Ein androgynes Ideal?

Die Amazone "Thalistria" aus Rudolfs Alexanderroman verkörpert sowohl höfische Dame als auch höfischen Ritter und kann als ein Konzept der Androgynität verstanden werden


Seminararbeit, 2020

24 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung und methodisches Vorgehen

2. Das Konzept der Androgynität

3. Weiblichkeitskonzeption des Mittelalters

4. Die Beschaffung des Ortes Abîgîe

5. Die Darstellungsweisen
5.1 Die Amazonen
5.2 Thalistria als höfische Dame
5.3 Thalistria als höfischer Ritter
5.4 Thalistria als Androgyn

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einführung und methodisches Vorgehen

Amazonen, die weiblichen Kriegerinnen der antiken Mythologie, werden durch das Mittelalter bis heute rezipiert. Ob als Kämpferin, gefährlich erotische Fantasie, friedvolle Jungfrau oder politisches Symbol eines Matriarchats, die Darstellungen sind vielfältig. Ihnen gemeinsam, sind ein Leben in einem reinen Frauenstaat und eine Absage an patriarchale Strukturen. „Realhistorische Hintergründe“1 konnten bisher jedoch nicht nachgewiesen werden. Umso spannender sind die Konzepte dieses Mythos, der als Variable der Zeit viele Formen annehmen kann. Dabei liegen mögliche Sozialkritiken und innovative Gedanken, abhängig von den Repressionen der Zeit, meist fest eingewebt in den Strukturen des Textes, die es mit Fingerspitzengefühl zu entwirren gilt.

Da der Mythos im Mittelalter als besonders problematisch betrachtet wurde, denn schließlich verkehren kämpferische und unabhängige Frauen die gottgegebene Ordnung ins Gegenteil2, scheint das Gewebe besonders sorgfältig und blickdicht produziert worden zu sein und fremdartige Strukturen fügen sich erstaunlich unauffällig in das Gewandt der Tradition ein.

Eine antike Amazone in mittelalterlicher Dichtung ist Thalistria. Sie befindet sich im „Alexander“ des Rudolf von Ems. Der späthöfische Roman, der zwischen 1220 und 1250 entstanden ist, gliedert sich in zwei Einheiten3, die sich in ihren Hauptquellen voneinander unterscheiden. Für den ersten Teil wurde primär die „Historia de preliis“ genutzt, für den zweiten, in der sich die Amazonenepisode befindet, die „Historia Alexandri Magni Macedonis“ des Curtius Rufus. Aber auch die Form der Gestaltung grenzt beide Teile voneinander ab. So wurde nur der Anfang in Form und Metrik besonders ausgeschmückt.4

Die primäre Motivation des Werks ist es, ein Idealbild des Herrschers „Alexander der Große“ zu erschaffen, seine Vorbildlichkeit darzustellen und goute lêre, richtige Belehrung,5 zu erzielen.

Dabei handelt es sich, nach dem Verständnis des Dichters, um eine historische Wahrheit, also um Geschichtsschreibung und nicht um Fiktion.6

Dass die Amazonen als „reale“ Figuren unter diesem Aspekt eine Existenzberechtigung zugesprochen bekommen haben, liegt daran, dass sie an den Rand der Welt platziert wurden. Also dem Ort der Wunderwesen. Auch wurde es erst hier möglich auf „[…] weibliches Ausnahmeverhalten, welches auf die Überschreitung der Grenzen, die dem weiblichen Geschlecht sonst gesteckt waren […]“7 einzugehen.

Dass Thalistria trotzdem durchweg positiv konnotiert wird, wirkt da erst einmal verwunderlich. Denn auch sie besitzt eine grenzüberschreitende Dynamik, da sie als Frau ritterlich-männlich Züge aufweist.

Doch auf diese Weise vereinigt sie beide Geschlechter in einer Figur und kann als ein Konzept der Androgynität verstanden werden. Diesem Konzept soll sich angenähert werden, um seine Ausprägungen und die damit verbundenen Wertungen zu verstehen.

Um zu erfahren, was das Besondere und Außergewöhnliche an der Figur der Thalistria ist, muss vorerst die Norm, die Weiblichkeitskonzeption des Mittelalters, in Augenschein genommen werden. Sie soll als Abgrenzungswerkzeug dienen, um das Männliche kontrastieren zu können und die Momente, die sich der Norm entziehen, ausfindig zu machen.

Darauf soll die Figur in drei Teile segmentiert und ihre Darstellung auf eine mögliche Wertung untersucht werden. Neben ihrer Darstellung als höfische Dame und höfischer Ritter, wird auch die Darstellung als Androgyn, jene Textstellen, die scheinbar ein weder noch umschreiben, analysiert werden.

Vorweg wird das Amazonenreich genauesten untersucht, um herauszufinden, wie dieser Raum sich zu seiner Umwelt verhält, wie er sich selbst rechtfertigt und welche Weichen er für ein Androgynitätskonzept stellt.

Diese Arbeit hat das Ziel, zu erforschen, ob sich Thalistria in nur neuem Gewand in die mittelalterliche Weiblichkeitskonzeption einreiht, oder ob Rudolf mit „imponierende[m] Kunstwille[n]“8, ein neues androgynes Ideal, das aus heutiger Perspektive vielleicht sogar sozialkritisch gelesen werden kann, erschaffen hat.

2. Das Konzept der Androgynität

Die Begriffsbedeutung der Androgynität ist nicht zuletzt aufgrund seiner weitreichenden Historie extrem facettenreich und seine Umrisse lassen sich zwischen den unterschiedlichen Forschungsansätzen und Interpretationen der Kunst- und Literaturwissenschaften, Soziologie, Psychologie, Philosophie, Biologie sowie der Frauen- und Geschlechterforschung im besten Fall nur skizzieren, jedoch nicht auf einen gemeinsamen Nenner bringen. Denn jede dieser Wissenschaften praktiziert seine eigene Methodik und verfolgt seinen spezifischen Erkenntniskosmos.

Das altgriechische Wort, das übersetzt Mann-Frau bedeutet, lässt sich vermutlich auf Platon zurückführen.9 Dieser entwickelte die Idee eines Kugelwesens, das beide Geschlechter in sich vereinte. Es spiegelt als maskulin-feminines Ideal die Vollkommenheit wider, die sich aus der Vereinigung beider Geschlechter ergibt und sich in einer überdurchschnittlichen Kraft ausdrückt. Das Verlangen nach dieser festen Verbindung wird erfahrbar, nachdem das Wesen physisch geteilt wird und sich daraufhin auf eine sehnsuchtsvolle Suche nach seiner ursprünglichen Einheit begibt.10 Wobei sich die Forschung uneinig darüber ist, ob der Ursprung der androgynen Idee nicht noch älter sein könnte. Denn mystische Symboliken von Doppelwesen können bereits in sehr frühen Religionen vorgefunden werden.11

Somit ergibt sich hieraus zwar ein Problem der historischen Einordnung, doch es ist unumstritten, dass es zumindest die Motive nach Sehnsucht und Vollkommenheit sind, die bis heute das Fundament für viele künstlerische und literarische Werke des Androgynen bilden. Wie Relevant diese Motive sind, kann an dem Titel eines Ausstellungskataloges des Berliner Kunstvereins nachvollzogen werden. Er ordnet alle Werke der letzten Jahrhunderte der „Sehnsucht nach Vollkommenheit“ unter und geht „auf die unterschiedlichsten Ausformungen des Androgynen“12 ein.

Im Zuge der Emanzipationsbewegung, seit den 70er Jahren, wird versucht, die fest verwurzelte Geschlechterdichotomie auf der sich der Begriff entfaltet hat, neu zu überdenken und im Sinne der Geschlechterforschung, aufzulösen. Denn er soll nicht mehr für eine Gegensätzlichkeit stehen, sondern „sowohl für eine Angleichung der Geschlechter als auch für die Vervielfältigung der Lebensentwürfe“13. Folglich sollte es aus dieser Perspektive keine geschlechtstypischen Eigenschaften und Verhaltensweisen mehr geben. Problematisch wird dies jedoch in der Analyse des eigenen Gegenstandes. Der Begriff der Einheit setzt einen Vorgang des Zusammenfügens getrennter Körper voraus. Somit kann sich ein geschlechtsneutraler Gedanke nicht ohne das Bewusstsein einer Geschlechtertrennung konstituieren, deren Vorhandensein wiederum abgelehnt wird.

Im Hinblick auf die Untersuchung der Androgynität der Thalistria, bietet sich diese gegenwärtige Perspektive daher weniger an. Denn einerseits erfordert das Erkenntnisziel dieser Arbeit ein kategorisches Verfahren, also eine Untersuchung, die auf der Unterscheidung männlicher und weiblicher Darstellungsformen beruht, und andererseits, muss mit Blick auf das mittelalterliche Gesellschaftssystem eine historisch zeitgerechte Perspektive eingenommen werden. So kann zwar eine Verbindung weiblicher und männlicher Eigenschaften zu einem ungewöhnlichen und vollkommenen im Sinne von starkem Wesen wie der Amazone führen, jedoch muss dabei stets beachtet werden, dass die mittelalterliche Gesellschaft ein androzentrisches Weltbild verfolgte, das sich auf die Schöpfungsgeschichte beruft.14 Der Mann galt als die Norm, die Frau als Abweichung und in dieser Position war sie dem Mann klar untergeordnet.15 Wo Vervollkommnung aus heutiger Sicht ein Fallen der Geschlechtermauern bedeutet, „weil Androgyne offenbar die psychisch gesundesten sind“16, bedeutete sie im Mittelalter ein bloßes Expandieren des männlichen Gebietes bei standhaften Mauern.

Von dieser asymmetrischen Position ausgehend, kann sich aus einer gleichwertigen Verbindung weiblicher und männlicher Eigenschaften, aus heutiger Perspektive, überhaupt kein Idealtypus entwickeln. Jedoch kann die Amazone sich, aus einer mittelalterlichen Betrachtungsweise, einem Ideal annähern, da sie ihrem Geschlecht nach weiblich ist, und männliche Charakteristika addiert wurden. Deshalb kann sie als Darstellung des Männlichwerdens und somit auch Vollkommenwerdens betrachtet werden. Es muss folglich herausgefunden werden, ob die Figur der Thalistria sich in diese Tradition der Asymmetrie einreiht und als ritterliche Frau zu bewerten ist, die eine Aufwertung aufgrund ihrer Ritterlichkeit, also Männlichseins erfährt.

Oder, ob ein anderes Konzept der Androgynität aufzuspüren ist. Diesem würde der Grundgedanke einer Gleichwertung, einer Symmetrie, zu Grunde liegen, und für die Neuartigkeit der Figur sprechen, da die Grenzen der androzentrischen Tradition übertreten werden würden. In diesem Fall würde Thalistria zugleich höfischer Ritter und höfische Frau sein.

Der Unterschied liegt in der Wertung. Beim ersten asymmetrischen Konzept wird ihre Position als Dame aufgewertet, da ihr Ritterlichkeit, hier als attributives Adjektiv, hinzugefügt wurde. Das zweite symmetrische Konzept beruht auf dem gleichwertigen Verschmelzen ihrer beiden Positionen als höfische Dame und höfischer Ritter zu einem ausbalancierten androgynen Wesen.

Beide Konzepte werden im Folgenden mit dem Begriff der Androgynität umschrieben werden, denn dieser soll als Oberbegriff bloß aufzeigen, dass ursprünglich getrennte Merkmale in einer Figur vereint existieren können. Jedoch in dem Bewusstsein, dass der Begriff der Androgynität, nach einem heutigen Verständnis, streng genommen, nicht auf die mittelalterliche Ideologie der Männlichkeit angewendet werden darf.

Welches Konzept vorliegt, soll im Anschluss geklärt werden.

Aussagekraft hat das Verhältnis von ritterlichen und weiblichen Tugenden und Eigenschaften, sofern diese überhaupt klar voneinander differenziert werden können. Denn höfische Tugenden können nicht immer genau einem Geschlecht zugewiesen werden, da sie einen universalen Charakter besitzen. Denn „nur die Akzente wurden verschieden gesetzt“17.

Welchem Konzept eines androgynen Ideal sich Thalistria annähert, ist abhängig von der Ausgeglichenheit der männlichen und weiblichen Pole und der Zuweisung von geschlechterspezifischen Merkmalen in einen bestimmten Bereich. Beispielhaft wären hier Bereiche wie Aussehen und Verhalten. Nur, wenn geschlechterspezifische Merkmale arbiträr in Bereiche fallen und kein Bestreben haben, ein neues Ideal von Weiblichkeit entstehen lassen, indem weibliche Unzulänglichkeiten mit männlichen Eigenschaften veredelt werden, also der mittelalterlichen Vervollkommnungsstrategie folgend, kann von einer symmetrischen Androgynität die Rede sein.

3. Weiblichkeitskonzeption des Mittelalters

Die Rolle der Frau hat, angefangen im Frühmittelalter, zwei kulturhistorische Ausgangspunkte. Zum einen die biblische Schöpfungsgeschichte, die bereits im Abschnitt zur Androgynität ausgeführt wurde und zum anderen den „[…] etymologisch zu erschließende[n] Sinn der biblischen Namen und Bezeichnungen für Frauen und Männer.“18 Er beruht auf der Annahme, dass derselbe Wortstamm von vir (Mann) und vis (Kraft) genauso einen semantischen Zusammenhang aufweist wie der von mulier (Frau) und mollitia (Weichheit).19 Demnach liegen die Geschlechterdichotomie und ihr ungleiches Kräfteverhältnis bereits tiefverankert im Kern der Bezeichnung und sind etwas Natürliches und Unveränderliches. Die körperliche Schwäche der Frau wird weiter auf ihr Inneres transzendiert, so dass sie gleichwohl eine geistig-moralische Schwäche besitzt, die immer in Relation zum Mann gesehen wurde. Denn er galt als die Norm und sie wurde jeweils unter diesem Maßstab platziert. Dementsprechend musste sie sich auch vom Mann führen lassen. Ihre Rolle ist die der Passivität, nicht mehr als ein Objekt des Subjektes Mann. Dieses Machtverhältnis sollte den ehelichen Gehorsam garantieren und konstituierte sich auf dem Glauben, dass eine selbstbestimmte Frau ihre Libido nicht auf ihren Mann, sondern auf andere Dinge richten würde. Das hätte zur Folge, dass der Mann unbefriedigt bleibt. Das galt es zu verhindern, denn so würde er, um Befriedigung zu erlangen, homosexuelle Neigungen entwickeln, wodurch er gegen Gotteswillen verstieße.20 Dieser Logik entspringt eine weitere durchaus pragmatische. Für „Fehler“ des Mannes, kann zweifellos die Frau verantwortlich gemacht werden, denn hätte sie „naturgemäß“ gehorcht, wären diese nicht passiert.

Das Bild der höfischen Dame, das die Dichter des Mittelalters entwarfen, schien mit dieser soziohistorischen Wirklichkeit zu kollidieren. Denn sie formulierten einen Frauenpreis voller Schönheit und Vollkommenheit.21 Trotzdem existierte parallel zur Frauenverehrung auch weiterhin frauenfeindliche Literatur, teilweise sogar in enger Verbindung zueinander.22

Ein Teil des poetischen Frauenbildes war ein detailreicher Schönheitspreis, der „von oben nach unten“23 die körperlichen Vorzüge der Frau inszenieren sollte. Denn „in der körperlichen Schönheit offenbarte sich die innere Tugendhaftigkeit der Frau.“24 Die Frau steht jedoch auch in der höfischen Literatur nicht für sich allein. Denn ihre moralische Tugendhaftigkeit wird, soweit diese vorhanden war, zum Nutzen des Mannes funktionalisiert.

Ihre Erscheinung soll in ihm gute Eigenschaften wie Ritterlichkeit hervorrufen.25 Aber auch zum Minnedienst animieren.26 Die Subjekt-Objekt Relation wird, wenn auch glanzvoller, fortgesetzt.

4. Die Beschaffung des Ortes Abîgîe

Der Ort der Amazonen wird an drei Textstellen beschrieben. Auffällig hierbei ist, dass dieser Raum nicht aktiv betreten oder erlebt, sondern, bloß dargestellt wird. Die Handlungen der Figuren vollziehen sich innerhalb der erzählten Welt des Alexanders, nicht jedoch im Amazonenreich. Stattdessen wird es isoliert beleuchtet und geographisch ausgelagert. Erst diese Aspekte sind es, die dem Ort als mirabilia seine „Daseinsberechtigung“27 verschaffen und ihn so für den mittelalterlichen Rezipienten öffnen. Nur so kann das „Potenzial, eigene kulturelle Praktiken oder moralische Handlungen zu reflektieren“28, entfaltet werden, ohne die von Gott gegebene Ordnung zu gefährden. Für den Aspekt der Androgynität bedeutet das, dass der Rezipient, die Möglichkeit hat, sich einer matriarchalischen Gesellschaft, also einem Gegenmodell seiner patriarchalen Gesellschaftsstruktur, in einem abgeschlossenen Raum anzunähern, ohne dieses Gebilde in die eigene Wirklichkeit hineinzutragen zu müssen und sich potentiell bedroht zu fühlen.29 Von diesem Standpunkt aus, sind also beide Androgyniekonzepte erdenklich. Das Paradoxe an dieser Konstellation liegt darin, dass die Abgeschlossenheit des Raumes zugleich auch Schlüssel ist. Das Fremde, das Amazonenreich, öffnet sich für das Eigene, die Ökumene und den Rezipienten, erst durch den Zustand der Verschlossenheit.

Die erste Beschreibung des Amazonenlandes dient zugleich als Einleitung. Nachdem Alexander erfolgreich einen Krieg gewonnen und ein Reich erobert hat, wird die Szene gewechselt und der Fokus auf das Land der Amazonen gelegt. Die Wahl, den Fokus der Einleitung auf das Amazonenreich zu setzen, lassen die Bedeutung des Ortes schwer gewichten. Andererseits können so auch topographische Grenzen eindrücklich vermittelt werden. Auf diese Weise wird verdeutlicht, dass ein Ortswechsel stattfindet. Bereits die Zuweisung eines fiktiven Namens Abîgîe (V. 17750), bietet die Möglichkeit, den Ort auf sprachlicher Ebene von der bekannten Welt zu differenzieren und ihn, als in sich geschlossenes Konstrukt, zu betrachten. Das Land stößt, statt einer Figur, als aktiver Part, an das zuvor eroberte Reich (V. 17747). So kann der Ort selbst mittels seiner Topographie kommunizieren. Er ist vesteclîche (V. 17748) und weist so über sein Kompositionssuffix – lîch die „artgemäße Beschaffenheit“30 eines befestigten Ortes auf.31 Wird jedoch selbst als passiver Part von Gebirge und Meer umschlossen (V. 17751). Naheliegend ist, dass hier das unüberwindbare Wendelmeer, der „weltumspannende Ozean“32 gemeint ist. Da dieses auf den mappa mundi, den mittelalterlichen Weltkarten, an die Ränder der Erde schließt, der Heimat der mirabilia.

Die zu erkennende „Vogelperspektive“33, würde nach Genette auf einen heterodiegetischen Erzähler mit einer Nullfokalsierung schließen lassen. Der Erzähler ist also nicht Teil der erzählten Welt, ist an keine Figur gebunden, kann jedoch alles überblicken und weiß somit mehr als die Figuren. Diese Beobachtung ist wichtig, weil sie bedeutet, dass die Erzählung nicht von einer Position oder der Sichtweise einer Figur eingefärbt ist. Es kann zwar nicht davon ausgegangen werden, dass ein mittelalterlicher Autor über das Bewusstsein solcher erzähltheoretischen Kniffe verfügte. Wird allerdings berücksichtigt, dass die mittelalterliche Erzählstimme durchaus in Erscheinung treten kann, um wertend zu sein und sich direkt an das Publikum zu richten, kann davon ausgegangen werden, dass auch eine Art des Bewusstseins über die Wirkung des Textes und den Einsatz erzählerischer Mittel vorhanden war, auch wenn diese noch nicht erzähltheoretisch definiert waren. Somit kann die Abwesenheit einer Erzählstimme nicht als zufälliges Kalkül bewertet werden, sondern als eine wirkungsmotivierte Erzählform, mit der der Rezipient die Möglichkeit bekommt, seine Gedanken in diesem Raum frei und ohne äußere Wertung entfalten zu können.

Diese Entfaltung kann auf antithetische Weise geschehen. Einerseits kann durch eine Klimax eine sich steigernde Grenzerfahrungen ausgedrückt werden, die eine Alteritätserfahrung und das Reflektieren von Konventionen erst möglich macht. Auf der ersten Stufe steht das bereits von Alexander eroberte Reich, das sich noch in der bekannten Welt befindet, auf der zweiten, das nur schwer überwindbare, später als Kaukasusgebirge (V. 17798) identifizierte Gebirge, auf der dritten Abîgîe, das, wie in der zweiten Textstelle bekannt wird, nicht betretbar ist, weil niemand den Weg kennt (V. 17996), es theoretisch jedoch wäre und letztendlich das alles begrenzende Meer, das als Zeichen einer vollkommenen Erfahrung fungieren kann. Denn schließlich kann nur einer, der es wagt, Grenzen zu überschreiten, zur Erkenntnis, hier allegorisch zum Meer, gelangen, oder zumindest seinen Erfahrungshorizont erweitern.

[...]


1 Krämer-Seifert, Lexikon der antiken Gestalten in den deutschen Texten des Mittelalters, S. 57.

2 Vgl. ebd., S. 57.

3 Vgl. Buntz, Die deutsche Alexanderdichtung des Mittelalters, S. 23.

4 Vgl. Buntz, Die deutsche Alexanderdichtung des Mittelalters, S. 24.

5 Vgl. Lienert, Deutsche Antiken Romane des Mittelalters, S. 55.

6 Vgl. Lienert, Deutsche Antiken Romane des Mittelalters, S. 55.

7 Reinle, Exempla weiblicher Stärke?, S. 1.

8 Brackert, Philologie als Kulturwissenschaft, S. 177.

9 Vgl. Bierhoff-Alfermann, Androgynie, S. 7.

10 Vgl. Platon: Symposion, Die Rede des Aristophanes. V. 189c—194e.

11 Vgl. Piras, Vergessen ist das Ausgehen der Erkenntnis, S. 64. Die Autorin bezieht sich hier auf ein Doppelwesen, halb Mann halb Frau, aus dem Talmud. Deshalb könnten der Mythos und somit die Idee der Androgynität seiner Entstehung nach auch dem orientalischen Raum zugeordnet werden.

12 Prinz, Ursula, Sehnsucht nach Vollkommenheit, S. 9.

13 Bock, Androgynie, S. 82.

14 Vgl. Brinker-Von Der Heyde, Ez Ist Ein Rehtes Wîphere, S. 403.

15 Das mittelalterliche Weltbild verfolgte die jahwistische Schöpfungsgeschichte. Nach ihr ist die Frau, aufgrund eines hierarchischen Konzepts, dem Mann untergeordnet und steht ihm nur als Gehilfin beiseite.

16 Bierhoff-Alfermann, Androgynie, S.24.

17 Bumke, Höfische Kultur, S. 481.

18 Kochskämper, MAN, GOMMAN INTI WîB, S. 15.

19 Vgl. ebd., S. 16.

20 Vgl. ebd., S. 16.

21 Vgl. Bumke, Höfische Kultur, S. 451.

22 Vgl. Breulmann, Erzählstruktur und Hofkultur, S. 41. Diese scheint für die Figur der Thalistria jedoch nicht relevant und wird nicht weiter thematisiert.

23 Bumke, Höfische Kultur, S. 452.

24 Bumke, Höfische Kultur, S. 452.

25 Bumke, Höfische Kultur, S. 453.

26 Bumke, Höfische Kultur, S. 469.

27 Brinker-Von Der Heyde, Ez Ist Ein Rehtes Wîphere, S. 402.

28 Hanauska, Literarische Orte in deutschsprachigen Erzählungen des Mittelalters, S. 445.

29 Vgl. Brinker-Von Der Heyde, Ez Ist Ein Rehtes Wîphere S. 402.

30 Weddige, Mittelhochdeutsch, S. 89.

31 Lexer, Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch.

32 Hanauska, Literarische Orte in deutschsprachigen Erzählungen des Mittelalters, S. 440.

33 Hanauska, Literarische Orte in deutschsprachigen Erzählungen des Mittelalters, S. 441.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Ein androgynes Ideal?
Untertitel
Die Amazone "Thalistria" aus Rudolfs Alexanderroman verkörpert sowohl höfische Dame als auch höfischen Ritter und kann als ein Konzept der Androgynität verstanden werden
Hochschule
Internationale Universität Bremen
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V915450
ISBN (eBook)
9783346213129
ISBN (Buch)
9783346213136
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rudolf von Ems, Alexanderroman, Mediävistik, Gender, Weiblichkeitskonzeption, Amazone, Mittelalter, Literatur, Androgyn, Höfisch, Emanzipation, Thalistria, Literaturwissenschaft, Männlichkeit, Weiblichkeit, Ideal, Ort, Raumkonstellation
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Ein androgynes Ideal?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/915450

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