Der Ermittler im Tatort als Moralagent? Ein Vergleich modellhaften Verhaltens zwischen Kriminalhauptkommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

20 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhalt

1. „Politikvermittlung im Unterhaltungsformat“ – Unterhaltsame Aufklärung im Tatort

2. Der Tatort als Moral-Agentur

3. Konzeption der Ermittlerfigur im Tatort

4. Analyse moralischer Verhaltensweisen der Münsteraner Tatort-Ermittler
4.1 Kriminalhauptkommissar Frank Thiel
4.2 Rechtsmediziner Professor Karl-Friedrich Boerne

5. Auswertung und Vergleich: Inwieweit fungieren die Ermittler als Moralagenten?

6. Fazit und Ausblick

Quellenverzeichnis

1. „Politikvermittlung im Unterhaltungsformat“ – Unterhaltsame Aufklärung im Tatort

„Es sind die Unterhaltungsmedien,1 die heutzutage in weitem Umfang soziale Erwartungen formulieren und Identitätsmodelle vorführen.“2 So bietet die darin integrierte Medienkommunikation mittlerweile jedem Mediennutzer die Möglichkeit, sich jene Identitätsmodelle anzueignen und selektiv in sein alltagsweltliches Denken einzubeziehen.3 Medienwissenschaftler Andreas Dörner spricht hierbei von einer ‚Unterhaltungsöffentlichkeit‘, die laut ihm gemeinsame Kommunikationsräume steuere, orientierungsfreundliche öffentliche Meinungen stifte und so Modelle von individueller und kollektiver politischer Identität bieten könne.4 Dörner, sowie die Soziologin Ludgera Vogt, sprechen Mediensystemen daher die Funktion einer Sicherung politischer Traditionen zu5, die speziell in den Medien Film und Fernsehen als Leitbild für „Sinnfiguren und Deutungsmuster“6 zum Tragen kommt. Dies „(…) stellt für die Gesellschaft einen Raum zur Verfügung, in dem Bestände von kollektiv geteilten Vorstellungen, Werten, operativen Normen und Sinnesentwürfen immer wieder neu inszeniert und beglaubigt werden.“7

Das Kompositum „Politainment“8 vereint die zuvor genannten Potentiale der Unterhaltungsmedien, indem es Politik und Entertainment – in Form von politischer und unterhaltender Kommunikation –bündelt und so einen Erfahrungsraum begründet, der Politik für den Mediennutzer leicht zugänglich macht.9 So wird im Zuge dessen auch ‚political correctness‘10 konstruiert.11 Im Sinne Dörners bezeichnet Politainment also „(…) eine bestimmte Form der öffentlichen, massenmedial vermittelten Kommunikation, in der politische Themen, Akteure, Prozesse, Deutungsmuster, Identitäten und Sinnentwürfe im Modus der Unterhaltung zu einer neuen Realität des Politischen montiert werden.“12

Kulturwissenschaftler Dr. Hendrik Buhl schreibt dem Politainment ergänzend die Fähigkeit zu, Abstraktes sichtbar zu machen und es auf ein Maß des Verstehbaren zu reduzieren, woraus sich Selbstverständlichkeiten und Normalitäten unserer politischen Realität manifestieren.13

An durchschnittlich 35 Sonntagabenden eines Kalenderjahres14, lässt sich eine derartige Manifestation der politischen Realität im Ersten Deutschen Fernsehen ermitteln: Mit der Krimireihe Tatort hat die ARD ein Aushängeschild geschaffen, das dem Öffentlichkeitsideal, sowie dem Wunsch des Senders nach politischer Anteilnahme der Bürgerinnen und Bürger gerecht werden soll.15 So vermittelt der Tatort neben dem Detektionsgeschehen auch gesellschaftspolitische Aspekte, allerdings auf Unterhaltungsbasis.16 Daher wird der, den bürgerlichen Alltag betreffende Konsens in der Sendung so mit Mordgeschichten verknüpft, dass der eigentliche Kriminalfall weniger wichtig erscheint als der im Film thematisierte aktuelle gesellschaftliche Missstand beziehungsweise das gesellschaftspolitische Sujet.17 Bei der Auswahl der Themenkonjungturen orientiert sich der Tatort an gesellschaftspolitischem Konsens, der zu einem bestimmten Zeitpunkt allgemein zustimmungsfähig oder -pflichtig, beziehungsweise achtens- und verachtenswert erscheint.18 Folglich soll die Krimireihe „(…) im öffentlich-rechtlichen Sinne Politisches (…) für viele leicht und relativ voraussetzungslos zugänglich machen, Aufmerksamkeiten und Problemlagen lenken und Diskussionsstoff bereitstellen.“19

Das Erkenntnisinteresse der vorliegenden Arbeit liegt demnach darin, zu untersuchen, inwieweit der Tatort und stellvertretend auch die dazugehörigen Ermittler als mediale Agenten der Moral fungieren und inwiefern dem Rezipienten damit gesellschaftliche Verhaltensregeln und Identitätsmodelle zugetragen werden. Das Münsteraner Ermittlerduo Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) dient hierbei als exemplarischer Untersuchungsgegenstand, da der die Figurenkonzeption dominierende Antagonismus der beiden Ermittler seinesgleichen sucht. Zu Beginn wird das Konzept der Moral-Agentur definiert, um es daraufhin auf den Tatort übertragen zu können. Um eine Grundlage für die Analyse und den Vergleich der moralischen Verhaltensweisen der Ermittler zu schaffen, wird in Kapitel 3 die Konzeption der Ermittlerfigur im Tatort näher erläutert. In Kapitel 4 erfolgt dann anhand einiger exemplarischer Filmbeispiele eine Analyse, die zeigen soll, ob und inwiefern die Münsteraner Ermittler moralisch handeln. Die Ergebnisse aus der Analyse werden daraufhin zusammengeführt und die aus dem Erkenntnisinteresse resultierenden Fragen, falls möglich beantwortet. Kapitel 6 resümiert die gewonnen Erkenntnisse und eröffnet abschließend einen Ausblick.

2. Der Tatort als Moral-Agentur

Wie bereits zuvor erwähnt, thematisiert der Tatort das, was allgemein als achtens- und verachtenswert erscheint und bildet so für den Rezipienten ein Identitätsmodell, welches sich an einem moralischen Verhaltenskodex orientiert. Die Krimireihe fungiert aufgrund dessen als sogenannte „Moral-Agentur“20. Was genau unter einer Moral-Agentur zu verstehen ist, welche Handlungsträger mit ihr einhergehen und wie der Begriff der Moral in unserer Gesellschaft konnotiert ist, soll in diesem Kapitel gezeigt werden.

Der Begriff der Moral-Agentur stammt vom englischen Wort ‘moral agency’ und beschreibt “an individual's ability to make moral judgments based on some notion of right and wrong and to be held accountable for these actions.”21 Darauf aufbauend ist ein Agent der Moral22 also “(…) (a being who is) responsible for one’s moral actions. It means to be a being capable of acting with reference to right and wrong, and rationality is often associated with this capability.”23 Das Konzept der Moral-Agentur beschreibt demnach die Fähigkeit eines Individuums, moralische Urteile zu fällen, die auf einer Vorstellung von Recht und Unrecht, also dem Prinzip der Moral, beruhen. Moral beschreibt in der heutigen Gesellschaft, welches Handeln eines Individuums in bestimmten Situationen für richtig erachtet wird und orientiert sich dabei an den in der Gesellschaft eingelebten Verhaltensregeln.24 Mediensoziologe Andreas Ziemann resümiert daraus:

„Das Moralverhalten (…) bedeutet die konkrete Aneignung von Werten und Regeln, wie Individuen also etwas befolgen oder nicht, Gehorsam oder Widerstand praktizieren, Achtung oder Missachtung ausüben. Und das Moralsubjekt ist schließlich der vollziehende Akteur von Vorschriften, Normen und Geboten und zeigt dabei, wie es sich selbst führt und als moralisches Subjekt hervorbringt.“25

Eine Moral-Agentur kann daher alles sein, was die moralischen Werte der Gesellschaft vermittelt. Friedrich Schiller schrieb diese Eigenschaft bereits 1784 der Schaubühne zu. Sie sei laut ihm ein „gemeinschaftlicher Kanal“26 durch den „Richtigere Begriffe, geläuterte Grundsätze, reinere Gefühle (…) durch alle Adern des Volks (fließen).“27 Ähnlich verhält sich das auch im Genre des Krimis: Der Kriminalroman beziehungsweise -film hat sich zu einem Hort politischer Korrektheit und ziviler Renitenz entwickelt, in dem der Kommissar gesellschaftspolitischen Konsens hütet und so Wertediskurse vermittelt.28 Demgemäß wird einstweilen nicht der Mord als moralisch verwerfliche Straft gesehen, sondern vielmehr die Verletzung gesellschaftlicher Normen und Wertekonzepte.29

Bereits seit 30 Jahren stellen speziell auch die Kommissare in der Krimireihe Tatort „bei ihrem Kampf um Recht und Gerechtigkeit vorbildliche Modellfiguren der im legitimen Meinungsspektrum der Republik angesiedelten politisch-korrekten Verhaltensweisen dar“30, in dem sie modellhafte Bewertungen der Wirklichkeits- und Wertekonzepte transportieren.31 Wo früher ein Detektiv das Mörderrätsel in eigener Sache gelöst hat, steht jetzt ein Kommissar beziehungsweise Ermittler, der einer Institution zugehörig ist, die den Staat und somit auch dessen Normen vertritt.32 Kulturwissenschaftlerin Christine Hämmerling konnte diesbezüglich in ihrer Ethnografie des Tatort -Publikums feststellen, dass explizit die zuvor genannte institutionelle Zugehörigkeit der Ermittler eine breite Masse der Rezipienten anspricht und begeistert. Hämmerling konstatierte darin, dass den Befragten neben markanten Charakterzügen und Eigenschaften des Figureninventars speziell die moralische und politische Haltung der Tatort -Ermittler im Kopf bleiben, anhand derer dann Sympathien oder Antipathien gegenüber den Figuren gebildet werden.33

3. Konzeption der Ermittlerfigur im Tatort

Der Tatort stellt mit mittlerweile 49 Jahren Sendezeit die älteste Krimireihe im deutschen Fernsehen dar. Die erste Folge Taxi nach Leipzig wurde am 29. November 1970 im Ersten gezeigt. Zu dieser Zeit wurde monatlich nur ein Tatort gezeigt, inzwischen geht die Krimireihe oft vier Mal im Monat auf Sendung. 2010 hielt der Tatort sonntagabends einen durchschnittlichen Marktanteil von 22,7 Prozent und ist somit ebenfalls die meistgesehene Krimireihe.34 102 Ermittler gab es in der Tatort-Reihe bis 2010, immer wieder kommen neue Teams dazu. Dies ist auch von großer Bedeutung, denn wie bereits zuvor erwähnt, spielen das Figureninventar, und ganz speziell die Ermittlerfigur, im Tatort eine wichtige Rolle.

Medien- und Kommunikationswissenschaftler Jens Eder spricht Figuren im Film daher einen bedeutenden Stellenwert zu:

„Figuren dienen der individuellen und kollektiven Selbstverständigung, der Vermittlung von Menschenbildern, Identitäts- und Rollenkonzepten, sie dienen dem imaginären Probehandeln, der Vergegenwärtigung alternativer Seinsweisen, der Entwicklung empathischer Fähigkeiten, der Unterhaltung und emotionalen Anregung.“35

Figuren bilden demnach Identifikationszentren, stellen Vorbilder oder auch Negativbeispiele dar, erzeugen Empathie, können dem Rezipienten so neue Perspektiven vermitteln und bestimmen daher den moralischen und thematischen Diskurs des Textes und seiner Rhetorik.36 Eder geht sogar so weit zu sagen, sie fungieren als „Kristallisationspunkte“.37 Dies spiegelt sich auch im Tatort wieder: Kommissarinnen und Kommissare setzen alles daran einen ungelösten Fall aufzuklären und den Täter zu ermitteln, evaluieren moralisch gleichzeitig aber auch Verhaltensweisen anderer Thementräger und werden so zu Repräsentanten von Kultur.38 Im Laufe der Jahre hat sich die Ermittlerfigur verändert: Während der Ermittler vor einigen Jahren noch patriarchalisch und unantastbar schien, wird nun auch die „Subjektivität der Ermittler aistehtisch inkorporiert“.39 Produkt dieses Wandels ist eine Figur, die an der Spannung zwischen Beruf und Privatleben leidet und in der sich der Rezipient wiedererkennen kann.40 An ihr lässt sich auch der gesellschaftliche Wandel erkennen, denn der Ermittler ist nichtmehr schlichtweg männlich. Im Tatort ermitteln mittlerweile auch reichlich Frauen. Zu nennen ist hier beispielsweise Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler), die seit 2002 zahlreiche Kriminalfälle für das Landeskriminalamt Niedersachsen aufklären konnte. Oft sogar ohne einen Kollegen an ihrer Seite.41 Über die Jahre hinweg haben sich so drei verschiedene Typen innerhalb der Polizistenrolle etabliert: Einerseits existieren patriarchalische Figuren, die sich stets über dem Polizeiapparat positionierten (wie beispielsweise Kommissar Andreas Keppler aus Leipzig), andererseits stellt der Tatort größtenteils teamfähige Bürokraten (wie das Ermittlerduo Ballauf und Schenk aus Köln). Zuletzt gibt es dann noch Individualisten beziehungsweise rebellische Einzelgänger, die oft in Konflikt mit dem Polizeiapparat treten (vergleiche hierzu Professor Boerne aus Münster).42

Zusammenfassend lässt sich daher sagen, dass die Ermittlerfigur im Tatort einen großen Anteil zur Signifikation des im jeweiligen Kriminalfilm behandelten Sujets beiträgt. So sind Ermittler „zentrale(...) Agenten sowohl der Detektion als auch der narrativen Erschließung gesellschaftspolitischer Themenfelder“.43

4. Analyse moralischer Verhaltensweisen der Münsteraner Tatort -Ermittler

Bereits 17 Jahre begeben sich Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Professor Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) im Auftrag des ARD nun schon auf Tätersuche in Münster und genießen nach bislang 34 Folgen nach wie vor große Beliebtheit. Dies mag nicht zuletzt der Hybridität der Tatort -Folgen geschuldet sein, die Mischung aus Krimi und Komödie findet bei den Deutschen großen Anklang.44 Die 1017. Folge Fangschuss vom 02. April 2017 zog 14,56 Millionen Zuschauer vor die Bildschirme und entsprach somit einem Marktanteil von 39,6 Prozent. Fangschuss verzeichnete so die besten Marktwerte eines Tatort s seit 1992.45 Den Grund für die Beliebtheit des Münsteraner Krimis sieht Medienwissenschaftler Thomas Klein in der starken Variation des Ermittlerpaars, die den Münsteraner Tatort als Distinktionsmerkmal von anderen Tatorten abhebt.46 So ist die Figur des Rechtsmediziners Boerne in jedem Punkt gegensätzlich zur Figur des Kommissar Thiels entworfen, es herrscht ein Antagonismus zwischen unangepasstem Rebell und integriertem Beamten.47 Boerne selbst bezeichnet das Verhältnis mit seinem Kollegen als „Schicksalsgemeinschaft“48.

Im Folgenden werden die beiden Ermittlerfiguren anhand exemplarischer Filmausschnitte auf moralisches Verhalten analysiert. Zum besseren Verständnis werden zentrale Merkmale und wichtige Charakteristika der Figuren zu Beginn kurz erläutert. Ziel der Analyse ist es, zu ermitteln, inwieweit die Figuren Thiel und Boerne als Identitätsmodelle und Vorbilder für den Zuschauer fungieren, und ob, und wenn ja wie sie moralisch gesellschaftspolitische Themen bewerten und somit die Rolle medialer Moralagenten einnehmen.

4.1 Kriminalhauptkommissar Frank Thiel

Kriminalhauptkommissar Frank Thiel ist in Münster geboren, verließ die Domstadt aber nach der Trennung seiner Eltern für lange Zeit, um mit seine Mutter in der Hansestadt Hamburg zu leben, wo er auch den polizeilichen Dienst aufnahm.49 Nach dem Tod seiner Mutter ließ sich Thiel dann in das Morddezernat der Polizeidirektion Münster versetzen, wo er seit 2002 Kriminalfälle löst. Neben spannenden Mordfällen und komplexen Täterrätseln gestaltet sich Thiels Privatleben hingegen als nicht besonders erwähnenswert. Aufgrund der Scheidung von seiner Frau Susanne, die mittlerweile mit dem gemeinsamen Sohn Lukas in Neuseeland lebt, ist Thiel privat häufig alleine anzutreffen.50 Ein einfaches Leben ohne Luxusgüter genügt ihm, weshalb sich seine Freizeitgestaltung alleinig auf gelegentliche Besuche in das FC St.-Pauli-Stadion begrenzt.51 Sein Humor ist trocken, seine Sprache mehr ordinär als distinguiert. Sein Abitur erlangte er über den zweiten Bildungsweg, seine allgemeinen Kenntnisse sind lückenhaft und sein Englisch schlecht.52 Da er aufgrund seiner Ausstrahlung nicht dem Bild eines Kommissars entspricht und daher oftmals eher wie eine Nebenfigur wirkt, muss der Ermittler seine berufliche Identität häufig mit seinem Dienstausweis nachweisen.53 Das Erste, als Mutter des Tatorts, beschreibt Thiel als keinen Mann der großen Worte, denn „Seine Marke ist Unauffälligkeit.“54 Medienjournalist Matthias Dell sieht den Kriminalkommissar als „rau aber unprätentiös, prekär, aber liebenswert.“55 So liefert Thiel allerdings ein großes Identifikationsangebot für den Zuschauer, welcher sich in dem normalen, eher konservativen Kleinbürger wiederfinden kann.56

Mit den Worten „Ich bin Polizist und kein Moralapostel.“ (Der dunkle Fleck, 2002, 00:24:10) etikettiert sich Ermittler Frank Thiel bereits bei seinem ersten Auftritt als Tatortkommissar selbst und stellt so klar, dass das Konzept des Moralagenten sicherlich nicht zu seinen Aufgaben als Polizist zähle. Kontrovers hieran ist jedoch der Fakt, dass die 511. Folge der Krimirehe Der dunkle Fleck, Thiel gegensätzlich zu seiner Selbstwahrnehmung und den eigenen Prinzipien, sehr wohl als Moralagenten illustriert, wenn auch nicht immer offensichtlich. Dies zeigt sich bereits nach wenigen Minuten: Die Tochter einer vermissten Krankenschwester führt eine Beziehung mit einem wesentlich älteren Mann, der, wie sich später herausstellte, ihr Vater wie auch Großvater ist. Bei einer Befragung der Tochter Jennifer, trifft Thiel auf ihren älteren Liebhaber Hermann Alsfeld. Zwar äußert sich der Kommissar verbal nicht zu dieser Beziehung und positioniert sich augenscheinlich zuerst objektiv. Wenige Sekunden später jedoch entgleiten ihm die Gesichtszüge, ein Ausdruck von Unverständnis zeichnet sein Äußeres (00:23:12). So muss die moralische Bewertung des Handelns anderer Thementräger nicht immer verbal erfolgen, Kriminalhauptkommissar Thiel äußert sich oft auch in Gestik und Mimik.

Hatte er zuvor noch behauptet, moralische Angelegenheiten hätten nichts mit seinem Beruf als Polizist zu tun, erweist sich Thiel nach erfolgreicher Tätersuche allerdings tugendhaft. Obwohl selbst Boerne dies nicht als Aufgabe der Ermittler erachtet, will Thiel der unwissenden Jennifer die Wahrheit über ihre Familie und ihren Liebhaber/Vater und Großvater mitteilen, denn „(…) sie hat auch ein Recht die Wahrheit zu erfahren, wie alle anderen auch. Und bevor sies irgendwann von irgendwem erfährt, erzähl ichs ihr lieber selber.“ (01:24:24). So konnte sich sein moralisches Gewissen gegenüber seinen beruflichen Prinzipien durchsetzen. Thiel bietet dem Zuschauer somit ein Verhaltensmodell, an dem er sich orientieren kann.

Nach seinem ersten Besuch in der Gerichtsmedizin und dem Kennenlernen mit der dortigen Assistentin Silke Haller, zeigt sich Thiel sichtlich empört darüber, welchen Umgang Rechtsmediziner Boerne mit der Kleinwüchsigen pflegt. So äußert er sich gegenüber Staatsanwältin Wilhelmine Klemm wie folgt: „Ich finde er geht ziemlich rüde mit Frau Alberich um oder?“ (00:20:07) und bewertet diskriminierendes Verhalten gegenüber körperlich beeinträchtigten Menschen als negativ, plädiert somit für bessere Inklusion.

Als moralisches Vorbild erweist sich Thiel ebenfalls in der 678. Tatort -Folge Satisfaktion. Sein Vater Herbert wurde aufgrund eines Schwächeanfalls ins Krankenhaus eingewiesen. Bei einem seiner vielen Besuche erwischt Thiel seinen Vater beim Rauchen und schlägt ihm die Zigarette aus dem Mund, droht ihm sogar damit, dies erneut zu tun (Satisfaktion, 2007, 00:20:13). Rauchen, sowie der Drogenkonsum im Allgemeinen, wird von ihm also als abstoßend und nicht empfehlenswert angesehen. So schenkt er einem stark alkoholisierten Mitglied einer Studentenverbindung einen abwertenden Blick als dieser sich in Anwesenheit Thiels aufgrund seines Rausches erbricht (Satisfaktion, 00:28:01). Als sein Vater ihm aufgrund von Rückenproblem aus dem Auto helfen muss, ergibt sich folgendes Gespräch:

„H. Thiel: Also ich hatte noch nie Probleme mit dem Rücken, in deinem Alter war ich biegsam wie ne Katze.

F. Thiel: Du solltest mal weniger Drogen nehmen.“ (Feierstunde, 2016, 00:03:26)

Wenngleich er es nie zugeben würde, insgeheim sorgt sich Thiel doch sehr um seinen Vater und ist, wenn oftmals auch sehr ungehalten, sofort zur Stelle, falls der in die Jahre gekommene 68er Revoluzzer seine Hilfe benötigt. Dies spricht ebenfalls für seine ausgeprägte Moralverhalten und stellt dem Rezipienten erneut ein Identifikationsmodell bereit. Dass ein moralisches Gewissen in der Figur Thiels fest verankert ist, zeigt sich auch in Erkläre Chimäre: Im 27. Fall der Münsteraner Ermittler rettet Boerne mittels eines Luftröhrenschnitts das Leben des erstickenden Thiels, der sich zuvor wohl zu hastig an einer großen Auswahl Canapés beglückte. Obschon Professor Boerne daraufhin in seiner Rolle als Lebensretter aufblüht und dies auch frequent zu thematisieren vermag, verspürt Thiel doch den Wunsch sich bei seinem Kollegen zu revanchieren und bedankt sich angemessen.

[...]


1 Schicha & Brosda (2002).

2 Dörner (2002, S. 48f.).

3 Vgl. Ebd. (S. 49).

4 Vgl. Ebd. (S.49f.).

5 Vgl. Dörner & Vogt (2012, S. 16).

6 Dörner (2002, S. 47).

7 Ebd. (S. 50).

8 Dörner (2001).

9 Vgl. Dörner (2001, S. 31).

10 Deutsch: Politische Korrektheit; bezeichnet genauer die „Einstellung, die alle Ausdrucksweisen und Handlungen ablehnt, durch die jemand aufgrund seiner ethnischen Herkunft, seines Geschlechts, seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Schicht, seiner körperlichen oder geistigen Behinderung oder sexuellen Neigung diskriminiert wird.“ („Political Correctness“ auf Duden online, Zugriff: 26.09.19).

11 Vgl. Dörner. (2001, S. 243).

12 Ebd. (S. 31).

13 Vgl. Buhl (2013, S. 57).

14 Vgl. Wikipedia (23.09.2019).

15 Vgl. Buhl (2013, S. 19).

16 Vgl. Buhl (2014, S. 81f.).

17 Vgl. Hißnauer & Scherer & Stockinger (2014, S. 13).

18 Vgl. Buhl (2014, S. 69).

19 Ebd. (S. 70).

20 Ziemann (2011, S. 237).

21 Angus (2003, S. 20).

22 Vom Englischen ‚moral agent’

23 Seven Pillars Institute (2017).

24 Vgl. Werner (2006).

25 Ziemann (2011, S. 239f.).

26 Vgl. Spiegel online Projekt Gutenberg (2001).

27 Ebd.

28 Vgl. Dörner (2001, S. 191).

29 Vgl. Bleicher (2014, S. 94).

30 Dörner (2002, S. 47).

31 Vgl. Bleicher (2014, S. 90).

32 32 Vgl. Welke (2012, S. 91).

33 Vgl. Hämmerling (2016, S. 194).

34 Vgl. Daserste.de „Zahlen, Daten und Fakten rund um den "Tatort".

35 Eder (2008, S. 9).

36 Vgl. Ebd. (2008, S. 16).

37 Ebd. (S. 13).

38 Vgl. Buhl (2018, S. 15).

39 Weber (2014, S. 35).

40 Vgl. Ebd. (S. 34).

41 Vgl. Buhl (2018, S. 4).

42 Vgl. Weber (2014, S. 33):

43 Buhl (2014, S. 78).

44 Vgl. Buhl (2013, S. 27f.).

45 Tagesspiegel.de (2019):

46 Vgl. Klein (2014, S. 286).

47 Vgl. Dell (2012, S. 43).

48 Satisfaktion (DE 2007, 00:49:49).

49 Vgl. tatort-fans.de „Thiel und Boerne“.

50 Vgl. Dell (2012, S. 29).

51 Vgl. tatort-fans.de „Thiel und Boerne“.

52 Vgl. Dell (2012, S. 30).

53 Vgl. Ebd. (S. 26ff.).

54 Daserste.de „Thiel und Boerne (Münster)“.

55 Dell (2012, S, 29).

56 Vgl. Ebd. (S. 43).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Ermittler im Tatort als Moralagent? Ein Vergleich modellhaften Verhaltens zwischen Kriminalhauptkommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne
Hochschule
Universität Regensburg  (Institut für Information und Medien, Sprache und Kultur)
Veranstaltung
Pop - Medien - Politik
Note
2,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
20
Katalognummer
V900328
ISBN (eBook)
9783346221919
ISBN (Buch)
9783346221926
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tatort, Münster Tatort, Dr. Karl Friedrich Boerne, Frank Thiel, Moralagentur, Kommissar, Ermittler Tatort, Politainment
Arbeit zitieren
Nina Stahlberger (Autor), 2019, Der Ermittler im Tatort als Moralagent? Ein Vergleich modellhaften Verhaltens zwischen Kriminalhauptkommissar Frank Thiel und Rechtsmediziner Professor Dr. Karl-Friedrich Boerne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/900328

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