"I am just going to look after the horses..." - Deutsche Militärsprache im 21. Jahrhundert: Ein Überblick


Essay, 2007

11 Seiten


Leseprobe

Gliederung

1. SitRep

2. Ein Blick zurück

3. Sprachliche Mittel – Eine Auswahl
3.1 Infinitvkonstruktionen
3.2 Verblose Sätze
3.3 Imperativformen

4. Abschließende Lagefeststellung und Geländebeurteilung

Literaturverzeichnis

1. SitRep

Wenn ein deutscher General während eines offiziellen Essens mal ‚kurz nach den Pferden sieht’, so ist er weder in der Stallgasse noch auf dem Kfz-Abstellplatz anzutreffen. Jeder der Anwesenden weiß aber, dass sich der Kommandeur soeben mit einem noch aus Kavalleriezeiten stammenden Ausdruck vom Tisch entschuldigt hat. Ein typisches Beispiel für deutsche Militärsprache im 21. Jahrhundert? Oder versteht man unter der deutschen Militärsprache den ‚AKüFi BW’? Also den Abkürzungsfimmel der Bundeswehr, wo der ‚Freiwillig Wehrdienst Leistende’ und der ‚Hauptschüler ohne nennenswerte Kenntnisse’ bei der ‚Einsatzausbildung für Konfliktverhütung und Krisenbewältigung’ kurz zum ‚FWdL’ und ‚HonK’ bei der ‚EAKK’ verschmolzen werden. Vielleicht ist moderne deutsche Militärsprache aber auch das sog. ‚Germlish’, für das sich Marineflieger von einem Sprachwissenschaftler schon 1964 rügen lassen mussten. Hier Ausschnitte aus deren sprachlicher Disziplinlosigkeit:[1]

Wir machen den climb out in parade formation. Wenn wir airborne sind und das gear eingefahren ist, gibt jeder dem leader ein thumbs- up für closed-panels“.[2]

Oder ist Militärsprache gleichzusetzen mit den in den Zentralen Dienstvorschriften präzise formulierten Vorschriften? In den ZDv 10/8 z.B. ist reglementiert, wie die Grußformel, die in Verbindung mit dem militärischen Gruß zum Einsatz kommen kann, lauten darf und welche Anredeformen in welchen Situationen zu verwenden sind. Varianten sind mitunter möglich, so dass beispielsweise nichts dagegen spricht, das eigentlich vorgeschriebene „Guten Tag“ an der Marineschule in Mürwik als „Moin, moin“ zu realisieren und den Herrn Kapitänleutnant in der Anrede auf den Herrn Kaleu zu kürzen bzw. den Herrn Hauptfeldwebel auf den Herrn Hauptfeld. Schwieriger kann es u.U. beim 3. Abschnitt der ZDv 10/8 werden, der besagt, dass bei „jeder Begegnung Generale und Admirale der Bundeswehr zu grüßen sind“[3], schwierig vor allem dann, wenn man diese Personengruppe in einer Situation antrifft, die mit dem 5. Abschnitt kollidiert: „Der Gruß entfällt in Wasch-, Dusch- und Toilettenräumen“.[4]

Zwei Informationswehrübungen bei Marine und Heer und eine in diesem Zusammenhang entstandene, nach unterschiedlichen sprachlichen Kategorien gegliederte Belegsammlung ließen ein Buch zur aktuellen Sprache bei der Bundeswehr entstehen, das all die Aspekte näher beleuchtet, die in diesem Artikel nur stichpunktartig vertreten sein können. Es hat sich vor allem gezeigt, dass die Sprache der Bundeswehr weit mehr ist als eine bloße Ansammlung technischer und taktischer Fachbegriffe, also weit über eine Fachsprache hinaus geht. Sie mit den in den Dienstvorschriften festgelegten Abkürzungen, offiziellen Kommandos und Befehlen gleichzusetzen, würde ihr auch nicht genüge tun. Codes und Tarnsprachen gehören ebenso zu ihr wie die vielen, hauptsächlich dem NATO-Englischen entlehnten Anglizismen. Und vergessen wir auch nicht den sog. ‚Soldatenjargon’, der gerade in den letzten Jahren in Bezug auf die NVA für neue wissenschaftliche Untersuchungen gesorgt hat.[5] Hinzu kommt aber auch – und darin unterscheidet sich das Militär stark von anderen Einrichtungen – dass dort die Sprache selbst zum Gegenstand des Interesses und ständig hinterfragt, normiert und weiterentwickelt wird. Überalterte Phrasen und Termini werden ausgemustert und neue Gebrauchsregeln aufgestellt, die den aktuellen militär-praktischen Bedürfnissen entsprechen. Denn wie man miteinander kommuniziert, wird bewusst verstanden als Ausdruck der inneren Einstellung zur Aufgabe und zum Gegenüber.

Wir sagen uns allen die Meinung, immer gerade heraus, nichts hinterm Rücken. Und wer sauer ist und im Hintergrund rumrödelt, ist selber Schuld“.[6]

Nach solch einer direkten Aufforderung des Oberst an seine Wehrübenden überrascht es nicht, dass ein Hauptfeldwebel mit Ungeduld reagiert, wenn „Zivilisten auf eine Frage niemals direkt antworten und man ihnen jedes Wort einzeln aus der Nase ziehen muss“.[7] Die Bundeswehr betrachtet die Sprache als wichtigstes Verständigungs- und Führungsmittel.[8] Und zwei der vier Prinzipien, nach denen z.B. an der Infanterieschule in Hammelburg geführt und gelebt wird, betreffen den sprachlichen Umgang miteinander: „Laut ist deutlich“, heißt es dort zum Thema, und „kurz ist präzise“. In einem ‚Stil- und Formenbuch’ für Offiziere von 1989 wird auf sechs Seiten dargelegt, dass „Sicherheit und geistige Disziplin eines Vorgesetzten sich in seiner Sprache widerspiegeln. Nur klare Worte halten zu Gehorsam und Leistung an. Unnötige Worte mindern die Ausdruckskraft, ungenaue Worte verschleiern die Wahrheit: übertreibende Worte stumpfen ab und gefährden das Vertrauen“.[9] Wie nahe dieses Ideal der Realität kommt, sei in den nächsten Abschnitten erörtert.

2. Ein Blick zurück

Mit der Wertschätzung einer unmissverständlichen Ausdrucksweise betritt die Bundeswehr keineswegs Neuland. Sie blickt hier vielmehr auf eine beinahe dreihundertjährige Tradition zurück. Mit den stehenden Heeren entstand im 18. Jahrhundert auch gleichzeitig eine deutsche ‚Heeressprache’. So legte der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. in den preußischen Reglements für die Infanterie von 1714, 1718 und 1726 neben dem Dienst auch die Dienstsprache genauestens fest.[10] Wie, und vor allem, wie effektiv kommandiert und befohlen wurde, konnte schließlich eine Entscheidung über Leben und Tod bedeuten. Damals wie heute gibt es kaum einen Lebensbereich, in dem sprachliche Inkompetenz schwerwiegendere Folgen haben könnte, als den militärischen. Erinnert sei hier an die Schlacht von Balaklawa während des Krim Krieges 1854, der für die Engländer aufgrund unklar formulierter Befehle mit dem Todesritt ihrer Leichten Brigade endete.

Und dass Verstöße gegen den internen sprachlichen Kode gemeinhin auf wenig Toleranz stießen, zeigt auch ein Brief Guderians vom 24.07.1944:

[...]


[1] SitRep: Situation Report (Abkürzung aus dem Militärenglischen, zu Deutsch: ‚Lagebericht’)

[2] Moser, Sprachprobleme bei der Bundeswehr, 1964, S. 129

[3] Der Reibert, Teil A: S. 61

[4] ebd.

[5] z.B. Keil, Die Sprache der Soldaten, 2004 oder Müller, Siri Anja, Die Sprache der NVA in den Ausbildungs- und Dokumentationsfilmen der NVA, 2005

[6] Alle Sprachbeispiele sind Zitate von Informationswehrübungen aus den Jahren 2006 und 2007. Hier zitiert: Oberst Jeurink 2007 zur Begrüßung der Teilnehmer in Hammelburg

[7] Zitat Haupfeldwebel Petersen, Hammelburg 2007

[8] Gosoge, Stil und Formen, 1989, S. 16

[9] Gosoge, Stil und Formen, 1989, S. 16

[10] Schweinitz, Die Sprache des deutschen Heeres, 1989, S. 20

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
"I am just going to look after the horses..." - Deutsche Militärsprache im 21. Jahrhundert: Ein Überblick
Autor
Jahr
2007
Seiten
11
Katalognummer
V88049
ISBN (eBook)
9783638027892
ISBN (Buch)
9783638927079
Dateigröße
473 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Autorin ist Sprachwissenschaftlerin und bundessprachenamtlich geprüfte Dolmetscherin und Übersetzerin und leitet eine Sprachschule in Bamberg. Während Wehrübungen bei der Marine und beim Heer sammelte sie sprachliche Belege aus unterschiedlichsten Bereichen, vom Soldatenjargon bis zur Offizierssprache, die die Grundlage für eine weitreichende Untersuchung über die aktuelle Sprache bei der Bundeswehr bilden.
Schlagworte
Deutsche, Militärsprache, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Ariane Dr. Slater (Autor:in), 2007, "I am just going to look after the horses..." - Deutsche Militärsprache im 21. Jahrhundert: Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88049

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: "I am just going to look after the horses..." - Deutsche Militärsprache im 21. Jahrhundert: Ein Überblick



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden