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Nietzsches Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen im bildungs- und wissenschaftstheoretischen Kontext

Titel: Nietzsches Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen im bildungs- und wissenschaftstheoretischen Kontext

Magisterarbeit , 2004 , 97 Seiten , Note: 1,3

Autor:in: MA Gabriele C. Johann (Autor:in)

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
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Zusammenfassung Leseprobe Details

Bei der "Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" handelt es sich um ein Frühwerk Nietzsches, welches als ein "Seitenstück" zur "Geburt der Tragödie" angekündigt und infolgedessen auch rezipiert worden ist.
Die Verfasserin dieser Arbeit wird nachweisen, dass eine solche Auffassung die Bedeutung von Nietzsches Schrift verfehlt, dass es sich dabei vielmehr um ein selbstständiges und originales Werk handelt, das einerseits auf Prinzipien der neuhumanistischen Bildungstheorie beruht, diese Grundsätze auf einen bestimmten Menschentypus hin vereint, um auf diesem schließlich eine neue Kulturtheorie zu begründen.
Andererseits ist sie vor wissenschaftstheoretischem Hintergrund zu lesen, denn nur ein bestimmter Wissenschaftsbegriff rechtfertigt die "PhG" als eine völlig neue und fruchtbare Theorie für die Altertumswissenschaft, wie die Philologie sich seit ihrem Vertreter Friedrich August Wolf nennt.
Weiterhin stellt Nietzsches Schrift, wie alle seine frühen Werke, eine Kritik an den Methoden des Historischen Positivismus dar. Es wird, vor dem Hintergrund des Methodenstreits der Philologen während der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, gezeigt werden, dass Nietzsche selbst bei der Bearbeitung und Ausdeutung der Quellen eine andere Methode anwendet und welche.
Letztendlich kann Nietzsches Philosophengeschichte als Gegenentwurf zu den zeitgenössischen gelehrten Philosophiegeschichtsschreibungen gelesen werden, die er zwar aus verschiedenen Gründen, die hier ebenfalls besprochen werden, ablehnt, die ihm jedoch gleichwohl als neuzeitliche Quellen dienen.
Die Verfasserin untersucht auch, welche Quellen Nietzsche für das Philosophenbuch auswählt und verwendet, sowohl die der alten als auch die der neueren Geschichtsschreiber und, erstmals in der Nietzsche-Forschung, an wen genau er seine werkimmanente Kritik richtet.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

A. Einleitung

B. Hauptteil

I. Historisch-biographischer Hintergrund

1. „Philologie [ist] ihrem Ursprunge nach und zu allen Zeiten zugleich Pädagogik gewesen.“

1. 0 Philologie zwischen Bildung und Wissenschaft

1. 1 Wilhelm v. Humboldt

1. 1. 1 Neubestimmung des Wissenschaftsbegriffs

1. 1. 2 Die Grundprinzipien der Bildung: Freiheit, Einsamkeit, Agonalität

1. 1. 3 Das dreifache Streben des Geistes: Prinzip, Ideal, Idee

1. 1. 4 Vollständigkeitsprinzip versus Einheitsprinzip

1. 2 Friedrich August Wolf

1. 2. 1 Der Bildungsgedanke in der Klassischen Altertumswissenschaft

1. 2. 2 Das neue Menschenbild: Selbsttätigkeit und Originalität

1. 3 August Boeckh

1. 3. 1 Bildung auf hermeneutischer Basis: Das Erkennen des Erkannten

1. 3. 2 Bildung neuer Ideen: Das Erkannte wird Eigenes

1. 3. 3 Bildung zur Wissenschaft: Individualität als Basis für Kongenialität

1. 3. 4 Selbstbildung: Kongenialität als Mittel zur Selbsterkenntnis

2. „Methode ist fast zu einem Stichwort geworden.“

2. 1 Friedrich Ritschl

2. 1. 1 Die Textkritische Wende

2. 1. 2 Ausbildung zur historisch-kritischen Methode

3. „Der Beistand der künstlerisch gearteten Naturen“

3. 1 Jakob Burckhardt

3. 1. 1 Die Antimethode

3. 1. 2 Gesamt- und Einzelbilder als Sinnbild für das Ideal

II. Quellen

1. 0 Alte und neuere Geschichtsschreiber

1. 1 Nietzsche in der Auseinandersetzung mit historischen Quellen

1. 1. 1 Diogenes Laertius

1. 2 Nietzsche in der Auseinandersetzung mit den neueren Darstellungen

1. 2. 1 Eduard Zeller, Heinrich Ritter und Christian August Brandis

III. Die Einzelbilder: Nietzsches Interpretation der vorplatonischen Philosophen

1. Thales: Der Beginn des philosophischen Denkens

2. Anaximander: Der erste, untragische Erklärungsversuch

3. Heraklit: Der Weg von der menschlichen zur göttlichen Anschauung

4. Parmenides: Der Erfinder des reinen Denkens

5. Zenon: Der Erfinder des Argumentierens

6. Anaxagoras: Der Erfinder der Induktion und der Metaphysik der ersten Ursache

7. Xenophanes: Der Erfinder des Skeptizismus

C. Schlussbetrachtung

D. Literaturangaben

Zielsetzung & Themen

Die vorliegende Magisterarbeit analysiert Nietzsches "Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" im Kontext der bildungs- und wissenschaftstheoretischen Debatten des 19. Jahrhunderts. Ziel ist es, Nietzsches philologische Praxis als einen Prozess der Selbsterkenntnis und Persönlichkeitsbildung aufzuzeigen, der in bewusster Abgrenzung zur zeitgenössischen, "positivistischen" Philosophiegeschichtsschreibung steht.

  • Die pädagogische Tradition der Philologie und ihre Bedeutung für Nietzsche.
  • Wissenschaft als Mittel der Selbsterkenntnis und Kongenialität.
  • Die methodische Auseinandersetzung mit Quellen und zeitgenössischen Interpreten.
  • Die Interpretation der vorplatonischen Philosophen als Spiegel eigener Denkentwicklung.
  • Das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Strenge und philosophischer Anschauung.

Auszug aus dem Buch

3. Heraklit: Der Weg von der menschlichen zur göttlichen Anschauung

Mit Heraklit wird das Bild des antiken Philosophen gestochen scharf. Er befreit das Denken endgültig aus der mystischen Nacht und erhebt es in die Helle eines „göttlichen Blitzschlags“ (PHG, 25) Diese, Nietzsches Meinung zu Folge, allererste Aufklärung des Denkens vollzieht sich bemerkenswerter Weise nicht durch Vernunft, gegenüber der sich Heraklit „kühl, unempfindlich, ja feindlich zeigt“ (PHG, 27), sondern durch Intuition. Dennoch ist sie weniger weit von kritischer, aufgeklärter Erkenntnis entfernt, als es zunächst scheinen mag. Und doch bleibt Heraklits Anschauung, die sich zwar über den Mythos erhebt, durch die Art der Denkform, unter die sie gebracht wird, mit ihm verbunden.

Heraklit schaut sich die äußere Welt an und ruft aus: das Werden schaue ich an. [...] Und was schaute ich? Gesetzmäßigkeiten, [...] die ganze Welt das Schauspiel einer waltenden Gerechtigkeit. [...] Und er hält Anaximander entgegen: „Wo das Gesetz regiert, wie sollte da die Sphäre der Schuld sein?“ Heraklit, so glaubt Nietzsche, erkennt als erster Regelmäßigkeiten der Naturkräfte und glaubt dadurch über moralische oder mystische Deutungsweisen hinausgreifen zu können. Doch das Erkennen von Naturgesetzen wird Heraklit nicht, wie man annehmen könnte, zu einer rational wissenschaftlichen Betrachtungsweise der Welt führen. Der Grieche denkt noch nicht in Begriffen, wie Ursache und Wirkung. Sein Denken ist im Leben und dieses im Mythos verhaftet. Wo er Gesetzmäßigkeit, regelmäßigen Wechsel erkennt, da denkt er agonal, d. h. er denkt an Streit oder Krieg. Sein Erklärungsprinzip für die Welt ist kein kausales, sondern ein agonales, wodurch Heraklits Philosophie im Mythos verwurzelt bleibt, wie er uns zu Beginn von Hesiods Werke und Tage begegnet:

Zusammenfassung der Kapitel

I. Historisch-biographischer Hintergrund: Dieses Kapitel erläutert die neuhumanistische Tradition der Philologie, die Bildung und Wissenschaft als Einheit zur Persönlichkeitsentfaltung begreift.

II. Quellen: Hier wird Nietzsches methodischer Umgang mit antiken Überlieferungen und zeitgenössischen Philosophiegeschichten kritisch hinterfragt.

III. Die Einzelbilder: Nietzsches Interpretation der vorplatonischen Philosophen: Der Hauptteil analysiert, wie Nietzsche die einzelnen Philosophen als Typen wählt, um seine eigene geistige Entwicklung im Spiegel der Antike zu reflektieren.

C. Schlussbetrachtung: Dieses Kapitel fasst die Ergebnisse zusammen und ordnet das fragmentarische Werk Nietzsches in dessen umfassendere Kulturmetaphysik ein.

D. Literaturangaben: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.

Schlüsselwörter

Nietzsche, Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen, Philologie, Bildung, Wissenschaft, Selbsterkenntnis, Kongenialität, Hermeneutik, Vorplatoniker, Historismus, Kultur, Persönlichkeitsbildung, Positivismus, Antike.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht Nietzsches frühes Manuskript "Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen" und fragt, wie Nietzsche die Philosophiegeschichte nutzt, um seine eigene Identität als Denker zu formen.

Was sind die zentralen Themenfelder?

Im Fokus stehen das neuhumanistische Bildungsideal, die philologische Methodik des 19. Jahrhunderts und die philosophische Interpretation antiker Denker.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es, den bildungstheoretischen Kontext Nietzsches aufzudecken und zu zeigen, dass seine Interpretation der Vorsokratiker eng mit seinem eigenen Streben nach Selbsterkenntnis verknüpft ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Die Autorin kombiniert eine historisch-kritische Analyse von Nietzsches Quellen mit einer hermeneutischen Betrachtung seines Werkes im Kontext seiner biographischen Entwicklung.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Der Hauptteil gliedert sich in den historisch-biographischen Hintergrund, eine methodische Analyse der Quellenarbeit sowie eine detaillierte Interpretation der einzelnen vorplatonischen Philosophen.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Zu den prägenden Begriffen zählen Bildung, Philologie, Kongenialität, Selbsterkenntnis und der tragische Charakter des griechischen Denkens.

Wie bewertet Nietzsche die zeitgenössische Philologie?

Er kritisiert eine rein "positivistische" oder rein faktensammelnde Philologie als leblose "Kauzwissenschaft", der es an der entscheidenden Einbindung in eine lebendige Kultur mangelt.

Warum ist der Begriff "Vorplatoniker" für Nietzsche wichtig?

Er wählt den Begriff "Vorplatoniker" statt "Vorsokratiker", um die einzelnen Philosophen nicht als Glieder einer Schulkette, sondern als eigenständige, reine Typen und Persönlichkeiten herauszustellen.

Ende der Leseprobe aus 97 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Nietzsches Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen im bildungs- und wissenschaftstheoretischen Kontext
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Französische Abteilung der Germanistik)
Note
1,3
Autor
MA Gabriele C. Johann (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2004
Seiten
97
Katalognummer
V88057
ISBN (eBook)
9783638059497
ISBN (Buch)
9783638949187
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Nietzsches Philosophie Zeitalter Griechen Kontext
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
MA Gabriele C. Johann (Autor:in), 2004, Nietzsches Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen im bildungs- und wissenschaftstheoretischen Kontext, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88057
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Leseprobe aus  97  Seiten
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