Bilder der Moderne, ausgehend von Max Webers „stahlhartem Gehäuse“ des Kapitalismus


Hausarbeit, 2006
22 Seiten, Note: 1,7

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Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Max Weber – Stahlhartes Gehäuse des Kapitalismus

3. Habermas – Kolonialisierung der Lebenswelt

4. Antony Giddens – Strukturierungstheorie und Dschagannath-Wagen

5. Richard Sennett – Der Flexible Mensch

6. Resümee

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

>Eine 33jährige alleinstehende Frau - nennen wir sie Frau Müller - bekommt ihren ersten psychotischen Schub, von dem sie sich nie wieder ganz erholt. Anfangs lebt sie weiterhin in ihrer Wohnung. Sie hat zwei Hunde, für die sie sorgen muss, wodurch ihr Tagesablauf strukturiert und ihre verbleibende Selbstständigkeit motiviert wird. Aber schon bald sind ihre finanziellen Rücklagen aufgebraucht und sie ist gänzlich auf´s Sozialamt angewiesen. Das Amt lehnt es ab, die Ernährung der Tiere zu finanzieren und erlegt ihr auf, sie in ein Heim zu geben. Sobald sie sich nicht mehr um die Tiere kümmern muss, bricht ihr bis dahin noch geregeltes Leben zusammen: sie hat keinerlei Verpflichtungen mehr und verwahrlost völlig. Schließlich wird sie über den sozialpsychiatrischen Dienst wieder in die Klinik eingewiesen und von dort aus in einer betreuten Einrichtung angesiedelt. - Abgesehen von der Sinnentleerung ihres Lebens, die die Wegnahme der Tiere für sie bedeutet und die fortan ihre Krisen verhäufigen und verschärfen, sind die Kosten, die dem Sozialamt jetzt entstehen um ein vielfaches höher, als das, was der Appetit von zwei Hunden hätte verzehren können.<[1]

Ein sicherlich tragischer Fall, der uns zeigt wie Bürokratie fehlfunktionieren kann. Starre Reglementierung oder Verrechtlichung sozialer Lebensbereiche und Verdinglichung des Menschen. Die Rationalisierung, Planung und Berechnung der Bürokraten wirken bei Betrachtung des Endergebnisses manchmal ganz und gar nicht mehr rational. Natürlich, können wir, die eingebettet sind in ein bürokratisiertes, kapitalistisches Staatssystem, sagen, dass wir diesen Preis nun einmal für unsere Freiheit zahlen müssen. Doch einmal an diese „Freiheit“ gewöhnt, welche die Moderne mit sich bringt, fallen Negativfolgen der Bürokratisierung für uns schon eher ins Gewicht und Begriffe wie Freiheit oder Sinn sind weit aus weniger klar als noch zuvor. Zu Zeiten Max Webers stand die Bürokratisierung gerade in den Kinderschuhen und der Dunst des traditionalistischen Abends lag noch in der Luft, der Sozialstaat befand sich im Aufbau. Trotzdem finden wir aber in den Schriften Max Webers, schon zu Zeiten der sich entwickelnden Moderne, Vorahnungen, die einen Sinn- und Freiheitsverlust durch die kapitalistische Wirtschaft beschreiben.

Durch diese Hausarbeit soll aufgezeigt werden welche Vorstellungen es in der Soziologie über die moderne Gesellschaft gibt und wie diese aufeinander Aufbauen. Im Mittelpunkt des Interesses soll dabei die Entwicklung des Kapitalismus stehen und die Wechselseitigkeit von Verwaltung, Wirtschaft und Lebenswelt, bzw. von Strukturen und Handlungen. Ausgehen möchte ich hierbei vom Bild Max Webers, des „stahlharten Gehäuses“ des Kapitalismus und mir gleichzeitig die Aufgabe stellen, zu versuchen die jüngeren Betrachtungen auf seine Ausführungen zum Thema rückzubeziehen. Dabei soll klar werden wo Stärken und Schwächen seiner Theorien liegen. Letzten Endes geht es mir persönlich jedoch auch um ein besseres Verständnis von Begriffen wie Rationalisierungsprozesse, Bürokratie, Arbeitsethos und Routine.

Hierzu sollen folgende Autoren herangezogen werden: Jürgen Habermas, der mit seiner Kolonialisierungsthese den Rationalisierungsprozess in der Bürokratie genauer beschreibt; Antony Giddens, bei dem die Wechselseitigkeit von Struktur und Individuum festgestellt wird und das Bild des Dschagannath-Wagens Marx- und Weber’sche Distopien ersetzt; sowie Richard Sennett, der ein neues Kapitel des Kapitalismus beschreibt und den Begriff der Routine von einer zu Weber konträren Sichtweise beleuchtet.

2. Max Weber – Stahlhartes Gehäuse des Kapitalismus

Im Folgenden Abschnitt wollen wir also zunächst auf die Ansichten Max Webers eingehen und uns ein genaueres Bild seiner Gegenwartskritik machen, sowie seine Befürchtungen bezüglich zukünftiger gesellschaftlicher Entwicklungen beleuchten. In seinem Werk „Die Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ befasst sich Weber mit der Genese des Kapitalismus als Wirtschaftsform. Sein Ausgangspunkt ist hierbei die Reformation, die ab dem 16. Jh. den Christlichen Glauben gewandelt hat.

Ohne zu sehr ins Detail zu gehen möchte ich doch einen kurzen Abriss über den Entwicklungsprozess, den Weber beschreibt, geben: Als wesentlich bei Weber gilt hier das Aufkommen des Calvinismus und damit die Verlagerung der mönchlichen Askese in die Arbeitswelt. Die Prädestinationslehre des Calvinismus besagt, dass der Gnadenstand Gottes schon vor der Geburt eines Menschen vorherbestimmt ist. Der Calvinist ist also von vorne herein entweder ein Erwählter, der in den Himmel kommt, oder ein Verworfener, dem dieses Glück versagt bleibt. Die große Frage, die sich jedem Gläubigen nun unweigerlich stellt, ist: „Bin ich erwählt, oder nicht?“ Eine Möglichkeit der Antwort auf diese Frage sieht der Calvinismus nicht vor. Stattdessen werden die Menschen, wie Weber den Schriften des Puritaners Richard Baxters entnimmt, dazu angehalten, ständig tätig zu sein und somit Gottes Ruhm zu mehren. Rationale Berufsarbeit ist also das asketische Mittel, welches den Gläubigen als Zeichen ihrer Erwähltheit dient. Alles Ausruhen auf vorhandenem Besitz ist verwerflich. Der Zweck der Arbeit darf jedoch niemals Reichtum sein, sondern allein die Mehrung Gottes Ruhmes. Diesen Wert sieht Weber durch Säkularisierungsprozesse dem Verfall begriffen. Was der Arbeitswelt bleibt, ist das eiserne Streben nach Effizienz und Reichtum als Selbstzweck. Zusammen mit dem okzidentalen Rationalismus entsteht der Geist des Kapitalismus. Weber beruft sich hierbei auf die Schriften des Unternehmers Benjamin Franklins, der darin den Weg zur Selbstdisziplinierung des Menschen zu einem Arbeitstier und damit (im Sinne Webers) zur weltlichen Askese und der Selbstverleugnung der Menschlichkeit beschreibt. Eine Belohnung für die Mühen wird ins unendliche Verschoben und somit nie erreicht, denn ein Jenseits gibt es in diesem Geflecht aus Dogmen nicht. Weber geht also davon aus, dass sich der Religiöse Glauben der einzelnen Akteure einer Gesellschaft Auswirkungen auf den Wirtschaftlichen Sektor hat. Zumindest ist von einer „Wahlverwandtschaft“ der Puritanischen Askese mit dem Geist des Kapitalismus nicht abzusehen.

In einem weiteren Schritt werden Webers Kulturkritische Ansätze deutlich: Die Durchsetzung einer rationalen Buchführung, die der Kapitalismus als Mittel seiner Effizienz bedarf, leitet eine irreversible, „unentrinnbare“ Entwicklung unserer Gesellschaft ein. Diesen Prozess der Rationalisierung beschreibt Max Weber als das typische Merkmal der Moderne. In diesem letztlich durch den Puritanismus angetriebenen Rationalisierungsprozess sieht Weber zugleich die Ursache für die oben erwähnte Säkularisierung, die das Schicksal des Puritanismus, sowie der anderen protestantischen Bewegungen selbst besiegelte. Es soll jetzt nicht weiter auf die verschiedenen Arten von Rationalität, die Weber unterscheidet eingegangen werden, um jedoch das Wesen Webers Rationalisierungsprozesses zu ergründen, hier ein kurzer Schwenk durch andere Schriften Webers: Politisch sieht sich Weber als Gegner der „unkontrollierten Beamtenherrschaft“ des Wilhelminischen Kaiserreiches. Hierin sieht er bereits eine Zuspitzung der Rationalisierung, die besagt, dass jeder Beamte schon zu einem „Rädchen in der Maschine“[2] geworden ist und ohne eigene Entscheidungskraft die ihm vorliegenden Befehle ausführt. Diese Maschinerie der Bürokratie schützte und isolierte die Machthaber gegen Angriffe und hemmte somit die politische Entwicklung. Auch wenn für Weber fest stand, dass Bürokratie und Formalismus nicht mehr aus der Politik wegzudenken waren, setzte er sich für die Demokratisierung und Parlamentarisierung des Deutschen Reiches ein. Als Idealtyp einer Regierung verstand Weber einen ständigen Machtkampf von politischen Persönlichkeiten um die Anerkennung und Realisierung ihrer individuellen Ideale.

Die gesellschaftliche Pathologie besteht für Weber nun genauer darin, dass ausgehend von der Buchführung im wirtschaftlichen Sektor, sowie der Bürokratie auf politischer Ebene, die Rationale Disziplin sich ausdehnt und auch in andere Bereiche der Gesellschaft übergreift. Die daraus folgenden „Versteinerungen“ sieht Weber Goethe zitierend als das Ende des „vollen und schönen Menschentums“[3]. „Der Puritaner wollte Berufsmensch sein, - wir müssen es sein.“ Laut Weber ist aus dem „dünnen Mantel“, der nach Baxter die Sorge um die äußeren Güter symbolisiert, ein „stahlhartes Gehäuse“ geworden, aus dem es kein Entrinnen gibt. Der Geist des Protestantismus ist, so Weber, aus diesem Gehäuse entwichen: „Der siegreiche Kapitalismus jedenfalls bedarf, seit er auf mechanischer Grundlage ruht, dieser Stütze nicht mehr. […] als ein Gespenst ehemals religiöser Glaubensinhalte geht der Gedanke der ‚Berufspflicht’ in unserem Leben um.“[4] Die Gefahr sieht Weber in der mangelnden Distanz zur Berufswelt. Gesteigerte Arbeitsteilung und Spezialisierung in den Fabriken, zu der uns der effiziente und industrialisierte Kapitalismus zwingt, bringen abstumpfende Routine mit sich, die den Horizont des Menschen begrenzt. Weber sieht also mit der unentwegten Einmischung der Rationalität in die Berufswelt eine Entwicklung begründet, die den Typus Mensch vom allseitigen Kulturmenschen, der sich im Besitz der vollen Entscheidungsgewalt über sein Leben befindet, hin zum „Fachmenschen ohne Geist“ dessen Leben und Denken vom Rationalitätsprinzip des Erwerbsstrebens beeinflusst und von der Kapitalistischen Wirtschaft und Bürokratie determiniert ist. Dem „Fachmensch ohne Geist“ steht an der entsprechenden Textstelle der „Genussmensch ohne Herz“ gegenüber, der den Sieger dieses Erwerbsstrebens darstellt. Die Gesellschaft wird hierbei radikal in zwei Entwicklungsformen menschlicher Typen gespalten. Die Vergrößerung der Kluft zwischen arm und reich stellt sich für Weber also als ein weiterer Effekt dieser gesellschaftlichen Entwicklungen ein.

Im Großen und Ganzen kann man Webers Befürchtungen wohl auf einen übermächtig werdenden industriellen Kapitalismus zusammenfassen, der den des Geistes beraubten Menschen für seine zwecke nutzt. Durch versteinerte Regelungen einer sich ausweitenden Bürokratie wird ein Eingreifen in diese Entwicklungen unmöglich. Diese deutlich negativen Bilder einer zukünftigen Entwicklung brachten Weber den Titel eines „Kulturpessimisten“ ein. Im weiteren Verlauf werden wir jedoch sehen, dass es auch gegenläufige Ansichten gibt und warum wir Webers Annahmen nicht so einfach stehen lassen sollten.

[...]


[1] Beispiel entnommen aus Winfried Lintzen

[2] Entnommen aus Marko Clausen

[3] Protestantische Ethik S.187

[4] Protestantische Ethik S.188

22 von 22 Seiten

Details

Titel
Bilder der Moderne, ausgehend von Max Webers „stahlhartem Gehäuse“ des Kapitalismus
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Sozial- und Verhaltenswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar über Weber und Durkheim
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V88248
ISBN (Buch)
9783668122970
Dateigröße
454 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bilder, Moderne, Webers, Gehäuse“, Kapitalismus, Seminar, Weber, Durkheim
Arbeit zitieren
Norbert Sander (Autor), 2006, Bilder der Moderne, ausgehend von Max Webers „stahlhartem Gehäuse“ des Kapitalismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88248

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