Hommage oder Kontrast? Ein motivischer Vergleich zwischen Stig Dagermans "Bröllopsbesvär" und Siegfried Lenz’ "Die Klangprobe"


Hausarbeit, 2018

14 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

2. „Man tager vad man haver“ – Selbstaufgabe und der Schlüssel zur Freiheit

3. Verhöhnung der Selbstsuche in Die Klangprobe

4. Die Symbiose von Leben und Tod – Der Tod als natürliches Phänomen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als Jan Bode, 24-jähriger Kaufhausdetektiv, Erzähler und Protagonist des von Siegfried Lenz verfassten und 1990 erstmalig veröffentlichten Romans Die Klangprobe, die Englisch- und Norwegisch-Übersetzerin Lone in ihrer Wohnung aufsucht und die Novellen seines verstorbenen Bruders Reimund entdeckt, erwähnt jene, dass er sie „sehr an Stig Dagerman [erinnert], […] an diesen wunderbaren Schweden“1. Bei einer Verabredung überreicht sie Jan einen Erzählband Dagermans, aus welchem er später die „Geschichte von diesem gottverfluchten ‚Nächtlichen Badeort‘“2 zu lesen versucht, im schwedischen Original Vår nattliga badort, eine Erzählung aus Dagermans Novellensammlung Nattens lekar (1947).

Die spezifische Erwähnung einer seiner Kurzgeschichten sowie der Vergleich mit einer Figur, die Parallelen zu seinem Leben aufweist, veranlassen zur Annahme, dass Siegfried Lenz das Leben und Werk Stig Dagermans nicht unbekannt waren; eine These, die den Grundstein für die Fragestellung legt, ob und inwiefern weitere Motive aus Stig Dagermans Werk in Lenz’ Die Klangprobe aufgegriffen und verarbeitet wurden und welche Auswirkung-en sie auf die jeweiligen Erzählungen ausüben. Dabei wird in der folgenden Analyse insbe-sondere auf die „tre stora existentiella frågorna i Dagermans diktade värld, […] [å]ngest, kärlek och död“3, sowie dem Begriff der Freiheit, welcher ebenfalls einen großen Stellenwert in Dagermans Werk einnimmt4, der Fokus gelegt.

Für den Vergleich soll Dagermans letzter Roman Bröllopsbesvär (1949) herangezogen werden, welcher, „set in the surroundings of the author’s childhood“5, auch viele autobiogra-phische Elemente enthält und als sein wichtigster bzw. persönlichster Roman angesehen wird6.

2. „Man tager vad man haver“ – Selbstaufgabe und der Schlüssel zur Freiheit

Mittelpunkt der Handlung in Br öllopsbesvär, welche sich innerhalb eines einzigen Tages abspielt, ist die Hochzeit des Fleischers Hilmer Westlund sowie der Tochter des gealterten Freibauern Victor Palm, Hildur; ein festliches Ereignis, welches für gewöhnlich positiv konnotiert ist. Jedoch festigt sich bereits zu Beginn des Romans, am Morgen des Hochzeittages, eine gewisse gedrückte Stimmung, nicht nur durch die inneren Monologe bzw. Ängste der jeweiligen Figuren, welche u.a. im vierten Kapitel untersucht werden sollen, sondern auch durch die gegebenen Räumlichkeiten.

Im Obergeschoss des Hauses der Familie Palm hat sich Victor, der sich selbst mit einer Schnecke vergleicht, in sein „Schneckenhaus“ zurückgezogen, einem Raum mit unterschiedlich verstellten Uhren7. Die Schwester Hildurs, Irma, liegt wach im Bett und vergleicht ihre Lebenslage mit Hildur, „som kan ta cykeln och sticka, när [hun] vill“8, während sie selbst nicht zuletzt durch ihr uneheliches Kind Gunnar an den Hof gebunden ist, und auch der Bruder der beiden Schwestern, Rudolf, sinniert über die bevorstehende Hochzeit seiner erst 23-jährigen Schwester, während er selbst mit 33 Jahren noch unverheiratet und seine Freundin Rullan unwillig ist, „[eftersom] [d]et är inte så lätt för den som inte har motorcykel“9. Durch die fehlenden Möglichkeiten der Mobilität sowie der geographischen Gegebenheiten auf dem Land sind die Charaktere in ihrer Freiheit bzw. Selbstverwirklichung eingeschränkt. Doch selbst die Landstreicher, welche im Stall der Palms Zuflucht gefunden haben und nicht abhängig sind von derartigen räumlichen Restriktionen, sehen ihre gewonnene bzw. scheinbare Freiheit durchaus kritisch; so erinnert sich Ivar beispielsweise an einen anderen Landstreicher, welcher Dreschmaschinen liebte und von Hof zu Hof zog, jedoch nie seine Bestimmung fand und stattdessen in einer Art „Teufelskreis“ gefangen war.

Han gick och gick förstås: han kom aldrig fram. För fram finns väl inte. Och om man går så gar man för att komma dit varifrån man kommit. […] [Alla luffarväger] går tillbaks till samma skulle.10

In einer Auseinandersetzung mit Filip, einem weiteren Landstreicher, verdeutlicht sich nochmals die kritische Haltung Ivars. Als er Filip nach dem Grund fragt, warum er Landstreicher geworden ist, antwortet jener, dass er sein eigener Herr sein wollte und bejaht die Frage, ob es sich bei dem Landstreicher um den freiesten Menschen auf der Welt handele. Ivar kontert hingegen mit der Fragestellung, ob es Freiheit sei, von der Gnade der Unfreien abhängig zu sein und attestiert Filip, die Welt für die Freiheit verraten zu haben und sich vor seinen Verpflichtungen zu drücken11. Absolute Unabhängigkeit erscheint in Bröllopsbesvär folglich nicht realisierbar und wird durch die Äußerungen Ivars verspottet, vielmehr handelt es sich bei dem Traum der Freiheit „om en flykt bort från det egna livet, eller, i förlängningen, bort från sig själv“12.

Das Leitmotiv des Romans, „Man tager vad man haver“, also das Arrangieren mit dem Gegebenen bzw. Vorgesetzten, bildet angesichts dieser Umstände den Schlüssel zur Freiheit, da „[d]römmen bort eller hoppet om ett bättre liv på en annan plats döms ut som ofruktbar och hämmande“13. Diese Philosophie lässt sich auf zahlreiche Charaktere in Bröllopsbesvär projizieren, insbesondere jedoch auf Sören, dem Knecht der Palms. Obwohl auch er durch die bestehenden Lokalitäten eingeschränkt ist und klaustrophobische Züge aufweist, so lebt er in einer engen Kammer und bezeichnet die umliegende Landschaft als „en förbannad fälla“14, findet er Trost in der Beziehung mit Svea, der Magd bzw. dem Hausmädchen Westlunds, trotz dessen sie ein Kind von letzterem erwartet. Zu dieser Erkenntnis gelangt er während der Hochzeitsfeier, als er die aus der Stadt kommende, Vornehmeres gewohnte Mary zu sich in die einfach ausgestattete Kammer einlädt und realisiert, dass jene dort wie eine Art Fremdkörper wirkt.

Med ens känner han ju för första gången att de hör ihop, det är hon som passar här, hon Svea, det är hon som duger här i drängkammarn. Det är hon som passar honom, alla andra är flera nummer för stora. Hon ska ha barn med en annan, ålrajt, till och med det passar. Han strykerna över hennes gråa kind.15

Obwohl in diesem Vorsatz durchaus eine gewisse Resignation zu erkennen ist, enthält er aber auch das Thema der Akzeptanz „et d’en profiter avec joie, [parce que] [l]e verbe „prendre“ revêt une signification positive [aussi]“16. Diese Freude wird durch die Hochzeitsfeier manifestiert, welche nicht nur die geladenen Gäste einschließt, sondern auch die Tiere und die Vegetation sowie leblose Objekte wie die Mähmaschine, da an diesem Abend alle zufrieden sein sollen17.

Lediglich die Braut selbst, Hildur, ist von der ausgelassenen Stimmung der Feier nicht betroffen. Schon am Anfang des Romans vergleicht Irma sie mit einer Schlachtkuh, indem sie feststellt, dass Hildur zu der weißen Villa des Schlachters Westlund mitgenommen werden soll18. Diese Metapher wird vor allem in der Episode um die Schlacht- und Lieblingskuh Victors, Kulla, nochmals betont; so versucht Hildur, ihren Vater zu trösten, nachdem er erfährt, dass Kulla von Westlund geschlachtet worden ist.

Pappa, säger hon […], jag tror det är så här. Att man tager vad man haver. Man får ta det man har att ta och vara glad. Har man inget liv då får man ta att dö. Och har en ko ingen mjölk då får hon ta att slaktas.19

Auch Hildur gebraucht das Leitmotiv „Man tager vad man haver“, antwortet jedoch auf die Frage Victors, ob sie denn glücklich sei, da sie wie Kulla zum Schlachter gehe, unter Tränen mit „Ja pappa, jag är så glad“20. Bedeutung erhält diese Schlachtsymbolik durch die Tatsache, dass Hildur eigentlich den mittellosen Landstreicher Martin Eng liebt und mit dessen Kind schwanger ist, dieser aber in die Stadt gezogen ist, um (erfolglos) nach Arbeit zu suchen und keine Familie unterhalten kann. Als sich schließlich herausstellt, dass der Sixten genannte Landstreicher in Wirklichkeit Martin ist und er am Hochzeitsabend auftaucht, um Hildur zurückzugewinnen und sie als sein Eigentum bezeichnet, reagiert jene angespannt und behauptet erneut, dass es zu spät sei, sie jetzt Westlund heiße und sie sich genommen habe, was sie hat21. Ihre Entscheidung steht demnach gleichermaßen für eine Art der Versöhnung mit ihrem eigenen Leben, als auch für einen Beschluss, nicht nur für sich, sondern für andere zu leben22. Dabei ist zu beachten, dass diese Form der Selbstaufgabe eine freie Wahl Hildurs ist, „presentée comme une possibilité et non comme une nécessité“23. Sie ist sich der Alternativen bewusst, fühlt sich jedoch ihrem neuen Ehegatten Hilmer verpflichtet, als ihre Entscheidung der Selbstaufgabe durch die Konfrontation mit Martin auf die Probe gestellt wird. Als sich Martin im Zuge dessen das Leben nimmt, fällt dieses Laster der alten Liebe; „Martins död har befriat henne, gett henne hennes tillhörighet och gjort henne stark“24.

Es lässt sich folglich festhalten, dass sich das Motiv der Freiheit in Bröllopsbesvär vor allem im Akzeptieren der gegebenen Umstände und der daraus resultierenden Freude sowie in der durch Selbstaufgabe ausgelösten (Nächsten-)Liebe äußert.

3. Verh öhnung der Selbstsuche in Die Klangprobe

Eine ähnliche Freiheits- und Liebesmotivik lässt sich auch in Siegfried Lenz’ Die Klangprobe feststellen. Die Handlung um die Liebesbeziehung zwischen Jan Bode und Lone weist eine gewisse Naivität auf, welche sich nicht nur in Situationen der Verlegenheit und romantischen Fantasie Jans äußert, so ärgert er sich beispielsweise „über den psalmodierenden Ton in dem [er] […] [s]einen verfrühten Gutenachtswunsch loszuwerden [versucht]“25 und stellt sich während eines gemeinsamen Treffens einen Sommer an der Ostsee vor, in dem er ihren Körper mit Sand bedeckt26, sondern auch in der atmosphärisch mitgegebenen Botschaft „Schlu[ss] mit der Emanzipation, zurück in den Schoß der Großfamilie“27. Diese wird besonders deutlich, als der Beschluss der Schwester Jans, Jette, das Elternhaus zu verlassen, negiert wird und dabei positive Reaktionen der Familienangehörigen erhält, aber auch hinsichtlich des vom Erzähler negativ rezipierten Charakters Julian, dem Ehemann Lones, welcher letztere verließ, um sich auf sogenannte Selbstsuche zu begeben bzw. eine Selbstverwirklichung zu realisieren, nun aber zurückgekehrt sei, um sich mit Lone zu treffen28.

[...]


1 Lenz, Siegfried: Die Klangprobe. Hamburg: Hoffmann und Campe Verlag, 1999 (= Siegfried Lenz. Werkausgabe in Einzelbänden; 11), S. 90.

2 Ebd., S. 222.

3 Lotass, Lotta: Friheten meddelad. Studier i Stig Dagermans f örfattarskap. Göteborg: Litteraturvetenskapliga institutionen vid Göteborgs universitet nr 43, 2002, S. 5.

4 Vgl. Ebd., S. 3.

5 Thompson, Laurie: Stig Dagerman: Nattens lekar. Hull: Dept. of Scandinavian Studies, Univ., 1975 (= Studies in Swedish Literature; 5), S. 30.

6 Vgl. <http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/stig-dagerman-schwedische-hochzeitsnacht-das-beduerfnis-nach-trost-ist-unersaettlich-11014448.html> (14.11.2018).

7 Vgl. Dagerman, Stig: Br öllopsbesvär. Stockholm: Vingförl., Norstedt, 1964, S. 5ff.

8 Ebd., S. 17.

9 Ebd., S. 20.

10 Ebd., S. 31ff.

11 Vgl. Ebd., S. 201ff.

12 Lotass, Lotta: Friheten meddelad, S. 143.

13 Vgl Ebd.

14 Dagerman, Stig: Br öllopsbesvär, S. 29.

15 Ebd., S. 150.

16 Périlleux, Georges: Stig Dagerman. Le mythe et l’œuvre. Bruxelles: De Boeck-Wesmael, 1993 (= Culture & communication: Série littérature), S. 120.

17 Vgl. Dagerman, Stig: Br öllopsbesvär, S. 127f.

18 Vgl. Ebd., S. 15.

19 Ebd., S. 180f.

20 Ebd., S. 181.

21 Vgl. Ebd., S. 241f.

22 Vgl. Lotass, Lotta: Friheten meddelad, S. 158.

23 Périlleux, Georges: Stig Dagerman, S. 68.

24 Laitinen, Kerstin: Beg ärets irrvägar. Existentiell tematik i Stig Dagermans texter. Stockholm: Almqvist och Wiksell, 1986 (Acta Universitatis Umensis: Umeå studies in the humanities; 76), S. 237.

25 Lenz, Siegfried: Die Klangprobe, S. 225.

26 Vgl. Ebd., S. 149.

27 Hieber, Jochen: „Hausväterliche Gefühle. Über Siegfried Lenz’ ›Die Klangprobe‹“. In: Hieber, Jochen: Wörterhelden, Landvermesser. Aufsätze und Kritiken. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1994, S. 180.

28 Vgl. Lenz, Siegfried: Die Klangprobe, S. 295f.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Hommage oder Kontrast? Ein motivischer Vergleich zwischen Stig Dagermans "Bröllopsbesvär" und Siegfried Lenz’ "Die Klangprobe"
Hochschule
Universität zu Köln
Note
2,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
14
Katalognummer
V906248
ISBN (eBook)
9783346208972
ISBN (Buch)
9783346208989
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bröllopsbesvär, dagermans, hommage, klangprobe, kontrast, lenz’, siegfried, stig, vergleich, dagerman
Arbeit zitieren
Franziska Schröter (Autor), 2018, Hommage oder Kontrast? Ein motivischer Vergleich zwischen Stig Dagermans "Bröllopsbesvär" und Siegfried Lenz’ "Die Klangprobe", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/906248

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hommage oder Kontrast? Ein motivischer Vergleich zwischen Stig Dagermans "Bröllopsbesvär" und Siegfried Lenz’ "Die Klangprobe"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden