Der Seele Grenzen kannst du nicht ausfinden, und ob du jegliche Straße abschrittest; so tiefen Grund hat sie. (Herakleitos)
Bereits Herakleitos’ Zitat zeigt, dass es eine schwierige Angelegenheit ist, über die Seele zu schreiben. Eine ganze Reihe von Wissenschaften versucht, die Seele faktisch zu erweisen. Hauptsächlich die Psychologie will allgemeine Gesetze des menschlichen Seelenlebens erforschen. Doch bis zum heutigen Tag kann man lediglich von einer kulturellen Definition sprechen, denn sie wird indirekt durch Handlungen und Gedanken der Menschheit mitbestimmt.
Zu Beginn unserer Arbeit werden wir diese traditionelle Definition der Seelenvorstellung mit Hilfe von Carl Gustav Carus’2 Ausführungen Zur Entwicklungsgeschichte der Seele darstellen. Von dieser allgemeinen theoretischen Grundlage ausgehend, werden wir uns speziell mit der Seelenauffassung im Zeitalter des Barocks auseinandersetzen, da sich die vorliegende Ausarbeitung hauptsächlich mit Werken dieser literarischen Epoche befasst – Grimmelshausens „Der abenteuerliche Simplicissimus“ und „Courasche“. Eine Analyse auserwählter Textstellen wird die Seelen der Hauptfiguren ‚Simplicissimus’ und ‚Courasche’ enthüllen. Ausgangspunkt ist dabei zunächst die seelische Reinheit des jungen Simplex und der jungfräulichen Courasche, die im Laufe ihrer Lebensstationen irdischen Einflüssen ausgesetzt sind und dadurch Wandlungen ihrer Psyche hervorrufen. Speziell haben wir uns für den Einfluss des Krieges und der Liebe auf die Seele entschieden. Ziel dieser Arbeit ist, den seelischen Verfall beider Figuren aufzuzeigen sowie Simplicius’ Weltabkehr und Courasches Weltverfallenheit zu begründen.
Für die Beweisführung unserer Arbeit haben wir Sekundärliteratur verschiedener Autoren hinzugezogen. Außerdem werden Bildmaterial sowie Gedichte verwendet, um die Aussagekraft der Seelendarstellung in Grimmelshausens Werken zu verstärken.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Begriffserklärung: Was ist Seele?
1.2 Barock – das Jahrhundert der Widersprüche
2 Die Psyche in Grimmelshausens Werken
2.1 Die seelische Reinheit der Figuren
2.1.1 Die seelische Reinheit des jungen Simplicius
2.1.2 Die seelische Reinheit der jungfräulichen Courasche
2.1.3 Grimmelshausens Ideal der menschlichen Seele
2.2 Laster und Sünden der Figuren
2.2.1 Einfluss des Krieges auf Simplicius’ Seele
2.2.2 Einfluss des Krieges auf Courasches Seele
2.2.3 Bedeutung der Liebe für Simplicius
2.2.4 Bedeutung der Liebe für Courasche
2.3 Weltabkehr und –verfallenheit
2.3.1 Simplicius’ Abkehr von der Welt
2.3.2 Courasches Weltverfallenheit
3 Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die psychologische Entwicklung der Hauptfiguren in Grimmelshausens Werken „Der abenteuerliche Simplicissimus“ und „Courasche“. Ziel der Analyse ist es, den seelischen Verfall beider Charaktere infolge irdischer Einflüsse sowie den Kontrast zwischen Simplicius’ religiöser Weltabkehr und Courasches Weltverfallenheit unter Rückgriff auf zeitgenössische Seelentheorien aufzuzeigen.
- Analyse der seelischen Reinheit im Kindesalter der Protagonisten.
- Untersuchung des Einflusses von Kriegserfahrungen auf das Seelenleben.
- Bedeutung von Liebe und zwischenmenschlichen Beziehungen für die Charakterentwicklung.
- Gegenüberstellung von Askese (Weltabkehr) und Lasterhaftigkeit (Weltverfallenheit).
- Einordnung der Grimmelshausen’schen Seelenkonzeption in den literarischen Barock.
Auszug aus dem Buch
2.1.1 Die seelische Reinheit des jungen Simplicius
Simplicissimus verbringt seine Kindheit fern von der Welt auf einem Bauernhof im Spessart, den er selbst für die ganze Welt hält. Er selbst weiß zu Beginn des Romans nicht, dass er ein Sohn adliger Eltern ist und kennt weder seinen Namen noch den seiner Zieheltern, die er einfach „Knan“ und „Meuder“ nennt. Obwohl er „weder Gott noch Menschen, weder Himmel noch Höll, weder Engel noch Teufel, und […] weder Gutes noch Böses“ unterscheiden kann, ist er, wie die folgende Textstelle belegt, glücklich, zufrieden und vor allem sorgenfrei: „o edles Leben, das ich damals führete!“ Seine Naivität wird ihm allerdings zum Verhängnis, denn seine Unkenntnis ist letztendlich die Ursache für die Zerstörung des idyllischen Lebens auf dem Hof. Ein Überfall durch Soldaten, die Simplicissimus selbst im Wald getroffen und nach Hause geführt hat, zerstört alle Besitztümer. Nur mit Glück kann sich das Kind in den Wald retten, wo es „voll Angst und Forcht“ zum ersten Mal auf sich allein gestellt ist.
Das Treffen auf den Einsiedler ist seine Rettung, denn dieser nimmt den unbeholfenen Jungen auf. „In einem Gespräch entdeckt der Alte die völlige Unbildung des Knaben in christlichen Dingen und gab ihm den Namen Simplicius.“ Der Einsiedler entschließt sich, ihn im Schreiben, Lesen und vor allem „in der christlichen Religion“ zu unterrichten. Simplicissimus ist eifrig, sich „in allem Guten anzuführen“ und gewinnt eine „Lieb [zum] Unterricht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der theoretischen Grundlage basierend auf Carl Gustav Carus und Einführung in die Fragestellung bezüglich der seelischen Entwicklung der beiden Protagonisten.
1.1 Begriffserklärung: Was ist Seele?: Theoretische Herleitung des Seelenbegriffs, unterteilt in das bewusste und unbewusste Seelenleben nach C.G. Carus.
1.2 Barock – das Jahrhundert der Widersprüche: Historische Einbettung in das 17. Jahrhundert, geprägt durch den Dreißigjährigen Krieg und das Spannungsfeld zwischen Vanitas-Gedanken und barocker Lebenslust.
2 Die Psyche in Grimmelshausens Werken: Überleitung zur literarischen Analyse der Lebensstadien von Simplicissimus und Courasche im Kontext ihrer jeweiligen Herkunft.
2.1 Die seelische Reinheit der Figuren: Betrachtung der kindlichen Unschuld beider Figuren vor ihren traumatischen Erfahrungen.
2.1.1 Die seelische Reinheit des jungen Simplicius: Analyse des Einflusses des Einsiedlers auf die religiöse und moralische Formung des jungen Simplex.
2.1.2 Die seelische Reinheit der jungfräulichen Courasche: Darstellung der frühen, abgeschiedenen Kindheit Courasches und ihrer ersten Reaktionen auf das Kriegsgeschehen.
2.1.3 Grimmelshausens Ideal der menschlichen Seele: Erläuterung des Ideals menschlicher Reife und Gottesnähe anhand der Mummelsee-Allegorie.
2.2 Laster und Sünden der Figuren: Analyse des Einflusses der korrumpierenden Umwelt auf das Verhalten der Charaktere.
2.2.1 Einfluss des Krieges auf Simplicius’ Seele: Darstellung der schleichenden Entfremdung von Tugend und Glauben durch das Soldatenleben.
2.2.2 Einfluss des Krieges auf Courasches Seele: Untersuchung ihrer Entwicklung zur Täterin und Opportunistin innerhalb der kriegerischen Wirren.
2.2.3 Bedeutung der Liebe für Simplicius: Analyse seiner Unfähigkeit zu echter Bindung und der Degradierung zwischenmenschlicher Verhältnisse.
2.2.4 Bedeutung der Liebe für Courasche: Untersuchung ihrer instrumentellen Nutzung von Sexualität als Mittel zur sozialen Sicherheit.
2.3 Weltabkehr und –verfallenheit: Zusammenführung der gegensätzlichen Lebenswege von Simplicius und Courasche.
2.3.1 Simplicius’ Abkehr von der Welt: Prozess der Läuterung, Rückkehr zur Einsiedelei und Selbsterkenntnis am Ende des Romans.
2.3.2 Courasches Weltverfallenheit: Darstellung ihres Verharrens im gottlosen Leben und ihrer bewussten Entscheidung gegen die Umkehr.
3 Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse zur untrennbaren Verbindung von Leben und Seele und den unterschiedlichen Wegen der beiden Romanfiguren.
Schlüsselwörter
Grimmelshausen, Barock, Simplicissimus, Courasche, Seelenkunde, Carl Gustav Carus, Dreißigjähriger Krieg, Vanitas, Memento Mori, Carpe Diem, Weltabkehr, Weltverfallenheit, Tugend, Laster, Selbsterkenntnis
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die psychologische Entwicklung und den seelischen Zustand der Titelfiguren in Grimmelshausens Romanen und stellt diese der barocken Seelenvorstellung gegenüber.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Unschuld zu Lasterhaftigkeit, dem Einfluss von Krieg und Liebe auf die menschliche Psyche sowie der barocken Dialektik zwischen Weltflucht und Weltverfallenheit.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie äußere Umstände und persönliche Entscheidungen den moralischen Verfall oder die religiöse Läuterung der Figuren beeinflussen und wie sie sich in das barocke Menschenbild einordnen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit angewendet?
Die Arbeit basiert auf einer literaturwissenschaftlichen Analyse der Primärtexte unter Einbeziehung zeitgenössischer sowie psychoanalytisch orientierter Sekundärliteratur zur Interpretation der Seelendarstellung.
Was genau wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die frühen Stadien der Figuren, den verzerrenden Einfluss des Krieges, das Scheitern in zwischenmenschlichen Beziehungen sowie die gegensätzlichen Lebensendungen: die religiöse Weltabkehr bei Simplicius und die zynische Weltverfallenheit bei Courasche.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Typische Schlüsselbegriffe sind die barocken Leitmotive Vanitas, Memento Mori und Carpe Diem, sowie die Konzepte der Seelenreinheit und der weltlichen Lasterhaftigkeit.
Warum spielt Carl Gustav Carus eine Rolle in dieser Untersuchung?
Seine Theorie der „Entwicklungsgeschichte der Seele“ dient als theoretisches Fundament, um die im Barockroman dargestellte Entwicklung der menschlichen Seele durch Lebenserfahrung und Umwelteinflüsse zu systematisieren.
Wie unterscheidet sich die Entwicklung von Simplicius von der von Courasche?
Während Simplicius nach einer Phase der moralischen Verirrung durch Selbsterkenntnis und Askese zur religiösen Reinheit zurückfindet, verharrt Courasche konsequent in ihrer Rolle als Opportunistin und lehnt eine geistige Umkehr ab.
Welche Rolle spielt die „Mummelsee-Allegorie“ für die These der Autorin?
Sie dient als Kontrastfolie zur korrupten Welt der Menschen und verdeutlicht das Grimmelshausen’sche Ideal einer gottgefälligen, harmonischen menschlichen Seele.
Inwiefern beeinflusst das Genre der „Lebensbeschreibung“ die Darstellung der Psyche?
Die Ich-Form der Erzählung erlaubt einen direkten Einblick in die Selbstwahrnehmung der Figuren, wobei sich Simplicissimus als reuiger Sünder und Courasche als stolze, uneinsichtige Lasterhafte präsentiert.
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- Maria Brüggert (Author), 2006, Die Psyche in Grimmelshausens Werken: Ein Vergleich der Figuren „Der abenteuerliche Simplicissimus“ und "Courasche", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89043