Das gotische Rathaus zu Meißen - eine Darstellung der Baugeschichte


Hausarbeit, 2003

23 Seiten


Leseprobe

Gliederung

Einleitung

Die Entwicklung der Stadt Meißen und des Marktplatzes

Gestalt des Baus

Baugeschichte

Quellenverzeichnis

Eine kleine Einführung

Die Geschichte Meißens als Handels- und Kulturzentrum begann schon im frühen Mittelalter. Seit mindestens 1109 verlief erwiesenermaßen ein befestigter Handelsweg, in Richtung und Position der Burgstrasse, am bis heute erhaltenen Marktplatz.

Bei Ermisch[1] findet sich eine nicht gerade aktuelle aber interessante Übersicht zur Entstehung mittelalterlicher Stadt- und Marktorganismen im sächsischen Raum, speziell auch unter dem Einfluss der deutschen Osterweiterung und Christianisierung in den vormals slawischen Gebieten. Dort wird der Zusammenhang zwischen der Lage wichtiger Handelswege und der Entstehung und Bedeutung von sicheren Stützpunkten und befriedeten Marktplätzen an Wegkreuzungen (z.B. auch mit wichtigen Flüssen wie der Elbe) beschrieben. Interessant erschien mir vor allem der Hinweis, dass (Handels-) Städte nicht unbedingt aus wachsenden Dörfern entstanden, sondern sich oft abseits vorheriger bäuerlicher Siedlungen, welche immer nur befristete Handelsmöglichkeiten boten, entlang der großen Hauptverkehrsadern und meist gleichmäßig etwa im Abstand einer Tagesreise mit dem beladenen Handelskarren, zum Zwecke des gesicherten und dauerhaften Warenaustauschs angelegt wurden. Schon von Anfang an haben sich hier der wirtschaftlichen Entwicklung zuträgliche Privilegien, wie Braurechte und spezielle städtische Berufe, etabliert.

In der Frühphase der Städte hatte das Rathaus nach Ermisch eine völlig andere Bedeutung als in der Neuzeit. Bis in das 15.Jh. hinein, war das mittelalterliche Rathaus vor allem das Kaufhaus der Stadt. Der Handel war anfänglich noch wichtiger als die Verwaltungsaufgaben. Der Stadtrat übte eine strenge Kontrolle und Reglementierungsfunktion über das Marktgeschehen und besonders für den Handel mit Lebensmitteln aus. Gerade der Salzhandel war häufig über die Bereitstellung von Stapel- und Umschlagplätzen mit der Stadtentstehung verknüpft. Im 14./15. Jh. kommt es zur Ausbildung von entsprechenden Monopolen, Salz und Brotbänke befanden sich häufig in Rathäusern. Der Rat der Stadt verwaltete den Handel mit dem kostbaren Gut, wie auch mit Kleidung. Allerdings waren die Tuchmacher (sowie Schuhmacher und Gewandmacher) auch die ersten, die in den wachsenden Städten (z.b. in Meißen) eigene Kaufhäuser, später Innungshäuser errichteten. Die zweite wichtige Funktion des Rathauses im Mittelalter lag neben den ständig wachsenden Verwaltungsaufgaben in der bürgerlichen Rechtssprechung. Ursprünglich wurden Gerichtsverhandlungen im Freien auf dem Markt abgehalten, später zog man sich in entsprechende Sitzungssäle zurück und nutzte Balkone oder Altane zur Urteilsverkündung für die Öffentlichkeit. Von dieser Ära künden häufig noch äußerlich sichtbare Symbole der Gerichtsbarkeit oder Kerker und (städtische) Folterkammern in den Kellergeschossen.

Dabei hat das Rathaus immer in Beziehung zur wichtigsten durch den Ort verlaufenden Handelsstrasse gestanden und seinen Platz oft auf einem repräsentativen (teilweise auch erst später nachträglich angelegen) Eckgrundstück erhalten. Der Baukörper wurde meist betont durch weithin sichtbare Türme (z.B.. Leipzig u. Gera) oder Giebel (wie z.B. Pirna, Eilenburg) und schuf damit ein symbolisches Gegengewicht für die aufstrebende Macht des erstarkenden Bürgertums gegenüber Adel und Kirche. Das Stadtbild wurde dominiert von den mächtigen Türmen und Giebeln der Kirchen und Rathäuser.

Bis zur neuzeitlichen Bedeutungsverschiebung war das Rathaus von größerer zentraler Bedeutung für die Stadt, bis ihm andere profane Gebäude wie Banken, Justizgebäude und Kaufhäuser architektonisch und funktional Konkurrenz machten. Die besondere Situation Meißens mit seiner Lage am Berg ist, wie im nächsten Kapitel beschrieben wird, malerisch, wie taktisch sinnvoll. Die gestaffelten Höhen der Dächer und Türme wirken zugleich herb und romantisch – oder wie Mrusek, dessen nicht nur von militärischen oder wirtschaftlichen Aspekten, sondern vor allem auch vom intensiven Eindruck der Ästhetik der Gesamtkomposition (oder dem Gesamtkunstwerk) Meißens geprägten Sichtweise, mich immer wieder in ihren Bann zieht, beschreibt: „Die rhythmische Bewegung setzt sich in den Giebeln, Schrägen und Türmchen der gewaltigen Burg fort und wird schließlich von den jäh aufragenden Senkrechten der durchbrochenen Domtürme aufgefangen.“[2] Und schon von weiter Ferne grüßt leuchtend rot das gewaltige Dach des spätgotischen Rathauses.

Die Entwicklung der Stadt Meißen und des Marktplatzes

Die Geschichte der Stadt Meißen begann in den Jahren 928/29, als die Burg über der späteren Siedlung angelegt wurde. Die strategisch günstige Lage auf dem Berg machte die erste Befestigung, wahrscheinlich eine Ansammlung von hölzernen Gebäuden, von einem Palisadenzaun umschlossen, sicher gegen Angriffe und bot den notwendigen Schutz für eine entstehende Siedlung. Die politische Situation der Zeit war geprägt von der Kolonisation, d. h. der Erweiterung germanischen Gebietes nach Osten unter Heinrich I.. Die Region war schon vorher geprägt von slawisch – germanischen Kämpfen und auch auf dem späteren Meißner Burgberg hat es sicher frühere slawische Siedlungen gegeben. Mit dem Ausbau, der auf einem natürlich entstandenen, ungefähr dreieckigen Plateau angelegten Festung mit Kapelle und Bergfried (der „rote Turm“), konnte sich in deren Schatten wahrscheinlich aus einem „Sorbischen Rundling“[3] und durch die Lage am Flussübergang begünstigt eine kleine Marktsiedlung entwickeln.

Ziel der Expansionspolitik unter Heinrich I. und später Otto I. war neben der militärischen Beherrschung der Slawen auch die weltanschauliche Komponente. Ein wichtiges Ziel stellte die Missionierung durch die christliche Kirche dar. Meißen lag dabei lange Zeit als unsicherer Außenposten jenseits des Reiches im feindlichen Hinterland. Die slawische Bevölkerung musste durch die Christianisierung nun doppelte Abgaben, sowohl an die neuen weltlichen Herrscher, als auch an die Kirche zahlen. Das zähe Festhalten an der ursprünglichen, heidnischen Religion und die Ausbeutung durch die Besatzungsmacht führte immer wieder zu Aufständen und Überfällen auf die Burg. Trotz vorübergehender Besetzung durch böhmische (948) und polnische Truppen (1000) blieb die Burg letztlich fest in der Hand der Kolonisatoren. Der ab 1068 belegte Sitz von drei Machthabern (Markgraf, Burggraf und Bischof – alle mit eigenem Schloss) auf dem Berg stellte eine Besonderheit dar. Man kann davon ausgehen, dass diese Machtkonzentration der ab 1150 erstmals urkundlich erwähnten Siedlung eine außergewöhnliche Stabilität und Wehrhaftigkeit verlieh. So begann für Meißen im 12. Jh. eine Epoche der Konsolidierung. Nachdem sich das Christentum endgültig auch im Osten durchgesetzt hatte, wandelte sich die Bedeutung vom umkämpften Vorposten zum günstig gelegenen Verkehrs- und Handelsknotenpunkt. Die um 1200 schnell wachsende Stadt besitzt zu der Zeit eine ausgebaute Befestigung mit Mauerwall und Wasserburg. Basis für den wirtschaftlichen Aufschwung bilden Fernhandel und arbeitsteiliges Handwerk. Langsam wurden die Städte den Burgen an Bedeutung ebenbürtig, später überlegen. Die bürgerlichen Gemeinden entwickelten ein Gegengewicht zum Adel und die sich rasch entwickelnden Städte begannen nach Selbstverwaltung und Unabhängigkeit zu streben. Erst ab dieser Zeit gibt es Informationen über das von kulturellem Aufschwung geprägte Stadtleben und die weitere Entwicklung Meißens. Älteste Zeugen traten bei Grabungen am Markt 1970 und 1991 in Form von Resten einer dendrochronologisch auf etwa 1109 datierten Bohlenstrasse in ungefährem Verlauf der heutigen Burgstrasse zutage. Die bis jetzt erhaltene mittelalterliche Struktur der Strassen und Plätze geht erst auf das 14./15. Jh. zurück. Die blühende Marktsiedlung des 12. Jh. muss noch ein anderes Wegenetz besessen haben. Wie Tom Lauerwald bemerkt, ist die Situation zur Zeit der Stadtgründung wissenschaftlich nur fragmentarisch geklärt. Der burggräflich kontrollierte (Jahr-)Markt und Ausspannplatz wird schon seit dem 12. Jahrhundert seinen Anforderungen nicht mehr gewachsen gewesen sein und machte die planmäßige Anlage eines neuen zentral gelegenen (städtischen) Platzes mit entsprechenden Anfahrtswegen, Unterkünften und anliegenden Wohnvierteln für Handwerker und Kaufleute notwendig. Der ursprüngliche (burggräfliche) Markt war mit mehreren Bollwerken in Form einzeln stehender, burgartiger „fester Häuser“ gesichert. Eines davon befand sich an der Position des heutigen Rathauses und bildet mit seinen schräg zur Bauflucht verlaufenden, bruchstein-gemauerten Tonnen und Fundamenten den ältesten Teil des heutigen gotischen Rathauses. Mrusek[4] vermutet einen repräsentativen und wehrhaften Bau mit Sitz des Stadtvogtes an dieser Stelle. Eine genaue Datierung der Anlage des neuen Marktes ist aufgrund fehlender Quellen nicht möglich. Die Ergebnisse der Forschung deuten auf einen Zeitraum zwischen Mitte und Ende des 12. Jahrhunderts. Mrusek verweist auf die u.a. durch regelmäßige, zum Zentrum hinführende Ausfallstrassen gekennzeichnete „höchstentwickelte“ Form des „ostdeutschen Kolonialschemas“[5], die erst auf Basis empirischer Erfahrungen

(z.B. in Leipzig und Magdeburg) entstand und daher nicht früher als gegen Ende

des 12. Jahrhunderts in Meißen konzipiert und angelegt werden konnte. Wahrscheinlich ist demnach ein Zeitpunkt zwischen den Jahren 1150[6] und 1205[7].

Der neue Marktplatz von Meißen konnte nicht völlig frei angelegt werden, sondern musste sich den besonderen landschaftlichen Gegebenheiten und vorhandener Bebauung anpassen. Die Position und Richtung der Ausfallstrassen entsprach dabei den jeweiligen Notwendigkeiten, so kommt z.B. der Knick in westlicher Richtung (Fleischergasse/Gernische Gasse) zustande. Raum war sehr knapp, die Frauenkirche presst sich förmlich in den Berghang, um gerade noch genug Platz für eine Marktüberquerung in Nord/Süd- Richtung zu gewähren und die Baugrundstücke teilen sich in ungewöhnlich schmale, wenn auch teilweise tiefe Parzellen. So erklärt sich auch die untypische, verzogene, unregelmäßige, viereckige Form die der Markt entgegen der üblichen gleichmäßigen Rechtecke oder Quadrate erhält. Dies entspricht sicher den geografischen Zwängen, ruft aber durchaus auch eine „besondere Schönheit bezüglich Rhythmus und Schwung der Strassen und Häuser“[8] hervor, wie Mrusek bemerkt. Auch bei Gröger wird detailliert dargelegt, wie sich der Markt zwar als letzter Teil, aber schließlich zum Kernstück der Stadt entwickelte. „Seine Gliederung und die geschickte, umsichtige Anpassung an die Widerstände der Landschaft sagen sehr deutlich, dass die Marktstadt nicht allmählich heranwuchs, sondern dass sie in einem Zuge, einem einzigen Gesetz, eben dem im voraus festgelegten Grundriss folgend, erbaut wurde.“[9]

Die „festen Häuser“ der ehemaligen Jahrmarkt-Verteidigung mussten bei der Planung des neuen Marktes berücksichtigt und einbezogen werden. Die Funktion der Bollwerke blieb teilweise erhalten, nur wurden jetzt die wichtigen Strassen geschützt. Einige der „festen Häuser“ wurden den Bürgern überlassen.

Die Ausfallstraße in östlicher Richtung (Elbgasse später –straße) ist für die Stadt von herausragender Bedeutung, machte sie doch in ihrer Verlängerung und vor allem nach dem Bau der Brücke die alte Verbindung überflüssig und lässt damit den burggräflichen Jahrmarkt sprich- und wortwörtlich „links liegen“.

„Damit hatte der Stadtherr selbst den Verkehr von der alten Burgfurt abgezogen und in neue städtische Bahnen geleitet. Das Schwergewicht der Wirtschaft lag nun auf der neugegründeten Marktstadt. Die ältere, abseitsliegende Jahrmarktssiedlung wurde bald überflügelt.“[10] Der Wechsel der Bedeutung der Märkte vollzog sich also analog zum Wandel des ehemaligen herrschaftlichen Militärstützpunktes zur bürgerlichen Stadt.

Mit dieser Veränderung Meißens um 1200 wird der neue Marktplatz endgültig das wirtschaftliche, politische und architektonische Zentrum der Stadt. „Von den stattlichsten öffentlichen und privaten Gebäuden eingerahmt, ist der Markt der Festraum der Stadt.“[11] Bis heute können die ältesten Spuren Meißner Stadthäuser in Gestalt tiefer Bruchsteintonnen in seither nur wenig veränderten Kellern untersucht werden.

Bevor das im Mittelpunkt des Interesses dieser Arbeit stehende spätgotische Rathaus an dessen Stelle trat, stand hier, wie schon kurz erwähnt, als Militärstützpunkt und Repräsentationsgebäude ein wahrscheinlich romanisches wehrhaftes Haus. Der Vogt, der von hier aus für Kontrolle und Lenkung verantwortlich war, wurde im 14. Jahrhundert durch Vertreter der Bürgerschaft, später Ratskollegium und Bürgermeister verdrängt, deren Macht schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts stetig zunahm. 1316 wird die bürgerliche Verwaltung erstmals urkundlich erwähnt. Zur selben Zeit muss auch der befestigte Amtssitz des Vogtes seine Funktion verloren haben und in den Besitz der Bürger übergegangen sein. Mrusek weißt darauf hin, dass dies analog in anderen Städten wie z.B.. Saalfeld, Würzburg, Gelnhausen geschah, wo räumlich wie politisch eine ähnliche Situation vorlag. Auch dort wandelten sich unter der erstarkenden Macht und dem Streben nach Selbstverwaltung der Bürger die ehemals herrschaftlichen Verwaltungsbauten zu städtischen Rathäusern. Wie sich dieser Prozess in Meißen genau abspielte ist nicht bekannt, vermutlich wurde der romanische Bau weitergenutzt, bis alle Bedingungen erfüllt waren, einen repräsentativen, modernen, gotischen Neubau an seiner Stelle und teilweise auf seinen Fundamenten zu errichten. Auch ob sich der Wandel im Machtgefüge friedlich oder gewalttätig abgespielt hat, ist nicht zu klären. Quellen wie Stadtsiegel oder Urkunden aus dem Zeitraum 1220 bis 1480 zeugen lediglich von den Etappen der Übernahme von Bürgermeisteramt (1365) Gerichtsbarkeit und baupolizeilichen Rechten in die Selbstverwaltung der Bürger. Trotzdem blieb der Markgraf, schon sinnbildlich durch die über der Stadt drohend aufragende Burg der Herrscher von Meißen, dem die Bürger Abgaben, Steuern und Kriegsdienst zu leisten hatten. Völlige Unabhängigkeit blieb Meißen ohnehin verwehrt, da der Lebensunterhalt nur durch Tausch mit den umliegenden Dörfern und Fernhandel möglich war. In Meißen selbst wurden überwiegend in kleinen Werkstätten Handwerksgüter produziert, Landwirtschaft war räumlich bedingt schwer möglich.

[...]


[1] vgl. Ermisch S.:3 ff

[2] Mrusek S.: 5

[3] vgl. Gröger S.: 64

[4] vgl. Mrusek S.: 31ff

[5] Mrusek S.:27

[6] Erwähnung der „Civitas“ in Mrusek S.:26

[7] Belege für einen städtischen Marktplatz durch Stiftsurkunde des Afraklosters in Mrusek S.:26

[8] Mrusek S.: 27

[9] Gröger S.:76

[10] Mrusek S.:27

[11] Mrusek S.:31

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das gotische Rathaus zu Meißen - eine Darstellung der Baugeschichte
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Kunstgeschichte)
Veranstaltung
Rathaus und Marktplatz in mittelalterlicher und frühneuzeitlicher Stadt
Autor
Jahr
2003
Seiten
23
Katalognummer
V87635
ISBN (eBook)
9783638012997
Dateigröße
418 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rathaus, Meißen, Darstellung, Baugeschichte, Rathaus, Marktplatz, Stadt
Arbeit zitieren
Markus Schmidt (Autor), 2003, Das gotische Rathaus zu Meißen - eine Darstellung der Baugeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/87635

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