Das größte Glück der größten Anzahl

Eine kritische Auseinandersetzung mit John Stuart Mills ‚Utilitarismus‘ (1863)


Hausarbeit, 2007

27 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Lustmaximierung – Eine Einleitung zum Utilitarismus

2. reasoning machine – Die Erziehung und das Leben des John Stuart Mill

3. Utilitarianism – Der Utilitarismus
3.1 Erstes Kapitel – Allgemeine Bemerkungen
3.2 Zweites Kapitel - Was heißt Utilitarismus?
3.3 Drittes Kapitel - Von der fundamentalen Sanktion des Nützlichkeitsprinzips
3.4 Viertes Kapitel – Welcherart Beweis sich für das Nützlichkeitsprinzip führen lässt
3.5 Fünftes Kapitel – Über den Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Nützlichkeit

4. Das größte Glück der größten Anzahl – kritische Schlussbemerkungen

Literaturverzeichnis

1. Lustmaximierung – Eine Einleitung zum Utilitarismus

Der Utilitarismus wurde nicht nur als rein akademische Angelegenheit, sondern als Bestandteil einer politischen Bewegung vertreten, deren Protagonisten in ihrer Mehrfachkompetenz als Juristen, Ökonomen, Psychologen und Sozialphilosophen wesentlich zur Idee radikaler Reformen im Geiste des aufgeklärten Bürgertums beitrugen.[1]

Was unter dem Namen Utilitarismus von John Stuart Mill bekannt wurde und in der vorliegenden Ausarbeitung zum Gegenstand einer kritischen Betrachtung wird, entstammt einer konsequenten Tradition angelsächsischer Philosophie und Ethik. England hatte seine demokratische Revolution schon lange hinter sich, als in Frankreich, Deutschland und weiten Teilen Europas auf das bürgerliche Aufbegehren in der Mitte des 19. Jahrhunderts eine Phase der reaktionären Restauration folgte. Mit einer gewissen Stetigkeit wurde das Denken und Bestreben einer bürgerlichen Freiheit vom 18. im 19. Jahrhundert fortgeführt. Das revolutionäre Potential der Arbeiterklasse, ob der zunehmenden Industrialisierung, mündete in England nicht in eine weitere Revolution, sondern bedingte es eher, dass sich Moralphilosophen zunehmend auch mit der sozialen Verantwortung und dem gesamtgesellschaftlichen Allgemeinwohl auseinandersetzten und in ihre Konzeptionen der individuellen Freiheit miteinbezogen. Die Integration der Erfahrung in die Grundlagen von Erkenntnistheorie und Philosophie ist demnach schon seit Englands Ausgang aus dem Mittelalter über Locke und Humes eine Eigenart des angelsächsischen Denkens. So verwundert es auch nicht, dass die Nüchternheit des Comte‘schen Positivismus besonders hier mehr Beachtung fand, als in dessen Mutterland Frankreich. Die Geisteshaltung, nur das positiv wahrgenommene als Grundlage einer den Menschen definierenden Psychologie anzuerkennen, findet sich insbesondere in der Argumentation des Utilitarismus wieder. Diese ebenso nüchterne und praktische Verteidigung der Nützlichkeit als obersten Maßstab sittlichen Handels, begründete der Angelsachse Jeremy Bentham (1748 – 1832), dessen maßgeblicher Einfluss auf John Stuart Mill im nächsten Kapitel dargelegt wird.[2]

Laut dem Utilitarismus beruht die Maxime menschlichen Handels auf der Lustmaximierung. Somit vollzieht er, vor allem seit Mill, einen Spagat zwischen der englischen liberalen Tradition der persönlichen Freiheit und dem zunehmenden Bewusstsein einer sozialen Verantwortung innerhalb der Gesellschaft, also sozialistischen Tendenzen. Unter dem Bestreben der klassischen Utilitaristen und weiteren demokratischen Aktivisten kam es im England des viktorianischen Zeitalters zu weitreichenden politischen Reformen.[3]

Vor diesem Hintergrund wird auch dem Wirken John Stuart Mills das Propagieren eines „auf dem Boden des Liberalismus“ wurzelnder Sozialismus nachgesagt.[4]

2. reasoning machine – Die Erziehung und das Leben des John Stuart Mill

John Stuart Mill wurde am 20. Mai 1806 als Sohn von James Mill und Harriet Murrow in London geboren. Er wuchs im spätviktorianischen England unter dem beherrschenden Einfluss seines Vaters James Mill auf. Er und dessen Freund Jeremy Bentham zählen zu den führenden Vertretern des philosophischen Radikalismus im England des vorletzten Jahrhunderts. James Mills Ansichten auf das Bewusstsein des Menschen waren maßgeblich durch die Arbeiten von John Locke (1632-1704) beeinflusst. So sah er das ‚jungfräuliche‘ Gewissen seines jungen Sohnes, als blankes Blatt Papier, dass er durch eine, rationale und institutionsferne Erziehung, ganz nach seinen eigenen philosophischen Überzeugungen zu beschreiben begann.

Im Zuge dieses pädagogischen Experiments, wie der Vater es selbst nannte, schirmte er seinen Sohn von jeglichen äußeren Einflüssen ab. Gleichzeitig begann er, unter der Mithilfe von Jeremy Bentham, den jungen John Stuart mit der Bewältigung komplexer rationaler Problemstellungen zu fordern und zu fördern. So gelang es dem Vater beispielsweise, seinem Sohn, ab dem Alter von drei Jahren, Griechisch und ab dem siebten Lebensjahr die Platonischen Dialoge nahezubringen. Es folgten politische und ökonomische Lehrinhalte. Im Alter von elf war er bereits fähig die Schriften seines Vaters auf logische und formale Geschlossenheit zu überprüfen. Der Konditionierungsprozess des Vaters funktionierte. Durch die konsequente Erziehung und Beeinflussung des jungen Geistes war sein Sohn zu der ‚reasoning machine‘ geworden, die er und sein gleichgesinnter Freund Jeremy Bentham sich gewünscht hatten. Es gelang ihnen, ganz im Sinne der utilitaristischen Position (s.u.) eine Erziehung, die rein auf Erfahrung und gedanklicher Assoziation basierte, zu gestalten und dabei alle störenden emotionalen Einflüsse fernzuhalten.[5]

Diese von John Stuart Mill in seiner Autobiographie als emotional unterentwickelt bezeichnete Geisteshaltung stürzte ihn im Alter von 20 Jahren in eine tiefe Depression. Auf die zunehmende emotionale Beanspruchung seiner Jugend konnte ihm seine auf intellektuelle Problemstellungen ausgerichtete Erziehung keine Antworten mehr liefern. Er rebellierte gegen den Vater und entfernte sich von der utilitaristischen Philosophie. Eine intensive Beschäftigung mit der menschlichen Gefühlswelt und die Hinwendung zur (deutschen) Romantik schlossen sich jenen Erkenntnissen an. Diese Erfahrung veranlasste Mill in seinem Schaffen der folgenden Jahre, den Utilitarismus Benthams und seines Vaters um emotionale und kulturelle Aspekte zu erweitern.[6]

Er setzte sich wieder intensiv mit Benthams Werken auseinander und studierte Jura unter dem Utilitaristen John Austin. In der von ihm begründeten Utilitarian Society, diskutierte er mit Gleichgesinnten, während er seinen Lebensunterhalt, wie sein Vater, mit einer Anstellung bei der East India Company bestritt. Er verfasste politische, philosophische und ökonomische Artikel und zählte sich zu einer Gruppe britischer Reformanhänger, die im Unterhaus unter dem Namen Philosophical Radicals bekannt geworden war. Er blieb sein Leben lang dem ‚principle of greatest happiness‘ Benthams treu, ergänzte es aber um einige entscheidende Aspekte, welche in seinem Werk Utilitarianism bekannt wurden. Dies ließ ihn, zusammen mit seinen weiteren Schriften, zu dem bedeutsamsten Utilitaristen und zu einem der wichtigsten englischsprachigen Moralphilosophen und politischen Reformer des neunzehnten Jahrhunderts werden.[7] John Stuart Mill verstarb 1873 im Alter von 67 Jahren in seiner Wahlheimat Avignon.

3. Utilitarianism – Der Utilitarismus

Doch schon vor Mill hatte die praktische Philosophie des Utilitarismus, formuliert und verteidigt durch seinem Vater und Bentham als ethisches Konzept, Bestand. Die teleologische Ethik, zu denen der Utilitarismus als eine egoistisch hedonistische Moralphilosophie zählt, steht den Grundannahmen einer deontologischer Ethik gegenüber. Somit ist auch Mills 1863 erschienenes Werk Utilitarianism als eine Verteidigungsschrift gegen die Vorwürfe von Anhängern deontologischen Ethiken zu verstehen.[8] Dabei steht vor allem die Abgrenzung und Ablehnung der unter anderen von Kant vertretenen naturrechtlichen Begründung der Ethik im Vordergrund. Genauer formuliert bedeutet dies, eine generelle Skepsis gegenüber dem theologischen Utilitarismus, dem ethischen Intuitionismus und moralischer Instinkttheorien, die laut Mill nur der unbegründeten Sicherung von Vorurteilen dienen.[9]

Dadurch erklärt sich auch die auffällig starke rhetorische Komponente des Werkes. So besteht eine wesentliche Funktion der Schrift in der Widerlegung von Vorwürfen seitens der Utilitarismus-Kritiker. Dabei greift Mill die Anschuldigungen explizit auf, um dann in der Folge den Gegenbeweis antreten zu können. Dieses Vorgehen wird insbesondere im zweiten Kapitel systematisch betrieben. Trotz jenes bedingt apologetischen Werkmerkmals gelingt es Mill, seine eigene Interpretation des Utilitarismus zu gestalten.

Mill formuliert mit Utilitarianism seine bereits in Logic angekündigte notwendige Philosophia der Praxis[10] inhaltlich aus. Grundsätzlich steht in diesem ethischen Konzept nicht das Gewissen mit seiner intuitiven Begründungspflicht als Maßstab moralischer Normen im Vordergrund, sondern Erfahrung und Beobachtung. Nur sie erlauben ein Urteil über die Bewertung von Handlungen, genauer gesagt den Handlungsfolgen. Die Konsequenzen einer Handlung, sind die einzigen ‚Untersuchungsobjekte‘ der teleologischen Schule der Ethik. Denn nur sie erlauben es, eine Handlung als moralisch gut oder schlecht zu bewerten. Diese im Empirismus begründete Strategie wird im Utilitarismus zum obersten Prinzip erhoben. Auch Mill verbleibt in jener erkenntnistheoretischen Position und lehnt sich an den utilitaristischen Hedonismus seiner Vorgänger an. Das allgemeine Glück und das Streben der Menschen danach ist für Bentham wie für Mill das einzig mögliche Kriterium der Bewertung von Handlungsfolgen. Damit grenzt sich die teleologische Ethik von der deontologischen ab, bei der eine Tat aufgrund von Motivation, Gewissen und Pflicht bewertet wird.

Das nachfolgend kommentierte Werk ist somit eigentlich nur eine Verteidigung des Utilitarismus, auch wenn Mill ihn dadurch, was noch zu zeigen sein wird, auf die Ebene anthropologischer Differenziertheit gehoben hat, auf der er noch heute diskutiert wird.[11] Denn:

obwohl Mill sich zum Empirismus bekannte, war er auch bereit, sich für idealistische Visionen in der Moral zu öffnen. Dies gilt ganz besonders von seiner Hoffnung, dass es die Menschen in Zukunft noch besser schaffen mögen, ihre egoistischen oder privaten Interessen den Interessen der Gemeinschaft freiwillig und enthusiastisch unterzuordnen.[12]

Somit weist Mills normative Begründung inhaltliche Übereinstimmungen mit dem Intuitionismus auf und somit der naturrechtlichen Position der Anhänger Kants. Auf diese, den Utilitarismus prägenden Ergänzungen soll im folgenden wiederholt hingewiesen werden. Dennoch bleibt auch in Mills Ausführungen die Ablehnung des Naturrechts (entsprechend der utilitaristischen Position) als Grundlage der Abgrenzung zum Intuitionismus konstant und prägt das erste Kapitel des Buches.

3.1 Erstes Kapitel – Allgemeine Bemerkungen

(General Remarks)

Schon auf der ersten Seite des Werkes betont Mill die Bedeutung und Wahrheit seiner philosophischen Schule in der Tradition der Antike, „zu der Zeit, als der junge Sokrates dem alten Protagoras lauschte und […] die Theorie des Utilitarismus gegen die populäre Moral dieses sogenannten Sophisten verfocht“.[13] Auf den folgenden Seiten unterstreicht Mill den Mangel der intuitiven Schule der Ethik, eine unzureichende Grundlage und Begründung für ihre obersten Prinzipe aufzustellen.

[...]


[1] Wolf, Jean-Claude: Lob des Exzentrikers, Neue Züricher Zeitung Online, 2006 [http://www.nzz.ch/2006/05/20/li/articleDZO1P.html; Zugriff: 16.10.07]

[2] vgl. Störig, Hans Joachim: Kleine Weltgeschichte der Philosophie, erweiterte Neuausgabe (26. -35. Tsd.). Frankfurt a.M., 1993, S.480f. und vgl. Rohls, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.340f.

[3] So zum Beispiel, die Einführung des Wahlrechts für Arbeiter 1872; vgl. Rohls, Jan: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.346f.

[4] Jan Rohls: Geschichte der Ethik. Tübingen, 1991, S.349

[5] vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.2

[6] vgl. Crisp, Roger: Mill on Utilitarianism. London, 1997, S.3

[7] Mill wird auch als Begründer der Terminologie ‚Utilitarismus‘ angesehen, die zuvor mit‚ Nützlichkeitsprinzip‘ oder ‚Glücksprinzip‘ etikettiert wurde.

[8] Das Werk Utilitarianism erschien in der Tat im Jahre 1863 unter diesem Titel. Die eigentliche Erstveröffentlichung besteht jedoch aus einer Reihe von Essays Mills, die in Fraisers Magazin for Town and Country im Jahre 1861erschienen.

[9] vgl. Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996, S.63

[10] Lawen, Irene: Schriften zur politischen Ethik Bd.6, Konzeptionen der Freiheit. Saarbrücken, 1996, S.63

[11] vgl. Düppen, Martina: Der Utilitarismus: Eine theoriegeschichtliche Darstellung von der Antike bis zur Gegenwart. Köln, 1996, S.166f.

[12] Wolf, Jean-Claude: Lob des Exzentrikers, Neue Züricher Zeitung Online, 2006 [http://www.nzz.ch/2006/05/20/li/articleDZO1P.html; Zugriff: 16.10.07]

[13] Mill, John Stuart: Utilitarianism / Der Utilitarismus. Stuttgart, 2006, S.7

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Das größte Glück der größten Anzahl
Untertitel
Eine kritische Auseinandersetzung mit John Stuart Mills ‚Utilitarismus‘ (1863)
Hochschule
Universität Siegen
Veranstaltung
Paradigmen der Medienethik
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
27
Katalognummer
V87501
ISBN (eBook)
9783638030229
ISBN (Buch)
9783638928670
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Glück, Anzahl, Paradigmen, Medienethik, Mill, Stuart, Utilitarismus, Ethik, Moral, Utilitarism, Nützlichkeit, Nützlichkeitsprinzip, Kant, John Stuart Mill, Prinzip
Arbeit zitieren
Benedikt Wagner (Autor), 2007, Das größte Glück der größten Anzahl , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87501

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