Dekonstruktion der Detektivfigur

Aufgezeigt am Beispiel von Inspektor Cadin unter Berücksichtigung der Analysen von Siegfried Kracauer


Hausarbeit, 2008

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Siegfried Kracauers kritische Thesen zur klassischen Detektivfigur

3 Der Detektiv im Roman Noir – Auflösung der Strukturen der klassischen Detektivfigur

4 Die Novellensammlung von Daeninckx mit Cadin als Protagonist

5 Le Facteur Fatal - Der Leidensweg Cadins als Dekonstruktion der Detektivfigur

6 Schlussbetrachtung

7 Bibliographie

1 Einleitung

Der Detektivroman erlebte in Frankreich in den letzten Jahren eine Renaissance. Seine Popularität liegt in dem Bedürfnis begründet - sowohl beim Leser als auch beim Autor - neues Vertrauen in den menschlichen Verstand zu gewinnen und die Gesellschaft über bestimmte historische Vergehen aufzuklären. Der Néo-Polar nutzt seine Popularität, um politisch und sozialkritisch zu wirken. In der Tat ist es so, dass ein großer Teil der Autoren von Detektivromanen politische und sozialkritische Schriftsteller sind.

Didier Daeninckx, der selbst aus dem Arbeiterviertel kommt und einer linksorganisierten Partei angeschlossen war, gehört zu den meistgelesenen Autoren Frankreichs der 80er Jahre und hat sich einen festen Platz in der Literaturszene erworben (Vgl. Wortmann 1998: 145). Er betont selbst immer wieder seine Verankerung als Person und als Schriftsteller mit seiner Familiengeschichte und seinen politischen Ambitionen. Hinter seiner Fiktion lassen sich regelmäßig autobiographische Elemente entdecken (Vgl. Wortmann 1998: 145). Daeninckx hat mit der pragmatisch-literarischen Figur des Inspektors Cadin einen Protagonisten geschaffen, mit dem kritische Schilderung der gesellschaftlichen Zustände im Néo-Polar und die Thematisierung fehlender Aktivitäten der Menschen zur Befreiung aus der Abhängigkeit transformiert werden soll.

Das Genre des klassischen Detektivromans entwickelte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und wurde vor allem durch E. A. Poe und später durch Arthur Conan Doyle geprägt. Ein mit übermenschlichen Zügen und Fähigkeiten ausgestatteter Detektiv (Dupin bei Poe und Sherlock Holmes bei Doyle) löst ein außergewöhnlich intelligentes Rätsel oder ein Verbrechen vorwiegend durch Rationalismus und Gedankenarbeit. Alewyns definierte den klassischen Detektiven des 19. Jahrhunderts als einen Stellvertreter des Lesers, der mit seinen beharrlichen Fragen und seinem logischen Denken Licht ans Dunkel bringt (Vgl. Alewyn 1975: 374).

Siegfried Kracauer stellt schon 1925 in seinem Traktat fest, dass das Genre des Detektivromans, „das den meisten Gebildeten nur als außerliterarisches Machwerk bekannt [ist], in den Leihbibliotheken sein Dasein auskömmlich fristet. Aber es ist allmählich zu einer Stellung aufgerückt, der Rang und Bedeutung nicht wohl abgesprochen werden können.“ (Kracauer 1979: 9). Dass er sich nicht getäuscht hat, wird später evident.

Am Anfang der vorliegenden Arbeit sollen die kritischen Thesen von Siegfried Kracauer zur klassischen Detektivfigur in möglichst übersichtlicher Weise vorgestellt werden und dabei etwaige Parallelen zum klassischen Detektiv gezogen werden. Der zweite Teil der Arbeit bezieht sich auf den Roman Noir im Allgemeinen, im Besonderen auf die seit 1982 entstandenen Detektivromane von Didier Daeninckx mit dem Protagonisten Inspektor Cadin. Schwerpunkt der Arbeit bildet das Werk Daeninckx‘ Le Facteur Fatal, in dem die Tragik des Lebens von Cadin seinen Höhepunkt erreicht. Ziel der Arbeit ist es, die Unterschiede bzw. Gemeinsamkeiten der Detektivfiguren herauszuarbeiten, die Auflösung der Strukturen des Protagonisten im Néo-Polar aufzuzeigen und die zu Grunde liegende Motivation hierfür zu beleuchten.

Inspektor Cadin ist als zweifelnder, durch die Ära der 68er Jahre geprägter Detektiv, eine Gegenfigur zur klassischen Detektivfigur.

2 Siegfried Kracauers kritische Thesen zur klassischen Detektivfigur

Siegfried Kracauer, geboren 1889 in Frankfurt am Main, entstammt einem kleinbürgerlichen jüdischen Elternhaus. Er starb 1966 in New York. Kracauer war ein deutscher Journalist (Frankfurter Rundschau), Publizist, Soziologe und Filmwissenschaftler. Er gehört mit zu den bedeutsamsten Literatursoziologen. Mit seiner literatursoziologischen Herangehensweise zeigt er die Bedeutung und Struktur der Gesellschaft in der Literatur, beleuchtet aber auch die Literatur als Element der Gesellschaft und der Kultur selbst. Seine Gesinnung war unter anderem durch die Frankfurter Schule beeinflusst. Er befand sich zeitweise im Umkreis ihrer Vertreter Adorno, Benjamin und Löwenthal, die ebenfalls einflussreiche Literatursoziologen waren (Vgl. Koch 1996: 16). Kracauer bemängelte aus seiner Zeit heraus an der Gesellschaft, dass nach dem Ersten Weltkrieg ein Sinnverlust stattgefunden hat. Der Sinn kann hier als Metapher für das angesehen werden, was eine Gesellschaft zusammenhält. Für ihn wird der Sinnverlust in Phänomenen wie Isolation und Einsamkeit des Subjektes und gestörte zwischenmenschliche Beziehungen deutlich (Vgl. Koch 1996: 21 ff). Aus diesem Kontext heraus schrieb er zwischen 1923 und 1925 seinen Essay mit dem Titel Der Detektiv-Roman, in dem er sich mit einem Alltagsphänomen der modernen bürgerlichen Gesellschaft beschäftigte. Die Figur des Detektivs war für ihn vor dem Ersten Weltkrieg noch ein Symbol für eine intakte Welt, die aber durch die Folgen dieses Kriegs brüchig wurde. Im engeren Sinne meint Kracauer mit seiner Analyse nicht wirklich eine in der Literatur existierende Detektivfigur, sondern vielmehr einen bestimmten soziologischen Typus.

Kracauer behauptet, dass sich der Detektivroman auf eine ästhetische Mindestleistung beschränkt, hervorgerufen durch die im Roman herrschende Unwirklichkeit. Die Realität wird nur verzerrt dargestellt, da die Figuren im Detektivroman nur nach „ästhetischen Gesetzen“ agieren (Kracauer 1979: 50). Ebenfalls spricht er von festen Konturen, die den Detektivroman gestalten.

Im klassischen Detektivroman geht es darum, Verbrechen aufzulösen, in dem sie Schritt für Schritt sukzessive nachvollzogen werden. Der Detektiv bannt das anfangs Unheimliche. Er deckt das Verbrechen als bloße Störung der rationalen Ordnung der Dinge auf und stellt somit den Ausgangszustand, die gewohnte Ordnung, wieder her.

E.A. Poe ging es dagegen um eine realistische Darstellung des Mordfalls. In seinem Klassiker Meurtres dans la Rue Morgue war ihm vielmehr die Schilderung der Denkmethode wichtig. Der Detektiv sucht den Gefallen an kniffligen Denkaufgaben und an Rätseln, er löst seine Fälle mit einem fast übernatürlich wirkenden Scharfsinn (Vgl. Schmidt 1989: 74). Das Verständnis des unfehlbaren Detektivs und seine Aufklärungsarbeit stehen im Mittelpunkt der Geschichten. Die Ratio wird dabei als konstitutives Prinzip eingesetzt, welche den Detektiv personifiziert (Vgl. Kracauer 1979: 52). Die Auflösung der Fälle erfolgt anhand von Tatspuren und Indizien, und nicht anhand ihrer sozialen Zusammenhänge und ihrer psychologischen Hintergründe. Diese mangelnde Fähigkeit des Detektivs, die Gesellschaft und ihre Probleme kritisch zu hinterfragen, kritisiert Kracauer in seinen Thesen. Die Ursachen für die einzelnen Verbrechen sind in den Holmes Geschichten noch ohne Interesse. Die Gründe, warum der Täter zum Täter wurde, bleiben völlig außer Acht. Auch die Frage, ob das Motiv vielleicht sogar moralisch nachvollziehbar ist, spielt keine Rolle. Der Detektiv ist vielmehr durch die Aneinanderreihung stereotyper Merkmale gekennzeichnet und daher entpersonalisiert. Kracauer spricht von dem Bild eines glatt rasierten Detektivs mit smarten Zügen und einem trainierten Sportsmannskörper, mit beherrschten Bewegungen (Kracauer 1979: 52f).

Ebenso kritisiert Kracauer, dass dem Detektiv der Schein der Allwissenheit und Allgegenwärtigkeit verliehen wird. In dieser angemaßten ‚Göttlichkeit’, betrachtet der Detektiv die Handlungsabläufe als vorgegebene Größe, seine Mitmenschen sieht er als bloße Fertigfabrikate an (Vgl. Kracauer 1979: 55). Diese durch den Anspruch der Ratio auf Autonomie begründetete relative Gottähnlichkeit macht den Detektiv zum Widerspiel zu Gott (Vgl. Schmidt 1989: 42). Dem Detektiv gelingt es nicht, die Grenzen des Verhaltens und des Bewusstseins zu überschreiten. Er hinterfragt weder die Gesellschaft noch setzt er sich mit ihr auseinander. Er handelt daher nicht im Sinne der Gerechtigkeit, sondern eher zur Selbstglorifizierung seines Seins und seiner Ratio. Dabei zieht er sich zurück in die Isolation. Kracauer vergleicht ihn hier mit einem Mönch, aber nicht, um zu Reflektionen und zu neuen Erkenntnissen zu gelangen, sondern um mit seiner Ratio seine Wahrheit zu bestätigen. „Der Sieg ist a priori gesichert“ (Kracauer 1979: 56). Der Detektiv steht außerhalb des gesellschaftlichen Lebens. Er ist nicht der Suchende, der sich intrinsisch getrieben fühlt. Ihm werden die Fälle von außen zugetragen (Kracauer 1979: 58). Er ist isoliert, ehelos und hat Mangel an sexuellen Bedürfnissen. Er ist ein Neutrum mit puritanischen Zügen und geübt in „innerweltlicher Askese“ (Kracauer 1979: 59). Die einzige psychologische Komponente der klassischen Detektivfigur wird deutlich mit der Tatsache, dass er in die Isoliertheit seines Berufes getrieben wurde etwa durch Kummer, Langeweile oder Einsamkeit (Kracauer 1979: 60). Der klassische Detektiv löst ein Problem, ohne dabei die Gesellschaft retten zu wollen. Menschliche Motive sind ihm egal. Als letzte Instanz greift er häufig in dem Moment ein, wenn anderen die Klärung der Situation gerade unmöglich erscheint. Er verblüfft die Anwesenden mit seiner Allwissenheit und seine weiteren Handlungsträger bewundern ihn. Durch die Überführung des Täters stellt er die gesellschaftliche Ordnung wieder her (Kling 2002: 26).

[...]

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Details

Titel
Dekonstruktion der Detektivfigur
Untertitel
Aufgezeigt am Beispiel von Inspektor Cadin unter Berücksichtigung der Analysen von Siegfried Kracauer
Hochschule
Universität Mannheim  (Universität Mannheim)
Veranstaltung
Neueste Tendenzen im französischen Kriminalroman
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V89038
ISBN (eBook)
9783638025287
ISBN (Buch)
9783640385577
Dateigröße
425 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dekonstruktion, Detektivfigur, Kriminalroman, Didier Daeninckx, Le Facteur Fatal, Inspector Cadin, Siegfried Kracauer
Arbeit zitieren
Margret Jonas (Autor), 2008, Dekonstruktion der Detektivfigur , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89038

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