Können Tiere moralische Rechte haben? Raymond G. Freys Position in "Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen"

Eine kritische Kurzanalyse


Hausarbeit, 2019

18 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Interessen und Rechte

3 Eingrenzung des Interessensbegriffes

4 Eingrenzung des Wollensbegriffes

5 Überzeugungen als notwendige Bedingung für Wünsche

6 Haben Tiere Überzeugungen?

7 Kritik

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Der Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Hausarbeit ist Raymond G. Freys Essay Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen. In diesem befasst er sich mit der Frage, ob Tiere moralische Rechte haben können.1 Im Folgenden wird seine Argumentation rekonstruiert und kritisch hinterfragt

2 Interessen und Rechte

Bereits zu Beginn seines Essays stellt Frey klar, dass es ihm nicht darum geht, nach irgendwelchen Rechten zu suchen, die bestimmte Tiere vermeintlich besitzen oder nicht. Seine Argumentation soll auf einer fundamentaleren Ebene vollzogen werden. Er stellt sich nämlich die Frage, ob es prinzipiell möglich ist, dass Tiere Rechte haben können. Mit anderen Worten: Er fragt sich, ob es Tiere gibt, welche die notwendigen Voraussetzungen mitbringen, um „das logische Subjekt von Rechten sein“2 zu können.

Eine sowohl notwendige als auch hinreichende Bedingung für den Anspruch auf moralische Rechte, scheinen Interessen zu sein. In diesem Kontext verweist er auf „die äußerst einflussreiche Position, die den Besitz von Rechten mit dem Besitz von Interessen verbindet.“3 Laut Frey war Leonard Nelson einer der ersten Philosophen, der eine derartige Position vertreten hat und dementsprechend der Ansicht war, „ daß alle und nur Wesen, die Interessen haben, Rechte haben können.“4. Frey setzt an dieser Stelle die Annahme, dass diese Prämisse wahr sei, denn das tatsächliche Problem ergibt sich für Frey bei einer anderen Prämisse, die von Nelson für wahr gehalten wird und ebenfalls ausschlaggebend dafür ist, ob Tiere als „Rechtsinhaber“5 in Frage kämen. Nelson geht nämlich davon aus, dass Tiere über Interessen verfügen können . Diese Prämisse ist aus Freys Sicht problematisch und bedarf einer näheren Untersuchung:6

P1 7: Es gibt Tiere die Rechte haben können genau dann, wenn es Tiere gibt, die Interessen haben können8

P2: Es gibt Tiere, die Interessen haben können

K 9: Es gibt Tiere, die Rechte haben können

(Modus ponens mithilfe einer Äquivalenz)

Wenn also die Prämisse P2 wahr ist, folgt daraus, dass zumindest einige Tiere Rechte haben können. Wenn sich nun herausstellt, dass P2 falsch ist, dann folgt daraus, dass nicht-P2 der Fall ist und es würde gelten:

P1: Es gibt Tiere, die moralische Rechte haben können genau dann, wenn es Tiere gibt, die Interessen haben können nicht-P2: Es gibt keine Tiere, die Interessen haben können

K: Es gibt keine Tiere, die Rechte haben können.

(Modus tollens mithilfe einer Äquivalenz)

Wie man sehen kann, folgt aus P1 und nicht-P2, die Konklusion, dass es keine Tiere gibt, die Rechte haben können. Maßgeblich für die Beantwortung der Hauptfragestellung ist also die Beantwortung der Frage, ob P2 wahr oder falsch ist. Und genau um diese Prämisse geht es in der folgenden Argumentation von Frey.10

3 Eingrenzung des Interessensbegriffes

Wie bereits erwähnt, soll es nun um die Wahrheit oder Falschheit der Prämisse P2 gehen. Frey geht hierbei folgendermaßen vor: Zunächst stellt er sich die Frage, was mit dem Begriff Interesse überhaupt gemeint ist. Er unterscheidet an dieser Stelle zwischen zwei verschiedenen Interessensbegriffen. Beide Varianten werden typischerweise mit einer bestimmten Ausdrucksform in Verbindung gebracht. So ist der erste Interessensbegriff gekennzeichnet durch die Satzstruktur x liegt im Interesse von p und die zweite durch p hat ein Interesse an x.11 Diese beiden Varianten von Interesse zu untersuchen, ist in dem Sinne wichtig, da nicht eindeutig erkennbar ist, welche dieser Interessensbegriffe in Nelsons Argument zugrunde gelegt werden muss, damit der Schluss gültig ist. Mit anderen Worten: Es gilt herauszufinden, welches dieser beiden Interessen Tiere notwendigerweise besitzen müssen, um als Träger von Rechten in Frage zu kommen.12

Die erste Variante von dem Begriff Interesse, nämlich x liegt im Interesse von p soll so viel bedeuten wie: p ist nützlich für das Wohl von x. Das heißt, wenn man sagt, dass gesund zu sein, im Interesse von John liegt, ist damit gemeint, dass gesund zu sein, gut für das Wohl von John ist.13 Der zweite Interessensbegriff ist Frey zu Folge grundverschieden von dem ersten, denn „Zu sagen: »Gesundheit ist in Johns Interesse«, ist nicht dasselbe, wie zu sagen: »John hat ein Interesse an Gesundheit«.“14. Während die erste Variante so viel bedeutet wie: Gesundheit ist gut für das Wohl von John, bedeutet die zweite Variante so viel wie: John will gesund sein. Frey illustriert diese Unterscheidung am Beispiel eines Drogensüchtigen: Ein Drogensüchtiger möchte weiterhin Drogen konsumieren. Nichtsdestotrotz könnte jemand, der über ausreichend Wissen in Bezug auf Körperschädigungen durch Drogenkonsum verfügt, laut der ersten Definition von Interesse, behaupten, dass ein Drogenentzug im Interesse des Drogensüchtigen liegt, obwohl dieser, ganz im Sinne der zweiten Definition, weiterhin Drogen konsumieren will.15 Bei der ersten Variante, handelt es sich also um eine Form von Interesse, die jemand haben kann, ohne dass er sie faktisch wollen muss, beziehungsweise ohne jemals daran gedacht zu haben. Es handelt sich hierbei offenbar um eine Form von Interesse, über die eine außenstehende Person wissen kann, ohne jemals den Träger dieses Interesses gefragt zu haben.

Laut Frey bleiben nun folgende Fragen zu klären. Zu einem stellt sich die Frage, ob bestimmte Tiere, zumindest über eins dieser Interessen verfügen können. Und zum anderen stellt sich die Frage, welcher dieser beiden Begriffe in der Interessensthese zugrunde gelegt werden muss, damit „Nelsons Argument für die moralischen Rechte der Tiere aufrechterhalten werden“16 kann.

Zunächst widmet sich Frey der erstgenannten Frage. Und zwar, ob Tiere in einem der beiden genannten Sinne Interessen haben können. Dabei bezieht er sich zunächst auf den ersten Interessensbegriff. In diesem Fall können Tiere, so Frey, durchaus ein Interesse haben. Diese Behauptung untermauert er am Beispiel eines Hundes . Es ist offensichtlich für Frey, dass richtig gefüttert zu werden im Interesse eines Hundes liegt. P liegt im Interesse von X oder eben auf das Beispiel bezogen, angemessen gefüttert zu werden, liegt im Interesse eines Hundes, bedeutet laut Freys erst genannter Definition nämlich nichts anderes, als dass richtig gefüttert zu werden, nützlich für das Wohl eines Hundes ist. Diese Form von Interesse könnten damit auch Tiere haben.17 Problematisch, daran ist jedoch, dass dieser Begriff offensichtlich unfruchtbar ist, für das zu Beginn enannte „Nelsonsche Anliegen“18. Es ist nämlich so, dass wenn man diese Definition von Interessen zugrunde legt, man zu dem absurden Ergebnis gelangt, dass auch „ künstlich hergestellte Gegenstände und selbst Dinge Interessen hätten.19 Frey schließt also diese Sorte von Interessen, durch eine reductio ad absurdum im schwachen Sinne, aus:

P1: Es gibt Gegenstände, die Rechte haben können genau dann, wenn es Gegenstände gibt, die Interessen haben können

P2: Definition 1 oder Definition 2 von Interesse ist gemeint in P1

A 20: Es gibt Gegenstände, die Interessen haben können genau dann, wenn etwas gut oder schlecht für das Wohl von Gegenständen sein kann (Annahme, das Definition 1 gemeint ist in P1)

P3: Etwas kann gut /schlecht für das Wohl von einigen Gegenständen sein

K1: Es gibt einige Gegenstände, die Interessen haben können

K2: Einige Gegenstände können moralische Rechte haben (kontraintuitive Schlussfolgerung)

K: Definition 2 von Interessen muss in P1 gemeint sein

Diesen Schluss, der zu einem absurden Ergebnis führt, illustriert Frey am Beispiel von ,,prähistorische[n] Höhlenzeichnungen“21. Offensichtlich hätten diese ebenfalls ein Wohl dem Gutes und Schädliches getan werden kann. Beispielsweise ,,ist es für prähistorische Höhlenzeichnungen nicht gut, übermäßigen Mengen von Kohlendioxyd ausgesetzt zu sein“22. Aus diesem Umstand folgt für Frey die logische Konsequenz, dass man absurderweise prähistorischen Höhlenzeichnungen und anderen Dingen moralische Rechte zusprechen müsste, wenn man sich auf die erste Definition von Interessen in der Interessensthese beruft.23 In diesem Zusammenhang geht Frey präventiv auf die mögliche Kritik ein, dass es zu hochgegriffen sei zu behaupten, dass bloße Gegenstände so etwas wie ein Wohl haben können, beziehungsweise dass es merkwürdig sei zu sagen, dass es etwas gut oder schlecht sein kann für ein bloßes Ding. Frey sieht an dieser Stelle keine Probleme. Denn die einzige Bedingung, die ein Gegenstand oder ein Wesen erfüllen muss, um ein Wohl haben zu können, ist für Frey, dass es möglich ist, dass der fragliche Gegenstand ein gutes oder schlechtes Exemplar seiner Art sein kann. Und weil es offensichtlich der Fall ist, dass es gute als auch schlechte Traktoren geben kann, folgert Frey in Form eines Modus ponens, dass auch Traktoren ein Wohl haben können.24 An dieser Stelle möchte ich anmerken, dass Freys Voraussetzungen, um ein Wohl haben zu können, sehr fragwürdig sind. Es scheint mir so zu sein, dass ein Wohl haben zu können, mehr voraussetzt, als bloß ein gutes oder schlechtes Exemplar seiner Art sein zu können. Ein Bewusstsein oder zumindest die Fähigkeit psychischen oder physischen Schmerz zu registrieren, sind möglicherweise wichtige Voraussetzungen, um ein Wohl zu haben. Dieser Einwand beruht jedoch lediglich auf einer Intuition meinerseits und widerlegt Freys Auffassung nicht. Nichtsdestotrotz könnte es sich hierbei, um eine undichte Stelle in Freys Argumentation handeln.

Frey greift weitere potenzielle Einwände auf und versucht erneut, präventiv auf sie einzugehen. Ein weiter Kritikpunkt an Freys Argumentation könnte sein, dass es nicht im Interesse des Traktors liegt, gut geölt zu sein, stattdessen aber im Interesse des Menschen, der ihn nutzt. Denn das, was einen guten Traktor ausmacht, hängt von den Zwecken ab, für die wir sie herstellen. Frey lehnt diese Ansicht ab. Denn aus der Tatsache, dass wir Dinge aus bestimmten Zwecken herstellen, folgt noch lange nicht, dass Traktoren oder andere Dinge nach ihrer Herstellung kein Wohl haben können.25 Ein weiterer möglicher Kritikpunkt ist die Außerachtlassung Freys, dass es ausgeschlossen sei, dass Dinge oder Traktoren geschädigt werden können. An dieser Stelle gibt er zu, dass es bei Traktoren möglicherweise so sein mag, aber merkt gleichzeitig an, dass sein vorheriges Beispiel, nämlich die prähistorischen Höhlenzeichnungen, zeigen, dass auch Gegenstände geschädigt werden können.26 Da Frey die erste Definition von Interesse für Nelsons Argument ausschließt, gilt es nun die zweite Variante von dem Begriff Interesse unter die Lupe zu nehmen.

4 Eingrenzung des Wollensbegriffes

Frey betrachtet nun den zweiten Interessensbegriff und fragt sich, ob Tiere in diesem Fall, Interessen haben können. Wir betrachten also nun den Fall p hat ein Interesse an x beziehungsweise p will x. Besonders relevant für diesen Interessensbegriff, ist also der Begriff des Wollens. Frey merkt an, dass es auf den ersten Blick so scheint, dass wir in diesem Fall nicht zu dem absurden Ergebnis gelangen können, dass auch Dinge wie Traktoren Interessen haben, da sie „faktisch überhaupt nichts wollen.“27 können. Diese Auffassung hat Frey vermutlich deswegen, weil der Begriff des Wollens häufig mit mentalen Zuständen in Verbindung steht und Traktoren offensichtlich keine mentalen Zustände haben. Nichtsdestotrotz bleibt die Frage offen, ob Tiere etwas wollen können. Frey macht eine erneute Unterscheidung und behauptet, dass der Begriff des Wollens auf zwei verschiedene Weisen verstanden werden kann. Unter etwas wollen versteht Frey „entweder etwas bedürfen oder etwas wünschen“28. Zunächst betrachtet er den Fall, etwas wollen als Bedürfnis aufzufassen. Frey behauptet, dass „Wenn sich die Frage, ob Tiere etwas wollen können, mit der Frage deckt, ob sie Bedürfnisse haben können, dann wollen Tiere sicherlich etwas.“29. In diesem Kontext verweist er auf Hunde, die beispielsweise ein Bedürfnis nach Wasser haben können. Frey merkt jedoch an, dass dies „nicht die Bedeutung von »etwas wollen« sein “30 kann, „an der der Besitz von Interessen hängt, denn damit wären bloße Gegenstände nicht aus der Klasse derjenigen, die etwas wollen können, ausgeschlossen“31 und damit würde man wieder zu dem absurden Ergebnis gelangen, dass es bloße Gegenstände gibt, die Interessen haben können und damit auch moralische Rechte haben können. Etwas bedürfen zu können, setzt nämlich laut Frey, nicht voraus, dass man ein Bewusstsein benötigt beziehungsweise mentale Zustände haben muss. An dieser Stelle argumentiert Frey ähnlich wie bei dem ersten Interessensbegriff. Es ist nämlich so, dass jedes Ding oder Wesen von dem man sagen kann, dass es von ihm gute beziehungsweise schlechte Exemplare gibt, Bedürfnisse hat. Denn Bedürfnisse sind laut Frey nicht dadurch gekennzeichnet, dass man explizit an sie denken muss, sondern dadurch, dass wenn sie nicht befriedigt werden, dass betroffene Wesen oder der betroffene Gegenstand hinter seine Standards zurückfällt.32 Frey verweist erneut auf das Hunde- und das Traktorbeispiel. Während die Nichtbefriedigung von Bedürfnissen bei Lebewesen wie Hunden dazu führen kann, dass sie allmählich nicht mehr normal funktionieren, bis sie schließlich sterben, so kann es ebenfalls bei Gegenständen wie Traktoren dazu kommen, dass wenn ihre Bedürfnisse nicht befriedigt werden, dass sie nicht mehr normal funktionieren, bis sie schließlich hinter ihre Standards zurückfallen und nicht mehr funktionsfähig sind.33 Wenn wir also den ersten Begriff des Wollens zugrunde legen, also wollen als etwas zu bedürfen auffassen, gelangt man ebenfalls zu einem kontraintuitiven Ergebnis: Nämlich das Traktoren moralische Rechte haben können. Aus diesem Grund schließt Frey aus, dass diese Form von Wollen relevant ist, wenn es um die Interessensthese geht.34 Es bleibt also nur noch der Fall übrig, den Begriff des Wollens als etwas zu wünschen aufzufassen. Frey versucht also nun die Frage zu klären, ob Tiere Wünsche ausbilden können:

P1: Es gibt Tiere, die Rechte haben können genau dann, wenn es Tiere gibt, die Interessen haben können

P2: Es gibt Tiere, die Interessen haben können genau dann, wenn es Tiere gibt, die Wünsche ausbilden können.

P3: Es gibt Tiere, die Wünsche ausbildeN können

K1: Es gibt Tiere, die Interessen haben können

K: Es gibt Tiere, die Rechte haben können

Wenn man also zeigt, dass es Tiere gibt, die sich etwas wünschen können, folgt daraus, dass sie Interessen und damit auch Rechte haben können. Zeigt man jedoch, dass P3 falsch ist und es keine Tiere gibt, die sich etwas wünschen können, folgt daraus logisch, dass es keine Tiere gibt, die moralische Rechte haben können.

5 Überzeugungen als notwendige Bedingung für Wünsche

Wie bereits erwähnt bleibt noch die Frage zu klären, ob Tiere sich etwas wünschen können. Freys Auffassung ist, dass sie es nicht können. Seine Gründe für diese Auffassung resultieren aus seinen „Zweifeln ob Tiere Überzeugungen haben können“.35 Frey ist also der Meinung, dass der Besitz von Überzeugungen notwendig ist für den Besitz von Wünschen. Mit anderen Worten: Aus dem nicht-Besitz von Überzeugungen folgt der nicht-Besitz von Wünschen. Freys Zweifel dafür, dass Tiere Überzeugungen haben „erwachsen teilweise – wenn gleich zu einem großen Teil – aus der Ansicht, daß der Besitz von Überzeugungen nicht mit der Abwesenheit von Sprache und linguistischen Fähigkeiten vereinbar ist.“36 Damit Freys Argumentation aufgeht, muss er also die Wahrheit von 3 Prämissen nachweisen. Erstens muss er zeigen, dass der Besitz von Überzeugungen notwendig ist für den Besitz von Wünschen. Zweitens muss er zeigen, dass linguistische Fähigkeiten beziehungsweise Sprache notwendig sind für den Besitz von Überzeugungen. Und drittens muss er zeigen, dass Tiere unmöglich über Sprache verfügen können. Wenn die Wahrheit dieser 3 Prämissen gezeigt wurde, folgt daraus die logische Konsequenz, dass Tiere keine Überzeugungen haben können, damit auch keine Wünsche haben können, dementsprechend keine Interessen haben können und letztlich keine Rechte haben können.

Zunächst widmet sich Frey der ersten Prämisse und versucht anhand eines Beispiels zu illustrieren, weshalb der Besitz von Überzeugungen notwendig ist, für den Besitz von Wünschen. In seiner Exemplifikation bezieht sich Frey auf einen Büchersammler, der nach seltenen Exemplaren sucht und den Wunsch hat, eine Gutenberg Bibel zu besitzen. Laut Frey kann der Sammler den Wunsch jedoch nur deswegen haben, weil er folgende Überzeugungen hat: Erstens hat er die Überzeugung, dass er keine Gutenberg Bibel besitzt und zweitens hat er die Überzeugung, dass seine Sammlung mangelhaft ist und erst durch die Gutenberg Bibel vervollständigt wird. Hätte der Sammler die Überzeugung, dass er bereits eine besitzt und die Überzeugung, dass seine Sammlung bereits vollständig ist, dann würde der Sammler nicht den Wunsch ausbilden, dass er eine Gutenberg Bibel besitzt.37 Offensichtlich macht Frey an dieser Stelle einen Induktionsschluss. Er schließt vom Einzelfall auf die Allgemeinheit. Sein Beispiel scheint zwar einleuchtend zu sein und zu stimmen, es zeigt jedoch nicht, dass notwendigerweise alle Wünsche aus einer Überzeugung resultieren beziehungsweise es keinen Wunsch gibt, der unabhängig von Überzeugungen zustande kommen kann. Diesen Kritikpunkt versucht Frey präventiv zu entkräften, indem er die Annahme setzt, dass es Wünsche gibt, die unabhängig von Überzeugungen zustande kommen, sogenannte „ einfache Wünsche“ 38 . An dieser Stelle versucht er zu zeigen, dass die Existenz solcher Wünsche zu einem absurden Ergebnis führt. Er führt also wieder eine reductio ad absurdum im schwachen Sinne. Nimmt man nämlich an, dass es einfache Wünsche gibt, die unabhängig von Überzeugungen entstehen, so können diese laut Frey entweder bewusste oder unbewusste Wünsche sein. Zunächst betrachtet Frey den Fall, das alle einfachen Wünsche, die Tiere besitzen können, unbewusst sind. Wenn dies der Fall wäre, dann würde man zu dem Ergebnis kommen, dass der Begriff des Wünschens ein Begriff sei, dessen „Wert“39 infrage steht. Bei Menschen scheint „ die Rede vom »unbewussten Wunsch«“40 sinnvoll zu sein, „aber nur weil wir verstehen, was ein »bewusster Wunsch« ist“41. Bei Lebewesen, dessen Wünsche alle unbewusst sind, also Lebewesen, die keinen bewussten Wünsche besitzen, würde sich laut Frey das Problem ergeben, dass sich die Bedeutung des Begriffes derartig ausweiten würde, dass dieser Begriff seine ursprüngliche Bedeutung verlieren würde. In diesem Kontext verweist er auf einen Hund, der den einfachen und unbewussten Wunsch nach einem Knochen hat. Dem Hund ist nicht bewusst, dass er den Knochen möchte, aber den menschlichen Beobachtern ist klar, dass er diesen Wunsch hat, da der Hund ein bestimmtes Verhalten aufweist. Wir würden also dem Hund allein auf Basis seines Verhaltens, beispielsweise das Beißen an dem jeweiligen Knochen, den unbewussten und einfachen Wunsch zuschreiben, dass er einen Knochen will.42 Wenn also lediglich das nach außen hin sichtbare Verhalten ausreicht, jemanden einen Wunsch zuzuschreiben und kein Bewusstsein erforderlich ist, so würde laut Frey, daraus folgen, dass wir auch einen „Gummibaum, der die Dunkelheit scheut und der durch eine ganze Serie von Bewegungen das Licht sucht“43, mit einem Wunsch ausstatten könnten. „Mit anderen Worten: Ohne eine Bewusstseinsbedingung irgendeiner Art ließe sich die Welt mit einer enormen Anzahl von unbewussten Wünschen in diesem Sinn bevölkern“44 Den Fall der einfachen und unbewussten Wünsche schließt Frey also aus, da man zu einem absurden Ergebnis gelangt.

[...]


1 Vgl. Frey, Raymond G. (1977): Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen. In: Krebs, Angelika (Hg.): Naturethik. Grundtexte der gegenwärtigen tier- und ökoethischen Diskussion. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006 (8. Aufl.), S.76-91.

2 Ebd., S.76.

3 Ebd., S.77.

4 Nelson zit. n. Frey 1977, S.77.

5 Ebd., S.78.

6 Ebd., S.78.

7 P steht für Prämisse und die Nachfolgende Zahl ist eine Durchnummerierung des Aussagentyps. Der Ausdruck ,P1‘ lässt sich demnach lesen als ,dies ist die erste Prämisse‘ oder ,das ist Prämisse Nummer 1‘.

8 Offensichtlich soll die Interessensthese in P1, nicht nur etwas über das Verhältnis von Interessen und Rechten in Bezug auf Tiere aussagen, sondern soll für alle Lebewesen beziehungsweise Dinge in der Welt gelten. Aus Übersichtlichkeitsgründen habe ich jedoch, das Wort Tiere eingesetzt. Dies ist jedoch austauschbar durch jedes andere Lebewesen oder Ding.

9 Der Ausdruck ,K‘ steht für ,Konklusion‘.

10 Vgl. Frey 1977, S.78 .

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd., S.79.

13 Vgl. Frey 1977, S.78.

14 Ebd.

15 Vgl. ebd., S.78-79.

16 Ebd.; S.79.

17 Vgl. ebd. S.79.

18 Vgl. Frey 1977, S.79.

19 Ebd.

20 Der Ausdruck ,A‘ steht für den Ausdruck ,Annahme‘

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Vgl. ebd.

24 Vgl. Frey 1977, S.79-80.

25 Vgl. ebd., S.80.

26 Vgl. ebd.

27 Frey 1977, S.81.

28 Frey 1977, S.81.

29 Ebd.

30 Ebd., S.81-82.

31 Ebd., S.82.

32 Vgl. Frey 1977, S.82.

33 Vgl. ebd.

34 Vgl. Frey 1977, S.82.

35 Ebd.

36 Frey 1977, S.82.

37 Vgl. Frey 1977, S.83.

38 Ebd. S.86.

39 Ebd.

40 Ebd.

41 Ebd.

42 Vgl. Frey 1977, S.86-87.

43 Ebd., S.87.

44 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Können Tiere moralische Rechte haben? Raymond G. Freys Position in "Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen"
Untertitel
Eine kritische Kurzanalyse
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
18
Katalognummer
V912262
ISBN (eBook)
9783346228789
ISBN (Buch)
9783346228796
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ethik, Tierrechte, Rechte, Anthropologie, mentale Zustände
Arbeit zitieren
Petar Santini (Autor), 2019, Können Tiere moralische Rechte haben? Raymond G. Freys Position in "Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/912262

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Können Tiere moralische Rechte haben? Raymond G. Freys Position in "Rechte, Interessen, Wünsche und Überzeugungen"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden