Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum

Konzepte und Realisierungen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
30 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Infrastrukturentwicklung im ländlichen Raum
2.1 Die gegenwärtige Versorgungssituation
2.2 Ursachen des Strukturwandels im Einzelhandel
2.2.1 Die Nachfrageseite
2.2.2 Die Angebotsseite
2.3 Die Folgen für die Versorgungsleistungen

3. Konzepte und Realisierungen der Versorgungsstruktur im ländlichen Raum
3.1 Stationäre Konzepte
3.1.1 Der Nachbarschaftsladen
3.1.1.1 Fallbeispiel 1: Der MarktTreff in Kirchbarkau
3.1.1.2 Fallbeispiel 2: Der Nachbarschaftsladen Bergfreiheit
3.1.2 Der multifunktionale Serviceladen
3.1.2.1 Fallbeispiel: Der One-Stop-Shop in New Brunswick
3.1.3 Die Direktvermarktung
3.1.4 Periodische Märkte
3.2 Mobile Konzepte
3.2.1 Mobile Händler
3.2.1.1 Fallbeispiel eines mobilen Händlers
3.2.2 Flexibler ÖPNV durch bedarfsorientierte Bedienung
3.3 Das Steuerausgleichssystem in Schweden

4. Fazit und Ausblick

Literaturverzeichnis

Versorgung im ländlichen Raum – Abbildungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis Seite

Abb. 1: Anteil der Betriebsformen an der Verkaufsfläche des Lebensmitteleinzel- handels 1966 – 1999

Abb. 2: Abnahme der Jungen im Zeitraum von 1991 – 2020

Abb. 3: Zunahme der Alten im Zeitraum von 1991 – 2020

Abb. 4: Der mögliche Aufbau eines Nachbarschaftsladens

Abb. 5: Angebotene Produkte aus Eigenerzeugung und Anteil der sie anbietenden Direktvermarkter nach der Wirtschaftsweise der Betriebe (n = 200)

Abb. 6: Zielräume der mobilen Versorgung durch eine Bamberger Großbäckerei

Abb. 7: Beispiel der Routenführung in einem Zielraum der Bamberger Großbäckerei

Versorgung im ländlichen Raum – Einleitung

1. Einleitung

Seit den 50er Jahren vollzieht sich in Deutschland sowie in weiten Teilen Europas ein tiefgreifender Strukturwandel, der vor allem weitreichende Folgen für die Versorgungsinfra-struktur in ländlichen Gebieten nach sich zieht. Veränderte Angebotsstrukturen und vielfältige Einflüsse von Seiten der Konsumenten und Planer/Politiker führen zu Konzentrationsprozessen der Versorgungseinrichtungen in den zentralen Orten. Öffentliche Anbieter ziehen sich somit aus der Fläche zurück; „kleine Gemeinden unterhalb der Ebene der Unterzentren verlieren zunehmend Einrichtungen der Grundversorgung“. (PLATZ et. al. 1995, S. I) Eine weitere Aus-dünnung des Versorgungsnetzes durch die Schließung des letzten Lebensmittelladens oder aufgrund von Konzentrationsprozessen der Postfilialen und der öffentlichen Verwaltungsein-richtungen in kleinen Orten, führt zu einer wesentlichen Benachteiligung der ländlichen Bevölkerung gegenüber den Verdichtungsräumen und ihrem Umland. Infolgedessen ist die Vorgabe der Raumentwicklungspolitik „gleichwertige Lebensverhältnisse in allen Teilräumen Deutschlands herzustellen“ (KOCKS et. al. 2005a, S. 12) nicht mehr gegeben. Angesichts des demographischen Wandels und der raschen Alterung der Bevölkerung sind demnach Alternativen zu dem bisherigen Infrastrukturangebot aufzuzeigen, die der besonderen Situation peripher gelegener Räume entsprechen.

Im Zuge dieser Arbeit soll die Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum mit dem Schwerpunkt des Lebensmitteleinzelhandels näher analysiert werden. Zunächst wird daher die gegenwärtige Versorgungssituation ländlicher Räume dargestellt (Kapitel 2.1). Welche Einflussfaktoren wirken sich auf den Strukturwandel aus? In Kapitel 2.2 sollen die Ursachen für den ´Wandel im Handel` anhand der veränderten Angebots- und Nachfragestrukturen aufgezeigt werden. Durch die Verschlechterung der Versorgungslage in ländlichen Räumen ergeben sich weitreichende Folgen, die sich durch eingeschränkte Lebensqualität und fehlende Kommunikationsorte ausdrücken, und somit vor allem ältere oder behinderte Menschen betreffen (Kapitel 2.3).

Den Mittelpunkt dieser Arbeit bilden verschiedene Konzepte, die näher analysiert und anhand von Beispielen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft werden sollen. Ob der Nachbarschafts- oder ein multifunktionaler Serviceladen, eine Direktvermarktung oder bedarfsorientierte Verkehrssysteme wirklich den Abwärtstrend aufhalten und den Infrastrukturverfall stoppen können, wird in Kapitel 3 ausführlich herausgearbeitet.

Am Ende dieser Arbeit erfolgt eine kurze Zusammenfassung der wichtigsten Ergebnisse und ein Ausblick auf mögliche Entwicklungen in der Zukunft (Kapitel 4).

Versorgung im ländlichen Raum – Infrastrukturentwicklung im ländlichen Raum 2

2. Die Infrastrukturentwicklung im ländlichen Raum

„Fast die Hälfte [...] (der) Bevölkerung lebt im ländlichen Raum; 70 Prozent [...] (der) gesamten Landesfläche (Deutschlands) und fast 90 Prozent [...] (aller) Ortsgemeinden rechnen zu den ländlichen Gebieten.“ (ZUBER 1996, S. 9)

Das System der zentralen Orte, welches das Grundgerüst der Versorgungsinfrastruktur darstellt und eine räumliche Verteilung von Einrichtungen und Dienstleistungen vornimmt, soll einheitliche Lebensbedingungen in allen Teilräumen erreichen. Jedoch sind mit zunehmendem Maße regionale Unterschiede vorhanden, die, verbunden mit den Konzentrationsprozessen der Kommunalverwaltung, der Wirtschaft und des Handels zu einem Rückzug aus der Fläche führten und die heutige ländliche Bevölkerung vor Versorgungsengpässe in Bezug auf Infrastruktureinrichtungen stellt.

2.1 Die gegenwärtige Versorgungssituation

Innerhalb der letzten fünf Jahrzehnte hat sich die Versorgungssituation des ländlichen Raumes stark verändert. Die landwirtschaftliche Produktion wurde weitgehend verdrängt; der dorfeigene Lebensmittelladen durch die in den 60er Jahren beginnende Unternehmens-konzentration im Lebensmitteleinzelhandel sowie den Betriebsformenwandel ersetzt. So ging beispielsweise „zwischen 1962 [...] und 1990 die Zahl der Einzelhandelsunternehmen im Lebensmittelbereich in den alten Bundesländern von ca. 182.000 auf ca. 81.000 zurück.“ (PLATZ, 1995 S. 7)

Die heutige Dienstleistungsversorgung wird als überaus problematisch angesehen. Viele kleine Ortschaften können gegenwärtig keinen einzigen Lebensmittelladen mehr aufweisen, so dass selbst eine Grundversorgung mit Nahrungsmitteln nicht mehr sichergestellt werden kann. Betroffen sind hiervon vor allem Gemeinden mit weniger als 1000 Einwohnern (vgl. PLATZ 1995, S. 7). Dem raumpolitischen Leitbild entgegengesetzt, verschärft sich die Versorgungs-problematik in ländlichen Gebieten, denn nicht nur der privatwirtschaftliche Bereich des Einzelhandels, sondern auch der Rückzug häufiggenutzter Einrichtungen wie Poststellen, Schulen, Gemeindeverwaltungen und Gaststätten tragen zu einer Minderung der Wohn- und Lebensqualität der ansässigen Bevölkerung bei. Aufgrund der geringen Bevölkerungszahlen ländlich-peripherer Räume, sowie dem Kaufkraftabfluss zugunsten der Städte und ihrem Umland, besteht für die heutigen Dorfläden kaum noch eine ausreichende Trägfähigkeit

Versorgung im ländlichen Raum – Infrastrukturentwicklung: gegenwärtige Versorgungssituation 3

beziehungsweise nur noch eine geringe Rentabilität. Zwangsläufig führt dies zu weiteren

Schließungen, sofern sich kein neuer Anbieter für die Übernahme bereit erklärt (vgl. BECKER et. al. 1996, S. 26).

2.2 Ursachen des Strukturwandels im Einzelhandel

Der gravierende Wandel im „Angebots-, Standort- und Betriebstypengefüge des bundes-deutschen Einzelhandels“ (BECKER et. al. 1996, S. 17) kann nicht allein als Folge einer einzelnen Ursache festgemacht werden, sondern besteht vielmehr aus einem Zusammenspiel verschiedener Gründe, die sowohl handelsexogen, also durch die Veränderungen der Nach-frage, als auch handelsendogen durch die Anpassungsmaßnahmen der Anbieter bedingt sind.

2.2.1 Die Nachfrageseite

Die nachteilige Ausdünnung der Nahversorgung durch Einzelhandelsgeschäfte im ländlichen Raum reflektiert die tiefgreifenden Veränderungen im heutigen Einkaufsverhalten der Be-völkerung. „Als Spiegelbild einer räumlich und zeitlich immer flexibler reagierenden und unübersichtlichen [...] Gesellschaft“ (BURBERG 1982, S. 40) versucht der Konsument, den größtmöglichen Nutzen bei seinem Einkauf zu erreichen. Bedeutsam ist hierbei die Ent-wicklung des Kühlschrankes nach dem ersten Weltkrieg, der dem heutigen Kunden die Möglichkeit bietet, Waren längerfristig zu lagern und zu einem späteren Zeitpunkt aufzu-bereiten. Weiterhin führt eine zunehmend räumliche Mobilität und das Vorhandensein eines Kraftfahrzeugs mit dem Kofferraum als Einkaufskorb zu einem größeren Aktionsradius der Bevölkerung (vgl. PABST 1996, S. 93). Der Kunde kann so seine Einkaufsfrequenz auf einem ihm akzeptablen Niveau halten. Einkäufe werden zu Wochenendgroßprojekten im nächsten zentralen Ort oder auf der ´grünen Wiese`, wo zudem eine ausgeprägte Angebotsvielfalt beziehungsweise Sortimentsbreite und -tiefe vorhanden ist. Der Dorfladen dient nur noch der Beschaffung von vergessener Ware. Durch das Vorhandensein eines eigenen Autos kann der Kunde an einem Ort mit höchster Attraktivität einkaufen und dort gleichermaßen mehrere Erledigungen miteinander verbinden. Längere Einkaufswege werden hierbei durch die günstigeren Einkaufsbedingungen, zum Beispiel in einem Discounter gerechtfertigt. „Hier sparen bedeutet dort mehr Ausgabemöglichkeiten (zu) behalten, [...] um sich auch Luxusartikel

Versorgung im ländlichen Raum – Infrastrukturentwicklung: Ursachen – Nachfrageseite 4 leisten zu können.“ (EGGERT 1998, S. 60) Vor allem bei jungen Paaren oder Familien steigt zudem der Trend zu Erlebniseinkäufen in Hinsicht auf den Erwerb von Waren mit höherer

Qualität, gekoppelt mit individueller Freizeitgestaltung. Die längeren Öffnungszeiten und eine verkehrstechnisch bequeme Anbindung, die den Kunden unmittelbar vor die Eingangstür des jeweiligen Geschäftes führt, leisten einen direkten Beitrag zum Sterben der lokalen Dorfläden.

2.2.2 Die Angebotsseite

Seit den 60er Jahren setzt mit der Ausdehnung der Städte, der wachsenden Mobilität der Konsumenten und den größeren Flächenansprüchen der Einzelhandelsunternehmen ein Wan-del der Betriebsformen ein. Durch die Konzentration und das gleichzeitige Wachstum der Unternehmen konnten Innovationen, wie die Einführung der Selbstbedienung mit einer größeren Sortimentsbreite und -tiefe durchgesetzt werden. Um die neu entwickelten SB-Warenhäuser, Supermärkte, Discounter und Einkaufszentren zu verwirklichen, wurden Einzel-handelsgeschäfte mit erweiterten Verkaufsflächen nun vor allem in der Stadtperipherie errichtet. Durch das nunmehr veränderte Kundenverhalten, welches sich durch Masseneinkäufe und die Bereitschaft längere Fahrzeiten in Kauf zu nehmen auszeichnet, konnten sich die neuen Betriebsformate rasant entwickeln (vgl. LÖFFLER 2004b, S. 81; s. Abb. 1).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Anteil der Betriebsformen an der

Verkaufsfläche des Lebensmittel-

einzelhandels 1966 - 1999

Quelle: Institut für Länderkunde 2001, S. 76

Um sich als Unternehmen jedoch von anderen abzuheben, entsteht ein „Trend zu immer größeren, in ihrer Anzahl jedoch abnehmenden Verkaufseinheiten.“ (JÜRGENS 1998, S. 37)

Gewinne werden nun insbesondere durch gesenkte Kosten erwirtschaftet, die aus Einsparungen

Versorgung im ländlichen Raum – Infrastrukturentwicklung: Ursachen – Angebotsseite 5 aufgrund von Selbstbedienung und der gleichzeitigen Reduzierung der Arbeitskräfte pro Filiale, von rationellerer Betriebsführung und von der nun möglichen Leistungsbündelung resultieren. „Je größer ein Markt (demnach) ist, desto höher fällt der Gewinn bzw. Un-ternehmerlohn aus.“ (PABST 1996, S. 99)

Aufgrund der Angebotsvielfalt, der verkehrsgünstigen Lage für Kunden und des niedrigen Preisniveaus, entziehen die großflächig auftretenden Unternehmen der ´grünen Wiese` den Kleinanbietern und lokalen Dorfläden die Kaufkraft. Rückläufige Umsatzentwicklungen ergeb-en sich hier zudem aus kleinen Verkaufsflächen mit eingeschränktem Sortiment, unattraktiven Ladeneinrichtungen aufgrund fehlender Investitionsmöglichkeiten und zum Teil hohen Mieten. Durch das Zusammenspiel verschiedener Gründe entwickelt sich ein verheerender Abwärts-trend, denn nicht mehr wettbewerbsfähige Betriebe, wie der beispielsweise bekannte „Tante-

Emma-Laden“, scheiden aus dem Markt aus. Und „dort, wo ein Geschäft schließt, entsteht nur ganz selten wieder ein neues.“ (SPANNAGEL 1994, S. 2)

2.3 Die Folgen für die Versorgungsleistungen

Die bereits skizzierten Entwicklungen zeigen, dass die Ansiedlung von Großunternehmen auf der ´grünen Wiese` räumliche Konsequenzen hervorrufen, die „eine Umlagerung der Kauf-kraftflüsse“ (KLEIN 1992, S. 9) mit sich bringt. Mangelnde Einnahmen führen aufgrund niedriger oder nicht vorhandener Nachfrage im ländlichen Raum unweigerlich zum Laden-sterben. So gab es bereits 1982 in jeder vierten der 2.253 rheinland-pfälzischen Ortsgemeinden kein Lebensmittelgeschäft mehr (vgl. BURBERG 1982, S. 19).

Heute ist in 35 % der gesamten deutschen ländlichen Räume unter 1.000 Einwohnern kein stationäres Geschäft mehr vorhanden. In über 65 % der Dörfer mit weniger als 250 Einwohnern kann keine Möglichkeit zum Lebensmitteleinkauf geboten werden (vgl. GEIßLER 2004, S. 3f.). Fehlende Einkaufsmöglichkeiten induzieren jedoch auch die Überwindung größerer Distanzen, was mit einem höheren Aufwand an Zeit und Kosten verbunden ist. Hieraus ergibt sich allerdings nicht nur das Problem, dass bei großen Entfernungen nur noch kleine Warenmengen aufgrund eines fehlenden Pkws eingekauft werden können. Durch den starken Anstieg des Individualverkehrs und die zunehmend fehlenden Kunden, wurden im öffentlichen Personennahverkehr, wie zum Beispiel dem Liniennetz für Busse, die Taktfrequenzen stark reduziert. Somit sind benachbarte ländliche Siedlungen nur selten durch öffentliche Verkehrsmittel miteinander verbunden; in einigern Dörfern kann man hauptsächlich

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum
Untertitel
Konzepte und Realisierungen
Hochschule
Universität Trier  (Fachbereich VI - Geographie/Geowissenschaften)
Veranstaltung
Prozesse und Problemfelder der aktuellen Stadt- und Einzelhandelsentwicklung
Note
1,7
Autor
Jahr
2008
Seiten
30
Katalognummer
V90909
ISBN (eBook)
9783638054683
Dateigröße
2883 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sicherung, Versorgung, Raum, Prozesse, Problemfelder, Stadt-, Einzelhandelsentwicklung, Nachbarschaftsladen, Direktvermarktung, mobiler Händler, ÖPNV, demographischer Wandel, demographisch, Alterung, Einzelhandel, Steuerausgleich, Serviceladen, Tante-Emma, Märkte
Arbeit zitieren
Doreen Flegel (Autor), 2008, Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/90909

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sicherung der Versorgung im ländlichen Raum


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden