„Ambulant vor stationär“ - so lautet eines der Grundprinzipien der 1995 als fünfte Säule des Sozialversicherungssystems eingeführten Pflegeversicherung. Unter diesem Leitsatz werden verschiedene Instrumente zur Förderung ambulanter Versorgungskonzepte subsumiert. Der mit der aktuellen Altersentwicklung verbundene Anstieg von Multimorbidität und demenziellen Erkrankungsbildern wird inzwischen von zahlreichen Teilsystemen der Gesellschaft als eine der größten Herausforderungen für die kommenden Jahrzehnte realisiert. Dabei hat sich im Diskurs um die Versorgung der wachsenden Anzahl alter und hochaltriger pflegebedürftiger Menschen eine deutliche Stärkung ambulanter Strukturen durchgesetzt.
Ein Motiv für die Präferenz ambulanter Konzepte ist die Suche nach Lösungen für den steigenden Kostendruck, der aus der rasanten Zunahme der Lebenslage „Pflegebedürftigkeit“ resultiert. Dabei wird seitens der Entscheidungsträger der Institution „Familie“ als Ressource für häusliche Versorgung und Betreuungsleistungen die größte Bedeutung zugeschrieben. Familienangehörige sind innerhalb der Pflegelandschaft nach wie vor die wichtigsten Leistungserbringer. Trotz sich wandelnder Familienstrukturen und veränderten weiblichen Erwerbsbiografien steigt infolge des demografischen Trends die absolute Anzahl der häuslichen Pflegearrangements seit Jahren kontinuierlich an.
Oftmals investieren Angehörige über Jahre hinweg ein enormes Maß an Zeit, Kraft und Energie für die Versorgung des Pflegebedürftigen. Eigene Bedürfnisse und Interessen werden nur noch reduziert bzw. gar nicht mehr gelebt und die Sorge um den Pflegebedürftigen kann sich zum alltagsbestimmenden Thema entwickeln.
Bisweilen kann die Diskrepanz zwischen Pflegeaufwand und eigenen Ressourcen für pflegende Angehörige so groß werden, dass trotz Ausschöpfung ambulanter Hilfsangebote ein Umzug des Pflegebedürftigen in eine vollstationäre Einrichtung als Lösungsoption angebracht erscheint.
Die forschungsleitende Frage in der vorliegenden Diplomarbeit ist die Frage nach der Erlebensperspektive der pflegenden Angehörigen bei der Umstellung eines ambulanten auf ein stationäres Pflegesetting sowie nach den Konsequenzen, die sich daraus für den Auftrag der Sozialen Arbeit in stationären Einrichtungen ergeben.
Inhaltsverzeichnis
EINLEITUNG
TEIL I „DIE FAMILIE IST DER GRÖßTE PFLEGEDIENST DER NATION“ – WER SIND DIE LEISTUNGSERBRINGER HÄUSLICHER ALTEN- UND KRANKENPFLEGE UND WEN PFLEGEN SIE?
1 „Pflegende Angehörige“
1.1 Begriffsklärung
1.2 Profil der Pflegenden
2 „Pflegebedürftige“
2.1. Begriffsklärung
2.2 Profil der Pflegebedüftigen
TEIL II ANLAGE UND METHODIK DER EMPIRISCHEN UNTERSUCHUNG
3 Fragestellung
4 Forschungsdesign: Einzelfallanalyse
5 Feldzugang
6 Datenerhebung: Leitfadengestütztes, problemzentriertes Interview
7 Leitfaden
8 Datenauswertung: Qualitative Inhaltsanalyse auf der Basis der kommentierten Transkription
9 Darstellung der Interviewergebnisse
TEIL III DER UMZUG DES PFLEGEBEDÜRFTIGEN INS PFLEGEHEIM IM SPANNUNGSFELD ZWISCHEN VERLUSTERFAHRUNG UND CHANCE: ERFAHRUNGEN VON PFLEGENDEN ANGEHÖRIGEN DARSTELLUNG DER UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE
10 Die Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger in häuslichen Pflegearrangements
10.1 Pflegealltag, Belastungserleben
10.1.1 Erfahrungen aus der Alltagssituation pflegender Angehöriger
10.1.2. Belastungserleben im Zusammenhang mit der häuslichen Pflegesituation
10.1.2.1. Gesundheitliche Situation
11.1.2.2. Finanzielle Situation
11.1.2.3. Soziale Situation
11.1.2.4. Psychische Situation
11.1.2.5. Positive Aspekte der Pflege
11.1.3. Entlastende Faktoren innerhalb der häuslichen Pflegesituation
11.1.3.1. Nutzung von professionellen Unterstützungs- und Hilfsangeboten
11.1.3.2. Informelle Entlastungfaktoren und Ressourcen
11.2. Motive für die Betreuungsübernahme und Pflege
11.2.1. Sozial-normative Verpflichtung
11.2.2. Emotionale Bindung
11.2.3. Mangelnde Alternativen
11.2.4. Materielle Motive
11.2.5. Familiärer Druck
11.2.6. Sinnstiftung und Glaubensüberzeugung
11.3. Beziehungsqualität innerhalb der häuslichen Pflegesituation
11.3.1. Beziehungsqualität zwischen Pflegenden und Pflegebedürftigen
11.3.2. Beziehungsqualität innerhalb des Familiensystems
11.4. Zusammenfassung
12. Entscheidung für das Pflegeheim als adäquate Versorgungsform
12.1. Beweggründe für die Beendigung der häuslichen Versorgung
12.2. Akteure des Entscheidungsprozesses
12.2.1. Pflegebedürftige
12.2.2. Soziales Umfeld
12.2.3. Hausärzte
12.2.4. Nichtmedizinische professionelle Beratungsinstanzen
12.3. Emotionen im Zusammenhang mit der Entscheidungsfindung
12.3.1. Gefühle bei den Angehörigen
12.3.1.1. Verdrängung
12.3.1.2. Trauer
12.3.1.3. Schuldgefühle
12.3.1.4. Kontrollverlust und Hilflosigkeit
12.3.1.5. Versagensgefühle
12.3.1.6. Druck
12.3.1.7. Unsicherheit/Zweifel
12.3.1.8. Hoffnung auf Entlastung
12.3.2. Gefühle bei den Pflegebedürftigen
12.4. Gründe für die Auswahl der konkreten Einrichtung
12.5. Alternative Lösungsoptionen
12.6. Zusammenfassung
13. Umstellungsphase von der häuslichen Pflege auf die stationäre Versorgung
13.1. Aufnahmesituation
13.1.1. Ansprechpartner beim Einzug
13.2. Subjektives Erleben des Einzugstags
13.2.1. Atmosphäre und Emotionen beim Umzug
13.2.2. Entlastende Faktoren am Einzugstag
13.3. Umstellungsphase und Neuorientierung des Pflegenden Angehörigen
13.3.1. Emotionen in der ersten Zeit nach Beendigung der häuslichen Pflegesituation
13.3.2. Integration des Pflegebedürftigen ins Heim
13.3.3. Entlastende Faktoren und Unterstützung während der Umstellungsphase
13.4. Zusammenfassung
14. Die stationäre Einrichtung als Teil der Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger
14.1. Konsequenzen des Umzugs ins Pflegeheim für das Alltagserleben des Pflegenden Angehörigen
14.1.1. Kontakt zum Pflegebedürftigen – Besuchsgewohnheiten
14.1.2. Emotionen im Zusammenhang mit aktueller Pflegesituation
14.1.3. Entlastung in der aktuellen Lebenssituation
14.2. Beziehungsqualität pflegender Angehöriger/Pflegebedürftiger im Kontext der stationären Versorgung
14.3. Kontakt und Beziehungsqualität pflegender Angehöriger – Mitarbeiter im Heim/ Integration des Pflegenden Angehörigen in den Wohnbereichsalltag
14.3.1. Zufriedenheit mit Pflegequalität und Atmosphäre in der Einrichtung
14.3.2. Kommunikation und Beziehungsqualität mit Mitarbeitern
14.3.3. Integration in den Wohnbereichsalltag und Übernahme von Aufgaben
14.5. Partizipationsmöglichkeiten für Angehörige
14.5.1. Bereitstellung von Angeboten für Angehörige und deren Nutzung
14.5.2. Mitbestimmungs- und Mitgestaltungsmöglichkeiten für Angehörige
14.6. Kontakt zum Sozialdienst und Inanspruchnahme entsprechender Angebote
14.7. Ideen, Visionen, Anregungen
14.8. Zusammenfassung
TEIL IV ANGEHÖRIGENARBEIT ALS AUFTRAG DER SOZIALEN ARBEIT IN PFLEGEHEIMEN
16. Verortung der Sozialen Arbeit innerhalb der Angehörigenarbeit
17. Ziele und Handlungsangebote des Sozialdienstes in der Angehörigenarbeit als Konsequenz aus der Untersuchung
SCHLUSSFOLGERUNGEN UND AUSBLICK
LITERATUR
Literaturverzeichnis
Internetquellen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Erlebensperspektive pflegender Angehöriger bei der Umstellung eines ambulanten auf ein stationäres Pflegesetting sowie die daraus resultierenden Konsequenzen für den Auftrag der Sozialen Arbeit in stationären Einrichtungen.
- Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger in häuslichen Pflegearrangements
- Entscheidungsprozesse und Beweggründe für den Umzug in ein Pflegeheim
- Emotionale Erfahrungen und Belastungserleben bei der Umstellung auf stationäre Pflege
- Integration in den Wohnbereichsalltag und Partizipationsmöglichkeiten
- Handlungsaufträge für die Soziale Arbeit in der stationären Angehörigenarbeit
Auszug aus dem Buch
10.1.2. Belastungserleben im Zusammenhang mit der häuslichen Pflegesituation
Die Pflege eines Angehörigen ist in der Regel mit einem hohen zeitlichen Betreuungsaufwand verbunden. Durchschnittlich 36,7 Stunden werden von der Hauptpflegeperson wöchentlich für die Versorgung des Pflegebedürftigen aufgewendet. Dabei ist zu beachten, dass die Belastung je nach Grad der Pflegebedürftigkeit und kognitiver Situation des Hilfsbedürftigen sehr variiert. In Pflegestufe 3 eingestufte Menschen mit kognitiven Einschränkungen benötigen z.B. einen durchschnittlichen Betreuungsaufwand von knapp 62 Stunden (vgl. MuG III/ Wahl, 2005, 78). Neben der Pflegetätigkeit ist ein großer Teil der Angehörigen außerdem noch für Haushalts- und Erziehungsarbeit verantwortlich bzw. geht einer Erwerbstätigkeit nach.
Die Auswirkungen dieser vielfältigen Belastungen zeigen sich in verschiedenen Aspekten der Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger. Gesundheitliche Beeinträchtigungen, finanzielle Probleme, soziale und psychische Schwierigkeiten sind wesentliche Kategorien, in welchen sich die Belastungen manifestieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1 „Pflegende Angehörige“: Dieser Abschnitt definiert den Begriff der pflegenden Angehörigen im Kontext der Arbeit und erstellt ein soziodemografisches Profil der Pflegenden in Deutschland.
2 „Pflegebedürftige“: Hier wird der Begriff der Pflegebedürftigkeit erläutert und das Profil der pflegebedürftigen Menschen sowie deren Versorgungssituation in Deutschland dargestellt.
3 Fragestellung: Das Kapitel formuliert das Ziel der empirischen Untersuchung, die Erlebnisse pflegender Angehöriger bei der Beendigung des Pflegeverhältnisses zu erfassen.
4 Forschungsdesign: Einzelfallanalyse: Es wird begründet, warum die Einzelfallanalyse als qualitative Forschungsmethode zur Untersuchung dieser sensiblen Thematik gewählt wurde.
5 Feldzugang: Dieses Kapitel erläutert, wie der Zugang zu den Gesprächspartnern über verschiedene institutionelle und private Kanäle gewonnen wurde.
6 Datenerhebung: Leitfadengestütztes, problemzentriertes Interview: Das gewählte Erhebungsinstrument wird beschrieben und die Eignung der problemzentrierten Befragung für theoriegeleitete Forschungsprozesse dargelegt.
7 Leitfaden: Der Aufbau des Interviewleitfadens wird skizziert, welcher die Pflegesituation in chronologisch strukturierten Themenkomplexen erfasst.
8 Datenauswertung: Qualitative Inhaltsanalyse auf der Basis der kommentierten Transkription: Die methodische Vorgehensweise bei der Aufbereitung und Auswertung der Interviewdaten nach Mayring wird dargelegt.
9 Darstellung der Interviewergebnisse: Es wird erklärt, wie die Ergebnisse aus den Interviews nach den im Leitfaden definierten Dimensionen strukturiert und analysiert werden.
10 Die Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger in häuslichen Pflegearrangements: Dieses Kapitel beleuchtet detailliert das Belastungserleben, die Gesundheit, die soziale Situation und die Motive pflegender Angehöriger vor dem Heimzug.
12. Entscheidung für das Pflegeheim als adäquate Versorgungsform: Der Entscheidungsprozess vom Auftreten der ersten Grenzen in der häuslichen Versorgung bis hin zur Auswahl der stationären Einrichtung wird analysiert.
13. Umstellungsphase von der häuslichen Pflege auf die stationäre Versorgung: Dieser Teil beschreibt das subjektive Erleben des Einzugstags und die anschließende Phase der Neuorientierung für die Angehörigen.
14. Die stationäre Einrichtung als Teil der Lebenswirklichkeit pflegender Angehöriger: Hier wird die Integration der Angehörigen in den Heimalltag, ihre Rolle als Bezugspersonen und die Qualität ihrer Kommunikation mit den Mitarbeitern untersucht.
16. Verortung der Sozialen Arbeit innerhalb der Angehörigenarbeit: Das Kapitel verortet die Angehörigenarbeit als multiprofessionelles Handlungsfeld zunehmend im Kompetenzbereich des Sozialdienstes.
17. Ziele und Handlungsangebote des Sozialdienstes in der Angehörigenarbeit als Konsequenz aus der Untersuchung: Basierend auf den Forschungsergebnissen wird ein Katalog mit konkreten Zielen und Handlungsangeboten für die Soziale Arbeit in Pflegeheimen entwickelt.
Schlüsselwörter
Pflegende Angehörige, Pflegebedürftigkeit, stationäre Versorgung, Pflegeheim, Belastungserleben, Entscheidungsprozess, Soziale Arbeit, Angehörigenarbeit, Qualitative Inhaltsanalyse, Einzelfallanalyse, Demenz, Pflegearrangements, Rollenumkehr, Entlastung, Unterstützung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die Erlebensperspektive von pflegenden Angehörigen beim Übergang von der häuslichen Pflege in eine stationäre Pflegeeinrichtung.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind das Belastungserleben in der häuslichen Pflege, der Prozess der Entscheidungsfindung für ein Pflegeheim, die emotionale Umstellungsphase beim Einzug sowie die Rolle der Sozialen Arbeit in der stationären Angehörigenarbeit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es zu verstehen, wie Angehörige den Umzug ihrer pflegebedürftigen Familienmitglieder ins Heim erleben und welche Konsequenzen sich daraus für den Auftrag der Sozialen Arbeit in Pflegeheimen ableiten lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein qualitatives Forschungsdesign auf Basis der Einzelfallanalyse angewandt, wobei leitfadengestützte, problemzentrierte Interviews als Erhebungsinstrument dienen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Lebenswirklichkeit vor dem Einzug, die Faktoren der Entscheidungsfindung, die Umstellungsphase und die anschließende Integration der Angehörigen in den Heimalltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie "Pflegende Angehörige", "stationäre Versorgung", "Belastungserleben", "Entscheidungsprozess" und "Angehörigenarbeit der Sozialen Arbeit" charakterisieren.
Warum ist der Übergang ins Heim für Angehörige so krisenhaft?
Der Übergang markiert das Ende einer oft hochemotionalen und belastenden Pflegebeziehung, ist mit Abschied von vertrauten Rollen verbunden und wird häufig von Schuldgefühlen oder dem Gefühl des Versagens begleitet.
Welche konkreten Konsequenzen werden für die Soziale Arbeit formuliert?
Als Konsequenz wird ein Zielekatalog für den Sozialdienst entwickelt, der unter anderem die Unterstützung bei Ablösungsprozessen, die Förderung der Kommunikationskultur und die konzeptionelle Verankerung der Angehörigenarbeit vorsieht.
- Quote paper
- Birgitta Bernhardt (Author), 2007, Von ambulanten zur stationären Pflege im Pflegeheim. Die Perspektive pflegender Angehöriger, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/88964