Die Verlässlichkeit des Erzählers im Spätwerk des Max Frisch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

14 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die Werke
II. 1. Montauk (1975)
II. 1.1. Zitat und Spiel in Montauk
II. 2. Der Mensch erscheint im Holozän (1979)
II. 3. Blaubart (1982)

III. Schlussbetrachtung

IV. Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Forschungsliteratur

I. Einleitung

Diese Arbeit wendet sich einem Teil des Spätwerks des Schweizer Schriftstellers Max Frisch zu.

Produkte seines Schaffens wie „Montauk“ (1975), „Der Mensch erscheint im Holozän“ (1979) und „Blaubart“ (1982) sind drei völlig unterschiedlich erzählte Texte aus der Feder eines erfahrenen Schriftstellers. Frisch als Autor jenseits des 60. Lebensjahrs präsentiert einen Erzähler, der die Geschichten zwar mitunter ungewöhnlich erzählt, sie dennoch gewöhnliche Geschichten sind. Denn gewöhnlich sind sie zwangsläufig, da sein Erzählstoff, sein Material nur der menschlich erfahrbaren Welt entstammen kann. Auch er kann dem Leser nur genau diesen Teil der Welt beschreiben, den sich der Leser denken, ihn durch Sprache zum Ausdruck bringen und zu einem bestimmten Teil erschließen kann. Nicht Vorstellbar ist nicht erzählbar und liefert daher keine Geschichten. Mit anderen Worten: Die Begrenztheit der menschlichen Vorstellungskraft begrenzt die Vielfalt der Geschichten beziehungsweise der Inhalte. Ist der Punkt erreicht, an dem das Füllhorn erzählbarer Geschichten ausgeschöpft ist und bereits alles über Entstehen und Vergehen, über Gott und die Welt gesagt wurde, beginnt das Zitieren, das Wiederholen von bereits Gesagtem. Es scheint, als bestehe lediglich in der Darstellungsform die Möglichkeit des Neuen. Eine neue Gestalt, ein neues Gewand alter Geschichten.

Im Folgenden werden die Aspekte der oben genannten Werke beleuchtet, die in der Literaturwissenschaft als Merkmale der Postmoderne gelten. Besonderes Interesse gilt der Rolle und Funktion des Erzählers sowie dem Verhältnis zwischen Erzähler und Leser.

II. Die Werke

II. 1. Montauk (1975)

Eröffnet wird der Text mit einem Zitat: „Dies ist ein aufrichtiges Buch, Leser, es warnt dich schon beim Eintritt, dass ich mir darin kein anderes Ende vorgesetzt habe als ein häusliches und privates...[...].“1

Ein „häusliches“ und „privates“ Ende in einem „aufrichtigen“ Buch. Das Ende habe er sich „vorgesetzt“. Der Leser lässt sich zum Trotz der Warnung auf den weiteren Text ein und setzt die Lektüre in der Hoffnung fort, dass er am Ende seine Vorstellung des Autors mit Details bebildern kann, die bis in das Private desselben reichen. Er ist gespannt auf das angekündigte Ende und macht sich auf die Suche nach der Wahrheit.

Es stellt sich nun die Frage: Wer ist dieses „Ich“, das sich ein privates Ende vorgesetzt hat? Der Suhrkamp Verlag wählte eine kurzes Rezensionszitat Reich- Ranickis für den Klappentext der hier verwendeten Leseausgabe: „>Montauk< ist Frischs intimstes und zartestes, sein bescheidenstes und vielleicht eben deshalb originellstes Buch.“ Ähnlich der Worte im Eröffnungszitat beurteilt nun auch der Leser Reich- Ranicki das Buch als „intim“ und „zart“, nachdem er kontrollieren konnte, wie weit der Text seiner investierten Erwartungshaltung entgegen kam.

Der Vertrag zwischen Autor und Leser scheint formuliert. Das gesuchte „Ich“ ist Max Frisch und dementsprechend die Haltung und Perspektive des Lesers, die er durch Reich- Ranickis Kommentar schließlich bekräftigt sieht. Doch lässt der Literaturkritiker Raum zum Zweifel an dieser Behauptung. Denn er spricht von einem Gegenstand, von einem intimen jedoch leblosen Buch, das zudem ein bescheidenes und originelles sein soll. Intimes erfährt der Leser lediglich über die Figuren der Erzählung. An dieser Stelle sei daran erinnert, dass ein Zitat die Erzählung eröffnet. Dieses, sowie alles Folgende, erreicht den Leser mittels eines fiktiven Erzählers und nicht in direkter Kommunikation mit dem Autor. Bedient sich der Erzähler eines Zitats, rückt der Autor durch die übernommenen Worte eines Dritten noch weiter in den Hintergrund. Es sind nicht seine Worte.

Roland Barthes unterscheidet in seinem Essay „Der Tod des Autors“ noch genauer zwischen „Autor“ und „Schreiber“. Während der Lektüre „spricht die Sprache“, nicht der Autor. Dieser ist nur derjenige, der schreibt. Er verschwindet in dem Moment, da der unpersönliche Schreiber und dessen Text geboren werden. Die Sprache kennt ein „Subjekt“, aber keine „Person“.2

Dieser Sichtweise folgend soll von nun an der Autor Max Frisch hinter den Erzähler, als des Lesers Partner und Komplizen im literarischen Spiel zurücktreten. Der Autor verlässt den Raum der literarischen Interpretation. Im Fokus steht die Verlässlichkeit des Erzählers.

II. 1.1. Zitat und Spiel in Montauk

Nachdem nun am Beispiel der Texteröffnung das „Zitat“ als ein erster charakteristischer Begriff der Postmoderne eingeführt werden sollte, soll dessen Bedeutung für die ausgesuchten Werke untersucht werden. Überlegungen zum Begriff des „Spiels“ werden sich anschließen.

Zum Text: der Erzähler lenkt die Aufmerksamkeit des Lesers an die nördliche Spitze von Long Island, nach Montauk. Beobachtend schildert er einen Mann, der mit einer jungen Frau zum Atlantik gefahren ist. Eine Wochenendreise wird zum Ausgangspunkt der Erzählung. Der Mann scheint gelangweilt, sein Handeln wird zunächst nur am Rande erwähnt. Doch schon bald wechselt die Erzählperspektive. Aus der einsetzenden Ich- Perspektive des zuvor beobachteten Mannes erfahren wir, dass er Schriftsteller ist. Jemand, der gegenüber der amerikanischen Presse äußert: „Leben ist langweilig, ich mache Erfahrungen nur noch, wenn ich schreibe.“ (MON 12). Und aus beobachtender Erzählperspektive zuvor: „Es stört ihn, daß immer Erinnerungen da sind.“ (MON 9). Und doch machen Erinnerungen, aus der Ich- Perspektive geschildert, einen großen Teil des gesamten Textes aus. So zum Beispiel Erinnerungen daran, dass er bereits vor Jahren an diesem Ort war. Nichts hat sich seit dem verändert. Er erinnert sich an seinen Freund „W.“, seine Ehe, seine Mutter oder an seinen beruflichen Werdegang. Im Detail zeichnen die Erinnerungen folgendes Bild des Mannes: er heißt Max Frisch, ist ein bekannter Schriftsteller, war vor seiner Schriftstellerkarriere Architekt und lebt derzeit wahrscheinlich in Trennung. Eine Beschreibung, die der Biographie des Autors Max Frischs gleichkommt. Doch spielt dieser hier nicht mit. Er ist während der Lektüre austauschbar gegen beliebige andere, vom Leser erdachte Personen, die aber letztlich Figuren bleiben, Bilder und Leservorstellungen. Beim Lesen ist die Person „Max Frisch“ das Subjekt des Textes und somit eine Spielart auf dem Brett, auf dem Spielfeld der Deutungsebene. In diesem Zusammenhang sei auf den Artikel „Das Lesen- ein Spiel“3 von Hanns- Josef Ortheil verwiesen. Hierin spricht er von „möglichen Welten“ als „jene Spielwelten, die [...] Bedienungsanleitungen für das Raumschiff Erde sind.“4 Die postmoderne Literatur definiert er wie folgt:

Die postmoderne Literatur ist die Literatur des kybernetischen Zeitalters. Sie verabschiedet nicht die ästhetischen Projekte der Moderne, sondern verfügt über diese als Modelle, die in Spiele höherer Ordnungen überführt werden können. Dabei treten an die Stelle vom Autor oder Erzähler ausgewiesener Weltbilder Strukturen, die dem Leser die entscheidende Arbeit zumuten. Der Leser wird zum intellektuellen Komplizen des Autors, das zentrale Medium der Komplizenschaft ist der Roman, als Vergewisserung über die noch möglichen Spielarten der Welt zu begegnen.5

[...]


1 Frisch, Max, Montauk, S. 5. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der
Sigle „MON“ sowie der Angabe der Seitenzahl nachgewiesen.

2 Vgl., Barthes, Roland, Der Tod des Autors, S. 186 ff.

3 Ortheil, Hanns- Josef, Das Lesen- ein Spiel, in: DIE ZEIT, 17. April 1987, S. 59.

4 Ebd., S. 59.

5 Ebd., S. 59.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Die Verlässlichkeit des Erzählers im Spätwerk des Max Frisch
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich Germanistik)
Veranstaltung
Max Frisch - das Spätwerk
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V89717
ISBN (eBook)
9783638038577
ISBN (Buch)
9783638935487
Dateigröße
413 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Verlässlichkeit, Erzählers, Spätwerk, Frisch, Spätwerk
Arbeit zitieren
Marcel Eyckmann (Autor), 2007, Die Verlässlichkeit des Erzählers im Spätwerk des Max Frisch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/89717

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