Der Maler George Stubbs. Der Einsatz von anatomischem Wissen in der Kunst


Hausarbeit, 2015

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Von der Wissenschaft zur Kunst

2. George Stubbs: Ein naturgetreuer Maler
2.1 A Complete New System of Midwifery
2.2 The Anatomy of the Horse
2.3 Das Werk “Whistlejacket”
2.4 Englishness
2.5 Die Gattung Sporting Art

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis

5. Abbildungsverzeichnis

1. Von der Wissenschaft zur Kunst

Durch die frühe Industrialisierung und die Entstehung einer bürgerlichen Gesellschaft entstand im England des 18. Jahrhunderts eine sehr fortschrittliche und souveräne künstlerische Richtung, die ihren Höhepunkt im Jahr 1768 mit der Gründung der Royal Academy feierte.1 Zu den Ideen dieser neuen Entwicklung zählte das Heranziehen von direkten Betrachtungen der Natur als Grundlage für den Entstehungsprozess von Illustrationen. Ziel dieser Errungenschaft war es eine möglichst enge Verbindung zwischen Erkenntnis und Ästhetik zu schaffen.2

Gerade George Stubbs war einer dieser Maler, der durch seine „wirklichkeitsnahen, auf genauster Beobachtung beruhenden Porträts von 3 Pferden berühmt“3 geworden ist. Um dieses Know-how zu erlangen ist er dabei „weiter gegangen als nahezu jeder Künstler vor oder nach ihm.“4 Dabei offenbart sein Vorgehen für den Erkenntnisprozess seinen 5 „unbedingten Willen zur Wahrheit“.5

George Stubbs' Werke - insbesondere das Abbild des Rennpferdes Whistlejacket - zeigen, dass der englische Maler es verstanden hat in seinen Werken empirische Forschung mit der Ästhetik zu verbinden.6 Dabei kennzeichnen die gewonnenen Erkenntnisse und seine Sorgsamkeit seinen künstlerischen Rang und seine Bedeutsamkeit für die Wissenschaft im England des 18. Jahrhunderts. Und darauf soll in dieser Arbeit eingegangen werden: Auf die Darstellung von Tieren zwischen Wissenschaft und Kunst.

2. George Stubbs: Ein naturgetreuer Maler

Obwohl man bei der Analyse eines Werkes üblicherweise keine Rücksicht auf die Biografie des Künstlers nimmt, spielt gerade diese in der Karriere des englischen Malers George Stubbs eine besonders prägende Rolle. 1724 als Sohn eines Handwerkers, der in der Lederverarbeitung tätig war, in Liverpool geboren, hat sich George Stubbs, der von seiner Kindheit an „surrounded by flayed animal corpses“7 war, schon früh für Anatomie und Wissenschaft interessiert und immer wieder den Kontakt zu Naturforschern gesucht. Der Mann, der den jungen George Stubbs am meisten prägte und in die Anatomie eingeführt hatte, war ein gewisser Doktor Holt:

It is said that soon after his father removed into Ormond Street, when he was scarcely eight years old he began his little studies in anatomy, that he had Bones and prepared subjects dissected and lent to him by Doctor Holt a benevolent neighbour, who wished to amuse and promote his improvement.8

George Stubbs, der seine Kindheit „in the stench and shambles of the slaughterhouse, in a context of violent cruelty and callousness”9 verbrachte und von seinen ersten Eindrücken in der Welt der Anatomie so stark geprägt wurde wie kein anderer Maler zuvor, „was as an adult able to produce some of the most orderly classical art of eighteenth-century England.”9

2.1 A Complete New System of Midwifery

Nachdem sich George Stubbs 1741 als Kopist beim lokalen Maler Hamlet Winstanley versuchte und Altmeistergemälde kopierte, kehrte er dieser Tätigkeit - nach einem Streit mit seinem Arbeitgeber - den Rücken zu und beschäftigte sich mit dem Bereich der Anatomie. Diese Entscheidung brachte die entscheidende Wendung im Leben des noch jungen Künstlers, denn „auch wenn biografische Berichte von einer früh nach Höherem strebenden Leidenschaft für die Kunst wissen wollen, folgte Stubbs in seinen ersten Jahren doch eher einer Laufbahn nach Winstanleys Vorbild; er lief Gefahr, wie dieser als ein Provinzmaler zu enden, als der er heute längst vergessen wäre.“10

Seine Karriere als Anatomist begann George Stubbs mit einem Studium der Anatomie des menschlichen Körpers am York County Hospital in den Jahren 1745 bis 1751. Dort wurde er vom Arzt Dr. John Burton beauftragt ihn mit Illustrationen (Abb. 1). für sein neustes Buch zu unterstützen. Thema dieses Buches sollte die Geburtskunde werden, ein Thema, das als kontrovers galt.11 Um die Illustrationen für A Complete New System of Midwifery so detailgetreu wie möglich zu gestalten, wurde George Stubbs vom Chirurgen Charles Atkinson in York zum ersten Mal die Möglichkeit gegeben einen menschlichen Körper zu sezieren:12 ‘a female subject who had died in childbed was found singularly favourable for the purpose of these studies and brought to York by Stubbs' pupils, where it was concealed in a Garrett, and all the necessary dissections made', so he had firsthand knowledge of his subject. To this, he added a creative element, for the prints depict living unborn babies who inhabit small self-sufficient worlds.13

Generell wurde das Studium der menschlichen Anatomie zu Stubbs‘ Lebzeiten als fragwürdige Angelegenheit abgestempelt. Zudem war es wirklich schwierig Leichname für die Obduktion zu finden. Lediglich die Körper von Kriminellen, die gehängt wurden, waren für das Studium der Anatomie des Menschen gedacht. Hinzukommend ist ebenso das Risiko der Blutvergiftung während der Arbeit mit dem toten Körper und eine Genesung konnte vor der Entdeckung des Penicillins nicht gewährleistet werden.14

Die Beziehung zwischen Kunst und Wissenschaft war eine Einbahnstraße: “The medical anatomist needed the artist to record the results of his work, before they dissolved in mess and putrefaction, but he also wanted the cultural validation which art could give.”15 Ein Blick auf die anatomischen Illustrationen zwischen 1600 und 1800 zeigt wie sehr Künstler dabei geholfen haben der Anatomie ein Ansehen als kultiviertes 16 und respektables Thema zu verschaffen.16 George Stubbs hat diesbezüglich einen erheblichen Beitrag geleistet. Nicht nur mit seinen Illustrationen für A Complete New System of Midwifery, sondern auch mit seinem nächsten größeren Projekt The Anatomy of the Horse beteiligte er sich erneut an der Debatte über die Beziehung zwischen Wissenschaft und Kunst und erschuf einen neuen Standard in der Veranschaulichung von naturgemäßen Befunden.

2.2 The Anatomy of the Horse

In the man's world of the eighteenth century, the horse was the essential masculine adjunct, in business even more than in sport. The ox and donkey were its only serious rivals for powering draught and land transport, but these had none of the horse's speed and versatility, and none of its magnificence. In Norse times it had been worshipped as part of the cult of Odin. Its monumental image - etched in chalk thousands of years ago into English downland - had been a symbol of all the power and beauty that could be imagined.17

Auch George Stubbs erkannte die Schönheit der Pferde und widmete ihnen den Großteil seiner Karriere als Maler. 1754 kehrte Stubbs nach einem kurzen Besuch in Rom zurück nach England in ein Bauernhaus in Lincolnshire, in welchem er begann für seine wichtigste Publikation zu recherchieren.18 Seine Studien veröffentlichte er 1766 schließlich in seinem Werk The Anatomy of the Horse, „das einen neuen Standard in der Visualisierung anatomischer Befunde setzte.“19 Von seiner Recherche ist dabei Folgendes überliefert:

Then a bar of iron was suspended from the ceiling of the room, by a teagle (tackle or hoist) of Iron to wch Iron Hooks were fix'd - Under this Bar a plank was swung abt 18 Inches wide for the Horses feet to rest upon - & the Horse was suspended to the Bar of Iron by the Hooks above mentioned which were fasten'd into the opposite side of the Horse to that intended to be design'd, by passing the Hooks through the ribs & fastening them under the Back Bone - and by these means the Horse was fix'd in the attitude wch these prints represent and continued hanging in the posture Six or Seven weeks, or as long as they were fit for use -20 Die Pferde wurden George Stubbs lebendig in das Bauernhaus gebracht. Nachdem sie ausgeblutet hatten, begann Stubbs damit die Pferde zu sezieren und legte deren Muskulatur offen; bis in die tiefsten Schichten des Tieres drang er vor und hob den Sitz und Verlauf der Bänder sowie der Gefäße und Nerven hervor. Er reinigte die Muskeln, machte sorgfältige Skizzen von jedem einzelnen und schrieb wichtige Erklärungen daneben. Und so fuhr er fort, bis er beim Skelett des Pferdes 21 angelangt war.21

Stubbs achtete bei seinen Skizzen besonders darauf die Pferde auch aus verschiedenen Winkeln zeigen zu können. Hierfür brachte er die Tiere mithilfe seines Flaschenzugs in jede denkbare Position, um alle Seiten und Körperhaltungen des Tieres genauestens studieren zu können. In The Anatomy of the Horse zeigt Stubbs die Pferde in drei verschiedenen Positionen: seitlich und stehend, von vorne auf den Betrachter zu schreitend und von hinten, wie sich das Pferd vom 22 Betrachter weg bewegt.22 (Abb. 2)

Nach der Vollendung seiner Skizzen gravierte er diese dann auf „filmsier sheets of paper“23 ein. Auch dieser Gravierungsprozess dauerte seine Zeit: „Working in his spare time, in the early light of the morning, or by evening lamplight, he produced plates to the required specification at a rate of just three per year, so that the full set of eighteen were not finished until 1765.”24

Das Werk The Anatomy of the Horse wurde mit großer Begeisterung von der englischen Bevölkerung begrüßt. Hierzu ist im Buch George Stubbs - anatomist and animal painter von Judy Egerton, der führenden Gelehrten im Fachgebiet der britischen Kunst des 18. Jahrhunderts, Folgendes überliefert:

If I ever was surprised to see a performance, I was it surely when I saw yours on the Anatomy of the Horse. The myology-neurology and angiology of men have not been carried to such perfection in two ages as these horses by you. ... I am amazed to meet in the same person so great an anatomist, so accurate a painter and so excellent and engraver.25

Durch diesen plötzlichen Erfolg wurden einflussreiche und wohlhabende Adelige, die an Pferdezucht und Pferderennsport interessiert waren, aufmerksam auf den Maler George Stubbs und beauftragten ihn mit Jagdszenen und Pferdeporträts. Weitere Auftraggeber waren unter anderem Naturforscher, die seine Gemälde als „virtuose und lebensnahe 26 Darstellungen verschiedener Tiere schätzten.“26

2.3 Das Werk Whistlejacket

Auch Charles Watson-Wentworth, der 2. Marquess von Rockingham, wurde auf George Stubbs aufmerksam und beauftragte ihn ein Abbild seines geliebten Pferdes zu malen. Dieses englische Vollblut­Pferd mit dem Namen Whistlejacket bestritt in seiner Lebenszeit eine großartige Karriere als Rennpferd: Whistlejacket wurde insgesamt nur vier Mal geschlagen; seinen größten Sieg trug er im August 1759 in York davon, wo er bei einem Rennen über vier Meilen den ersten Platz erzielte und somit für seinen Besitzer, Charles Watson-Wentworth, ein Preisgeld von 2.000 guineas, was heute wohl einem Preis von 100.000 Pfund entspricht, gewann.27

Das Werk Whistlejacket (Abb. 3) zeigt „a supremely beautiful 28 specimen of the pure-bred Arabian horse at its finest”28 auf seinen Hinterbeinen. Man sieht seine glänzende Flanke, die wallende Mähne, und seine braunen Augen sind dem Betrachter zugewandt. Whistlejacket befindet sich in der Position einer Levade. Eine Levade ist eine Übung der klassischen Reitkunst, bei der das Pferd sein Gewicht auf die gebeugten Hinterbeine verlagert, seinen Rumpf in einem Winkel von weniger als 45° 29 zum Boden hebt und die Vorderbeine an den Leib zieht.29

Gerade diese Pose erinnert an eine Reihe von früheren bedeutenden Reiterporträts, wie etwa an das Porträt des Prinzen Balthasar Carlos zu Pferd des spanischen Malers Diego Rodríguez de Silva y Velázquez (Abb. 4) und an das Equestrian Portrait of the Duke of Buckingham des flämischen Malers Peter Paul Rubens (Abb. 5). Bei ihnen liegt der Schwerpunkt jedoch auf dem Reiter. Stubbs hingegen zeigt das Pferd im natürlichen Zustand:

Free of rider, saddle, and bridle, the sole figure in a work of art of monumental scale - without even a landscape setting to distract attention from him - he stood like an emblem of the animal as independent being, to be afforded a life of its own. In this way Whistlejacket introduced the tendency of Stubbs's work as a whole.30

Das Werk lässt auch George Stubbs‘ Liebe zum Detail erkennen. Flecken, sowie auch Adern und Muskeln unter der Haut hat George Stubbs sichtbar gemacht und mit größter Sorgfalt und Realismus wiedergegeben.

Zeitgenossen waren erstaunt, dass für ein einzelnes Pferd eine so große Leinwand - mit einer Größe von 292 auf 246,4 Zentimeter - vorgesehen war. Einige von ihnen sagten zudem, das Werk sei unvollendet, da im Hintergrund nichts außer einer grünlichen Fläche zu sehen ist. Die ursprüngliche Intention des Malers George Stubbs war es to paint a portrait of George III riding upon this horse, but it possessed a prodigious temper and catching sight of the image of itself upon the canvas attacked it in a savage fury. Upon which the Marquess of Rockingham, the owner of Whistlejacket, decided that it should have a portrait to itself.31

So wurde aus der anfänglichen Idee eines Reiterporträts, bei dem der Hintergrund von anderen Künstlern gestaltet werden sollte, ein reiterloses Riesengemälde eines berühmten Rennpferdes mit einem schlichten und einfarbigen Hintergrund.32

Durch den englischen Maler Ozias Humphry, der in seinem Buch A Memoir of George Stubbs eine Anekdote in Verbindung mit dem Entstehungsprozess des Gemäldes Whistlejacket überlieferte, wird George Stubbs' Können die Realität so detailgetreu wie möglich darzustellen besonders deutlich. Denn das Pferd Whistlejacket hielt das Gemälde für echt und reagierte wie folgt:

The picture was advanced to such a state that Mr Stubbs expected to have finished the last sitting or rather standing, at a given hour: when his feeder was desired to attend and take the horse back to his Stall: but it so happened that it was completed before the appointed time, and the boy who held the horse for Mr Stubbs to paint from was leading it up & down a long range of stables. In the mean while, Stubbs had placed the picture advantageously against the wall to view the effect of it, and was scumbling and glazing it here and there, when the Boy cried out, “Look, Look, sir look at the horse.” He immediately turned around, and saw Whistlejacket stare at and look widely at the picture, endeavouring to get at it, in order to attack it. - The boy pulling him back and checking him, till at length the horse reared up his head and lifted the boy quite off the ground upon which he began beating him over the face with a switch stick, and Stubbs likewise got up and frightened him with his palette and Mahl stick: ‘till the animal, whose tail was by this time turned towards the picture, with an intent to kick at it, but being thus baffled and his attention taken off, became composed, and suffered himself to be led quietly away.33

[...]


1 Vgl. Royal Academy.

2 Vgl. Rott (2012: 6).

3 Neue Pinakothek (2012: 2).

4 Rott (2012: 6).

5 Rott (2012: 6).

6 Neue Pinakothek (2012: 2f.).

7 Blake (2005: 7).

8 Blake (2005: 17).

9 Doherty (1974: 1).

10 Rott (2012: 10).

11 Vgl. Blake (2005: 75).

12 Vgl. Morrison (1989: 9).

13 Morrison (1989: 12).

14 Vgl. Morrison (1989: 12f.).

15 Blake (2005: 60).

16 Vgl. Blake (2005: 60).

17 Blake (2005: 108).

18 Vgl. Neue Pinakothek (2012: 2f.).

19 Neue Pinakothek (2012: 2).

20 Morrison (1989: 21).

21 Vgl. Blake (2005: 115f.).

22 Vgl. Morrison (1989: 39).

23 Morrison (1989: 116)

24 Blake (2005: 128).

25 Egerton (1) (1976: 12).

26 Zelger (2012).

27 Vgl. The National Gallery.

28 Egerton (2) (2007).

29 Vgl. Steinbrecht (1886: 258f.).

30 Warner, Blake (2004: 12).

31 Warner, Blake (2004: 12).

32 Sitwell (1936: 57).

33 Vgl. Warner, Blake (2004: 11).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Der Maler George Stubbs. Der Einsatz von anatomischem Wissen in der Kunst
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,7
Autor
Jahr
2015
Seiten
21
Katalognummer
V918610
ISBN (eBook)
9783346227638
Sprache
Deutsch
Schlagworte
maler, george, stubbs, einsatz, wissen, kunst
Arbeit zitieren
Christine Pensenstadler (Autor:in), 2015, Der Maler George Stubbs. Der Einsatz von anatomischem Wissen in der Kunst, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/918610

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