Stereotypien bei landwirtschaftlichen Nutztieren: Macke oder Problem?


Seminararbeit, 2001
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

1 Inhalt

2 Einleitung

3 Begriffsbestimmung

4 Beispiele für Stereotypien
4.1 Schweine
4.2 Rinder
4.3 Pferde

5 Zur Entstehung von Stereotypien
5.1 Charakteristik von Stereotypien
5.2 Zusammenhang zwischen Stereotypien und Haltungsbedingungen

6 Auswirkungen von Stereotypien

7 Stereotypien als Ausdruck von Leiden?

8 Tierschutz

9 Fazit

10 Literatur- und Quellenverzeichnis

2 Einleitung

Kaum ein Halter von landwirtschaftlichen Nutztieren kann von sich behaupten, er hätte noch nie abnormes Verhalten bei seinen Tieren beobachtet. Stereotypien stellen hierbei eine besonders bemerkenswerte, manchmal sogar bizarre Form der Verhaltensstörungen dar, die oft sinnlos erscheinen und nicht auf den ersten Blick zu verstehen sind. Es stellt sich dann die Frage, wie diese Art der Verhaltensstörung bewertet wird. Ist eine Stereotypie nur eine Macke, die schon so alltäglich geworden ist, dass man ihr kaum noch Beachtung schenkt? Oder ist sie ein ernstzunehmendes Problem für das Tier und vielleicht auch für den Landwirt?

Im Folgenden soll am Beispiel landwirtschaftlicher Nutztiere geklärt werden, was Stereotypien sind, warum und wie sie entstehen und was für Folgen sie haben. Des Weiteren soll auf die Frage eingegangen werden, ob Stereotypien Ausdruck von Leiden des betreffenden Tieres sind und ob sich daraus Konsequenzen für den Tierschutz ergeben.

3 Begriffsbestimmung

Stereotypien sind gleichförmige Bewegungsabläufe eines Individuums, die ständig zum Teil bis zur Erschöpfung wiederholt werden. Dabei erfüllen diese Bewegungsabläufe häufig keine offensichtliche Funktion. Stereotypien sind Verhaltensstörungen, die klar von stereotypem Normalverhalten (z.B. der stereotype, d.h. gleichförmige Ablauf des Wiederkäuens) abzugrenzen sind. Nur durch die gute Kenntnis des Normalverhaltens einer Tierart können Verhaltensstörungen auch als solche bewertet werden (SAMBRAUS 1997, S. 59).

Verhaltensstörungen sind im Hinblick auf Modalität, Intensität oder Frequenz erhebliche und andauernde Abweichungen vom Normalverhalten (SAMBRAUS 1997, S. 59). Sie lassen sich im Wesentlichen in vier Kategorien unterscheiden: sie sind zentral-nervösen, mangelbedingten, endogenen oder reaktiven Ursprungs (SAMBRAUS 1993, S. 39). Stereotypien zählen zu den reaktiven Verhaltensstörungen (BRUMMER 1978, S. 283). Sie sind allerdings nicht grundsätzlich von den anderen Kategorien abgrenzbar (SAMBRAUS 1993, S. 40). So können reaktiv bedingte Verhaltensstörungen unter bestimmten Voraussetzungen eher auftreten, z.B. bei einer genetischen Prädisposition.

Es gibt zahlreiche verschiedene Stereotypien, die in jedem Funktionskreis auftreten können. Bei landwirtschaftlichen Nutztieren sind sie vermehrt im Fressverhalten und der Lokomotion zu beobachten (SAMBRAUS 1991, S. 88).

Sie kommen häufiger bei Haustieren und Wildtieren in Gefangenschaft vor, selten jedoch bei frei lebenden Tieren (MEYER 1976, S. 36). Stereotypien treten objektbezogen (z.B. Stangenbeißen bei Schweinen) oder als Leerlaufhandlung (z.B. Weben bei Pferden) auf (SAMBRAUS 1997, S. 62).

4 Beispiele für Stereotypien

4.1 Schweine

Eine häufig auftretende Stereotypie bei Schweinen ist das Stangenbeißen. Sie ist dem Fressbereich zuzuordnen und tritt bei fixierten Zuchtsauen auf, die konzentriertes Futter in geringer Menge bekommen. Dabei nehmen die Tiere die Rohre ins Maul, die den Standplatz begrenzen, bebeißen die Stangen und/oder führen seitliche Wischbewegungen aus. (SAMBRAUS 1991, S. 93 )

Ebenfalls bei Sauen kommt das Leerkauen vor. Dabei führen die Tiere Kaubewegungen aus, ohne Futter im Maul zu haben. Dadurch wird Speichel zu Schaum geschlagen und tropft zu Boden. (SAMBRAUS 1991, S.94)

4.2 Rinder

Eine bei Rindern vorkommende Stereotypie ist das Zungenspielen. Dabei machen die Rinder unabhängig von der Futteraufnahme eigenartige Zungenbewegungen wie rasches Verdrehen und Aufrollen der Zunge. Bei manchen Rindern leidet aufgrund der Intensität dieser Stereotypie die Futteraufnahme (SAMBRAUS 1991, S. 94). Selten kommt das Hin- und Herpendeln des Kopfes, das so genannte Weben, bei Rindern vor. Diese Verhaltensstörung wird dann meist zeitlebens beibehalten (BRUMMER 1978, S. 285). Eine weitere Stereotypie ist das Hornreiben. Dabei reiben die Tiere ihre Hörner an Teilen der Stalleinrichtung. Bei entsprechender Intensität dieses Verhaltens können die Hörner im Laufe der Zeit erheblich kürzer werden. (SAMBRAUS 1997, S.68)

4.3 Pferde

Das oben aufgeführte Weben kommt bei Pferden häufiger vor als bei Rindern. Die Tiere halten dabei die Vordergliedmaßen leicht gespreizt und führen Pendelbewegungen mit dem Kopf unter Mitschwingen von Hals und Vorderkörper aus. Je nach Intensität des Webens heben die Pferde auch die Vorderbeine wechselseitig an. Eine gewisse Disposition für das Weben besteht bei hoch im Blut stehenden Pferden wie den Vollblütern. Kaltblutpferde dagegen weben nie (SAMBRAUS1991, S. 97).

Das Koppen ist eine Stereotypie, die im Rahmen der Futteraufnahme dem Abschlucken zuzuordnen ist. Das Pferd kontrahiert die vordere Halsmuskulatur, so dass Luft in den geöffneten Schlundkopf strömen kann und zum Teil abgeschluckt wird. Meist ist ein charakteristisches Geräusch hörbar. Es gibt zwei Varianten des Koppens. Beim Aufsetzkoppen setzen die Tiere ihre Zähne auf einen Gegenstand oder erfassen ihn mit den Schneidezähnen. Das Freikoppen erfolgt in freier Haltung des Kopfes (SAMBRAUS 1991, S. 95).

Ähnlich dem Weben ist das Krippen- oder Barrenwetzen. „Die Tiere wetzen mit den Schneidezähnen durch seitliche Bewegungen des Kopfes auf harter Unterlage (Krippenboden) hin und her, wobei das Pferd häufig mit den Vorderfüßen hin und her tritt.“ Diese Stereotypie kann oft stundenlang ausgeführt werden (BRUMMER 1978, S. 283).

5 Zur Entstehung von Stereotypien

Um die Entstehung von Verhaltensstörungen speziell der Stereotypien zu verstehen, muss Verhalten als aktive Strategie begriffen werden, mit der die Tiere ihre Umwelt zu bewältigen versuchen. Tiere wirken aktiv auf ihre Umwelt ein und verändern sie nach Bedarf. Damit Tiere auch mit unvorhersehbaren und variablen Umweltbedingungen zurechtkommen, verfügen sie neben festen Verhaltensprogrammen wie z.B. der Saugreflex bei neugeborenen Säugetieren über so genannte offene Verhaltensprogramme. Nun kann es auch zu Situationen kommen, in denen das Tier zum einen stark motiviert ist, ein bestimmtes Verhalten zu zeigen, es aber andererseits durch entsprechende Bedingungen daran gehindert wird, das Verhalten auszuführen (WECHSLER 1992, S. 11).

Trotz der Handlungsbereitschaft, die durch endogene und exogene Reize ausgelöst wird und unterschiedlich stark sein kann, kommt es nicht zu einer triebverzehrenden Endhandlung (SAMBRAUS 1982, S. 32).

Um solche Konfliktsituationen zu bewältigen, verfügt das Tier über Handlungsstrategien, die als Coping-Strategien (to cope – mit etwas fertig werden) bezeichnet werden. Ist das Tier nicht in der Lage, die frustrierende Situation zu verändern oder ihr zu entkommen, wird es nach anderen Möglichkeiten suchen. In der ersten Phase kommt es häufig zu einem aggressiven Verhalten. Das erstmals in einen Käfig gesperrte Wildtier versucht eine gewisse Zeit lang, aus diesem auszubrechen. Führt dieses Verhalten nicht zum angestrebten Ziel, gibt das Tier nach einer bestimmten Zeit jeden Versuch auf, die Umwelt durch sein Handeln zu verändern. Es fügt sich passiv den Gegebenheiten. Diese Passivität wird früher oder später abgelöst von einer Suche nach neuen Verhalten auslösenden Reizen. Jungsauen, die in erstmals Kastenstände gebracht werden, zeigen nach anfänglichen Aggressionen und darauf folgender Passivität ein verstärktes Interesse für die Einrichtungsstände. Sie beginnen, die Eisenstangen zu beschnuppern und zu belecken. Diese Verhaltensweisen werden bei gleich bleibenden Bedingungen immer öfter wiederholt und entwickeln sich bis zur „vollendeten“ Stereotypie des Stangenbeißens (WECHSLER 1992, S. 11 ff).

[...]

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Details

Titel
Stereotypien bei landwirtschaftlichen Nutztieren: Macke oder Problem?
Hochschule
Hochschule Osnabrück
Veranstaltung
Umweltschonende Tierproduktion
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V89209
ISBN (eBook)
9783638026130
Dateigröße
366 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stereotypien, Nutztieren, Macke, Problem, Umweltschonende, Tierproduktion
Arbeit zitieren
Babette Kuhfahl (Autor), 2001, Stereotypien bei landwirtschaftlichen Nutztieren: Macke oder Problem?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89209

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