Ist Leistungsbeurteilung in der Schule sinnvoll?
Wozu das Ganze? Was sagen Noten überhaupt aus? Ist die Zensurengebung in Schulen heute fragwürdig oder gerecht? Wären nicht Wortzeugnisse oder Lernentwicklungsberichte besser? Wie sinnvoll sind zentrale Prüfungen?Und was können wir tun, damit Zensuren möglichst gerecht, objektiv und für Eltern, Lehrer und Schüler hilfreich und aussagekräftig werden?
Eine der Aufgaben, der sich Lehrer in ihrem Beruf häufig und intensiv widmen müssen, ist die Zensierung der von Schülern erbrachten Leistungen.
Betrachtet man die einschlägige Literatur zum Thema Leistungsbeurteilung, so stellt man fest, dass sich in der Vergangenheit bereits intensiv mit Problemen der Zensierungspraxis an den Schulen auseinandergesetzt wurde und dass Missstände gesucht, gefunden und angeklagt wurden. Bis in die siebziger Jahre hinein entstand, als Folge der vielen Veröffentlichungen und öffentlichen Diskussionen, ein Problembewusstsein um die „Fragwürdigkeit der Zensurengebung“ in der Bevölkerung.
Nach 1975 gab es jedoch wesentlich weniger Diskussionen über das Thema, und obwohl in der Fachliteratur inzwischen auf viele Lösungsmöglichkeiten für die damals bloßgestellten Probleme verwiesen wird, findet sich die Stimmung gegen Ziffernnoten, mit all den bis in die 1970er Jahre dargestellten Problemen, noch immer in vielen Veröffentlichungen und Programmen. Auf die vielen Verbesserungsvorschläge, die bis zum heutigen Tag gemacht wurden, wird kaum eingegangen.
Diese Arbeit reiht sich weder in die große Gruppe von Anklagen gegen die heutige Leistungsbewertung ein, noch verteidigt sie die Ziffernote als einzig richtige Möglichkeit. Es sollen Wege zur Verbesserung der Leistungsbeurteilung in der Schule dargestellt werden.
Dazu werden folgende Fragen beantwortet: Welche Funktionen sollen Leistungsbeurteilungen überhaupt erfüllen? Welche Probleme behindern die Erfüllung der Funktionen von Leistungsbeurteilung? Welche Mittel und Wege gibt es, diese Probleme zu vermeiden oder zu beseitigen?
Durch die Beantwortung dieser Fragen und in Exkuren zu Themen wie „Portfolio“, „Wortzeugnis“, „zentrale Prüfungen“ kommt Brunotte in seiner Arbeit zu einem Resümee, dass sich nicht mit der Kritik an der Zensurengebung zufrieden gibt, sondern konkrete Verbesserungsvorschläge macht und den aktuellen Stand der Forschung miteinbezieht.
Inhaltsverzeichnis
1 Problemumriss
2 Hintergrund und Begriffsklärung
2.1 Definition des Begriffes Leistung in der Schule
2.2 Definition des Begriffes Leistungsbeurteilung
2.3 Darstellung möglicher Bezugsrahmen für die Leistungsbewertung
2.4 Kurze Geschichte der Zensur
2.5 Darstellung des momentan verwendeten Systems der Leistungsbeurteilung
2.6 Darstellung der verschiedenen Skalentypen
3 Klärung des Ziels: Funktionen von Leistungsbeurteilung
3.1 Gesellschaftliche Funktionen von Leistungsbeurteilung
3.1.1 Anmerkungen zum Leistungsprinzip in der Gesellschaft
3.1.2 Die Berechtigungsfunktion
3.1.3 Die Funktion der Sozialisierung
3.2 Innerschulische Funktionen der Leistungsbeurteilung
3.2.1 Die Berichts- und Orientierungsfunktion
3.2.2 Die pädagogische Funktion
4 Kritik an der heutigen Leistungsbeurteilung
4.1 Kritik an der Objektivität heutiger Leistungsbeurteilung
4.1.1 Kritik an der Erfassung von Leistungen
4.1.2 Kritik an der Bewertung von Leistung
4.2 Kritik an der Aussagekraft von Leistungsbeurteilung
4.3 Kritik an den Nebenwirkungen von Leistungsbeurteilung
4.4 Kritik an der Validität von Leistungsbeurteilung
4.5 Kritik an der Leistungsschule allgemein
5 Verbesserungsmöglichkeiten
5.1 Anmerkungen zur Kritik an Leistungsbeurteilung
5.2 Verbesserung der Objektivität
5.2.1 Testerstellung
5.2.2 Objektivität bei der Erfassung von Leistungen
5.2.3 Objektive Bewertung
5.2.4 Exkurs: die direkte Leistungsvorlage (Portfolio) als objektivste Möglichkeit der Leistungsbeurteilung?
5.3 Verbesserung der Validität
5.4 Verbesserung der Reliabilität
5.5 Verbesserung der Aussagekraft von Leistungsbeurteilungen
5.5.1 Exkurs: Das Wortzeugnis als das aussagekräftigste Beurteilungsmittel?
5.6 Verbesserung der Auswirkungen von Zensuren auf die Schüler
5.6.1 Exkurs: Die Methode der Selbstbeurteilung
5.7 Integration der Diagnose in den Unterricht
5.8 Exkurs: Zentrale Prüfungen als Lösung?
6 Resümee
7 Anhang
7.1 Quellenangaben
7.2 Volltexte
7.3 Anmerkung zur Onlineversion
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht Wege zur Verbesserung der Leistungsbeurteilung in der Schule, wobei das primäre Ziel darin besteht, Funktionen von Leistungsbeurteilungen zu klären, bestehende Hindernisse und Kritikpunkte zu analysieren und forschungsbasierte Lösungsansätze für eine gerechtere und pädagogisch sinnvollere Praxis aufzuzeigen.
- Analyse des Leistungsbegriffs und der Funktionen von Leistungsbeurteilung
- Kritische Auseinandersetzung mit Zensuren und deren psychologischen sowie sozialen Nebenwirkungen
- Verbesserung der Gütekriterien Objektivität, Validität und Reliabilität
- Integration von Diagnosemöglichkeiten in den Unterricht
- Erörterung von Alternativen und Ergänzungen zur klassischen Zensurengebung
Auszug aus dem Buch
4.1.1 Kritik an der Erfassung von Leistungen
An der Erfassung von Leistungen wurde häufig Kritik geübt. Verschiedene Autoren verweisen auf eine Vielzahl subjektiver Einflüsse des Lehrers schon bei der Auswertung von Tests oder bei anderer Erfassung von Leistung (z.B. mündliche Tests, Beobachtungen im Unterricht). SACHER weist auf verschiedene Fehler hin, die bei der Leistungserfassung gemacht werden. Er nennt den Reihungsfehler, den logischen Fehler und den Halo-Effekt (SACHER 1996, 39).
Reihungsfehler entstehen aus dem Zusammenhang mit vorangehenden Urteilen. Ein Beispiel hierfür ist etwa der Lehrer, der sich Notizen über eine besonders gute mündliche Leistung eines Schülers macht, eine darauf folgende Leistung eines anderen Schülers aber weniger beachtet, weil diese nicht so gut war. Umgekehrt wird eine durchschnittliche Leistung oft besser bewertet, wenn ihr eine schlechte Leistung vorangeht. BECKER spricht von der Voreingenommenheit des Lehrers, dessen Urteil „unter dem Einfluß der Vornoten steht“ (BECKER in BECKER / VON HENTIG 1983, 12).
Als logischer Fehler wird das Ziehen von Schlussfolgerungen von einem Leistungsmerkmal auf ein anderes bezeichnet. Die Annahme etwa, dass ein Schüler, der in Mathematik gute Leistungen erbringt auch in Musik gut sei, wäre als logischer Fehler zu bezeichnen. Ebenso wird manchmal von guten mündlichen Leistungen auf gute Fähigkeiten beim Aufsatzschreiben geschlossen, oder von einem guten Gedächtnis auf eine allgemein hohe Intelligenz. Auch diese Erwartungen können unbewusst den Lehrer schon bei der Erfassung von Leistungen beeinflussen.
Beim Halo-Effekt wird die Wahrnehmung einzelner Merkmale durch den globalen Allgemeineindruck bestimmt. So werden Leistungen von Schülern, die z.B. einen unordentlichen Eindruck machen, oft als schlechter wahrgenommen, als sie objektiv gemessen wären. Bei einem Schüler mit guter Handschrift, ordentlicher Kleidung, höflichem Benehmen etc., kann hingegen der positive Gesamteindruck auch Schwächen überstrahlen. ZIEGENSPECK weist in diesem Zusammenhang auch auf das Repetentenproblem hin: „Sitzenbleiber (...) werden in allen Fächern und insbesondere in den Kopfzensuren signifikant ungünstiger beurteilt als altersgleiche Schüler“ (ZIEGENSPECK 1973, 101). Auch hier lässt sich annehmen, dass aufgrund des Gesamteindrucks des „schlechten“ Schülers vom Lehrer eher schlechtere Leistungen von dem Schüler erwartet werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Problemumriss: Einleitende Darstellung der Bedeutung der Leistungsbeurteilung und der historischen Entwicklung der Kritik an der Zensurpraxis.
2 Hintergrund und Begriffsklärung: Definition zentraler Begriffe wie Leistung, Leistungsbeurteilung und Darstellung verschiedener Skalentypen sowie Bezugsrahmen.
3 Klärung des Ziels: Funktionen von Leistungsbeurteilung: Untersuchung der gesellschaftlichen und innerschulischen Funktionen, einschließlich der Berechtigungs- und Sozialisierungsfunktion.
4 Kritik an der heutigen Leistungsbeurteilung: Detaillierte Analyse der Mängel hinsichtlich Objektivität, Validität, Aussagekraft und negativer Nebenwirkungen für Schüler.
5 Verbesserungsmöglichkeiten: Vorstellung konkreter Ansätze zur Steigerung der Qualität von Leistungsbeurteilungen, etwa durch objektivere Testverfahren und die Integration von Diagnose.
6 Resümee: Zusammenfassende Einschätzung der Notwendigkeit und der Verbesserungspotenziale von Leistungsbeurteilungen in der Schule.
7 Anhang: Quellenangaben und weiterführende Texte zur Thematik.
Schlüsselwörter
Leistungsbeurteilung, Schule, Zensuren, Ziffernnoten, Objektivität, Validität, Reliabilität, Leistungsbegriff, Pädagogik, Schulentwicklung, Diagnostik, Kompetenzen, Schüler, Lehrerurteil, Lernfortschritt
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit den Wegen zur Verbesserung der Leistungsbeurteilung in der Schule, analysiert den aktuellen Stand der Zensurpraxis und bewertet die Möglichkeiten einer objektiveren und gerechteren Beurteilung.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Funktionen von Noten, die Kritik an der aktuellen Zensurpraxis, die Gütekriterien der Leistungsbeurteilung sowie Methoden zur Steigerung der Qualität der Rückmeldung an Schüler.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, Wege aufzuzeigen, wie Leistungsbeurteilungen ihre gesellschaftlichen und pädagogischen Funktionen besser erfüllen können, ohne die negativen Auswirkungen auf Schüler zu verstärken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine systematische Analyse der einschlägigen fachwissenschaftlichen Literatur und einschlägiger bildungspolitischer Diskussionen zur Leistungsbeurteilung.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Klärung der Funktionen von Noten, die Kritik an deren Objektivität und Aussagekraft, sowie eine detaillierte Darstellung von Möglichkeiten zur Verbesserung dieser Kriterien.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Leistungsbeurteilung, Zensuren, Objektivität, Validität, Reliabilität, Diagnostik und pädagogische Rückmeldung.
Inwiefern beeinflussen Noten das soziale Klima in der Klasse?
Die Arbeit thematisiert, dass die Anwendung des klasseninternen Vergleichsmaßstabs oft Konkurrenzdenken fördert und das soziale Klima durch Rivalität negativ belasten kann.
Kann die „Direkte Leistungsvorlage“ (Portfolio) Zensuren ersetzen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass das Portfolio zwar eine Bereicherung darstellen kann, aber die gesellschaftliche Anforderung an Vergleichbarkeit und Berechtigung durch Ziffernnoten schwer vollständig ersetzen kann; eine Kombination beider Formen erscheint sinnvoller.
Warum wird die Kritik an der heutigen Leistungsschule als teilweise einseitig bezeichnet?
Der Autor argumentiert, dass oft alte Daten verwendet werden und die pauschale Ablehnung von Zensuren wichtige Funktionen wie die Berechtigungsfunktion ausblendet, anstatt nach konkreten, reparablen Verbesserungsmöglichkeiten zu suchen.
- Arbeit zitieren
- Oliver Brunotte (Autor:in), 2002, Wege zur Verbesserung der Leistungsbeurteilung in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/8836