Thomas Bernhards Theaterstücke sind ausnahmslos Komödien. Ihr Personal erinnert an traditionelle Typenkomödien, doch gibt es bei Bernhard keine kathartische Einsicht oder Abstrafung des überzogenen Charakters. Besonders seine Genie- und Künstlerfiguren verlassen ihre Rollen nicht, sondern beharren bis zum Ende auf der Konsistenz ihres Daseins.
Wir wollen betrachten, wie das Komische bei Bernhards Stücken entsteht und welche besondere Ausformung es bei den Genies erhält. Mir scheint, dass sie gerade weil sie wissen, dass sie eine Rolle spielen, in einen grotesken Selbstwiderspruch treten, der ihnen aber letztlich den Triumph über ihre Umwelt erlaubt. Da Künstler bei Bernhard immer auch Wahnsinnige sind, die weit von der Gesellschaft entfernt existieren, folgt ihr Spiel anderen Regeln als aus der sozialen Praxis vorausgesetzt wird. Deswegen können sie noch im finalen Scheitern den Sieg davontragen.
Thomas Bernhard ist lange Zeit ausschließlich als apokalyptischer, pessimistischer Autor verstanden worden. Die Präsenz des Todes in seinem Werk veranlasste viele Interpreten, ihn als Nihilisten zu begreifen, für den das Leben immer sinnlos ist. Doch der komische Aspekt wurde erst in den letzen zehn Jahren wirklich entdeckt und germanistisch aufbereitet. Obwohl seine öffentlichen Auftritte und sein dramatisches Werk offensichtlich komisch sind, tat sich die Sekundärliteratur schwer, diesem Aspekt genügend Aufmerksamkeit zu schenken.
Ruixiang Han hat eine der ersten Abhandlungen über das Komische bei Bernhard verfasst, in Der komische Aspekt in Bernhards Romanen liefert er sehr gute Analysen verschiedener Techniken und Phänomene in Bernhards Erzählwerk. Er geht aus von Bernhards Äußerung „es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“ und weist auf, dass diese Einstellung, anders als von vielen Interpreten verstanden, keine Verneinung des Lebens bedeutet, sondern antithetisch das Lebendige stärker hervorhebt. Bernhard erwartet vom Leser eine „kritische Distanz zum Dargestellten“, keine „direkte Betroffenheit“. Anstatt sich die düstere Weltauffassung anzueignen, soll er in Widerspruch zu ihr treten. Dann eröffnet sich der Blick dafür, dass zusammen mit den Äußerungen immer auch eine charakterliche Disposition vermittelt wird. Die Figuren laden zur Kritik ein und damit zum Verlachen. Indem der Leser sich fragt, warum er über einen bestimmten Mangel gelacht hat, entsteht ein Erkenntnisprozess.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungslage
3. Das Komische bei Bernhard
4. Bernhards Künstler- und Geniefiguren
4.1. Der Kunstbegriff Bernhards
5. Einzelanalyse ausgewählter Dramen
5.1. Minetti
5.2. Immanuel Kant
5.3. Der Weltverbesserer
5.4. Der Theatermacher
5.5. Kurze Zusammenfassung
6. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den komischen Aspekt bei Künstler- und Geniefiguren in ausgewählten Dramen von Thomas Bernhard. Dabei wird analysiert, wie diese Figuren in ihrem grotesken Selbstwiderspruch und ihrer isolationistischen Lebensweise einerseits scheitern, andererseits jedoch gerade durch das Beharren auf ihren Rollen einen Triumph über ihre Umwelt erringen.
- Entstehung und Ausformung des Komischen im dramatischen Werk Bernhards
- Die Rolle der Isolation und der Selbstinszenierung bei Künstlerfiguren
- Das Verhältnis von Kunst, Wahnsinn und gesellschaftlicher Realität
- Einzelanalysen der Dramen Minetti, Immanuel Kant, Der Weltverbesserer und Der Theatermacher
Auszug aus dem Buch
5.1. Minetti
Minettis Kunst ist die Schauspielerei. Tatsächlich ist der Name ja dem großen Schauspieler Bernhard Minetti entlehnt, der bereits Bernhardstücke gespielt hatte und den Bernhard bewunderte. Minetti selbst spielte auch die Rolle Minetti in der Uraufführung. Allerdings ist der historische Minetti entgegen der Figur gerade für seine Darstellung klassicher Rollen wie Hamlet, Faust oder Franz Moor berühmt. Die Figur Minetti verachtet alles Klassische und will nur Modernes spielen, auch als er für kurze Zeit Theaterdirektor in Lübeck war, verbannte er alle Klassiker aus dem Spielplan. Dafür wurde er von Verantwortlichen und Publikum abgestraft und lebte daraufhin bei seiner Schwester in Dinkelsbühl, im sozialen und geistigen Exil. Seine bisher größte Rolle, den King Lear von Shakespeare, spielte er dort 30 Jahre lang regelmäßig für sich selbst vor dem Spiegel, in der von James Ensor, dem belgischen expressionistischen Maler gestalteten Maske, welche er wie eine Reliquie ständig bei sich trägt und ehrfürchtig anlegt. Er sagt von ihr, sie sei „das Kostbarste / das ich besitze“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung stellt die These auf, dass Bernhards Theaterstücke Komödien sind, in denen die Künstlerfiguren durch ihr beharrliches Rollenverhalten einen grotesken Triumph über die Umwelt feiern.
2. Forschungslage: Dieses Kapitel gibt einen Überblick über die wissenschaftliche Rezeption Bernhards, wobei kritisch hinterfragt wird, inwiefern bisherige Ansätze den komischen Aspekt seines Werks angemessen erfassen konnten.
3. Das Komische bei Bernhard: Es wird erörtert, wie Verzweiflung und Nihilismus die Grundlage bilden, auf der sich durch die absurde Selbstinszenierung der Figuren die spezielle Bernhard'sche Komik entfaltet.
4. Bernhards Künstler- und Geniefiguren: Hier wird der theoretische Grundstein für die Analyse gelegt, indem der spezifische Kunstbegriff Bernhards als Gegenwelt zur feindseligen Gesellschaft und Natur definiert wird.
4.1. Der Kunstbegriff Bernhards: Das Kapitel erläutert die Kunst als Raum der geistigen Isolation und das Streben nach Perfektion, das bei Bernhard zwangsläufig zum Scheitern verurteilt ist.
5. Einzelanalyse ausgewählter Dramen: Dieser Hauptteil widmet sich der Untersuchung konkreter Figuren, um die theoretischen Überlegungen zur Geniefigur anhand von Textbeispielen zu konkretisieren.
5.1. Minetti: Die Analyse zeigt, wie die Figur Minetti durch die radikale Verweigerung der Gesellschaft und das starre Festhalten an seiner Rolle als Schauspieler trotz Verarmung in der Isolation triumphiert.
5.2. Immanuel Kant: Untersucht wird die Figur des verrückten Kant, der seine Scheinidentität so konsequent lebt, dass sein gesamtes Umfeld zu einer Bestätigung seines Wahnsinns wird.
5.3. Der Weltverbesserer: Das Kapitel thematisiert die Figur des nihilistischen Weltverbesserers, der die Gesellschaft nicht verbessern, sondern durch sein Traktat und seine Isolation eigentlich abschaffen will.
5.4. Der Theatermacher: Anhand der Figur des Bruscon wird verdeutlicht, wie tragische Ereignisse durch das absurde Ende und die Poetologie des Künstlers in eine Komödie verwandelt werden.
5.5. Kurze Zusammenfassung: Hier werden die Ergebnisse der Einzelanalysen zusammengeführt und die gemeinsamen Motive der Künstlerfiguren, wie die Rolle als Schutz und Waffe, finalisiert.
6. Schluss: Der Schluss fasst zusammen, dass die Komik in Bernhards Dramen in der Divergenz zwischen dem Anspruch der Künstler und ihrer faktischen, durch den Tod finalisierten Lebensrealität entsteht.
Schlüsselwörter
Thomas Bernhard, Komik, Künstlerfiguren, Genie, Isolation, Wahnsinn, Rollenverhalten, Dramentheorie, Nihilismus, Weltverbesserer, Theatermacher, Minetti, Immanuel Kant, Scheitern, Groteske.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Phänomen des Komischen in den Dramen von Thomas Bernhard, speziell fokussiert auf die dort dargestellten Künstler- und Geniefiguren.
Welche zentralen Themenfelder werden in der Untersuchung behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzepte der Isolation, des Wahnsinns als Methode, das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft sowie die spezifische Funktion der Lebensrolle als Überlebensstrategie.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu ergründen, warum Bernhards Figuren trotz ihres permanenten Scheiterns und der Sinnlosigkeit ihres Daseins komisch wirken und wie sie ihre Identität gegen die Welt behaupten.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die die untersuchten Dramen im Kontext von Bernhards Poetologie sowie unter Einbeziehung von Sekundärliteratur interpretiert.
Was wird im Hauptteil des Buches bzw. der Arbeit detailliert behandelt?
Der Hauptteil bietet fundierte Einzelanalysen der Stücke Minetti, Immanuel Kant, Der Weltverbesserer und Der Theatermacher, um die theoretischen Thesen am Text zu belegen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Neben dem Namen Thomas Bernhard sind dies vor allem Begriffe wie Komik, Genie, Wahnsinn, Isolation und das Konzept der Künstlerexistenz.
Wie definiert der Autor das Verhältnis zwischen Komödie und Tragödie bei Bernhard?
Die Arbeit stellt dar, dass für Bernhard diese Begriffe keine Gegensätze sind, sondern eine Frage der Perspektive; das, was von innen tragisch scheint, wird von außen durch die relative Sinnlosigkeit komisch.
Welche Bedeutung kommt dem Tod in der Analyse zu?
Der Tod fungiert als der „absolute Relativierer“. Er entlarvt die Ambitionen der Künstler als bedeutungslos, was ihr zwanghaftes Beharren auf der Rolle erst als grotesk und damit komisch erscheinen lässt.
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- Bastian Rittinghaus (Author), 2005, "In meiner Komödie hat es am Ende vollkommen finster zu sein", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88055