münster: Westfälisches Dampfboot 2004. S. 31ff.

[18] Vgl. Nohlen, D.: Lexikon der Politik. S. 3133.

[19] Vgl. Deutschmann, Christoph: Postindustrielle Industriesoziologie. Theoretische Grundlagen, Arbeitsverhältnisse und soziale Identitäten. München: Juventa Verlag 2002. S. 247.

[20] Vgl. Sennett, Richard: Die Kultur des neuen Kapitalismus. Berlin: Berlin Verlag 2005. 2. Auflage. S. 35f.

[21] Vgl. Castells, M.: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. S. 101.

[22] Vgl. ebd. S. 83.

[23] Vgl. ebd. S. 298ff.

[24] Die weltweite Vernetzung betrifft im Wesentlichen natürlich nur Industrienationen – die sog. „3. Welt“ ist weitgehend von dieser informationstechnologischen Revolution ausgeschlossen.

[25] Vgl. SPIEGEL-Online: Online-Nachhilfe: Mathe in Bangalore, Geschichte in Singapur. http://www.spiegel.de/schulspiegel/ausland/0,1518,449146,00.html (09.01.2007).

[26] Vgl. Sennett, R.: Der flexible Mensch. S. 60.

[27] Vgl. Altvater, E. u. Mahnkopf, B.: Grenzen der Globalisierung. S. 278.

[28] S. ebd. S. 275.

[29] Vgl. Becker, Konrad et al: Die Politik der Infosphäre. World-Information.org. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung 2002. S. 215.

[30] Ebd.

[31] Vgl. Lilienthal, Markus: Einleitung. In: Die Gesellschaft im 21. Jahrhundert. Perspektiven auf Arbeit, Leben, Politik. Hrsg. von Gerhard Damm, Andreas Hetzel u. Markus Lilienthal. Frankfurt/Main: Campus-Verlag 2004. S. 21.

[32] S. Altvater, E. u. Mahnkopf, B.: Grenzen der Globalisierung. S. 271.

[33] S. Castells, M.: Der Aufstieg der Netzwerkgesellschaft. S. 180.

[34] S. Sennett, R.: Der flexible Mensch. S. 60.

[35] S. Kapp, William: Soziale Kosten der Marktwirtschaft. Das klassische Werk der Umwelt-Ökonomie. Frankfurt/Main: Fischer-Taschenbuch-Verlag 1979. S. 10.

[36] Nachhaltigkeit ist nach der Definition des Brundtland-Reports (1987) eine Politik bzw. Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren eigenen Lebensstil zu wählen“. S. hierzu: Nohlen, D.: Lexikon der Politik. S. 9810.

[37] S. Safranski, R.: Wieviel Globalisierung verträgt der Mensch? S. 26.

[38] Ressourcen sind in diesem Zusammenhang nicht nur natürliche Ressourcen (bsp. Rohstoffe), sondern auch soziale Ressourcen (bsp. das so genannte „Humankapital“).

Ende der Leseprobe aus 54 Seiten

Details

Titel
Schöne neue Arbeitswelt?
Untertitel
Die Novellierung des Produktionsfaktors Arbeit: Determinanten und Konsequenzen
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Institut für Politikwissenschaft)
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
54
Katalognummer
V87394
ISBN (eBook)
9783638029247
ISBN (Buch)
9783638927963
Dateigröße
685 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schöne, Arbeitswelt
Arbeit zitieren
Carl Sulz (Autor), 2007, Schöne neue Arbeitswelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87394

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