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Die Konstituierung des Ichs in den Selbstportraits Maria Lassnigs

Title: Die Konstituierung des Ichs in den Selbstportraits Maria Lassnigs

Doctoral Thesis / Dissertation , 2002 , 318 Pages , Grade: magna cum laude

Autor:in: Dr. Silke Andrea Schuemmer (Author)

Art - Painting
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Die vor allem im Selbstportrait über Jahrzehnte stattfindende künstlerische Beschäftigung mit dem eigenen Inneren ist von InterpretInnen immer wieder als ‚Innerer Monolog’ bezeichnet worden.
Dieser literaturwissenschaftliche Begriff umschreibt eine literarische Technik, mittels derer Gefühle und Gedanken in scheinbar unmittelbarer Übertragung mitgeteilt werden. Dahinter steht, so hat sich gezeigt, die Vorstellung, daß das Selbstportrait ein Forum für den Künstler/ die Künstlerin darstellt, mit sich selbst ins Gespräch zu treten und in einem introspektiven Akt der Selbsterkenntnis malerisch das eigene Innere kennenzulernen. Das wiederum impliziert aber die Annahme, daß ein Selbstportrait ein authentisches Zeugnis ist.
Anhand zahlreicher Selbstportraits der österreichischen Malerin Maria Lassnig (*1919), wird ihre Darstellung innerer Prozesse analysiert und ihr Konzept der ‚body-awareness’ am Werk nachvollzogen. Zu diesem Zweck wird eine Katalogisierung der Bildnisse vorgenommen und diese interpretiert, da dies bislang in der Forschung vernachlässigt wurde. Zur ikonographischen Einordnung werden die Thesen Gustav René Hockes zum Manierismus als epochenübergreifendem Phänomen auf das Werk Lassnigs bezogen. Ein Überblick über das Selbstportrait als Gattung versucht eine Einordnung Maria Lassnigs.
Lassnigs großes Thema, die Darstellung von Körpergefühlen, greift einen zentralen Diskurs des 20. Jahrhunderts auf. In Lassnigs Werk verbindet sich dieser Diskurs mit der Erkenntnis, daß sich Identität vornehmlich über den Körper, seine biologischen und sozialen Faktoren, seine Geschichte und seine Befindlichkeiten konstituiert. Um die theoretischen Hintergründe transparent zu machen, wird der Körper als Ausdruck bzw. Ursache der eigenen Identität untersucht. Einem chronologischen Abschnitt über die Verbindung von Leib und Seele folgt eine Zusammenfassung der Hauptaspekte des Körperdiskurses: Die Verschmelzung von Mensch und Technik, die feministischen Ansätze des Körperdiskurses und die Angst vor der Zerstückelung des Körpers. Das viel behauptete Verschwinden des Körpers in der modernen Kunst wird widerlegt.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

‘Innerer Monolog’ und ‘Seele’ – Eine Einleitung

1. Teil: MARIA LASSNIG

Maulkorb, Zyklopin und Schinken – Fünf Bildbeschreibungen

Tachistisches Selbstportrait (1961)

Pfingstselbstportrait (1969)

Selbstportrait mit Maulkorb (1973)

Country Selbstportrait (1993)

Selbstportrait als Einäugige (1998)

„Meine literarische Ader“ – Über die Titel

Die realste Realität – Zur Darstellung von Körpergefühlen

Durch den Körper gehindert - Die Anfänge

Body-awareness und Körpersensation - Begriffsdefinitionen

Capriccios oder quälende Selbstanalyse – Deformationen

Vom Abstecken einer Wolke – Außenansicht versus Innenperspektive

Zutiefst dem Unbewußten zugeordnet – Körperempfindungen statt Emotionen

Das meta-künstlerische Paradigma - Katalogisierung

Der Nullpunkt des Sehraumes – Körperbilder ohne Spiegel

Psychogramme innerer Vorstellung – Die informellen Arbeiten

Zitrone sein – Die Verschmelzung mit Gegenständen

Unter der Erde – Die Verschmelzung mit der Natur

Beim Einbruch des Unerklärlichen – die Verschmelzung mit Abstraktem

Sinnlich empfundene Körper - Extensionen

Gurkenglas und Stab – Die Verwendung von Gegenständen

Einmal von außen und einmal von innen – Die Verdopplungen

Mysteriöse Wesen – Die Verbindung von Mensch und Tier

Meistens erkennen mich die Leute aber trotzdem – Veränderte Anatomie

Mythologie wider Willen – Über mythologische Assoziationen

Anekdoten und Narration – Über die szenischen Bilder

Bis in die Nervenbahnen – Die Abstraktion

Der Körper in fahler Farbe – Bildübergreifende Beobachtungen

Ein weicher Ballon im Mundraum – Über die offenen Münder

Fleischdeckungsfarben und Nervenstrangfarben

Die Gestalt als Räumlichkeit – Über den unbestimmten Hintergrund

Es genügt nicht, nur Auge zu sein – Das innere Sehen

Ausdruckszwang von historischer Kontinuität: Manierismus

Ein zeitüberschreitendes Phänomen – Die These Gustav René Hockes

Epigonal, psychopathisch und steril - Der historische Manierismus

Eine subjektive Phantasiekunst – Versuch einer Definition

Spiegel, Uhren, Einhörner und Labyrinthe - Beliebte Motive

Der Sinnenschock - Stilistische Eigenschaften

Katachresen und biomorphe Landschaften - Arcimboldo

Neo-Manierismus, Surrealismus, Meditation – Der Bezug zur Moderne

Die Verlegung des Blickpunktes nach innen – Maria Lassnig und Manierismus

Ähnliche Parameter – Über Francis Bacon

Der Weg zur dominanten Gattung – Über das Selbstportrait

Handschriften und Abbild – Einleitung

Das Klischee der Selbstdarstellung – Spiegelexkurs

Sündenerlaß, Signatur und Ventil – Das Mittelalter

Von der assistenza zur Vision des Wesens – Das 15. und 16. Jahrhundert

Kopfwendung und Pose – Das 17. Jahrhundert

Urtiefen der Seele - Über Rembrandt

Iphigeniens Geschwister – Das 18. Jahrhundert

Die Vollendung neuen Menschtums – Das 19. Jahrhundert

Urbanisierung und Innerlichkeit – Das 20. Jahrhundert

Gehäutete Frauen - Selbstportraits von Künstlerinnen

Die unrepräsentative Malerin - Malen als Thema im Werk Maria Lassnigs

Narzißmus oder ‚Image‘ – Erklärungen zum Selbstbildniss

Inszenierung und Mythenbildung - Schlußüberlegungen

Die Expedition ins Innere – Über Subjektivität und Wissenschaftlichkeit

Komisch, daß die Leute das trotzdem geschluckt haben – Die Rezeption

2. TEIL: THEORETISCHE HINTERGRÜNDE

Verschwunden, wiedergekehrt, verschwunden – Der Körper-Diskurs

Die Körperwelle und ein Meer von Meinungen – Allgemeine Einleitung und methodische Probleme

Ich heute und Ich einst – Kurzer historischer Abriß über das Verhältnis von Körper und Geist

Baby be my Cyborg – Die Verschmelzung von Mensch und Technik

Ein Bild unter Bildern – Der feministische Körperdiskurs und die Zerstückelung des Körpers

Entmaterialisierung und Besessenheit – Das Verschwinden des Körpers in der modernen Kunst

Nicht nur weiblich - Emotionstheorie

Der einzige Hauptsinn – Über die Definition von Emotionen

Ésprits oder Reptiliengehirn - Die Entstehung von Emotionen

Ozeanische Selbstentgrenzung – Über außergewöhnliche Bewußtseinszustände (ABZ)

Leibinsel und Ringelwurm - Körperphilosophie

Ein Gewoge von Leibinseln – Zur Theorie Hermann Schmitz’

Der Ringelwurm quer der Körperachse – Zur Muskelpanzer-Theorie Wilhelm Reichs

Erkenne dich selbst – Die Introspektion als Imaginationssteigerung

Feuergluten, welche die Seele erfassen - Einleitung

15 Unzen Brot – Über Jacopo da Pontormo

Magnetischer Schlaf und état de rêve – Über Surrealismus

Weder hungrig noch übersatt – Meditation

3. TEIL: EXKURS

Die Sprache des Gefühls – Über die Darstellung des Inneren in der Kunst

Von der allegorischen Figur zur Individualpsychologie – Historischer Abriß

Der innere Klang - Wassily Kandinsky

Zur Beförderung der Menschenkenntnis – Physiognomik-Exkurs

Die Kopfgalerie - Maria Lassnigs Inspiration

4: TEIL: DER ‚INNERE MONOLOG’ IN DER LITERATUR

Unwetter und Vogelgezwitscher – Zur Darstellung von Innerlichkeit in der Literatur

In naiver Verstrickung – Die Verinnerlichung der Literatur

Gilgamesch und Madame Bovary – Die historische Entwicklung

‚Innerer Monolog’, ‚stream of consciousness’ und ‚erlebte Rede’ – Zu den Begriffen

Vom Dämmerhaften bis zur höchsten Reflexion – ‚stream of consciousness’

Unhörbare Bewußtseinsinhalte – Die ‚erlebte Rede’

Von der Experimentalform zur Konvention – Der ‚Innere Monolog’

Weder ErzählerIn noch ZuhörerIn – Über den Verzicht auf Kommentare

Die ununterbrochene Gedankenkette – Zeit im ‚Inneren Monolog’

Krise und Existenz – Situationen und Personal

Kampf oder Anpassung – Das innere Verhältnis zur Gesellschaft

Die fehlende syntaktische Ordnung – Sprachliche Mittel

Zyklisch und spiralig – Die Struktur

5. Teil: SCHLUSSÜBERLEGUNGEN

Ordnende Übereinstimmug und gewisser Gleichlauf – Über Analogie und Metapher

Fehler oder originale Denkform – Die Wissenschaftlichkeit der Verwendung von Analogien

‚Innerer Monolog‘ oder innerer Monolog – Sprechen über Maria Lassnigs Kunst

‚Innerer Monolog’, Introspektion und kreativer Prozeß – Die Kategorien

Introspektiv kreativer Monolog – Die Schlußthese

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die künstlerische Konstituierung des Ichs in den Selbstportraits von Maria Lassnig und analysiert, inwiefern bildnerische Darstellungen von Körpergefühlen mit dem literarischen Konzept des ‚Inneren Monologs‘ in Verbindung gebracht werden können. Dabei steht die Frage im Zentrum, ob subjektive, körperliche Empfindungen als eine analoge Ausdrucksform zum literarischen Inneren Monolog verstanden werden können.

  • Die künstlerische Werkanalyse von Maria Lassnig.
  • Theoretische Hintergründe des Körperdiskurses und der Emotionstheorie.
  • Die Rolle von Introspektion im kreativen Schaffensprozess.
  • Historische und kunsthistorische Einordnung der Gattung Selbstportrait.
  • Vergleichende Analyse von Malerei und Literatur hinsichtlich der Darstellung von Innerlichkeit.

Auszug aus dem Buch

Die realste Realität – Zur Darstellung von Körpergefühlen

„Als ich müde wurde, die Natur analysierend darzustellen, suchte ich nach einer Realität, die mehr in meinem Besitz wäre als die Außenwelt und fand als solche das von mir bewohnte Körpergehäuse als die realste Realität am deutlichsten vor.“ So beschreibt Lassnig ihren künstlerischen Ausgangspunkt: „(...) das einzig mir wirklich Reale [sind] meine Gefühle, die sich innerhalb des Körpergehäuses abspielen: physiologischer Natur, Druckgefühle beim Sitzen und Liegen, Spannungs- und räumliche Ausdehnungsgefühle – ziemlich schwierig darstellbare Dinge.“ Als Antwort auf die Malerei der Außenwelt auf der einen Seite und auf das Informel auf der anderen entschloß sie sich zur Introversion und entdeckte ihren Körper und die darin gespürten Empfindungen und Gefühle als unerschöpflichen Fundus.

Lange bevor die Wiener Aktionisten Günther Brus (*1938), Muehl (*1925), Hermann Nitsch (*1938) und Schwarzkogler (1940 – 1969) den Körper als Bildträger entdeckten und ihn vor allem in Performances mit Selbstverletzung und Schmerz konfrontierten, beschloss Lassnig nicht mehr zu malen, was sie sah, sondern was ihr Körper, ihr ‚Ich’ fühlte. Damit zog sie, nach einer Bewertung von Peter Weibel, eine entscheidende Zäsur in der europäischen Kunst. Anfangs versuchte sie noch ihre Entdeckung schriftlich zu fixieren.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Teil: MARIA LASSNIG: Dieser Abschnitt bietet eine Werkanalyse von fünf ausgewählten Selbstportraits, untersucht Lassnigs eigene Definition ihrer Arbeit und beleuchtet Themen wie Körperwahrnehmung, Deformation und die Rolle von Titeln.

2. TEIL: THEORETISCHE HINTERGRÜNDE: Hier werden theoretische Diskurse zum Körper, die Emotionstheorie sowie philosophische Konzepte von Hermann Schmitz und Wilhelm Reich analysiert, um die Hintergründe von Lassnigs Kunst zu fundieren.

3. TEIL: EXKURS: Dieser Teil widmet sich allgemein der Darstellung von Innerlichkeit in der Kunstgeschichte, betrachtet den „inneren Klang“ bei Wassily Kandinsky und führt eine physiognomische Untersuchung durch.

4: TEIL: DER ‚INNERE MONOLOG’ IN DER LITERATUR: Das Kapitel erläutert die literaturwissenschaftlichen Begriffe des Inneren Monologs, des Stream of Consciousness und der erlebten Rede als Stilmittel zur Darstellung von Innerlichkeit.

5. Teil: SCHLUSSÜBERLEGUNGEN: Dieser Teil fasst die Ergebnisse zusammen, diskutiert die Übertragbarkeit literarischer Begriffe auf die bildende Kunst und schlägt den Begriff „introspektiv kreativer Monolog“ vor.

Schlüsselwörter

Maria Lassnig, Selbstportrait, Körpergefühl, Body-Awareness, Innerer Monolog, Introspektion, Körperdiskurs, Emotionstheorie, Deformation, Bildbeschreibung, Kunstgeschichte, Subjektivität, Manierismus, Phänomenologie, Leibinseln.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Dissertation untersucht, wie die Malerin Maria Lassnig subjektive innere Vorgänge und Körpergefühle in ihren Selbstportraits darstellt und ob sich dafür literarische Konzepte wie der „Innere Monolog“ als Analysewerkzeug eignen.

Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?

Zentrale Felder sind die Analyse der Selbstportraits von Maria Lassnig, die Theorie des Körperdiskurses, Emotionstheorien, die Kunstgeschichte des Selbstportraits sowie der Vergleich zwischen literarischen und bildnerischen Darstellungsweisen des Inneren.

Was ist das primäre Ziel der Arbeit?

Ziel ist es, Lassnigs einzigartige Herangehensweise an die Darstellung von Körperempfindungen kunsttheoretisch zu verorten und zu prüfen, ob der literarische Begriff des „Inneren Monologs“ sinnvoll auf ihre bildende Kunst übertragen werden kann.

Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?

Es handelt sich um eine interdisziplinäre kunsthistorische Untersuchung, die Werkanalysen von Lassnigs Gemälden mit kunsthistorischer Recherche, Theoriebildung und Vergleichen zur Literaturwissenschaft kombiniert.

Was wird im Hauptteil behandelt?

Im Hauptteil werden Lassnigs künstlerische Entwicklung und ihre theoretischen Hintergründe (Körperdiskurs, Emotionstheorie, Introspektion) analysiert, gefolgt von einem Exkurs zu Innerlichkeit in der Kunst und einem detaillierten Vergleich zum literarischen „Inneren Monolog“.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Maria Lassnig, Körpergefühl, Body-Awareness, Innerer Monolog, Introspektion, Deformation und Subjektivität.

Wie begründet Maria Lassnig die Deformationen in ihren Selbstportraits?

Lassnig begründet diese pragmatisch: Sie malt nicht das äußere Abbild, sondern die Empfindungen ihres Körpers von innen. Wenn sie bestimmte Körperteile im Moment des Malens nicht spürt, lässt sie diese weg oder deformiert sie entsprechend der gefühlten Realität.

Welche Rolle spielt der Spiegel in den Selbstportraits von Lassnig?

Im Gegensatz zur traditionellen Praxis, den Spiegel als Arbeitsutensil für die Selbstdarstellung zu nutzen, spielt er bei Lassnig eine ambivalente Rolle. Sie versucht oft, Erinnerungsbilder, die durch Spiegelungen geprägt sind, zu vermeiden, um zu einem reineren, „blinden“ Körpergefühl zu gelangen.

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Details

Title
Die Konstituierung des Ichs in den Selbstportraits Maria Lassnigs
College
RWTH Aachen University
Grade
magna cum laude
Author
Dr. Silke Andrea Schuemmer (Author)
Publication Year
2002
Pages
318
Catalog Number
V89538
ISBN (eBook)
9783638029346
ISBN (Book)
9783638930857
Language
German
Tags
Konstituierung Ichs Selbstportraits Maria Lassnigs Umsetzung Gefühlen Empfindungen Frage Begriffs Monologs’ Selbstbildnisse
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Dr. Silke Andrea Schuemmer (Author), 2002, Die Konstituierung des Ichs in den Selbstportraits Maria Lassnigs, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89538
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