Kleidung und Kleiderwechsel im "Simplicissimus Teutsch" von Grimmelshausen. Formen und Funktionen der Darstellung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2019

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Kleidung und Stände in der frühen Neuzeit

II. Simplicius‘ Kleiderwechsel als Metapher für den Ständewechsel
1. Der Ständebaum
2. Simplicius‘ Auf- und Abstieg am Ständebaum - markiert und provoziert durch Kleiderwechsel

III. Die Unvereinbarkeit von Schein und Sein im Simplicissimus Teutsch

IV. Simplicius in Frauenkleidern - eine feministische Kritik?
1. Die Frau in der Frühen Neuzeit
2. Das Frauenkleid als Gefängnis im Simplicissimus Teutsch

V. Fazit

VI. Literaturverzeichnis
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

Einleitung

In Grimmelshausens Roman Simplicissimus Teutsch, einem der bekanntesten deutschen Romane der Frühen Neuzeit, gehört die Kleidung von Anfang an zu den auffälligsten Themen. Durch detaillierte Beschreibungen der Kleidung des Protagonisten sowie häufige Kleiderwechsel wird die Prominenz des Themas deutlich. Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedeutung von Kleidung und Kleiderwechseln sowie deren Funktion im und für den Roman zu erfassen.

Um dies zu erreichen, muss zunächst ein Bild der frühneuzeitlichen Gesellschaft zur Zeit Grimmelshausens geschaffen werden und die Funktion und der Stellenwert von Kleidung in ebendieser erkannt werden. Dazu werden vor allem Quellen von Ann-Kathrin Reich, die ein umfassendes Bild von sozialer Differenzierung durch Kleidung in der Frühen Neuzeit liefert, sowie Richard van Dülmen verwendet, welcher die Entwicklung der Ständegesellschaft betrachtet. Anschließend werden Simplicius‘ Kleiderwechsel und deren Bedeutung und Funktion für die Entwicklung des Romans behandelt. Hier ergibt sich, dass Kleiderwechsel und Ständewechsel des Protagonisten in einem engen Verhältnis zueinander stehen, weshalb auch die Ständebaum-Episode des Romans näher beleuchtet wird. Die Ungereimtheiten zwischen Simplicius‘ Innerem und Äußerem sind Thema des dritten Kapitels und sollen helfen, weitere Funktionen des Kleidermotivs wie etwa eine mögliche Gesellschaftskritik zu erfassen. Zudem soll durch eine genauere Betrachtung der Episode, in der Simplicius gezwungen ist Frauenkleider zu tragen, gezeigt werden, welche Kraft ein Kleiderwechsel in Grimmelshausens Roman innehaben kann - denn durch Kleidung wechselt Simplicius im Laufe der Handlung nicht nur zahllose Male seinen Stand in der Gesellschaft, sondern sogar sein Geschlecht in den Augen seiner Mitmenschen.

In Grimmelshausens Simplicissimus Teutsch dienen Kleiderwechsel nicht nur dazu, die Willkürlichkeit der Welt während des Dreißigjährigen Krieges sowie die Unbeständigkeit und die Unglaubwürdigkeit oder Zweifelhaftigkeit des Protagonisten hervorzustellen, sondern auch als Metapher für Ständewechsel innerhalb der Gesellschaft. Außerdem kann ein Kleiderwechsel beziehungsweise der äußere Schein der Kleidung im Roman auch dazu genutzt werden, Missstände in der Gesellschaft anzuprangern und zu kritisieren, ohne dafür direkt verantwortlich gemacht werden zu können.

I. Kleidung und Stände in der Frühen Neuzeit

Ich bin ein Schneider / mach ins Feld Den KriegesFürsten ire Zelt / Mach Ren w deck zu Stechn und Thurnier / Auff Welsch und Frantzösisch Manier / Kleid ich sie gantz höfflicher art / Ir Hofgsind und die Frauwen zart / Kleid ich in Sammet Seiden rein / Vnd in wullen Thuch die Gemein.1

So wird im Ständebuch von Hans Sachs und Jost Amman aus dem Jahre 1568 der Stand beziehungsweise der Beruf des Schneiders beschrieben. Dies weist nicht nur bereits darauf hin, dass in der Gesellschaft des 16. Und 17. Jahrhunderts, welche in dieser Arbeit betrachtet wird, zwischen verschiedenen Ständen unterschieden wird, unter anderem dem Hof und den gemeinen Menschen, sondern auch, dass sich diese Stände durch Äußerlichkeiten wie die Kleidung voneinander differenzierten. Wie in oben genanntem Beispiel war der Adel etwa in hochwertigere Stoffe mit aufwendigeren Applikationen gekleidet, während Bauern und zum Beispiel Handwerker meist schlichtere Kleidung aus minderwertigeren Stoffen trugen. Dies war jedoch nicht nur den unterschiedlichen finanziellen Möglichkeiten der Stände geschuldet: Die Differenzierung zwischen den verschiedenen Gruppen wurde im 17. Jahrhundert als notwendig angesehen, da eine soziale Ordnung und damit eine Ständegesellschaft für das Funktionieren derer vonnöten seien.2 Legitimiert wurde dies dadurch, dass eine solche soziale Ordnung von Gott gewollt sei und er die Stände mit ihren unterschiedlichen Funktionen und Positionen in der Gesellschaft selbst erschaffen habe.3 Daher musste sich nun jeder gottesfürchtige Mensch seiner zugewiesenen Position fügen und dieser zum Wohle der Gesellschaft nachkommen. Um eine solche soziale Ordnung zu verankern, damit gewissermaßen eine Lesbarkeit der Welt zu etablieren, und zudem dafür zu sorgen, dass sich jede Person einem der gesellschaftlichen Stände zugehörig fühlt und sich diesem anpasst, gab es Literatur wie das Ständebuch und das Trachtenbuch. Letzteres legte detailliert fest, wie sich die Menschen eines Standes zu kleiden hatten, sodass jeder seine soziale Stellung nach außen hin trug und als Mitglied seines Standes erkennbar war.4 Nun wurde auch von der Gesellschaft erwartet, dass man sich seinem Stand angemessen kleidete, da sonst die soziale Ordnung nicht mehr lesbar war.

Bereits seit dem Spätmittelalter gab es eine „ständische Gesellschaft, in der jeder einzelne durch Geburt oder Privileg Mitglied eines Standes war und aufgrund dieser Zugehörigkeit Anspruch auf die von seinem Stand monopolisierten Lebenschancen besaß“.5 Was im 15. Und 16. Jahrhundert noch gelegentliche Möglichkeiten zum Aufstieg bot, verhärtete sich im 17. Jahrhundert zu einer so rigiden Ständeordnung, dass jegliche Mobilität nahezu ausgeschlossen war.6 Diese Festigung der Hierarchie wurde auch durch Kleidung erreicht, denn durch äußerliche und vor allem öffentliche Abgrenzung zu anderen Ständen wurden diese stabilisiert und ein sozialer Aufstieg erschwert oder verhindert.7 Die Hauptstände der frühneuzeitlichen Gesellschaft - Adel, Bürger und Bauern - differenzierten sich voneinander, jedoch bildeten sich auch innerhalb der Stände noch einmal zu unterscheidende Gruppen aus.8 Geht man so detailliert vor wie Sachs und Amman im Ständebuch, so ließe sich aus jeder bürgerlichen und bäuerlichen Berufsgruppe auch ein eigener Stand differenzieren. Diese rigide Ständegesellschaft führte letztendlich dazu, dass all jene, die sich nicht eingliedern ließen, ausgeschlossen werden mussten, denn für sie war im System kein Platz - eine die Macht der Obrigkeit sichernde Ordnung konnte nur ohne sie existieren.9

Spätestens durch Ständebücher und Darstellungen von Personen aus verschiedenen Berufen oder Ständen etwa in Trachtenbüchern wissen wir, wie hierarchisch die Gesellschaft des 17. Jahrhunderts aufgebaut war. Wie Anne-Kathrin Reich erklärt, führte dies nun zur enorm weitreichenden Macht von Kleidung: „Je stärker Gesellschaften hierarchisch strukturiert sind, desto wichtiger ist die soziale Funktion von Kleidung.“10 Denn nur durch Kleidung konnten sich die Stände und auch die Geschlechter auf den ersten Blick voneinander abgrenzen, ohne die Kleiderordnungen wären eine klare Trennung und die unterschiedliche Behandlung von Menschen aus verschiedenen Ständen nicht möglich gewesen. Da sich Kleidung unmittelbar an der Person befindet, während andere Besitztümer sich meist in gewisser Distanz zum Körper befinden, eignet sich Kleidung am besten dazu, mit dem Träger gleichgesetzt zu werden, wie es die Redewendung Kleider machen Leute ausdrückt.11 Die Kleidung zeigte also eher, wer man gesellschaftlich war, als der Körper darunter. Dies beschreibt auch Anne-Kathrin Reich in ihren Ausführungen, wenn sie erklärt, dass Menschen gesellschaftlich zu dem wurden, was ihre Kleidung darstellte, denn von der Außenwelt wurden sie anhand ihrer Kleidung interpretiert und bewertet.12 Dies konnte ein Stand sein, ein Beruf oder auch ein Geschlecht. Diese erwartete Übereinstimmung von Kleidung und Person und die damit erwartete Lesbarkeit der Welt ermöglichte es erst, dass sozialer Status und Identität durch Kleidung manipuliert werden konnten.13 So gab es Frauen, die durch den Wechsel in Männerkleidung jahrelang und teilweise sogar bis zu ihrem Tod ein Leben als Mann führten und eben von der Gesellschaft als Mann wahrgenommen wurden.14 Natürlich war dies nicht gestattet und stand unter Strafe, ebenso wie die Verkleidung von Männern als Frauen oder andere Übertretungen der Kleider- und Ständeordnung, da es die Lesbarkeit und die Ordnung der Gesellschaft gefährdete.15

Die Kleiderordnungen wurden neben der mündlichen und bildlichen Übertragung - lesen und schreiben konnten in der frühen Neuzeit nur die wenigsten - wie bereits erwähnt in Trachtenbüchern festgehalten. Dort wurden Stände und ihre jeweilige standesgemäße Kleidung dargestellt, denn jede Person sollte für ihre Kleidung nur einen festgelegten Aufwand betreiben. In diesen Trachtenbüchern des 16. Und 17. Jahrhunderts wird die Gesellschaft anhand von vier Parametern aufgeteilt, nämlich „Geschlecht, Zivilstand, Stand und Ort“,16 anhand derer die Menschen differenziert werden und welche sie nach außen hin durch ihre Kleidung präsentieren sollen. Die Kleiderordnungen stellen eine statische Welt dar, in der ein Wechsel von Klassen oder Geschlechtern nicht möglich ist, und die sich durch diese Ordnungen lesen lässt.17 Jedoch präsentieren diese Ordnungen auch genau, was man tun und tragen muss, um einen höheren Stand vorzugaukeln.18 Daher ist Kleidung in einer solchen vermeintlich statischen Welt auch eine Bedrohung, denn das spielen mit Identitäten hatte zum Teil weitreichende Folgen: wie Martin Dinges erklärt, wurde Kleidung auch als „Kennzeichen des Sittenverfalls und der Gefährdung der Sozialordnung gedeutet“, da sie die Möglichkeit hatte, Standesgrenzen auszuhebeln.19 Man versuchte also gewissermaßen eine Ordnung herzustellen, indem man genau das Mittel verwendete, welches eine der größten Bedrohungen für ebendiese darstellte. Welche Macht Kleidung in einer solchen stark hierarchisch geprägten und auf Lesbarkeit ausgelegten Gesellschaft tatsächlich hatte, wird anhand von Eva-Maria Zieges Beispiel aus dem 13. und 14. Jahrhundert deutlich: Sie erklärt, dass immer mehr Kleiderordnungen erschaffen wurden, da Menschen, die sich nicht an diese hielten, drohten die ständische Ordnung zu durchbrechen.20 Die Auflösung der Ständeordnung und die Kleidung, beziehungsweise die eigene, Standesvorschriften durchbrechende Kleiderwahl, stehen also in einem engen Zusammenhang.21

Bevor die Ständeordnung aufgelöst wurde, wurde sie nach dem 15. Und 16. Jahrhundert aber erst einmal rigider, weshalb in der Frühen Neuzeit verschiedenen Ständen, Geschlechtern oder generell Gesellschaftsgruppen eine repräsentative Kleidung zugeordnet wurde.22 Manches entwickelte sich dabei aus stereotypischen Kleidungen früherer Zeiten, wie es Hans Willem Huntebrinker zur Schlitzkleidung der Söldner erklärt, anderes wurde schlichtweg zugeordnet. Anne-Kathrin Reich beleuchtet etwa, dass Streifenmuster mit Menschen am Rande bzw. außerhalb der Gesellschaft assoziiert wurden. So wurden zum Beispiel Ausgestoßene, Prostituierte oder Henker dazu angehalten Streifen zu tragen, um sie als unehrenhaft zu markieren.23 Reich erklärt: „Immer geht es darum den Abstand zu kennzeichnen, damit diejenigen, die solche Berufe ausüben, nicht für ehrbare Bürger gehalten werden.“24 Es scheint also, als müssten sich sogar die Menschen den Gepflogenheiten der Gesellschaft anpassen, die von ebendieser ausgegrenzt werden. Und dies nur, um als schlechterer Mensch markiert zu werden, der eine schlechtere Behandlung verdient als andere. Genügend Motivationen gegen eine solche Kleiderordnung gab es also sicherlich. Auch Söldner hatten grundsätzlich eher eine niedrigere Position in der gesellschaftlichen Hierarchie25, jedoch trugen sie auffälligere und aufwendigere Kleidung, die mehr Stoff benötigte und daher „als Zeichen von Wohlstand“ und Abgrenzung von Armut gelesen werden konnte.26 Generell wurde den höheren Ständen mehr Stoff für ihre Kleidung zugesprochen,27 da die Söldner aber meist nicht von Adel waren, wurde ihr verschwenderischer Umgang mit Stoff oft als Hoffart aufgefasst, denn ein Prahlen mit Reichtum, ob durch Kleidung oder anderswie galt als Sünde.28

Um vor der Analyse der Funktion von Kleidung im Roman den genauen Ausgangspunkt von Simplicius in der frühneuzeitlichen Gesellschaft festzustellen, ist es sinnvoll, noch einmal das Ständebuch von Sachs und Amman zurate zu ziehen. Hier werden die Funktionen und Aufgaben der verschiedenen Stände aufgezählt, bei höheren Positionen vor allem die Funktionen gegenüber anderen Ständen, wie etwa beim König:

Römisch Königlich Majestat gut / Die unghorsamen straffen thut / Und erhelt fried im gantzen Land / Mit siegreicher und starcker hand / Am Türckn und andren Tyrannen [/] Wo die auffwerffn irn Streitfahnen / Die stürtzt er unter diß Römisch joch / Wie Romolus der König hoch.29

Die Autoren sortieren die Stände absteigend nach ihrer Position in der Gesellschaft, beginnend mit dem Papst, über König und Fürsten, über Bürger und Handwerker, bis zum letzten und am wenigsten angesehen Stand: dem Narr.30 Hier schien es außerdem verschiedene Typen von Narren zu geben, die alle einzeln beschrieben werden und ihre spezifische Funktion haben. Am ehesten auf den Simplicius in Hanau anwenden lässt sich darunter wohl der „Schalcksnarr“, der folgendermaßen beschrieben wird:

Ich brauch mancherley Narren weiß / Darmit ich verdien Tranck und Speiß / Doch weiß ich durch ein zaun mein Mann / Mit meim fatzwerck zu greiffen an. Da ich mit mein närrischen Sachn / Die Herrschafft kann fein frölich machen / Mit heuchlerey die Leut ich blendt / Drumb man mich ein Schalcksnarren nennt.31

Die Nennung des Narren als letzten Stand sowie die Beschreibung seiner Heuchelei und die einzige Funktion zur Belustigung des Adels zeugt vom geringen Ansehen des Narren in der Gesellschaft und außerdem davon, dass Simplicius bei seinem Eintritt in die Gesellschaft einen erstaunlich geringen Stand zugewiesen bekommt und es im Laufe der Handlung nicht nur schafft, aus diesem herauszukommen, sondern sogar bis in die höfische Gesellschaft aufzusteigen, was im 17. Jahrhunderts offensichtlich weder erwünscht war, noch überhaupt möglich sein sollte. Wie Simplicius es schaffte in einer solch rigiden Hierarchie wiederholt seinen Stand zu wechseln wird nun in den folgenden Kapiteln der Arbeit beleuchtet.

II. Simplicius ‘ Kleiderwechsel als Metapher für den Ständewechsel

1. Der Ständebaum

Bevor Simplicius aus dem Wald austritt und seine Reise in die und innerhalb der Gesellschaft beginnt, erscheint ihm in einer bedeutenden und an dieser Stelle prominent platzierten Traumszene ein Baum, auf dem sich die verschiedenen Stände der Gesellschaft anordnen - die er ja bis dato noch gar nicht kennen gelernt hat. Dennoch hat Simplicius ein Bild vor Augen, das der realen Gesellschaft zur Zeit Grimmelshausens ähnlich sieht. Er beschreibt das Geträumte wie folgt: Zuunterst, als Wurzeln des Baumes und demnach auch als Wurzeln und Kraftspender der Gesellschaft, werden die Bauern angeordnet, welche unter der Last der Gesellschaft leiden, sterben, und aus den eigenen Reihen wieder ersetzt werden.32 Darüber finden sich Soldaten und Fähnriche und wiederum darüber sitzt der Adel. Schon hier wird ein Bild der hierarchischen Gesellschaft präsentiert, in die Simplicius kurz darauf eintreten wird, und zudem deutlich gemacht, dass ein Aufstieg innerhalb dieser sehr schwer oder sogar unmöglich ist:

Uber diesen hatte deß Baumes Stamm einen Absatz oder Unterscheid / welches ein glattes Strick war / ohne Aest / mit wunderbarlichen Materialien und seltzamer Saiffen deß Mißgunst geschmieret / also daß kein Kerl / er sey dann vom Adel / weder durch Mannheit / Geschickligkeit noch Wissenschafft hinauff steigen konte / Gott geb wie er auch klettern konnte [.. .]33

Grimmelshausen kritisiert hier die Ständegesellschaft als eine durch Missgunst geschaffene, die lediglich besteht, weil einige wenige ihre Macht und ihren Besitz festigen wollen, während anderen jeglicher Zugang zu diesem Wohlstand verwehrt wird. Schon in dieser Traumsequenz werden die Grundprobleme der Gesellschaft, wie Unterdrückung, die „Problematik der militärischen Hierarchie“, Ungerechtigkeit und die „Bevorzugung des Adels“ thematisiert.34 Es scheint also, als könne die Darstellung der Gesellschaft in Grimmelshausens Roman als Gesellschaftskritik des Autors interpretiert werden, denn zumindest ein Kommentar zu den sozialen Gegebenheiten findet sich in dieser Traumszene. Zudem beschreibt der Autor in der Sequenz, dass ein Aufstieg wenn, dann meist nur über Vetternwirtschaft oder Bestechungsgelder möglich ist,35 was die gesellschaftlich hoch angesiedelten Menschen in einem unmoralischen Licht erscheinen lässt. Dennoch lässt er seinen Protagonisten einen Einblick in die Welt der höheren Stände erhaschen und ermöglicht ihm einen Aufstieg am Ständebaum, welcher durch seine eigentliche Unmöglichkeit umso bedeutender wird und Simplicius gewissermaßen von Beginn an als unmoralischen Charakter markiert.

Dieses in der Traumszene präsentierte Bild der Gesellschaft als Baum ist keineswegs eine Erfindung Grimmelshausens; schon seit einigen Jahren gab es im Spätmittelalter Darstellungen von menschlichen Gruppen - geordnet „nach Berufen, Altersgruppen, Ständen“.36 Das Vorbild für den Ständebaum Grimmelshausens ist möglicherweise der Ständebaum von Petrarca, jedenfalls ist dieser eine der bekanntesten Darstellungen des Baumes.37 Auch hier wird ein „Unter- und Übereinander der aus dem Mittelalter überlieferte Stände“ dargestellt,38 jedoch finden sich nicht nur zuunterst des Baumes - an und unter den Wurzeln - Bauern, sondern auch zuoberst. Einerseits könnte dies so interpretiert werden, dass die Gesellschaft letztendlich auch den Ärmsten dienen muss, um eine funktionierende Gemeinschaft zu bilden, andererseits könnte es auch die Willkürlichkeit der Welt darstellen, denn nach dem in der Frühen Neuzeit bekannten und auch oft dargestellten Rad der Fortuna, hat jeder Mensch gleichermaßen Chancen auf Glück und auch auf Pech.39

Einen wichtigen Punkt behandelt Grimmelshausen zum Ende seiner Darstellung des Ständebaumes, denn wenn dieser in Flammen aufgeht, können sich weder die Bauern und Soldaten, noch die von ihnen abgetrennten Personen des Hofes und der Kirche retten, da sich alle dennoch auf demselben Baum befinden - der Tod trifft alle gleichermaßen, er differenziert nicht nach Ständen.40 Im Gegensatz zu Petrarca finden sich bei Grimmelshausen nicht erneut die Bauern auf der Spitze des Baumes, sondern der Kriegs-Gott Mars. Er ist es, der den Baum zerstört und Grimmelshausen erklärt auch warum: „Die Stein-Eych durch den Wind getrieben und verletzet / Jhr eigen Aest abbricht / sich ins Verderben setzet: Durch innerliche Krieg / und bmderlichen Streit / Wird alles umbgekehrt / und folget lauter Leid.“41 In Zeiten des Dreißigjährigen Krieges stellt Grimmelshausen eine Gesellschaft dar, die sich selbst zerstört, eine Gesellschaft, die durch innerliche Abgrenzungen und Anfeindungen ihren eigenen Untergang herbeiführt. Dadurch kritisiert er erneut die Ungerechtigkeiten der frühneuzeitlichen Gesellschaft, die mit der rigiden ständischen Hierarchie einhergehen. Er nimmt vorweg, dass diese Ordnung in der folgenden Handlung durchgehendes Thema ist und nicht nur Simplicius, sondern auch anderen auftretenden Personen Leid bringt - teils selbst verschuldet, teils unverschuldet, wie im Falle des Hertzbruders, der in zerrissenen Lumpen von niemandem geachtet und von Simplicius gar nicht erst erkannt wird.41

Im Folgenden wird nun Simplicius‘ Aufstieg sowie sein Abstieg am Ständebaum betrachtet. Denn trotz dem Simplicius in seinem Traum bereits gelernt hat, dass im Grunde jeder Aufstieg in der Gesellschaft sinnlos ist, da ihn ja doch kein Stand vor Tod und Leid bewahren kann, versucht er in eine bessere gesellschaftliche Position zu gelangen. Dies gelingt ihm zunächst auch weitestgehend - durch täuschenden Einsatz von Kleidung, sobald er die Möglichkeit hat diese selbst auszuwählen.

2. Simplicius‘ Auf- und Abstieg am Ständebaum - markiert und provoziert durch Kleiderwechsel

Dadurch, dass vor Simplicius‘ Eintritt in die frühneuzeitliche Gesellschaft der Aufbau dieser durch den Ständebaum präsentiert wurde, haben sowohl der Leser, als auch Simplicius einen Eindruck von der hierarchischen Ordnung der Stände. Simplicius jedoch wird ein sozialer Aufstieg in dieser Hierarchie ermöglicht, durch kontinuierliche Transformation gelingt ihm die kontinuierliche Bewegung durch viele Schichten der Gesellschaft, jedoch ohne ein wirkliches Ergebnis.42 Grundstein für diese kontinuierliche Transformation ist, dass Simplicius sozusagen als unbeschriebenes Blatt in die Gesellschaft eintritt. Eigentlich ein Bauersjunge, gewissermaßen auch ein Einsiedel und ebenso ein Adeliger, scheint weder er selbst sich seines Platzes in der Gesellschaft bewusst zu sein, noch wissen die Menschen am Hofe ihn einzuordnen, als er nach Hanau gelangt. Seine Kleidung, die nicht mehr der eines Einsiedels entspricht, sondern ein wüster Mix aus diversen Lumpen und falsch getragenen Einsiedler­Kleidern ist, macht es ihnen nicht möglich, ihm einen Stand zuzuordnen, weshalb er sogleich als eine Absurdität porträtiert wird und seine Kleider in der Kunstkammer ausgestellt werden.43 Auffallend ist dabei, dass Grimmelshausen bei den wichtigsten Stände- und Kleiderwechseln die Kleidung und das Aussehen des Simplicius bis ins kleinste Detail beschreibt. So kann sich der Leser ein genaues Bild davon machen, wie Simplicius zu Beginn seiner Odyssee ausgesehen haben muss: Er trug nicht nur lange und ungepflegte Haare nach seiner Zeit allein im Wald, sondern auch den alten, geflickten Rock des Einsiedlers, ein Hemd ohne Ärmel, da er diese als Socken verwendete, die eisernen Ketten des Einsiedels und dazu Schuhe aus Holz mit Schnürsenkeln aus Baumrinde.44 Grimmelshausen zeichnet also wie die höfische Gesellschaft ein Bild des Simplicius als eigenartigem Fund, der aufgrund seiner Ungewöhnlichkeit für die Welt festgehalten werden muss. Anschließend wird Simplicius neu eingekleidet, damit er sozialisiert werden kann und seinen Platz in der Gesellschaft nicht nur ausfüllt, sondern auch nach außen hin repräsentiert.45 Simplicius, der nun aussieht wie ein junger Graf und mit seinem Aussehen und seiner Kleidung auch zunächst gesellschaftlich zu diesem Grafen wird, kennt allerdings nicht die Gepflogenheiten des Hofes und verhält sich nicht seinem neuen Stand entsprechend, weshalb er schon bald zum Narren degradiert wird:

His newly stylish appearance makes his boorish conduct even more scandalous because of the intolerable discrepancy between his actions and the identity projected by his noble garments. The experiment that tries to transform Simplicissimus into a courtier by dressing him like one thus fails miserably.46

In diesem Fall macht Simplicius‘ Kleidung ihn zwar gesellschaftlich zu einem Höfling, sein Inneres kommt diesem aber nicht nach. So funktioniert Kleidung meistens im Roman von Grimmelshausen: Während ein Kleiderwechsel dafür sorgt, dass Simplicius in der Gesellschaft für ein Mitglied eines bestimmten Standes gehalten wird, ändert es an seiner Persönlichkeit überhaupt nichts. So ist er für einen Narren zu klug, für einen Edelmann nicht höfisch genug, für einen Pilger nicht gottesfürchtig genug. Auf diese Diskrepanz zwischen Schein und Sein des Simplicius wird im folgenden Kapitel eingegangen, nun widmen wir uns zunächst dem Aufstieg des Charakters in der Gesellschaft.

[...]


1 Sachs, Hans; Amman, Jost: Das Ständebuch. Eygentliche Beschreibung aller Stände auff Erden. Hrsg. Von Hans Blosen, Per Baerentzen und Harald Pors. Nach dem Druck von 1568. Aarhus: Aarhus Univ. Press, 2009. S.156; Bei direkten Zitaten aus dem Ständebuch wird zum einfacheren Verständnis die neuere Übersetzung verwendet.

2 Vgl. Ebd., S.62.

3 Vgl. Ebd., S.62.

4 Vgl. Dinges, Martin: Der „feine Unterschied“: Die soziale Funktion der Kleidung in der höfischen Gesellschaft. In: Zeitschrift für Historische Forschung, Vol.19, Nr. 1. Duncker & Humblot, 1992. S.53.

5 Van Dülmen, Richard: Formierung der europäischen Gesellschaft in der Frühen Neuzeit. Ein Versuch. In: Geschichte und Gesellschaft, Strukturprobleme der Frühen Neuzeit, 7. Jahrgang, H.1. Vandenhoeck & Ruprecht., S.20.

6 Vgl. Ebd., S.24.

7 Vgl. Reich, Anne-Kathrin: Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung. Städtische Kleiderordnungen vom 14. Bis zum 17. Jahrhundert am Beispiel der Altstadt Hannover. Hannover: Verlag Hahnsche Buchhandlung Hannover, 2005. S.45.

8 Vgl. Van Dülmen: Formierung der europäischen Gesellschaft, S.25.

9 Vgl. Ebd., S.26.

10 Reich: Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung, S.15.

11 Dinges: Der „feine Unterschied“, S.51.

12 Reich: Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung, S.43.

13 Hess, Peter: The Poetics of Masquerade: Clothing and the Construction of Social, Religious, and Gender Identity in Simplicissimus. In: A Companion to the Works of Grimmelshausen. Hg. Von Karl F. Otto, Jr. New York: Camden House, 2002 (ed. 2010). S.299.

14 Reich: Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung, S.43.

15 Ebd.

16 Dinges: Der „feine Unterschied“, S.53.

17 Ebd.

18 Vgl. Ebd., S.60.

19 Dinges: Der „feine Unterschied“, S.55.

20 Vgl. Ziege, Eva-Maria: Die Kunst der Unterscheidung. Soziologie der Mode. In: Leviathan, Vol. 39, No. 1. Nomos Verlagsgesellschaft mbH, März 2011. S. 142.

21 Vgl. Ebd., S.143.

22 Vgl. Reich: Kleidung als Spiegelbild sozialer Differenzierung, S.45.

23 Vgl. Ebd., S.47.

24 Ebd., S.48.

25 Vgl. Huntebrinker, Jan Willem: Soldatentracht? Mediale Funktionen materieller Kultur in Söldnerdarstellungen des 16. Und 17. Jahrhunderts. Universität Potsdam Philosophische Fakultät. Historisches Institut. 2009. S.76.

26 Vgl. Ebd., S.82.

27 Vgl. Huntebrinker: Soldatentracht? Mediale Funktionen materieller Kultur in Söldnerdarstellungen des 16. Und 17. Jahrhunderts, S.82.

28 Vgl. Ebd., S.83f.

29 Sachs; Amman: Das Ständebuch, S.82.

30 Vgl. Sachs; Amman: Das Ständebuch.

31 Ebd., S.292.

32 Vgl. Hans Jacob Christoffel von Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch (Werke 1) Hrsg. v. Dieter Breuer. Frankfurt/M. 2005, S.59.

33 Ebd., S.61f.

34 Weydt, Günther: Der Ständebaum. Zur Geschichte eines Symbols von Petrarca bis Grimmelshausen, In: Simpliciana 4/5 (1983), S.7.

35 Vgl. Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S.62.

36 Vgl. Weydt: Der Ständebaum, S.7.

37 Vgl. Ebd., S.8.

38 Ebd., S.10.

39 Vgl. Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S.68.

40 Ebd.

41 Vgl. Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S.439.

42 Tatlock, Lynne: Engendering Social Order: From Costume Autobiography to Conversion Games in Grimmelshausen’s Simpliciana. In: A Companion to the Works of Grimmelshausen. Hg. Von Karl F. Otto, Jr. New York: Camden House, 2002 (ed. 2010). S.274.

43 Vgl. Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S.70/78.

44 Vgl. Grimmelshausen: Simplicissimus Teutsch. S.70.

45 Vgl. Ebd., S.78.

46 Hess: The Poetics of Masquerade, S.303.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Kleidung und Kleiderwechsel im "Simplicissimus Teutsch" von Grimmelshausen. Formen und Funktionen der Darstellung
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
31
Katalognummer
V903489
ISBN (eBook)
9783346238313
ISBN (Buch)
9783346238320
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Simplicissimus, Simpicius, Grimmelshausen, Kleidung, Stände, Ständegesellschaft, Narr, Aufstieg, Kleider machen Leute
Arbeit zitieren
Lisa-Sophie Roth (Autor), 2019, Kleidung und Kleiderwechsel im "Simplicissimus Teutsch" von Grimmelshausen. Formen und Funktionen der Darstellung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/903489

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