Diese Arbeit besteht im Wesentlichen aus zwei, einander ergänzenden Teilen. In einem ersten Abschnitt werden theoretische Grundlagen erarbeitet und grundlegende Strukturen eines gesellschaftlichen Geschichtsbewusstseins erläutert. So werden etwa die Mechanismen von individueller so wie kollektiver Erinnerung behandelt. Im Zentrum stehen allerdings die Ausprägungen und Methoden, die den Begriff der Geschichtspolitik ausmachen. Des Weiteren wird versucht, den Einfluss der Geschichte im Allgemeinen und die Auswirkungen einer Geschichtspolitik im Speziellen auf den Identitätsbegriff, auf das nicht nur historische Selbstverständnis einer Gesellschaft nachzuzeichnen.
Nachfolgend sollen im zweiten Teil der Arbeit die theoretischen Grundlagen an einem konkreten, zeitgeschichtlich relevanten Fallbeispiel erläutert werden. Am Beispiel der Affäre um den ehemaligen österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim und seiner Vergangenheit während des Zweiten Weltkrieges sollen die Auswirkungen einer veränderten Geschichtsauffassung auf das Selbstverständnis einer Gesellschaft aufgezeigt werden. Dazu wird die Affäre Waldheim in einen Zusammenhang mit dem Geschichts- und Selbstbild der österreichischen Gesellschaft in der Nachkriegszeit gestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ERINNERUNG
2.1. Von der persönlichen zur kollektiven Erinnerung
2.2. Gelebte Vergangenheit
3. GESCHICHTSPOLITIK
3.1. Der konstruktivistische Ansatz
3.2. Politische Mythen
3.3. Distinktion
4. DIE GESCHICHTE EINES SKANDALS
4.1. Zur Person Waldheims
4.2. Der Wahlkampf
4.3. Die Eskalation
4.4. Die Historikerkommission
4.5. Die Konsequenzen
5. KONFRONTATION MIT GESCHICHTE UND VERANTWORTUNG
5.1. Opfertheorie und Gründung der Zweiten Republik
5.2. Der Bruch mit der eigenen Geschichte
5.3. Identifikation mit der Zweiten Republik
5.4. Waldheim untergräbt die Opfertheorie
6. FAZIT
7. BIBLIOGRAPHIE
7.1. Quellen
7.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Mechanismen gesellschaftlicher Geschichtspolitik und kollektiver Erinnerung anhand der Waldheim-Affäre, um aufzuzeigen, wie Österreich nach 1945 durch ein verändertes Geschichtsbild seine Identität konstruierte und welche Auswirkungen die Konfrontation mit der NS-Vergangenheit auf dieses Selbstverständnis hatte.
- Theoretische Grundlagen von Erinnerung und Geschichtspolitik.
- Die Rolle von Mythenbildung und Distinktion in der Identitätspolitik.
- Die Waldheim-Affäre als Wendepunkt der österreichischen Vergangenheitsbewältigung.
- Die Analyse der österreichischen „Opfertheorie“ und ihrer politischen Instrumentalisierung.
- Untersuchung der langfristigen Auswirkungen auf das österreichische Staatsverständnis.
Auszug aus dem Buch
4.3. Die Eskalation
Die Affäre zog nun weitere Kreise: Der Weltjudenkongress (WJC) in der Person von dessen Generalsekretär Israel Singer drohte Österreich mit Sanktionen, falls Waldheim gewählt würde, und griff Waldheim scharf an. In einem Interview mit der linksliberalen Zeitschrift „profil“ - welche eine bedeutende Rolle in der Aufdeckung und Entfaltung der Affäre Waldheim spielte – sagte er: „Die österreichische Bevölkerung sollte sich im Klaren sein, dass, falls Waldheim gewählt werden würde, die nächsten Jahre kein Honiglecken für die Österreicher werden.“ Und weiter: „ Es [das Wahlresultat] wird der Welt zeigen, ob es ein neues Österreich gibt, eines, welches sich von der Vergangenheit gelöst hat. Die Österreicher müssen die Konsequenzen tragen, und ich kann ihnen verraten, die nächsten sechs Jahre mit Waldheim werden keine einfachen sein.“ Diese und ähnlich lautende, ungebetene Interventionen von Aussen führten wiederum zu Gegenkritik, denn die emotionale und vorwurfsvolle Verurteilung Waldheims ohne restlose Klärung der Situation empörte viele Österreicher und führte darüber hinaus zu einer Solidarisierung mit Waldheim und - als eine Art Trotzreaktion - zu einem aufflackernden Antisemitismus.
Nach diesem ziemlich harten, und eher persönlich als sachlich geführten Wahlkampf wurde Kurt Waldheim am 8. Juni 1966 mit deutlicher Mehrheit im zweiten Wahlgang zum Bundespräsidenten der Republik Österreich gewählt. Daraufhin beruhigten sich innenpolitisch die Gemüter, die unterlegenen Sozialdemokraten schlugen fortan wieder friedlichere Töne an und die Berichterstattung der nationalen Medien wurde unaufgeregter und weniger. Aussenpolitisch wurde die Angelegenheit durch dieses Resultat allerdings erst richtig brisant: Ende August 1986 forderte der WJC das amerikanische Aussenministerium dazu auf, Waldheim auf die so genannte „Watchlist“ zu setzen, ihm also künftig die Einreise in die USA zu verweigern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Einleitung in die theoretische Untersuchung von Erinnerungskultur und die praktische Anwendung am Fallbeispiel der Affäre Waldheim.
2. ERINNERUNG: Erläuterung der Mechanismen von individueller und kollektiver Erinnerung sowie deren Verankerung durch Orte, Symbole und Zeiten.
3. GESCHICHTSPOLITIK: Analyse der Rekonstruktivität von Geschichte und der Instrumentalisierung durch politische Mythen und Abgrenzungsmechanismen.
4. DIE GESCHICHTE EINES SKANDALS: Dokumentation des Wahlkampfes und der politischen Eskalation infolge der Aufdeckung der NS-Vergangenheit von Kurt Waldheim.
5. KONFRONTATION MIT GESCHICHTE UND VERANTWORTUNG: Untersuchung der österreichischen Opfertheorie und wie die Affäre Waldheim diesen Gründungsmythos destabilisierte.
6. FAZIT: Zusammenfassung der Erkenntnisse über das Scheitern der Politik des Verdrängens und die notwendige Auseinandersetzung mit der Geschichte.
7. BIBLIOGRAPHIE: Auflistung der verwendeten Quellen und Literatur zur Waldheim-Affäre und Geschichtspolitik.
Schlüsselwörter
Geschichtspolitik, Erinnerungskultur, Waldheim-Affäre, Kollektive Identität, Österreich, Opfertheorie, Vergangenheitsbewältigung, Nationalsozialismus, Politische Mythen, Distinktion, Konstruktivismus, Geschichtsbewusstsein, Identitätspolitik, Zweite Republik, Antisemitismus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die theoretischen Konzepte von Erinnerung und Geschichtspolitik und wendet diese auf den Fall des österreichischen Bundespräsidenten Kurt Waldheim an, um die Veränderung des österreichischen Geschichtsbildes nach 1945 zu untersuchen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die soziale Konstruktion von Identität, die Rolle politischer Mythen, der Umgang mit NS-Vergangenheit in Österreich sowie die Instrumentalisierung von Geschichte durch politische Akteure.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Identitätspolitik funktioniert und wie die Causa Waldheim als Katalysator wirkte, um die langjährige österreichische „Opfertheorie“ und die damit verbundene Politik des Vergessens zu dekonstruieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert theoretische Ansätze aus der Soziologie und Geschichtswissenschaft (wie den konstruktivistischen Ansatz) mit einer historischen Analyse eines spezifischen Fallbeispiels.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Erläuterungen zu Erinnerungsmechanismen und Geschichtspolitik sowie eine detaillierte chronologische Aufarbeitung der Waldheim-Affäre von der Wahl bis zu den Konsequenzen durch den Historikerbericht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die zentralen Schlagworte umfassen Geschichtspolitik, Erinnerungskultur, Waldheim-Affäre, Opfertheorie, kollektive Identität und Vergangenheitsbewältigung.
Welche Rolle spielt die „Opfertheorie“ für das österreichische Selbstverständnis?
Die Opfertheorie war nach 1945 das zentrale Fundament des österreichischen Staatsverständnisses, da sie das Land als erstes Opfer der NS-Aggression definierte und so jegliche Verantwortung oder Mitschuld an den Verbrechen der Zeit negierte.
Wie beeinflusste die internationale Kritik die innerösterreichische Reaktion auf die Affäre?
Internationale Vorwürfe und Sanktionen führten paradoxerweise zu einer Trotzreaktion in Teilen der österreichischen Bevölkerung, was eine Solidarisierung mit Waldheim begünstigte und antisemitische Tendenzen verstärkte.
Welches Fazit zieht die Autorin bezüglich des Wandels der Identität?
Das Fazit lautet, dass die „Politik des Vergessens“ auf Dauer nicht haltbar war und die Affäre Waldheim das Ende der österreichischen Lebenslüge markierte, wodurch das Land gezwungen wurde, sich mit der tatsächlichen Geschichte auseinanderzusetzen.
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- David Venetz (Autor:in), 2007, Geschichte und Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90158