Iphigenies konfliktreiche Verhaltensentwicklung als Frau in Johann Wolfgang von Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2016

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Bemerkung

2. Frauenrolle- historische Kontextuierung

3. Konstitution der Iphigenie

4. Figurenkonstellationen
4.1 Iphigenie undArkas
4.1.1 Iphigenie und die angekundigte Heirat
4.2 Iphigenie und Thoas
4.2.1 Unterschiedliche Rezeption des Frauengeschlechts
4.3 Iphigenie und Orest
4.3.1 Der schwache Mann?
4.3.2 Orest Erlosung

5. Analyse der Haltung Iphigenies
5.1 Dilemma und ihr Umgang mit der Flucht
5.2 Pylades und Iphigenie
5.3 Egozentrikerin im Humanistenpelz
5.4 Zum Gotterglauben Iphigenies
5.5 Gestandnis und Bekenntnis
5.6„IchhabenichtsalsWorte"

6. Deutung des Endes

7. Anmerkungen
7.1 Iphigenie als weibliche Reprasentantin
7.2 Parallelen zu Goethes Leben

8. Iphigenie die Heilung? Iphigenie die Hoffnung! Ein Fazit

9. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen

Iphigenie auf Tauris, ein sowohl formal, als auch inhaltlich an Aristoteles und die Antike angelehntes Drama von Johann Wolfgang von Goethe, das 1779 vom Autor in seinem ersten Jahrzehnt in Weimar verfasst und 1786 in Versform aktualisiert wurde. Ein Klassiker in Bucherregalen und auf Theaterbuhnen. Aber ist es auch ein groBes humanistisch-padagogischesLehrstuck?

Geradezu einig war man sich jahrelang urn die,, klassisch- humanistische" Deutung der Iphigenie, deren „Lesart lange unbezweifelt" 1 blieb. Die Komponente der inneren Konflikte der Protagonistin blieben oft im Dunkeln, dabei scheint es fast unmoglich bei der Analyse der Iphigenie nicht iiber unschlussige Muster und Motive zu stolpern. Iphigenie als Heilerin und heilspendende, humanistische Heroine zu deklarieren simplifiziert ihren vielschichtigen Charakter in allzu euphorischer Manier. In der vorliegenden Arbeit mochte ich anhand der Untersuchung der Kommunikation und des Verhaltens Iphigenies widerspriichliches, konfliktreiches Inneres zum Gegenstand der Interpretation machen. Dabei werde ich mich kritisch mit der Frage auseinandersetzen, wie sich Iphigenie als Mensch, vor allem aber als Frau den Konflikten ihres Daseins und den Konzepten des idealisierten Frauenbildes stellt. Meine Arbeit wird zunachst Iphigenies Ausgangskonstitution erlautern, darauf folgt die Untersuchung der Figurenkonstellationen in Verknupfung verschiedener Deutungsansatze einschlagiger Sekundarliteraten und wird abschlieBend in einem personlichen Fazit munden.

2. Frauenrolle: Historische Kontextuierung

„Das normgerechte Leben der Frau, Mutterschaft, Ehe, Sorge fur den Mann, erklart Iphigenie fur unnutz, ein bloBes schattenhaftes Scheinleben. Eine so rigorose Ablehnung des weiblichen Daseins, im fruhen Griechentum naturlich undenkbar, wird auch in der Aufklarungsepoche vorher kaum zu finden sein." 2

Urn Iphigenies Handeln und Denken zu analysieren, muss zunachst auf die historische Kontextuierung hingewiesen werden. Sowohl in der Antike als auch zu Goethes Lebzeiten, ist die Rolle der Frau gesellschaftlich determiniert; ihr werden „klassische'' weibliche Aufgabe, wie das Umsorgen der Familie, die Gestaltung des hauslichen Lebens, die Kindererziehung und die Funktion als emotionale Stutze zugewiesen. Sie ist in der Geschlechter- Hierarchie dem Mann grundsatzlich unterlegen und von ihm abhangig.

3. Konstitution der Iphigenie

Der erste Auftritt fuhrt einleitend in die faktische Ausgangsituation und innere Seelenwelt Iphigenies ein. Iphigenie ist Griechin, Tochter des Agamemnon und der Klytamnastra. Seit ihrer Rettung durch die Gottin Diana dient sie ihrer Helferin in ihrem Hain auf Tauris. Da sie zum Geschlecht des Tantalus gehort, ist sowohl sie, als auch die gesamte Familie von einem Fluch heimgesucht, der zu Morden innerhalb der Familie verleitet. Auf Tauris hadert Iphigenie mit ihrem Schicksal, zwar ist sie ihrer Retterin Diana als Priesterin horig und folgsam, doch ihre Liebe gilt Griechenland, ihrem Zuhause, welches sie in ihrer bitterlichen Sehnsucht zu idealisieren weifi; Griechenland als Ort der Kindheit, in welcher sie in Jenem unwiederbringlichen gesellschaftlichen Jenseits, in dem die Heranwachsende ihre geschlechterspezifische Bedeutungslosigkeit noch nicht leidvoll hat erfahren mussen." 3 weilen hat konnen.

Im Prolog, der zugleich Monolog ist, konstatiert sie nicht nur ihren Trennungsschmerz, „Denn ach mich trennt das Meer von den Geliebten" 4, sondern erwahnt auch den Zusammenhang ihrer innerlichen Zerrissenheit mit ihrer Position als Frau. Ein erstes Indiz auf die Verquickung beider Faktoren; Iphigenie leidet nicht nur als Mensch, sie leidet vor allem als Frau:

„Der Frauen Zustand ist beklagenswert. Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann / Und in der Fremde weifi er sich zu helfen. Ihn freuet der Besitz; ihn kront der Sieg Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. Wie eng gebunden ist des Weibes Gluck! Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen, Ist Pflicht und Trost; wie elend, wenn sie gar ein feindliches Schicksal in die Feme treibt!" 5

Eindeutig schildert Iphigenie in dem vorangegangenen Zitat, die dichotome und unausgeglichene Lebensgestaltung der beiden Geschlechter; wahrend dem Mann immer die Moglichkeit zum Kampf, zur physischen Auseinandersetzung gegeben ist, ist die Frau abhangig von Erflogen und Misserfolgen, von dem vorhandenen und nicht vorhandenen Besitz des Mannes. Der Mangel an Freiheit ist fur sie an zwei Faktoren gekniipft; zum einen an ihre akuten Lebensumstande, die Unfreiheit im Exil, zum anderen jedoch die Unfreiheit als Frau Apriori. Selbst bei einer Riickkehr in ihre Heimat, ware der Einengungszustand als Frau nicht iiberwunden. Ist Iphigenie zur Unfreiheit verdammt?

Als Fazit der Exposition bleibt festzuhalten, dass Iphigenie sich der Diskrepanz der Geschlechterrollen und damit auch ihrem konkreten Schicksal bewusst ist, dieses Wissen ist maBgeblich fur die weiteren Erorterungsschritte, sie sind das Erkenntnis Fundament von dem wir ausgehen miissen, wenn wir Iphigenie als Frau in ihrer Entwicklung verstehen wollen.

4. Figurenkonstellationen

4.1 Iphigenie und Arkas

Iphigenies erste Interaktion erfolgt mit Arkas, der Bote und Vertraute Thoas'. Er mochte Thoas den Weg zu einem Heiratsantrag ebnen und Iphigenie auf eben diesen vorbereiten. Die Konversation der beiden gibt Aufschluss iiber Iphigenies Empfinden und Verhalten. Geradezu indifferent und unbearbeitet erscheint der Schmerz Iphigenies iiber den Verlust der Heimat und die Trennung von ihrer Familie, ihre innere Zerrissenheit ist auch mit einem kindlichen Verlustschmerz gepaart, der ihr das Ertragen der Situation unmoglich macht. Das allerdings veranschaulicht auch, wie urspriinglich-kindlich ihrer Gefiihle sich darstellen; ohne die Verbindung zu ihrer Familie kann sie das Gliick nicht wahrnehmen. Iphigenie ist nicht ur-autonom, sondern auch kindlich emotional. „(...) leider fasste da ein fremder Fluch mich an und trennte mich von den Geliebten und riss das das schone Band mit eh'rner Faust entzwei. Sie war dahin der Jugend bester Freude, das Gedeihn Der ersten Jahre." 6

Ihre Aussage gibt spannendes Preis; durch die friihe ihr, aufgrund von traumatischen Ereignissen, widerfahrene Trennung der Familie ist sie erziehungsbedingt weitestgehend unbeeinflusst. Zwar gibt es immer wieder Hinweise auf eine kindliche Vergangenheit (Glorifizierung des Vaters, Parcenlied, etc.), allerdings muss die These, dass ihre innere Haltung aus ihr selbst geboren und entstanden ist hier unbedingt eingeworfen werden. Iphigenies Verhalten ist ein nahezu autodidaktisches Kunstwerk, dass die Diskussion iiber Erziehung und Herkunft sicherlich fruchtbar machen wurde, fur deren Auseinandersetzung der Rahmen dieser Arbeit allerdings gesprengt werden wurde.

Iphigenies Bewusstsein geht weit iiber das einer stummen Gottesdienerin hinaus:

„Frei atmen macht das Leben nicht allein. Welch Leben ist's, das an heiliger Statte, gleich einem Schatten urn sein eigen Grab, ich nur vertrauen muss?[...] Ein unniitz Leben ist ein friiher Tod; Dies Frauenschicksal ist vor alien meins" 7

Zwischen Dankbarkeit fur die Rettung durch die Gottin und innerer Umtriebigkeit, empfindet Iphigenie hauptsachlich die Sinnlosigkeit des Lebens, wenn das Leben ohne geistige Erfiillung gelebt wird. Ein eindeutiger Interpretationsschritt zwischen unerfiillter Existenz und tatsachlichem bewusstem Leben, Iphigenie ist also nicht willens in gleichmiitiger Akzeptanz ihr Dasein zu fristen. Ein Selbstermachtigungsgedanke, dem ein Handlungsimpuls vorangegangen sein muss.

Der Begriff „Frauenschicksal" eroffnet den Blickwinkel auf eine groBere Dimension; Iphigenies Schicksal ist nicht nur individuell und privat, sondern mehrdimensional und kollektiv. Allerdings ist es vor alien ihres, was fur ihr aufgeklartes, das eigene Ich in den Mittelpunkt und Vordergrund stellendes Wesen spricht. 8

Iphigenie nimmt sich selbst als wertvoll und nachdenkswert wahr. Ohne das Bewusstsein iiber ihren eigenen Charakter und ihre Lebenslage konnte sie sich nicht selbst analysieren und bemitleiden. Der verbalen Analyse geht immer ein Gefiihl voraus, dass nur durch die Fahigkeit der Abstrahierung und Kontextuierung einen Weg ins Gesprochene finden kann.

4.1.1 Iphigenie und die angekundigte Heirat

Iphigenies geradezu panische Reaktion auf Arkas Verkundung der geplanten Heirat, scheint aus einer inneren Abwehrhaltung gegen eine sexuelle Verbindung mit Thoas herzuriihren. Sie wehrt sich vehement gegen eine Verbindung und baut auf den Schutz Dianas. Iphigenie, die sich als Jungfrau bezeichnet 9 furchtet einen korperlich-sexuellen Kontakt. Es ist wahrscheinlich, dass Thoas nicht nur als gewaltbringender Barbar eine Gefahr fur Iphigenies Unversehrtheit darstellt, sondern auch als Vater-Figur, den Weg in eine partnerschaftlich- sexuelle Beziehung niemals hatte gehen konnen.

Die Thematik der Jungfraulichkeit Iphigenies ist vielzitiertes Motiv der Sekundarliteratur. Die Deutungsabsicht und Ubertragbarkeit auf die gesellschaftlichen Diskrepanzen, sei hier nur am Rande erwahnt 10:„Die Jungfrau als Inkarnation von Tugend-mit diesem Emblem prangert das Burgertum die Unmoral des Adels an." 11

Iphigenies Ablehnung des Heiratsantrages darf jedoch nicht als Indiz fur ihre Asexualtitat gelesen werden, so wie es in etlichen Quellen der Sekundarliteraturen vorzufinden ist; Ihre Ablehnung des Barbarenkonigs ist nicht Zeugnis einer kategorischen Liebesunfahigkeit oder Asexualtitat, sondern darf als Protest verstanden werden, als personliche Ablehnung, resultierend aus einer personlichen Haltung und einer nicht vorhandenen emotionalen Bindung zu Thoas. Des Weiteren durfen die Beweggriinde Thoas Iphigenie zu ehelichen nicht verklart oder romantisiert werden, neben einer generellen Zuneigung, braucht Thoas „einen mannlichen Nachkommen-die Ehe hat staatspolitischen Hintergrund." 12 Ganz uneigennutzig und der reinen Zuneigung geschuldet ist sein Antrag also nicht, die Lesart der kategorischen Asexualtitat resultierend aus der Ablehnung eines Mannes, ist hier meines Erachtens dem Blick durch die hetero-normative Linse geschuldet, denn „auch den Vertreter neuer kritischen Literaturwissenschaft scheint es schwerzufallen, Protest und Weiblichkeit als Einheit zu denken." 13

Interessant ist ebenfalls zu erwahnen, was Arkas sich von einer Heirat der beiden erhofft, dabei steht Iphigenies heilsamer und zum besseren korrigierender Einfluss im Vordergrund. Nach ihrer Ankunft auf Tauris wurden die Menschenopfer, die Thoas, der Konig der Barbaren, zu opfern pflegte, eingestellt. Das Volk ist urn die neugewonnene Barmherzigkeit 14 des Konigs dankbar, eine Heirat wurde den Konig davor bewahren, dass Unmut in seiner Brust wachse 15.

Die Frau dient hier vor allem als weiches und gewaltverneinend und vermeidendes Geschopf, sie kann durch ihre Feinheit und ihr Geschick die Wege des Mannes leiten, ja sogar verandern: „Ein edler Mann wird durch ein gutes Wort der Frauen weit gefuhrt." 16 Diese Beobachtung deckt sich mit Iphigenies Wahrnehmung (s.o). Dabei wird die Frau allerdings niemals aus der passiven Position befreit, sie sat vielleicht das gute, doch ernten tut es der Mann.

4.2 Iphigenie und Thoas

Iphigenie wagt Pflicht und Neigung ab und mochte Thoas, dem Konig der Taurer, ihren Segen und ein gutes Wort geben, urn den Schmerz des Verlusts seines Sohnes und das wachsende Misstrauen gegenuber seinem Volke zu lindern. Diese Tat mag durchaus als Kompensationsleistung fur das geplante Ablehnen des Heiratsantrages verstanden werden. Iphigenie allerdings, kommt tatsachlich ihren gottlichen Pflichten nach, ohne sie mit der just erlebten Panik zu vermischen. Sie tut, was sie tun kann. Diese Eigenschaft ist tugendhaft und sie festigt die gegebenen Machtverhaltnisse der beiden Akteure; Iphigenie, die Stellvertreterin der Gottin (sakral), die ihm Segen spendet und Thoas, der Konig (profan), der ihr Sicherheit gewahrt. Sie begegnen sich nicht auf einer Liebesebene, sondern stehen viel mehr in einem Abhangigkeitsverhaltnis zueinander. Iphigenie reagiert auf Thoas Werben mit ausweichender Rede. Thoas, der eine Heirat als Gegenleistung fur seinen Schutz und sein Vertrauen interpretiert wird von Iphigenie geradezu rhetorisch- raffiniert abgelehnt. Iphigenie wahlt weder den Weg des geringsten Widerstands, der in eine Heirat munden wiirde, noch agiert sie offensiv oder beleidigend, vielmehr windet sie sich taktisch ausweichend aus der Situation, in dem sie Arkas von ihrer familiaren Herkunft und dem, auf ihr liegenden Fluch berichtet.

Ihre Ablehnung und ihr Dagegenhalten haben triftige Griinde; zum einen impliziert ihr Schicksal, der Frauenraub, nicht nur „den erzwungenen Ortswechsel, sondern beinhaltet als wesentliches Motiv den sexuellen MiBbrauch, der durch den Raub vollig recht-undschutzlosgewordeneFrau." 17 Da erscheint es verstandlich, dass sie sich bemuht die schauerlichen Familien Fakten als ultimo ratio zu gebrauchen, die das finale Argument gegen sie als potenzielle Frau fur Thoas darstellt. Thoas ist zwar erstaunt iiber Iphigenies Familienkonstellation, bleibt aber seinem Wunsch sie zu ehelichen treu. Iphigenie wendet sich in diesem Moment wieder an ihre gottliche Mentorin Diana, deren Macht und Recht auf ihr „geweihtes Leben" 18 sie fur groBer halt, als ihr eigenes Handeln.

Diese vermeintliche Gottesabhangigkeit mochte ich hier zumindest den Versuch der Entlarvung gegenuberstellen; In dieser Aussage uberwiegt Iphigenies Taktik, der tatsachlichen Wahrheit. Die Regeln von Gottern und Gottinnen sind superier denen des Menschen, und dementsprechend ist ihnen Folge zu leisten, sich ihrer Regeln zu bemachtigen ist einerseits Unterwurfigkeit, andererseits Verantwortungslosigkeit. Iphigenie bemachtigt sich dieser Taktik, nicht nur, urn auszuweichen, sondern, urn ihrem Anliegen mehr Glaubwurdigkeit und Starke zu verleihen. Die Gotter dienen ihr als Alibi und werden geradezu als ein solches instrumentalisiert.

Ein weiteres Argument gegen die Heirat ist, fur den Verlauf des Dramas, ein ebenso fruchtbares: Iphigenie hofft auf die potenzielle Moglichkeit wieder zuriick nach Griechenland zu kommen: „Vielleicht ist mir die frohe Ruckkehr nah" 19 Dieses, ihr so wichtiges Anliegen, kann sie nicht uberwinden, es ist Teil ihrer Zukunftshoffnung und Ausdruck ihrer Sehnsucht. Dieser Wunsch hat sich in ihr derart manifestiert, dass ein Ubergehen oder Verleugnen, dem Selbstbetrug gleichkame.

Rhetorisch geschickt schafft sie es ihr Nein zur Heirat als gottgegeben zu verkaufen; „Und hier danke ich den Gottern, dass sie mir die Festigkeit gegeben, dieses Bundnis nicht einzugehen, das sie nicht gebilligt." 20 Thoas entlarvt, enttarnt, vermutet, dass Iphigenies eigenes Herz gegen eine Heirat ist, „Es spricht kein Gott, es spricht dein eignes Herz" 21 und es sich bei der Zuhilfenahme der gottlichen Determinierung nur um eine Vortauschung handelt. „Sie reden nur durch unser Herz zu uns" 22, Iphigenies Antwort beinhaltet ein enormes analytisches Bewusstsein; nicht nur, dass sie an ihre Gotter und deren Willen glaubt, sondern noch viel mehr, dass sie eine Einheit aus dem gottlichen Willen und ihrer eigenen Wahrnehmung formieren kann. Nur was eine Andockstelle im eigenen Herzen findet, kann gottlich vorhergesehen sein. Nur durch die Ruckbesinnung auf die immanenten, eigenen Gefuhle kann ein Kontakt zum Gottlichen hergestellt werden. Was die Frage aufwirft, ob es sich dabei nicht um ein singulares Gefuhl handelt, namlich nur das, aus dem Menschen selbst hervorgerufene. Ist Gott damit obsolet? Ist Iphigenies Gottesfurcht eigentlich nur ein Glaube an sie selbst? Missbraucht sie die Aussage, um ihrer menschlichen Argumentation eine gottliche folgen zu lassen?

Thoas Unfahigkeit mit der Ablehnung umzugehen resultiert in der Aussage: „Doch sollt ich's auch erwarten, wuBt ich nicht, DaB ich mit einem Weibe handeln ging" 23 Die Diffamierung des weiblichen Geschlechts ist sicherlich auf der fur ihn verletzende Ablehnung zuriickzufuhren, statt verstandnisvoll oder vernunftbegabt zu agieren, lasst Thoas seinen Unmut ungezugelt hinaus und verlangt die Wiedereinfuhrung der Menschenopfer. Dabei bedient er sich den weiblich konnotierten Impulsen. Die Misere in der sich Iphigenie befindet wird pointiert an folgendem Zitat deutlich:

„Diese (Iphigenie, H.G) steht nun vor der Wahl sich entweder einem ungeliebten Mann hinzugeben oder zur Morderin an zwei- ihr zunachst fremden- Menschen zu werden." 24

[...]


1 Liewerscheidt, Dieter: Goethes Iphigenie: nicht "rein", nicht autonom - eine Selbstbehauptungskiinstlerin In: Wirkendes Wort 60 (2011),S. 2.

2 Wolfdietrich Rasch, Goethes «Iphigenie auf Tauris» als Drama der Autonomie, Miinchen 1979, S. 15 f.

3 Willim, Petra: So frei geboren wie ein Mam?: Frauengestalten im Werk Goethes - Konigstein : Helmer 1997. S. 99.

4 Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Reclam. Stuttgart, Vers 10. Ebd.Vers24ff

5 Ebd. Vers 83

6 Ebd. Vers 83

7 Ebd.Versl06ff.

8 Willim, Petra: So frei geboren wie ein Mann?: Frauengestalten im Werk Goethes - Konigstein : Helmer 1997. S. 108: „Indem Iphigenies Empfindung die herausragende Bedeutung beigemessen wird, unerlaBlicher Ausgangspunkt jeglicher Reflexion- auch der moralphilosophischen- zu sein, erweist sich die Figur als typisches Kind der Spataufklarung."

9 Vgl. : Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Reclam. Stuttgart, Vers 200

10 Hinweis auf ahnliche Jungfraulichkeitsmotive des Biirgerliche Trauerspiel, zum Beispiel Emilia Galotti nEbd.S.130

11 Hinweis auf ahnliche Jungfraulichkeitsmotive des Biirgerliche Trauerspiel, zum Beispiel Emilia Galotti nEbd.S.130

12 Willim, Petra: So frei geboren wie ein Mann?: Frauengestalten im Werk Goethes - Konigstein : Helmer 1997. S. 109.

13 Ebd. S. 88

14 Vgl. : Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Reclam. Stuttgart, Vers 132ff.

15 Ebd.

16 Ebd. Vers 213f

17 Willim, Petra: So frei geboren wie ein Mann?: Frauengestalten im Werk Goethes - Konigstein : Helmer 1997. S. 101.

18 Johann Wolfgang von Goethe: Iphigenie auf Tauris. Reclam. Stuttgart, Vers 439.

19 Ebd. Vers 444.

20 Ebd. Vers 490.

21 Ebd. Vers 493.

22 Ebd. Vers 494.

23 Ebd. Vers 480

24 Willim, Petra: So frei geboren wie ein Mann?: Frauengestalten im Werk Goethes - Konigstein : Helmer 1997. S. 112

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Iphigenies konfliktreiche Verhaltensentwicklung als Frau in Johann Wolfgang von Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris"
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Literaturgeschichte II (1600-1850): Goethes erstes Weimarer Jahrzehnt)
Note
1,7
Autor
Jahr
2016
Seiten
25
Katalognummer
V886734
ISBN (eBook)
9783346177957
ISBN (Buch)
9783346177964
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Iphigenie, Feministische Litertaturanalyse, Figurenanalyse, Goethe
Arbeit zitieren
Hannah Grünewald (Autor), 2016, Iphigenies konfliktreiche Verhaltensentwicklung als Frau in Johann Wolfgang von Goethes Drama "Iphigenie auf Tauris", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/886734

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