Die Bibi-Hanum-Moschee als ein Beispiel der Timuridischen Architektur


Seminararbeit, 2008
22 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Die Eigenartigkeit der Timuridischen Baukunst

3 Die Moschee Bibi Hanum
3.1 Geschichte des Bauwerks
3.2 Grundriss
3.3 Das Sanktuarium
3.4 Der Außendekor

4 Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

Anhang

1 Einleitung

Der Begriff „Timuridische Baukunst“ bezeichnet die Architektur des Mittelasiatischen Raumes im XIV. – XV. Jahrhundert. Sie zeichnet sich durch einen Baustil aus, der zum Einen eine lange eigene örtliche Tradition aufweist und zum Anderen wurden besonders viele Bauelemente aus fremden Kulturen einbezogen und damit wurde ein neuer und einzigartiger Baustil erschaffen. Dies betrifft besonders die farbigen dekorativen Ausschmückungen von Baufassaden.

Dieser Zeitraum stellt eine kontinuierliche Fortentwicklung der Baukunst dar und wird in drei aufeinander folgende Phasen unterteilt. Die erste Phase umfasst das Zeitalter der Herrschaft von Timur. Das wichtigste Merkmal ist die Erschaffung der Bauwerke gigantischer Dimensionen mit den besonders prachtvollen Ausschmückungen. Es war also ein Bauprogramm, das auch die Prinzipien seiner Herrschaft widerspiegelte. Ein repräsentatives Beispiel dafür ist sicherlich der Bau der Samarkander Freitagsmoschee, der Bibi Hanum. Die zweite Phase zieht sich bis zur Mitte des XV. Jahrhunderts hin. Sie stellt eine Kontinuität zur früheren Phase und das enge Zusammenwirken der örtlichen und fremden Traditionen dar. Vor allem die Elemente des Baudekors wurden noch weiter verfeinert und die Architektur fällt etwas „bürgerlicher“ aus. Schließlich verliert in der zweiten Hälfte des XV. Jahrhunderts die Baukunst einen gewissen Grad an Monumentalität.[1]

Das Hauptthema dieser Arbeit ist die Darstellung der Bibi Hanum Moschee. Dieses monumentale Bauwerk wurde in den Jahren 1396-1404 erbaut. Durch seine Pracht und Größe hatte es seine Zeitgenossen so beeindruckt, dass zu diesem Bau besonders viele Überlieferungen entstanden sind. Leider wurde die Moschee vor allem durch ein Erdbeben im Jahre 1897 völlig zerstört (Abb.1). Am Ende der 60er Jahre des XX. Jahrhunderts begann man anhand der zahlreichen wissenschaftlichen Voruntersuchungen mit dem Wiederaufbau der scheinbar „unrestaurierbaren“[2] Moschee. Heute ist etwa 80% der Bibi Hanum Moschee rekonstruiert worden.

Um ein besseres Verständnis für das Gesamtbauwerk zu schaffen, wird in der Arbeit zuerst ein kurzer historischer Hintergrund und sodann werden einige Besonderheiten der Timuridischen Baukunst dargestellt. Weiterhin habe ich mich bei der Bauwerkanalyse im Rahmen dieser Arbeit nur auf die Beschreibung des Grundrisses und des Fassadendekors beschränkt, da der Fassadendekor das einzigartige Bauelement der Timuridischen Baukunst darstellt und besonders durch seine Farben und Abstraktheit der Motive beeindruckt. Bei der Beschreibung des Bauwerks habe ich mich nicht nur auf die erhaltenen Originalbaufragmente gestützt und überlieferte zeitgenössische Berichte, sondern auch auf die bei der Moscheerekonstruktion neu gewonnenen Erkenntnisse.

2 Die Eigenartigkeit der Timuridischen Baukunst

Die Stadt Samarkand mit ihren prachtvollen mittelalterlichen Bauwerken wurde im Jahre 2001 von der UNESCO zum Weltkulturerbe der Menschheit erklärt. Dank ihrer strategischen geographischen Lage, die Stadt lag nämlich auf der „Seidenstraße“, dem Handelsweg, der von China nach Westen führte, gewann die Stadt schon vor zwei Jahrhunderten vor unserer Zeitrechnung an Bedeutung. Im Laufe der Geschichte erlebte sie immer wieder ihre Zerstörung sowie die Blütezeiten ihres wechselreichen kulturellen Lebens. Die archäologischen Funde weisen darauf hin, dass in dieser Stadt sowohl die Buddha-Tempel, als auch die iranischen Feuerheiligtümer und die nestorianischen Kirchen errichtet wurden[3].

Heutzutage sind in Samarkand vor allem zahlreiche eindrucksvolle Bauwerke der Timuridischen Zeit zu bewundern, die zum großen Teil durch den Gründer der Timuriden-Dynastie, den Emir Tīmūr ibn Taraġai Barlas (1336-1405), erbaut wurden. Sein Heimatort lag in der Nähe der Stadt Šahr-i Sabz, etwa 80 km südlich von Samarkand. Als Timur die Herrschaft übernommen hatte, verlegte er dennoch das Machtzentrum nach Samarkand, mit der Absicht, das islamische Großreich wiederherzustellen und die Stadt über den Erbau von prachtvollen und gigantischen Bauwerken als Symbol der islamischen Kultur und nicht zuletzt seiner Macht zu präsentieren. Die Stadt Samarkand sollte zum „Mittelpunkt der Welt“ und zur „Schwelle des Paradieses“[4] werden. Um dieses Ziel zu erreichen, schleppte er während der Eroberungszüge aus den verschiedensten Ländern zahlreiche Handwerker, Künstler und Wissenschaftler in seine Herrschaftsgebiete, die beim Aufbau der Städte tätig waren. Während seiner Eroberungen genossen besonders die muslimischen Gelehrten hohes Ansehen und Schutz, und blieben bei den Städteplünderungen und den Massakern verschont.[5] Das Paradoxe ist, dass einerseits Timurs Eroberungen in der Geschichte vor allem durch eine beispiellose Brutalität bekannt sind. Anderseits gilt Timur als ein frommer Muslim, der die islamische Kultur enorm gefördert hat, und zwar ohne Rücksicht auf die menschlichen Opfer oder die materiellen Ressourcen. Trotz allem erlebte die Stadt Samarkand unter Timurs Herrschaft ihre politische, wirtschaftliche sowie geistig-kulturelle Glanzzeit.

Das Wesentliche ist, dass in diesem Zeitraum ein rascher Aufschwung der Baukunst zu beobachten ist. In kürzester Zeit entstehen gigantische und die schönsten Bauwerke Mittelasiens. Man denke daran, dass die Bibi Hanum Mosche mit ihrer Grundfläche von etwa 18.000 m² und dem riesigen Eingangsportal mit einer Höhe von etwa 33 Metern in einem Zeitraum von nur fünf Jahren erbaut wurde, was jedoch nicht ohne weitere Konsequenzen blieb.

Die ganzen Bauarbeiten wurden nach einem strengen Ordnungsprinzip organisiert. Als Erstes ist zu erwähnen, dass in Mawerannahr eine Bauschule der hochqualifizierten Architekten und Bauwerker gegründet wurde. Neben Einheimischen wurden unter dem Zwang aus den eroberten Gebieten des Iraks, Syriens, Fars, Aserbeidschans und Indiens auch ausländische Fachmänner hingebracht, die ihre Fähigkeiten und ihr Wissen an die Schüler weitergaben. Wobei zu erwähnen ist, dass die Mehrzahl der Architekten persischer Herkunft aus Šīrās und Isfahan waren[6], was gewiss auch den späteren Baustil Mittelasiens beeinflusst hatte. Die Entstehung der einheitlichen Schule hat zum Teil dazu geführt, dass in diesem Zeitraum keine Vielfalt der Baustile nachgewiesen werden kann. Vielmehr hatte man in ganz Zentralasien einen eigenen universellen Baustil geschaffen.[7]

Die Baukunsttheorien des XIV. – XV. Jahrhunderts stützten sich auf das überragende Wissen der angewandten Mathematik. Zumeist haben die Bauwerke einen streng symmetrischen Grundriss, so dass dann die gesamten Baukomplexe sehr harmonisch erscheinen. Ein typisches Kennzeichnen war es, dass z.B. die Minarette immer symmetrisch eingesetzt wurden. Die einzelnen Bauelemente waren auch nach exakten geometrischen Proportionen abgestimmt. Eine der weiteren Hauptaufgaben war es, den prachtvollen Baudekor an den Grundbau selbst anzupassen, was die exakten geometrischen Berechnungen genau so erfordert haben. Auch der für den mittelasiatischen Raum charakteristische Kuppelbau fand zu dieser Zeit seine Entfaltung: von der Ein- und Doppelschalenkuppel bis zur dreifachen. Im Anschluss ist zu betonen, dass die Timuridische Architektur viele bedeutende Erneuerungen mit sich gebracht hat, wie z.B. die Anwendung der bunten Ziegelglasur und der Fayence-Mosaiken für die dekorative Ausschmückung der Fassaden. Sie stellte eine Weiterentwicklung der örtlichen Traditionen dar, die aus einer Synthese mit dem Wissen und den Erfahrungen der fremden Kulturen entstanden ist.[8]

3 Die Moschee Bibi Hanum

Die Bibi Hanum Mosche ist nach einer der Frauen des Timurs Saray Malik Hānum benannt. Im Volke existieren mehrere Legenden um die Errichtung dieser Moschee, dank denen die Moschee auch diesen Namen bekam. Laut einer der Legenden war Saray Malik Hānum jung und sehr schön. Sie ließ die Moschee errichten als ein Geschenk an ihren Ehemann während er auf einem seiner Eroberungszüge unterwegs war. Laut der Legende war also Saray Malik Hānum die Bauherrin dieser Moschee und nicht der Timur selbst.[9]

3.1 Geschichte des Bauwerks

Die zahlreichen bis zu unserer Zeit erhaltenen zeitgenössischen Überlieferungen beschreiben sehr detailliert den Bau der Moschee von Beginn an. Demnach begann Timur „zu einer von den Astrologen bestimmten Stunde“[10] mit dem Bau der Mosche im Jahre 1399, als er von seinem siegreichen Zug aus Indien zurück nach Samarkand kam. Er wollte ein Bauwerk, eine riesige Freitagsmoschee errichten, das alle anderen Bauwerke, die er während seiner Feldzüge sah, übertreffen sollte. Diese Moschee sollte die größte und die schönste Freitagsmoschee in ganz Zentralasien und der Bau so schnell wie möglich beendet werden. So konnten schon nach fünf Jahren der Bauarbeiten die Betenden dort ihre Gebete erbringen. Allerdings starb am 18. Februar 1405 Timur.

Mit welch großem Aufwand und damit verbundenen Kosten die Moschee gebaut wurde, beschreibt Šaraf-ad-Dīn ‘Alī in Timurs Biographie Zafar-Name:

„Fünfhundert Steinmetzarbeiter aus Aizerbeidschan, Fars, Hindustan und anderen Gebieten waren zum Bau dieser Moschee heran gezogen worden, abgesehen von jenen Arbeitern, die in Bergen die Steine zu brechen und in die Stadt zu führen hatten. Spezialarbeiter der verschiedenen Künste und Maler […] versammelten sich in der Residenz, aus allen benachbarten Erdteilen kommend. Um das Baumaterial auf die Baustelle zu bringen, war die Arbeit von 95 Elefanten nötig, die aus Indien nach Samarkand gebracht worden sind […]“[11]

Laut den weiteren Überlieferungen unterlagen die Bauarbeiten einer strengen Organisation. Erstens muss man sagen, dass Timur die Arbeiten selbst geleitet hatte. Der gesamte Baukomplex wurde nach bestimmten Bausektoren wie z.B. dem Eingangsportal oder dem Sanktuarium unterteilt, an deren Spitze einer seiner Emire oder Wesire stand. Die Bausektoren hatten wiederum noch einmal je nach der Aufgabe verschiedene Arbeitsbereiche, an deren Spitze dann ein ʼ Ustāḏ (der Meister) stand. Die zuständigen Bauleiter mussten dem Timur täglich über die Fortschritte auf der Baustelle berichten, so dass eine gewisse Konkurrenz zwischen ihnen bestand. Diejenigen, die am fortschrittlichsten waren, wurden belohnt, die anderen getadelt oder auch zum Teil mit dem Tod bestraft.

Gemäß dieser Beschreibungen gibt es Miniaturen mit der Darstellung des Moscheebaus des persischen Malers Behzād Herawī (1455-1535). Die Miniaturen entstanden allerdings in einer etwas späteren Zeit am Ende des XV. Jahrhunderts. In den beiden Miniaturen ist zu sehen, wie die Arbeit in die verschiedenen Bereiche und Aufgaben unterteilt wurde. Auf einer der Miniaturen (Abb. 2) ist auf dem Hintergrund von Miḥrāb ein Aufseher abgebildet, der bemüht ist, die Bauarbeiten schneller voranzutreiben. Darunter sind die Architekten, verschiedene Handwerker und Künstler dargestellt, die unter anderem das Baudekor anlegen, sowie die einfachen Bauarbeiter. Unten links ist ein Elefant mit den riesigen Steinblöcken auf dem Rücken dargestellt, was als ein direkter Hinweis auf die Abbildung der Bauarbeiten an der Bibi Hanum Moschee interpretiert werden kann. Die weitere Miniatur hat fast die gleiche bildliche Gliederung (Abb. 3). Auch hier kann man deutlich erkennen, wie die Arbeiten nach einer hierarchischen Ordnung organisiert waren: unten die einfachen Arbeiter, die Mörtel vorbereiten, etwas dahinter tragen die anderen Arbeiter die Steintafel. Auf dem Eingangstor mit dem Kielbogen und zwei Minaretten an den Seiten (wahrscheinlich das Sanktuariumstor im Innenhof) sind die Facharbeiter mit dem ʼ Ustāḏ an der Spitze. Wobei der ʼ Ustāḏ in seinen Händen ein Modell der zu errichtenden Moschee hält. Und schließlich oben links, etwas abseits steht ein Emir oder auch Wesir, was vor allem durch seine Kleidung zu erkennen ist.[12]

Trotz ihrer Bedeutung wurden nach Timurs Tod keine weiteren Endarbeiten an der Bibi Hanum Mosche durchgeführt. Der Grund dafür war, dass dieser Bau erhebliche Mängel aufwies, unter anderem weil noch während der Bauphase einige Umbaumaßnahmen an der Moschee vollzogen wurden, wie z.B. der Umbau des Eingangsportals. Der Zerfall der Moschee begann noch zu Lebzeiten von Timur unmittelbar nach ihrer Fertigstellung. Laut den zeitgenössischen Berichten fielen kurz nach Bauende manche Ziegelsteine aus der Moschee-Wölbung auf den Betenden. Nach Timurs Tod waren seine Nachfolger nicht mehr bemüht, die Renovierungsarbeiten einzuleiten. So begann über die Jahrhunderte der langsame Zerfall der Moschee, bis schließlich, vor allem durch ein Erdbeben im Jahre 1897 von der Moschee nur die Ruinen übrig blieben. Allerdings schon viel früher, etwa ab der Mitte des 17. Jahrhunderts, wurden keine Freitagsgebete mehr in dieser Moschee durchgeführt, da das Betreten der Moschee zu gefährlich war.[13]

[...]


[1] Pugatschenkova (1987), S. 171

[2] Pugatschenkova (1975), S.26

[3] Branderburg, S. 9-13

[4] Pugatschenkova (1975) S.

[5] Vgl. z.B. Begegnung des Timurs mit Ibn Ḫaldūn in Damaskus. In: Nagel, S. 337 f.f.

[6] Sterlin, S.107

[7] Pugatschenkova, (1987), S.171

[8] Pugatschenkova (1987), S. 166-171

[9] Pugatschenkova (1975), S. 26-28

[10] Nagel, S. 396

[11] Zit. Nach Brandenburg, S. 85

[12] Jakubovskij, S. 27

[13] Brandenburg, S. 89

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Bibi-Hanum-Moschee als ein Beispiel der Timuridischen Architektur
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (IOA Uni Bonn)
Veranstaltung
Orientalische Kunstgeschichte: Islam und Südasien
Note
2,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
22
Katalognummer
V90566
ISBN (eBook)
9783638046862
Dateigröße
4015 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bibi-Hanum-Moschee, Beispiel, Timuridischen, Architektur, Orientalische, Kunstgeschichte, Islam, Südasien
Arbeit zitieren
Maritana Larbi (Autor), 2008, Die Bibi-Hanum-Moschee als ein Beispiel der Timuridischen Architektur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90566

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