Das Menschenbild und die Trieblehre in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen"


Hausarbeit, 2019

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Menschenbild Schillers
2.1. Der Barbar
2.2. Der Wilde
2.3. Der gebildete Mensch

3. Die Trieblehre Schillers
3.1. Der Formtrieb
3.2. Der Sachtrieb bzw. Stofftrieb
3.3. Der Spieltrieb

4. Totalität

5. Fazit und Schlussteil

6. Literaturverzeichnis
6.1. -Primärliteratur
6.2. Sekundärliteratur

1. Einleitung

In den im Jahre 1795 erschienenen Briefen Ü ber die ä sthetische Erziehung des Menschen von Friedrich Schiller setzt sich Schiller in insgesamt 27 Briefen mit dem Begriff der Freiheit durch Ästhetik und deren Weiterentwicklung zur Totalität auseinander.

Johann Christoph Friedrich Schiller war ein deutscher Arzt, Dichter, Dramatiker und Philosoph.1 Er wurde am 10. November 1759 in Marbach am Neckar geboren und starb am 9. August 1805 in Weimar.2 Schiller studierte nach seinem Besuch der Militärschule zunächst Jura, später dann Medizin, fand jedoch trotz dieser Ausbildung keinen wirtschaftlich gutgestellten Beruf.3 Mit seiner Frau Charlotte Lengefeld, die er 1790 heiratete, hatte er vier Kinder.4 Seit 1974 verband ihn eine enge Freundschaft mit Johann Wolfgang von Goethe, mit dem er gemeinsam als Vertreter der Weimarer Klassik gilt.5 Seine Werke lassen sich in drei Abschnitte bzw. Schaffensperioden unterteilen: 1. Sturm- und Drang-Periode, 2. Philosophisch-ästhetisch-wissenschaftliche-Periode und 3. Klassische Periode.6 Seine Briefe Ü ber die ä sthetische Erziehung des Menschen lassen sich seiner zweiten Schaffensperiode zuordnen. Die Briefe erschienen zunächst in „Die Horen“, einer monatlichen zwischen 1795 und 1797 von Schiller herausgegebenen Zeitschrift.7 Mit dieser Zeitschrift wollte Schiller eine gemeinsame Identität für die Deutschen schaffen, da das Land zur damaligen Zeit in viele Herrschaftsgebiete aufgeteilt war.8

In den Briefen formuliert Schiller unter anderem seine Spieltheorie, denn der Begriff des Spiels ist für sein Menschenbild und seine Trieblehre sehr wichtig.9 Den Ausgangspunkt der Briefe bilden Schillers Unzufriedenheit mit den Entwicklungen der Französischen Revolution und seine Abscheu gegenüber deren Folgen.10 Mit den Briefen knüpft er in einigen Punkten an Kants Kritik der Urteilskraft und an dessen Verständnis von Ästhetik an.11 Kernthese der 27 Briefe Ü ber die ä sthetische Erziehung des Menschen über die Schönheit ist, dass der Mensch durch die Schönheit zur Freiheit gelangt. „Die Beschäftigung mit der Schönheit soll den Menschen individuelle und kollektive, also politische Freiheit geben“12. Die ästhetische Erziehung befasst sich mit dem Menschen als Ganzes und strebt danach, die verschiedenen Teile des Menschen zu harmonisieren.

In dieser Hausarbeit werde ich das von Schiller skizzierte Menschenbild in seiner Schrift Ü ber die ä sthetische Erziehung des Menschen im Hinblick auf die Menschengruppen des Barbaren, Wilden und gebildeten Menschen und die damit verbundene Trieblehre analysieren bzw. charakterisieren. Anschließend werde ich auf das Ideal der Totalität eingehen, welches für Schiller eine wichtige Rolle spielte. In meinem Fazit werde ich dann begründen, ob Schillers Einteilung in Menschengruppen und die Zuordnung von Trieben aus meiner Sicht sinnvoll ist und auch auf die heutige Zeit noch übertragen werden kann.

2. Das Menschenbild Schillers

In seinen 27 Briefen Ü ber die ä sthetische Erziehung des Menschen skizziert Schiller unter anderem sein Menschenbild. Nach seiner Auffassung lassen sich die Menschen in drei Gruppen einteilen: Den Barbaren, den Wilden und den gebildeten Menschen. Ein Mensch, bzw. eine Person ist für Schiller „das Wesen im Menschen, ‚welches selbst Ursache, und zwar absolut letzte Ursache seiner Zustände sein, welches sich nach Gründen, die es aus sich selbst nimmt, verändern kann‘“13.

2.1. Der Barbar

Der Barbar ist die erste Form des Menschen, die von Schiller skizziert wird. Seine Gefühle werden von Grundsätzen zerstört, das heißt es handelt sich bei ihm um einen Menschen, der ausschließlich auf die Vernunft hört, diese zu jeder Zeit über seine Gefühle stellt und rational handelt.14 Er ist verglichen mit der zweiten Form, dem Wilden, schlimmer, denn „die Barbaren, sind in Schillers Augen die aufgeklärten Aristokraten“15.16 In ihnen herrscht die Vernunft über die sinnliche Natur, dadurch verspotten und entehren sie diese. 17

Im achten Brief stellt Schiller die Frage: „Woran liegt es, dass wir noch immer Barbaren sind?“18 Die Antwort auf diese Frage liegt für ihn in der einseitigen Entwicklung bzw. Ausbildung des Verstandes.19 Durch diese Frage impliziert Schiller, dass alle Menschen (er selbst eingeschlossen) Barbaren sind.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass der Barbar ein bloßer Vernunftmensch und damit nur einseitig entwickelt ist. Es handelt sich dadurch um eine Verfehlung des Menschen. Im Vergleich mit dem Wilden sieht sich der Barbar dennoch als überlegen an, denn seine Vernunft überwiegt gegenüber seinen Neigungen und Trieben.

2.2. Der Wilde

Der Wilde ist das Gegenteil des Barbaren: Er handelt nach seinen Gefühlen und seinen Trieben und lässt dabei Grundsätze und Vernunft außer Acht.20 Auch bei dieser Menschengruppe handelt es sich um eine Verfehlung, doch Schiller sieht den Wilden als die harmlosere Verfehlung, verglichen mit dem Barbaren.21 Als Wilder genießt der Mensch bloß mit den Sinnen des Gefühls, denen die Sinne des Scheins dienen.22 „Der Wilde verachtet die Kunst, und erkennt die Natur als seinen unumschränkten Gebieter“23. Dieser Satz verdeutlicht noch einmal, dass der Wilde auf seine Natur, also seine Triebe und Bedürfnisse, hört und sich nicht von äußeren Einflüssen, wie der Kunst, beeinflussen lässt. Durch diese Eigenschaften gelangt man zu der Auffassung, dass der Wilde die Normen und Regeln zwar kennt, sich aber bewusst nicht an diese hält, da er von seinen Trieben gesteuert ist und aus Affekten heraus handelt. Zusammenfassend kann er als Gefühlsmensch bezeichnet werden.

2.3. Der gebildete Mensch

Der gebildete Mensch gilt als kultiviert, denn er gibt der Vernunft und den Gefühlen Platz und bevorzugt nicht das Eine gegenüber dem Anderen.24 Der Konflikt zwischen dem Form- und dem Stofftrieb ist dadurch überwunden und „wem der zwanglose Ausgleich gelingt, den nennt Schiller einen ‚gebildeten Menschen‘“25. „Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freund, und ehrt ihre Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt“26. Das heißt, nur wer mit dem Natur- und Sittengesetz, sowie mit seinen Gefühlen im Einklang ist, ist ein gebildeter Mensch. Nach Schillers Auffassung ist diese Form das Ziel. Dieses Ziel bzw. Ideal der Menschheit entsteht, wenn Wilder und Barbar sich, bzw. ihre Triebe, wechselseitig aufheben.27 Im 14. Brief wird deutlich gemacht, dass der Mensch sich nur dann seines Menschseins bewusst ist, wenn er beide Triebe (Stoff- und Formtrieb) gleichzeitig besitzt und sich seiner Freiheit bewusst ist.28

3. Die Trieblehre Schillers

„Alle drei Triebe bestimmen sich im Horizont des Erziehungsgedankens in ihrem Verhältnis zur Anschauung: Der sinnliche Trieb produziert Bilder ohne Vernunft, der Formtrieb vernünftige Ideen ohne Anschauung. Der Spieltrieb nun vermittelt zwischen Bild und Idee.“29

Mit dem achten Brief der Schrift leitet Schiller seine Trieblehre ein. Nach Auffassung dieser Treiblehre werden Menschen bei ihrem Schaffen von Trieben geleitet.30 Wie das zu Beginn des Abschnitts angeführte Zitat bereits verdeutlicht unterscheidet man bei Schillers Trieblehre zwischen dem Stofftrieb, dem Formtrieb und dem Spieltrieb. Diese werden dann jeweils den Menschengruppen des Barbaren, des Wilden und des gebildeten Menschen zugeordnet. Die Triebe sind Kräfte, die auf den Menschen einwirken und ihr Handeln bestimmen.31 Jeder Mensch hat von Geburt an zwei Triebe (Stoff-und Formtrieb) die unterschiedlich stark ausgeprägt sind.32 Der Spieltrieb ist nicht naturgegeben und kann nur erlernt werden.33 Dieser Spieltrieb ermöglicht die Harmonisierung von Stoff- und Formtrieb, denn durch die zwei angeborenen Triebe ist der Mensch zwei Zwängen ausgesetzt, die durch Addition im Spieltrieb zur Lösung der Zwänge führen. Wenn Form- und Stofftrieb gegeneinander wirken herrscht zunächst ein doppelter Zwang. Sind die Triebe jedoch gesättigt und heben sich gegenseitig auf, dann ist alles, was danach kommt, schön bzw. ästhetisch und man erlangt Freiheit. Dies ist der Zustand der von den Menschen angestrebt werden soll.

3.1. Der Formtrieb

„Der zweite jener Triebe, den man den Formtrieb nennen kann, geht aus von dem absoluten Dasein des Menschen oder von seiner vernünftigen Natur, und ist bestrebt, ihn in Freiheit zu setzen, Harmonie in die Verschiedenheit seines Erscheinens zu bringen, und bei allem Wechsel des Zustands seine Person zu behaupten. Da nun die letztere, als absolute und unteilbare Einheit, mit sich selbst nie im Widerspruch sein kann, da wir in alle Ewigkeit wir sind, so kann derjenige Trieb, der auf Behauptung der Persönlichkeit dringt, nie etwas anders fordern, als was Frauke Berndt: Über die ästhetische Erziehung des Menschen oder: Von Schiller zu Magneto, S. 83 er in alle Ewigkeit fordern muß, er entscheidet also für immer wie er für jetzt entscheidet, und gebietet für jetzt was er für immer gebietet.“34

Der Formtrieb ist mit dem Menschenbild des Barbaren und damit auch mit dem Verstand und der Vernunft verbunden. Das oben angeführte Zitat vermittelt die klassische Denkhaltung: Harmonie wird erreicht durch den Ausgleich von Sinnlichkeit und Vernunft, also durch den Ausgleich von Stoff-und Formtrieb. Er schließt aus dem Seinigen alle Abhängigkeit, also alles Leiden aus, und nötigt dazu sein Gemüt durch Gesetze der Vernunft.35 Der Formtrieb bezieht sich auf die Notwendigkeit der Dinge, weil er beim Handeln auf Bewahrung der Würde gerichtet ist.36 „Wo der Formtrieb herrschen soll, im Gebiete der Wahrheit und Moralität, darf keine Materie mehr sein, darf die Empfindung nicht zu bestimmen haben“37. Er dringt auf Einheit und Beharrlichkeit38 und „ist dahin gerichtet die Einheit der Idee in der Zeit zu vervielfältigen; das Gesetz zum Gefühl zu machen; oder was eben so viel ist, die Vielheit in der Zeit in der Idee zu vereinigen; das Gefühl zum Gesetz zu machen“39. Wenn der Formtrieb im Menschen herrscht, kommt es zur höchsten Erweiterung des Seins, das heißt, es verschwinden alle Schranken und der Mensch erhebt sich zu einer Ideen-Einheit, unter der man alle Erscheinungen fassen kann.40 Für Schiller umfasst Form „nicht nur den Gedanken, sondern auch vernunftbedingtes Wollen“41. Der Formtrieb hängt jedoch auch unmittelbar mit dem Stofftrieb zusammen, denn „[d]er Formtrieb bedarf nach Schiller der Zuführung von Materie durch den Stofftrieb, wie ein Organismus auf die Zuführung von Nahrung angewiesen ist“42. Daraus ergibt sich, dass es die Aufgabe des Formtriebes ist, „den empfangenen Stoff zu assimilieren, d. h. in Eigenes zu verwandeln“43.

[...]


1 Vgl. http://www.friedrich-von-schiller.de/index.htm (Zugriff: 23.02.2019)

2 Vgl. Das Große Lexikon in Farbe, S. 404

3 Vgl, http://www.friedrich-von-schiller.de/index.htm (Zugriff: 23.02.2019)

4 Vgl. ebd.

5 Vgl. ebd.

6 Vgl. ebd.

7 Vgl. ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 Vgl. ebd.

14 Vgl. ebd.

15 https://www.friedrich-schiller-archiv.de/schriften/horen/ (Zugriff: 20.02.2019)

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. Winfried Sdun: „Zum Begriff des Spiels bei Kant und Schiller“ S. 500

18 Vgl. Frauke Berndt: Über die ästhetische Erziehung des Menschen oder: Von Schiller zu Magneto, S. 82

19 Vgl. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, S. 181

20 Ebd., S. 156

21 Zitiert nach: Winfried Sdun: „Zum Begriff des Spiels bei Kant und Schiller“, S. 508

22 Vgl. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen. S. 111

23 Ebd. S. 19 Vgl. ebd. S. 20 - 22

24 Ebd. S. 162 Ebd. S. 19

25 Vgl. ebd. S. 71

26 Vgl. ebd. S. 57 - 59

27 Vgl. Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, S. 32-33

28 Vgl. ebd. S. 32 - 34

29 Vgl. ebd. S. 44 - 47

30 Vgl. ebd. S. 44 - 47

31 Ebd. S. 58 - 59

32 Vgl. ebd. S. 62

33 Ebd. S. 95 - 96

34 Ebd. S. 51

35 Ebd. S. 58

36 Vgl. ebd. S. 51

37 Friedrich Schiller: Über die ästhetische Erziehung des Menschen in einer Reihe von Briefen, S. 49 - 50

38 Winfried Sdun: Zum Begriff des Spiels bei Kant und Schiller, S. 512

39 Varun F. Ort: Den Stoff durch die Form vertilgen. Das res / verba-Problem in Friedrich Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen, S. 138

40 Vgl. ebd.

41 Vgl. ebd.

42 Vgl. ebd.

43 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Das Menschenbild und die Trieblehre in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
16
Katalognummer
V902966
ISBN (eBook)
9783346188342
ISBN (Buch)
9783346188359
Sprache
Deutsch
Schlagworte
über, briefen, erziehung, menschen, menschenbild, schillers, trieblehre
Arbeit zitieren
Elena Andernacht (Autor), 2019, Das Menschenbild und die Trieblehre in Schillers Briefen "Über die ästhetische Erziehung des Menschen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/902966

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