Herders anthropozentrische Begründung des Sprachursprungs und dessen Voraussetzungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

26 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Stellung der Sprache bis Herder

3. Herders Absicht und Methode

4. Voraussetzungen für Herders Theorie des Sprachursprungs

5. Herders Theorie zum Ursprung der Sprache
5.1. Natursprache
5.2. Herders Anthropozentrismus oder der Unterschied zwischen Mensch und Tier
5.2.1. Der aufrechte Gang
5.2.2. Freiheit
5.2.3. Besonnenheit
5.3. Menschliche Sprache

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

1769 lautet die Preisfrage der Berliner Akademie der Wissenschaften:

«En supposant les hommes abandonnés à leurs facultés naturelles, sont-ils en état d’inventer le langage ? Et par quels moyens parviendront-ils d’eux mêmes à cette invention ? On demanderoit une hypothèse qui expliquât la chose clairement et qui satisfît à toutes les difficultés.»[1]

Dieser Fragestellung liegt eine langjährige Diskussion über verschiedene sprachphilosophische Probleme – innerhalb der Akademie selbst vor allem angeregt durch die Präsidentschaft Maupertuis’ von 1746–56[2] – zugrunde[3], die unter anderem auch Süßmilchs Akademieschrift von 1766 mit dem Titel Versuch eines Beweises, dass die erste Sprache ihren Ursprung nicht vom Menschen, sondern allein vom Schöpfer erhalten habe als Resultat hat.

Herder bezieht sich vor allem auch auf diese Abhandlung Süßmilchs in seinem Versuch, die Akademiefrage von 1769 zu beantworten, den er mit seiner Abhandlung über den Ursprung der Sprache[4] – 1772, nachdem er den Preis erhielt, erstmals erschienen und eigentlich korrekt „Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen, sich selbst Sprache erfinden können?“ betitelt –, unternimmt.

Herder selbst hat sich an der öffentlichen Diskussion um die Frage nach Sprachursprung und Sprachentstehung bis zu diesem Zeitpunkt kaum beteiligt; jedoch hat er zuvor bereits einige Schriften veröffentlicht, die sich mit der Sprache beschäftigen[5], und geht nun daran, seine eigene Theorie über den Ursprung der Sprache darzulegen. Diese Gelegenheit nutzt er auch, um sich polemisch vor allem gegen Süßmilch und Condillac abzugrenzen und seine eigene, auf anthropologischem Fundament stehende, Theorie zum Ursprung der Sprache darzulegen.

Im herderschen Schaffen steht Sprache bzw. deren Ursprung und Funktion oft im Mittelpunkt, und wo sie es nicht tut, greift er dennoch, in beinahe jedem Kontext seines weitgefächerten Interesses, immer wieder auf sie zurück, denn die Sprache ist ihm Ausgangspunkt seiner Ausführungen: „Von der Betrachtung der Sprache aus unternimmt Herder seinen weiten Zug in die Welt des Geistes, und er blickt immer wieder auf diesen Ausgangspunkt zurück. Die Beschäftigung mit der Sprache bezeichnet den Beginn seines wissenschaftlichen Denkens – die Sprache selbst steht für ihn am Anfang der Geschichte der Kultur, ja sogar am Anfang des spezifisch Menschlichen überhaupt […]“[6].

Das Erscheinen der Preisschrift Herders ist oft als Beginn der Sprachphilosophie als eigener philosophischer Disziplin bezeichnet worden, hatte die Sprache doch bis zu diesem Zeitpunkt eine eher stiefmütterliche Position im Denken der Philosophen inne.

Herder gilt bis heute „[...] als Anreger in den verschiedensten Wissenschaften – Kulturphilosophie, philosophische Anthropologie, Geschichtsphilosophie, Sprachphilosophie und Sprachwissenschaft, Literaturgeschichte, Literaturwissenschaft, Ästhetik, Theologie [...]“[7]. Dieser Auszeichnung gegenüber steht die recht einhellige Forschungsmeinung, die Herders Denken als verworren, unpräzise oder gar widersprüchlich charakterisiert bzw. seinen Argumentationen zumindest eines unsystematischen Charakters bezichtigt; entgegen diesem weitgehenden Konsens wird Herders „Unsystematik“ verschiedentlich bewertet[8]. Wie es zu dieser unterschiedlichen Einschätzung der Arbeitsweise Herders kommt, wird, da sie grundlegend für dessen Umgang mit Problemstellungen ist, in Kapitel 3, „Herders Absicht und Methode“, behandelt.

Zunächst wird ein grob summarischer Überblick über die Stellung der Sprache innerhalb der philosophischen Diskussion vornehmlich zu Herders Zeit gegeben, da die zeitgenössische Diskussion die Grundlage bildet, auf der er seine eigene Theorie bildet. Danach wird, ehe zuletzt auf die herdersche Sprachursprungstheorie selbst eingegangen wird, dessen metaphysische Position, die auch innerhalb seiner sprachphilosophischen Überlegungen große Bedeutung hat, dargestellt.

2. Stellung der Sprache bis Herder

Bis ins 18. Jahrhundert hinein haben Reflexionen über Sprache nicht in die Philosophie, sondern zu „[...] Grammatik, Rhetorik oder Poetik [...]“[9] gehört. Dementsprechend wird Sprache stets in abhängiger Funktion in einen übergreifenden Zusammenhang gestellt: Sie hat „[...] magisch als Träger göttlicher und kosmischer Energien [...]“[10] gegolten, oder man hat in Logik und Erkenntnistheorie auf ihre Funktion als Merk- und Mitteilungszeichen hingewiesen[11].

Erst in der Aufklärung hat Sprache eine eigenständige Stellung erhalten und ist zum Thema vieler Entscheidungsfragen geworden: „Erkenntnistheoretisch entscheidend war die Beziehung zwischen Sprache und Denken [...]. Anthropologisch entscheidend war die Frage, ob menschliche und tierische Verständigung sich wesentlich voneinander unterscheiden und damit ein gradueller Unterschied oder eine Wesensdifferenz zwischen Mensch und Tier anzunehmen sei. Kosmologisch entscheidend war zugleich an dieser Frage, ob die Natur Sprünge mache oder nicht.“[12]

Das Nachdenken über Sprache erhält also seine zentrale Position erst dann, als der Mensch und die Frage nach seiner Stellung in der Natur sowie dem Sinn seiner Geschichte ins Zentrum des Interesses rückt: „Die Entstehung der Sprache kann schließlich nicht losgelöst von der Entstehung des Menschen betrachtet werden.“[13]

Über die Frage, wie Sprache und Mensch letztlich zusammenhängen, gibt es unterschiedliche, miteinander konkurrierende, Auffassungen; es „[...] entbrennt daher ein Kampf zwischen idealistischen Auffassungen, die einen Sprachunterricht erteilenden Gott annehmen, und den unterschiedlichsten materialistischen Theorien über einen natürlichen Weg der Sprachentstehung“[14]: Gängig ist die Meinung gewesen, Sprache diene dazu, den Menschen gegenüber (anderen) Tieren abzugrenzen[15] ; gelingt die Erklärung der Entwicklung derselben aus dem Tierlaut, so wird die Geschichtskonzeption der Aufklärung durch die „Naturgeschichte“ bestätigt, und diese wird zum „Aufklärungsprozess“ der Materie und des tierischen Lebens[16]. Ein prominenter Vertreter dieser Auffassung ist Etienne Bonnot de Condillac; dieser stößt in seinen Ausführungen jedoch auch den Zirkel der Selbstbegründung der Vernunft, den er nicht zu lösen vermag: „[...] freie Einsetzung von Zeichen für die Ideen der Vernunft bedarf der entwickelten Vernunftreflexion; Entwicklung der Vernunft ist nur durch den Gebrauch frei eingesetzter Zeichen möglich.“[17] Johann Peter Süßmilch, gegen den Herder in seiner Abhandlung ebenso argumentiert wie gegen Condillac, versucht, den Selbstbegründungszirkel zu umgehen, indem er Gott dem Menschen die Vernunft von außen zukommen lässt; Geschichte wird, ebenso wie bei Rousseau, zum Entfremdungsprozess des ursprünglich guten und göttlichen Menschen von diesem Idealzustand[18].

Herder gewinnt seinen eigenen Standpunkt, indem er sich in seiner Abhandlung argumentativ, ja polemisch, mit all diesen Positionen auseinandersetzt und in ihrer Ablehnung seine eigene Theorie entfaltet.

3. Herders Absicht und Methode

Tatsächlich hat Herder nie eine in sich stringente und systematische Sprachphilosophie entwickelt; vielmehr finden sich, über mehr als drei Jahrzehnte hinweg, in vielen seiner Schriften, teilweise vereinzelt oder in anderen Zusammenhängen stehend, sprachphilosophische Aussagen, „[...] die weder in sich konsistente Theorien enthalten, noch, wie die unterschiedlichen Ergebnisse der entsprechenden Versuche gezeigt haben, in einer kontinuierlichen historischen Entwicklung zusammenzufassen sind.“[19] Genau dies ist der oben schon erwähnte Vorwurf, mit dem man Herder gerne konfrontiert, und der seine Arbeit auch in gewissem Sinne herabwürdigt.

Doch liegt in der scheinbaren Verworrenheit und Unsystematik Herders dessen Methode: Er hat nämlich augenscheinlich überhaupt nicht die Absicht, ein in sich abgeschlossenes, stimmiges System zu schaffen, wie der Leser der Gegenwart bei der Abhandlung eines solchen Gegenstandes erwartet, sondern Herder arbeitet, für seine Zeit ganz und gar nicht untypisch, auf mehreren Ebenen, und zwar gemäß des Humanitätsgedankens, dem er sich zeitlebens verschrieben hatte, und den zu verwirklichen sein erklärtes Ziel war: Herders Konzept der Humanität besteht in der größtmöglichen Annäherung des Menschen an seinen verlorenen Idealzustand, und zwar durch „[...] zielbewusste Ergänzung zum jeweils möglichen Ebenbild vollkommener Menschheit [...]“[20].

Ausgangspunkt und Fundament der Ausführungen Herders sind die Grundlagen der Epoche, in der er lebt: Er erlebt zu seiner Zeit nach eigenem Empfinden„[...] die Entfremdung des bürgerlichen Menschen von seiner Menschheit [...]“[21] ; im Bereich der Sprache bedeutet das, dass die Sprachen sich auf dem Weg „[...] vom Ideal eines integralen, das Bewusstsein von den Sinnen über die Phantasie bis zum Verstand hin ansprechenden Zeichens immer weiter in die Vergreisung einer abstrakten Büchersprache [...]“[22] befinden. Jedoch kann nach Herder jede Denk-, Sprach- und Kulturgemeinschaft zu ihrer zeitspezifisch möglichen Verwirklichung integralen Menschseins sowie integraler Sprache gelangen, indem das jeweils Mangelnde ergänzt wird: Die Sprachphilosophie steht also im Dienste der Bildung zur Humanität[23]. In dieser Hinsicht steht die „[...] Vermittlung der Gegenstandsbereiche Natur, Geschichte, Sprache zu einer einheitlichen Theorie in Frage, die sowohl den Anforderungen der im Wandel begriffenen Gesellschaftsverhältnisse genügen muss, als auch deren möglichen oder bereits realen Widersprüchen Rechnung tragen soll [...]“[24].

Dementsprechend will Herder der von ihm konstatierten Entfremdung des Denkens von seiner ursprünglichen Ganzheitlichkeit, von Theorie und Praxis, von Kunst und Kultur entgegenwirken, indem er, seinem Sujet entsprechend, auf mehreren Ebenen argumentiert, und indem schon die Sprache, in der er dies umzusetzen versucht, die voneinander entfernten Diskurse miteinander in Verbindung setzt „[...] und zum sprachlichen Bild des vollständig humanen Menschen integriert.“[25]: Herder steuert also ein synthetisches Modell an, indem er nicht mehr nur nach dem Menschen fragt, „[...] sondern nach der Möglichkeit seines [des Menschen, Anm. d. V.] Fragens nach sich selbst.“[26] Damit ist das Stadium der Selbstreflexion erreicht: „Selbstreflexion ist zugleich erinnernd und progressiv und ergreift sich in einem Moment der Gegenwart, die einerseits das Vergangene an die Zukunft vermittelt, andererseits, dem Vergangenen verpflichtet, das Zukünftige zu bilden und zu erziehen sucht.“[27] Sprachlich gesehen kann die Annäherung an den verlorenen Idealzustand durch die „schöne Prose“ geschehen, die als anzustrebendes Mittel[28] zwischen der Poesie des Anfangs und der absolut rationalen Prosa des Zieles steht[29] ; Herders Konzept ist also ein wesentlich sprachliches, und die Sprachlichkeit ist für ihn die wesentlich menschliche Daseinsform[30].

Sprache ist für Herder „[...] primäres Indiz und Produkt der menschlichen Freiheit“[31] ; sie durchläuft, wie er in seinem Roman der Lebensalter der Sprachen ausführt, analog zum Menschen, eine Entwicklung, die nie ganz abgeschlossen ist: „So wie der Mensch sich vom Säugling über Kindheit und Jugend zur vollen Höhe des Lebens entwickelt und dann wieder an Kraft verliert, so „ist’s auch mit der Sprache“.“[32] Die Entwicklung einer Sprache durchläuft verschiedene Stadien: So bringt sie in ihrer „Kindheit“ „[...] einsilbichte, rauhe und hohe Töne hervor.“[33] Es handelt sich um „Töne“, nicht um Worte, eine Sprache aus der Zeit, „[...] da man noch nicht sprach, sondern tönete; da man noch wenig dachte, aber desto mehr fühlte [...]“[34]. Diese kindliche Sprache geht vom Tönen zum Singen über, und mit diesem Fortschreiten in das Jugendalter legt sich auch ihre „Wildheit“; die Jugend der Sprache ist die poetische Periode: „[...] die Sprache war sinnlich, und reich an kühnen Bildern: sie war noch ein Ausdruck der Leidenschaft, sie war noch in den Verbindungen ungefesselt [...]“[35]. Doch wie der Jüngling sich zum Mann entwickelt, schreitet auch die Sprache in ihrer Entwicklung fort und wird zum Mann, und „[...] eine Sprache, in ihrem männlichen Alter, ist nicht eigentlich mehr Poesie; sondern die schöne Prose.“[36] Die poetische Sprache wird von prosaischen Elementen durchdrungen, abstrakte Wörter werden eingeführt, die Sprache wird geregelter. Der Alterungsprozess setzt sich fort, und „das hohe Alter weiß statt Schönheit bloß von Richtigkeit.“[37] Dieser letzte Zustand ist „[...] das philosophische Zeitalter der Sprache.“[38]

[...]


[1] Adolf von Harnack: Geschichte der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin 1900, Bd. II, S. 306 (zitiert nach: Gaier: Herders Sprachphilosophie und Erkenntniskritik, S. 75)

[2] vgl. Borsche 1996, S. 220

[3] vgl. Gaier 1988, S. 75 f.

[4] Im Folgenden als Abhandlung abgekürzt

[5] 1764: “Über den Fleiß in mehreren gelehrten Sprachen, sowie 1766: „Über die neuere deutsche Literatur“ sowie die drei Fragmentsammlungen

[6] Salmony, S. 9

[7] Gaier 1988, S. 9

[8] vgl. Schütze, S. 11

[9] Gaier 1992, S. 343

[10] ebd., S. 344

[11] vgl. ebd., S. 344

[12] Borsche 1996, S. 220

[13] Pallus, S. 238

[14] ebd., S. 239

[15] So führt Herder selbst aus, dass die Sprache den Menschen mit dem Tier verbindet und zugleich von jenem trennt. Vgl. auch Gaier 1992, S. 346

[16] vgl. ebd., S. 344

[17] ebd., S. 344

[18] So formuliert Rousseau 1762 im Émile: «Tout est bien sortant des mains de l’Auteur des choses, tout dégénère entre les mains de l’homme. » (1762, 5 Zitiert nach: Gaier 1992, S. 344)

[19] Seebaß, S. 19

[20] Gaier 1992, S. 344

[21] Gaier 1988, S. 10

[22] Gaier 1988, S. 10 f.

[23] vgl. Gaier 1992, S. 346

[24] Schütze, S. 12

[25] Gaier 1988, S. 11

[26] Gaier 1992, S. 344

[27] ebd., S. 344

[28] vgl. dazu Gaier 1988, S. 45

[29] vgl. Gaier 1992, S. 344

[30] vgl. ebd., S. 346

[31] Reckermann, S. 19

[32] Werlen, S. 32

[33] Herder, Werke I, 181, 31

[34] ebd., 182, 12 ff.

[35] ebd., 183, 6 ff.

[36] ebd., 183, 22 ff.

[37] ebd., 184, 11

[38] ebd., 184, 20

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Herders anthropozentrische Begründung des Sprachursprungs und dessen Voraussetzungen
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Philosophisches Seminar)
Veranstaltung
Klassische Sprachphilosophie (Platon, Herder, Humboldt)
Note
1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
26
Katalognummer
V89059
ISBN (eBook)
9783638025423
Dateigröße
489 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herders, Begründung, Sprachursprungs, Voraussetzungen, Klassische, Sprachphilosophie, Herder, Humboldt)
Arbeit zitieren
Jessica Werner (Autor), 2007, Herders anthropozentrische Begründung des Sprachursprungs und dessen Voraussetzungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89059

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