Senioren und Musik - Musikunterricht und Musiktherapie für alte Menschen


Seminararbeit, 2007

14 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Alleinstellungsmerkmale von Musik

3. Singen als Unterrichtsgegenstand und Mittel therapeutischer Intervention

4. Musikunterricht für alte Menschen

5. Geriatrische Musiktherapie
5.1 Anwendungsbeispiele

6. Quellenverzeichnis

„Nicht die Beurteilung der Harmonie in Tönen […], sondern das Lebensgeschäft im Körper, der Affekt, der die Eingeweide und das Zwerchfell bewegt, mit einem Wort das Gefühl der Gesundheit… macht das Vergnügen aus, welches man daran findet, dass man dem Körper auch durch die Seele beikommen und diese zum Arzt von jenem brauchen kann.“ (Kant 1790/1966, 189f.)

1. Einleitung

Dass es eine Wechselwirkung zwischen Seele und Körper gibt, die durch Musik auf gesundheitsfördernde Weise angeregt werden kann, wie Kant es darstellt, ist eine seit Menschengedenken bekannte Tatsache, derer man sich heute wieder verstärkt zu besinnen scheint. Der rasante demografische Wandel und die damit in vielfältiger Weise verbundene Zunahme des Interesses an Fragen der Gesundheitsförderung, an Themen wie „Anti Aging“ und „Wellness“ dürfen hier als verstärkende Faktoren vermutet werden.

Längst ist Musik nicht mehr „Ausnahmezustand“, wie Adorno beklagte (vgl. Adorno 1968, 139f.), sondern hat sowohl im pädagogischen als auch im therapeutischen Kontext als Medium sozialer Praxis zentrale Bereiche unseres privaten wie gesellschaftlichen Alltags besetzt und bildet in allen ihren Facetten und in allen Altersgruppen einen wichtigen Lebensfaktor. Zunehmend bestehen Programme für ältere Menschen, die Musikhören, eigenes Musizieren, Chorsingen, Opern- und Konzertbesuche, auch Tanz und Rhythmik, Lesungen mit Musikbegleitung sowie Musiktheater- und Musicalbesuche umfassen. Dabei stehen Interesse und Teilnahme an diesen Angeboten keineswegs allein unter dem Aspekt des Selbstzwecks, sondern umfassen weitere Intentionen – teils mit musikpädagogischer[1], teils mit musiktherapeutischer Schwerpunktsetzung: Austausch mit Anderen, Übung und Aneignung weiterer musischer Elemente, Kontakt mit der Umwelt, das Erleben von Spannung und Entspannung sowie die Entwicklung kreativer körperlicher und geistiger Fähigkeiten, die nötig werden, wenn aufgrund der durch das Altern veränderten Lebenslage Aufgaben neu zu bewältigen sind (vgl. Blanckenburg 2004, 82).

Bei der Entwicklung und Vermittlung solcher musikalischen Zielgruppenangebote sind neben fachspezifischen und medizinischen Aspekten vor allem soziodemografische Gesichtspunkte zu berücksichtigen, wie die Binnendifferenzierung zwischen „jungen Alten“ und „alten Alten“, Geschlechts- und Migrantenspezifika sowie die Standortnähe von Angeboten. Laut Bundestags-Enquete-Kommission „Demographischer Wandel“ zeigt sich im Zusammenhang mit dem Altersstrukturwandel (vgl. Tews 1990) nämlich folgendes Bild: Eine frühe Entberuflichung schon vor dem 60. Lebensjahr,[2] eine länger währende nachberufliche Phase mit Verjüngungseffekten in den ersten Jahren und eine zunehmende Hochaltrigkeit der Bevölkerung mit überwiegendem Anteil von Frauen. In Hinblick auf die Wohndaten der älteren Bevölkerung zeigen Statistiken, dass 93 Prozent der Menschen im Alter von 65 und mehr Jahren in Privathaushalten leben - in absoluten Zahlen: ca. 12 Millionen Menschen; lediglich sieben Prozent dieser Altersgruppe leben in Einrichtungen der Altenhilfe (vgl. Zweiter Altenbericht 1998). Die Kommission geht davon aus, dass dieser demografische Wandel nicht aufzuhalten, sondern allenfalls abzumildern ist. Auch verstärkte Migration wird ihn nicht aufhalten, sondern lediglich abmildern können (vgl. Naegele 2002; vgl. Wienken 2003).

2. Alleinstellungsmerkmale von Musik

Nicht nur bei Angehörigen jüngerer Generationen, sondern auch bei den Senioren steht Musik im Wettbewerb mit anderen Angeboten zur Freizeitgestaltung bzw. anderen therapeutischen Angeboten; in verstärktem Maße, seit die Freizeitindustrie und die Anbieter auf dem Gesundheitsmarkt, insbesondere alle diejenigen, die in ihren Offerten „Wellness“ verheißen, die Senioren, also eine Gesellschaftsgruppierung, bei der finanzielle Ausgaben nicht mehr in erster Linie der Anschaffung langfristiger Konsumgüter oder der Lebensvorsorge zu dienen haben, als kaufkräftige und mitunter kauflustige Zielkunden ausgemacht haben. Argumente, die im Sinne von Alleinstellungsmerkmalen Musik gegenüber anderen konkurrierenden Angeboten herausstellen, orientieren sich vor allem an der „Umwegrentabilität“ – also an positiv bewerteten außermusikalischen Begleiterscheinungen - von Musik und nicht an deren künstlerischem Selbstwert.

Von medizinischer Seite werden vor allem die folgenden beiden argumentativen Ansätze favorisiert:

- Durch gleichzeitige Inanspruchnahme der auditiven, visuellen und propriozeptiven Wahrnehmungskanäle und durch die Notwendigkeit der zeitlich präzisen Kopplung von auditiven und sensomotorischen Vorgängen löst Musizieren im zentralen Nervensystem geradezu dramatische strukturelle und funktionelle Anpassungsvorgänge aus.
- Sowohl bei der individuellen wie auch bei der gruppeninteraktiven Beschäftigung mit Musik ist eine besonders starke affektive Bindung der Tätigkeit festzustellen, was sowohl in Hinblick auf die Wirkungsqualität als auch unter dem Gesichtspunkt der Motivation zur langfristigen Beschäftigung mit der Materie ausschlaggebend ist.[3]

Ergänzend dazu wird von Seiten der Musikpädagogik betont, Musik

- bilde als Quelle sinnlicher Erfahrung, künstlerischer und geistiger Ausein-andersetzung sowie als Medium der Interaktion ein Gegengewicht zu Erwerb und zur Anwendung lebenspraktischen Sachwissens;
- fördere als Medium ästhetischer Praxis vielerlei Fähigkeiten, die für das Musizieren ebenso verbindlich seien wie für die soziale Kompetenz: Fähigkeit und Bereitschaft, sich selbst und andere wahrzunehmen würden entwickelt, einer Ausrichtung des Denkens am bloß Nützlichen und einer Konfektionierung des Empfindens werde entgegengewirkt (vgl. Schwarz 2003).

[...]


[1] Streng genommen müsste von „Musikgeragogik“ die Rede sein; doch konnte sich dieser Begriff bisher im Kontext von Musikunterricht noch nicht durchsetzen.

[2] Die jüngst beschlossene Anhebung des Rentenalters wird, sofern der Beschluss Bestand haben wird, das geschilderte Szenario erst mittelfristig beeinflussen können. Gravierender, im Sinne eines die dargestellte Situation befestigenden Einflussfaktors, scheint die unfreiwillig frühe „Entberuflichung“ infolge Arbeitslosigkeit.

[3] Altenmüller (2003) führt eine Reihe wissenschaftlicher Studien aus dem Umkreis seines Instituts für Musikphysiologie und Musiker-Medizin an der Hochschule für Musik und Theater Hannover als Beleg für diese beiden Thesen an. So sei etwa nachgewiesen worden, dass intensives Instrumentalspiel auch im Erwachsenenalter zu Vergrößerungen auditiver und sensomotorischer Regionen der Großhirnrinde, z.B. der für die Hände zuständigen Nervenzellverbände, führe. Regelmäßiges Üben, so Altenmüller, führe auch bei Erwachsenen bereits nach 20 Tagen zu einer automatischen Koppelung der für die Sensomotorik und das Hören zuständigen neuronalen Netzwerke.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Senioren und Musik - Musikunterricht und Musiktherapie für alte Menschen
Hochschule
Hochschule Fresenius Idstein
Veranstaltung
Psychologie des Alters
Autor
Jahr
2007
Seiten
14
Katalognummer
V90060
ISBN (eBook)
9783638038201
ISBN (Buch)
9783638935777
Dateigröße
405 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Senioren, Musik, Musikunterricht, Musiktherapie, Menschen, Psychologie, Alters
Arbeit zitieren
Katja Rommel (Autor), 2007, Senioren und Musik - Musikunterricht und Musiktherapie für alte Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90060

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