Rassismus in österreichischen Medien anhand der "Kronen Zeitung"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

19 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die journalistische Wirklichkeitskonstruktion

2. Boulevardjournalismus, Kronen-Zeitung und Inhaltstransport

3. Schüren von Voruteilen

Literaturverzeichnis:

Anhang: Auszüge von Leserbriefen zum Thema „Rassismus“

Zur Einstimmung eine Blick über die Grenzen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Wahlplakat der Schweizerischen Volksparte 2007)

1. Die journalistische Wirklichkeitskonstruktion

„Medien können die Wirklichkeit nicht verzerrt oder entstellt abbilden. Sie können die Wirklichkeit überhaupt nicht abbilden. Denn sie bilden die Wirklichkeit erst. Diese Wirklichkeit ist fremdreferenzlos und somit ausnahmslos selbstreferentiell. Sie verweist auf nichts anders außer auf sich selbst und auf ihr Zustandekommen in der alltäglichen Nachrichtenproduktion“[1].

Vor allem die Journalisten der Kronen Zeitung betreiben eine bewusste Konstruktion, um sich so von anderen Printmedien zu unterscheiden. Presseaussendungen oder andere Mitteilungen finden kaum Eingang in die tägliche Konstruktionsarbeit der Zeitungsredaktion. Die Krone-Journalisten sind sogenannte „agents“, da sie durch ihre Arbeit Informationen schaffen und die Umwelt zu ihnen kommt. Die Kronen Zeitung hat keine fixen Agenturverträge, d.h, sie schafft sich ihre eigene „Welt“.

Das lässt auch ein Artikel in der FAZ vom 25.4.2001 erkennen, der in unerschütternder Weise die Schreibweise der größten österreichischen Zeitung aufzeigt. Denn die Krone und ihre Redakteure argumentieren nicht sachlich, sondern emotionalisiert:

„Ein Gedicht, das im Zusammenhang mit einer Besprechung des zweiten Teiles der Fernsehserie "Taxi Orange" in der Kronenzeitung erschien, veranlasste eine erfolgreich umerzogene Kommentatorin in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zu wüsten Spekulationen, die am 25. 4. 2001veröffentlicht wurden. Hier ein Auszug:

"Eine Behauptung, eine Frage, ein Gedankenspiel - wäre es möglich, dass in einer großen deutschen Tageszeitung an einem 20. April (!) folgendes Gedicht an prominenter Stelle erscheint:

"Fürwahr, ein großer Tag ist heut!
Ich hab mich lang auf ihn gefreut,
es feiern heute Groß und Klein
zumeist daheim im Kämmerlein,
doch manche auf der Straße auch
den unverzichtbar schönen Brauch
bei dem, von Weisen inszeniert,
Gesellschaft zur Gemeinschaft wird.
Ihm sei's zur Ehre, uns zum Heil."

Gesellschaft zur Gemeinschaft, Ehre und Heil, soso. Die besondere Pointe steckt natürlich in dem, was man in diesem Zusammenhang ruhig den "Endreim" nennen könnte. Der lautet nämlich: "Taxi Orange, der zweite Teil!" Dieses "Gedicht" erschien vor vier Tagen in der größten Tageszeitung Österreichs, der "Kronenzeitung", verfasst von ihrem berüchtigten "Hausdichter" namens "Wolf Martin". Bloß ein harmloses Loblied auf die zweite Staffel von "Taxi Orange", der österreichischen Version von "Big Brother"? Jene Kritiker der "Krone", denen dieser ganz spezielle Reim an Führers Geburtstag nicht ohnehin entgangen ist, zucken bereits resigniert die Schultern und meinen, man könne wieder einmal nichts beweisen. Doch ist hier eine Grenze überschritten. Dieses Gedicht an dem Tag und dem Ort seines Erscheinens ist nichts weniger als ein Skandal. Seit je unterstellt man der österreichischen Gesellschaft mit einigem Recht, sie sei für Ressentiment und Antisemitismus durchlässiger als etwa die bundesdeutsche. Eine Grauzone von schickem Vorurteil und augenzwinkerndem Rassismus durchwächst elastisch alle Schichten. Was sich gehört und was schon lange nicht mehr, wurde nie verbindlich festgelegt in diesem Land. Eher wurde es seit Waldheim in einer Art Trial-and-error-Spiel "erlernt", und es waren die Reaktionen aus dem Ausland, die als der Kuhzaun wirkten, der bei versuchter Grenzüberschreitung Stromschläge verteilt. Als schlimmster Vorwurf gilt in Österreich hingegen, "keinen Spaß zu verstehen". Von der "Dämonie der Gemütlichkeit" schrieb einst Hilde Spiel. Diese Dämonie nimmt in letzter Zeit beträchtlich zu, die sogenannten Späße, die sogenannten Mißverständnisse. Österreich hat zwar kein Skinhead- und kein rechtes Gewaltproblem. Doch statt dessen gibt es ständig diese "Ausrutscher" in gesellschaftlich so akzeptierten Zusammenhängen wie eben der größten Tageszeitung, die dann mit erstaunlichster Unverfrorenheit kleingeredet werden, nach dem sehr österreichischen Motto: "Nur net aufregen".

Wie die BRD verfügt Österreich über ein Verbotsgesetz. Es stellt die "Wiederbetätigung für den Nationalsozialismus" unter Strafe. Solche Gesetze sind in Demokratien, welche ja grundsätzlich auf der Meinungsfreiheit fußen, problematisch genug. Doch wenn man schon überzeugt ist, sie haben zu müssen, etwa weil man es als Täterland den Opfern schuldig ist, dann soll man sie auch anwenden. Denn wo beginnt diese Wiederbetätigung? Erst, wenn in der "Kronenzeitung" an Hitlers Geburtstag wirklich "alles Gute, lieber Führer" steht, anstatt daß ein waghalsiger Salto zu "Taxi Orange" geschlagen wird, der ohnehin bloß dazu dient, allen "politisch Korrekten" eine lange Nase zu drehen, während das Zielpublikum schon genau verstanden hat? Wolf Martin ist ein Fall für den Richter.[2]

Warum greifen über 2,8 Millionen Österreicher täglich zur „Krone“ oder wie Weber es konstruktivistisch formuliert: „Warum ist die Wirklichkeitskonstruktion dieser Zeitung derart variabel und um vieles gangbarer, also erfolgreicher als die der anderen Tageszeitungen“[3]

2. Boulevardjournalismus, Kronen-Zeitung und Inhaltstransport

Die Krone weist viele Kriterien des Boulevardgeschäftes auf, sie bedient ihre Leser regelrecht und fordert sie dann zu Rückmeldungen in Form von „Briefen an den Herausgeber“ auf. Heikle Themen, laut Dichand im vorgestellten Film, „Themen, die das Volk (er meint dabei die Krone-Leser, Anm. d. Verf.) bewegen“, wie Pauschalurteile „Nigerianer sind Drogendealer“, „Ausländer gehören abgeschoben“, „Einem, der ehemalige Innenminister, ist ein linkslinker Gutmensch“ (auch das verwendet die Krone als Schimpfwort), hingegen ist dessen Nachfolger Karl Schlögl „konstruktiv“. „Weg mit Einem“ von Dichand selbst geschrieben[4] folgte ein „Schlögl, der Mann, der die drohende Ausländerflut verhindern wird“[5]

In der Kronen Zeitung verfließen sich Kommentar und Berichterstattung, das eigentlich der strengen journalistischen Ethik widerspricht. Gerade an diesen beiden Ministern zeigt sich die Ambivalenz der Krone, sich „ihre Politiker“ machen zu können. Es war damals die Zeit des sogenannten Integrationspakets, das von der Krone im nur als „Ausländergesetz“ betitelt wurde. Tendenziell wird den Österreichern ja ein „Law and Order“-Mentalität zugeordnet, die von einigen Medien mit der Krone als Speerspitze bewusst unterstützt wird. Und es sind eben die Worte, die einen unterschwelligen Rassismus ausmachen. Alleine mit dem Begriff „Ausländer“ werden negative Assoziationen geweckt (ebenso mit „den Nigerianern“ oder pauschal „Schwarzafrikanische Drogendealer“). Waren es früher die Zuwanderer aus dem Osten Europas, die von den Österreichern als „Ausländer“ tituliert wurden, sind es heute ebenso und vor allem „Weissrussische Mädchenhändler“, usw. Laut IMAS-Chef Kirchhofer richten sich die Abwehrhaltungen „gegen Personen, die nicht dem westlichen Lebensstil entsprechen, also fremd und unangepasst sind“[6] Kirschhofer meint weiter, dass unterschieden wird zwischen Personen anderer Staatsangehörigkeit, wie Amerikaner, Deutsche oder Italiener und eben „Richtigen Ausländern“, wie Nigerianer und auch Türken.[7]

In der Aktualität der Berichterstattung gewann in den letzten Monaten natürlich das Wort „Asyl“ bzw. „Asyl-Gesetze“ an Bedeutung.

3. Schüren von Voruteilen

Die Kronen Zeitung versteht es immer wieder, mit Aufbau des Feindbildes „Ausländer“, wobei hier nur die Bösen gemeint sind, den Eindruck zu erwecken, die Mehrzahl ihrer Leser stehe voll zu dieser Berichterstattung. Und wer gegen die Meinung der Krone argumentiert, wird knallhart in den Kommentaren und vor allem in den Leserbriefen attakiert. War es zu Richard Nimmerichters, alias Staberl, Zeiten noch der Antisemitismus, der durch Gebrauch von Ausdrücken wie „die Ostküste der USA schafft an“ – eine Änderung folgte nach dessen ungewollter Pensionierung durch den offensichtlichen Versöhnungsdrang des Herausgebers mit den Opfern – so war es nach Einem (vgl oben) vor allem Teresa Stoisits, die sich wütenden Angriffen der Krone ausgesetzt sah, die teils auch in diffamierender Form erfolgte. Die Zusammensetzung der Leserbriefschreiber zeigt jedoch, dass es teils immer dies selben Personen sind, die im „Freien Wort“ ihre Meinung zum Ausdruck bringen. Kurt Gärtner aus Wels, Franz Köfel aus Völs, Johannes Abl aus Wien und vor allem die vermutete Kunstfigur Franz Weinpolter scheinen immer wieder aus. Letzterer ist vor allem deswegen interessant, weil es diesen nirgendwo in Österreich zu geben scheint. Er schreibt beinahe täglich, ohne Angabe eines Orte, er scheint kein Telefon zu haben und manche vermuten in ihn den Herausgeber selbst (vgl. Kommentar von Martin Kmiercik in „Die Presse“ vom 26. Juni 2007). Die Kronen Zeitung betreibt eine bewusste Kampagnisierung, ohne Rücksicht auf die Menschenwürde. Nur im jüngsten Fall Arigona überkam den Herausgeber ein Anflug menschlicher Rührung, der so schnell er gekommen war, sofort zurückgenommen werden musste. Und die Kronen Zeitung berichtete über diesen Fall kaum noch.

[...]


[1] Vgl. Weber, Stefan, Nachrichtenkonstruktion im Boulevardmedium: die Wirklichkeit der Kronen Zeitung, Wien, Passagen-Verlag, 1999, S 27

[2] Menasse, Eva, in:FAZ v. 25. 4. 2001

[3] Vgl. Weber, S 131

[4] Cato, alias Dichand in „Neue Kronen Zeitung“ vom 12.12.1994, S 3

[5] Kindermann Dieter, in: „Neue Kronen Zeitung“ vom 31.01.1997, S 3

[6] IMAS-Studie aus dem Jahr 1999, zitiert in Gnam, Peter,: 62% der Bevölkerung gegen mehr Ausländer“, in: „Neue Kronen Zeitung“ vom 1.10.1999, S 4

[7] Biermeier, Petra,: Unbehagen beim Wort Ausländer, in: Die Furche vom 21.9. 1999

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Rassismus in österreichischen Medien anhand der "Kronen Zeitung"
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Rassismus
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V90539
ISBN (eBook)
9783638047906
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit beinhaltet unter besonderer Berücksichtigung der Leserbriefseiten der Kronenzeitung eine Aufschlüsselung der rassistischen Berichterstattung, wie sie vom Verfasser empfunden wurde
Schlagworte
Rassismus, Medien, Kronen, Zeitung
Arbeit zitieren
Mag. Hannes Naderhirn (Autor), 2008, Rassismus in österreichischen Medien anhand der "Kronen Zeitung", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90539

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Rassismus in österreichischen Medien anhand der "Kronen Zeitung"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden