Strukturelle Veränderungen der Umweltbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bewegungen der 1970/80er Jahre und "Fridays for Future"

Eine historisch vergleichende Untersuchung


Hausarbeit, 2020

37 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1. Charakteristika einer sozialen Bewegung
2.2. Besondere Charakteristika einer Umweltbewegung

3. Fridays for Future und historische Umweltbewegungen im Vergleich
3.1. Kurzportrait Umweltbewegungen
3.2. Kurzportrait Fridays for Future
3.3. Struktur der Anhängerschaft im Vergleich
3.3.1. Geschlechterverteilung
3.3.2. Altersstruktur
3.3.3. Ausbildungsgrad und sozioökonomischer Hintergrund
3.3.4. Herkunft
3.3.5. Politisches Interesse und Engagement
3.3.6. Politischer Hintergrund
3.4. Entstehung und Entwicklungsdynamik im Vergleich
3.4.1. Entstehung von Umweltbewegungen
3.4.2. Entstehung von FFF
3.4.3. Entwicklungsdynamik von Umweltbewegungen und FFF im Vergleich

4. Abschließende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Altersstruktur der Demonstrierenden in Bremen und Berlin; in %

Abbildung 2: Schichteinstufung von Schülerinnen und Erwachsenen; in %

Abbildung 3: Migrationsgeschichte der Demonstrierenden, im Vergleich; in %

Abbildung 4: Demonstrationserfahrung, Schülerinnen und Erwachsene; in %

Abbildung 5: Mitgliedschaft in Organisation, Schülerinnen und Erwachsene; in %

Abbildung 6: Vergleich Links-Rechts-Positionierung mit dem Bevölkerungsdurchschnitt

Abbildung 7: Parteiidentifikation Schülerinnen (N=175); in %

Abbildung 8: Parteiidentifikation Erwachsene (N=180); in %

Abbildung 9: Zukunft der Klimaschutzbewegung; in %

Abbildung 10: Legitimität von Protestformen; in %

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Ausbildungsgrad (bei Schülerinnen: angestrebter Abschluss); in %

1. Einleitung

Ende 2018 tauchen vermehrt prägende Schlagzeilen über Proteste in Deutschland auf. Die Medien titeln unter anderem: „Globale Klimakrise, Gretas Aufstand“ (SPIEGEL 30.11.2018) oder „15-jährige Aktivistin aus Schweden: Greta schwänzt die Schule - fürs Klima“ (taz 27.08.2018). Diese Headlines stehen beispielhaft für die auslösende Wirkung Greta Thunbergs auf die deutsche Gesellschaft und für die Mobilisierung ei­ner ganzen Generation.

Die junge Klima-Bewegung Fridays for Future wird als Inbegriff einer neuen Protest­generation gefeiert. Jugendliche weltweit demonstrieren gegen den menschenge­machten Klimawandel. Mit ihrer Bewegung rücken die protestierenden Jugendlichen die Klimakrise zeitweise ins Zentrum der gesellschaftlichen Diskussion. Nach eigenen Angaben ist die Klimakrise die Hauptaufgabe des 21. Jahrhunderts und folglich wird ein politischer Handlungsdruck von der Straße erzeugt. Aufgrund der Corona-Pande- mie im Jahr 2020 sagt Fridays for Future allerdings alle öffentlichen Klimastreiks und Straßendemonstrationen ab und verlegt die Protestaktionen ins Internet (vgl. Fridays for Future 2020). Die Corona-Pandemie sorgt zwangsläufig für große Veränderungen innerhalb dieser Bewegung, obwohl Umweltbewegungen schon häufiger mit Verände­rungen jeglicher Art umgehen mussten.

Die vorliegende Hausarbeit zielt darauf ab, eine historisch vergleichende Untersu­chung von Umweltbewegungen zu erstellen.

Die folgende Fragestellung soll untersucht werden:

Auf welche Weise haben sich in der BRD ältere Umweltbewegungen aus den 1970er und 80er Jahren wie die Anti-Atomkraft-Bewegung und junge Umweltbewegungen wie Fridays for Future im historischen Vergleich strukturell verändert?

Um die Frage systematisch zu beantworten, werden zur theoretischen Grundlage zu­nächst die Charakteristika einer sozialen Bewegung und ferner einer Umweltbewe­gung in einem Überblick erörtert. Im Teil des historischen Vergleichs werden Umwelt­bewegungen und Fridays for Future in einem Kurzportrait vorgestellt, um im Anschluss die Struktur der Anhängerschaft gegenüberzustellen. Im nächsten Abschnitt der Un­tersuchung werden die Entstehung und die Entwicklungsdynamiken der jeweiligen Bewegung näher beleuchtet. Aufgrund des festgelegten Umfangs der Arbeit wird le­diglich die Frage der Struktur der Anhängerschaft näher skizziert. Die organisatori­sche, inhaltliche und ideologische Dimension der Fridays for Future-Bewegung wird nicht näher betrachtet. In einer abschließenden Betrachtung werden die Ergebnisse der vergleichenden Arbeit dargestellt. Der Fokus der Arbeit und der vergleichenden Analyse liegt dabei auf Fridays for Future.

Die Informationen basieren auf einer umfassenden Literaturrecherche aus verschie­denen Primär- und Sekundärquellen wie Büchern, Journals, Artikeln, Studien und For­schungsberichten der internationalen Protestforschung. Da Fridays for Future noch ein vergleichsweise junges Phänomen ist und bis heute wenig wissenschaftlich erforscht wurde, werden auch Zeitungsquellen zur Analyse hinzugezogen.

Der historische Vergleich zweier Bewegungen erfolgt in Anlehnung an Müllers (1992) methodischen Ansatz der vergleichenden Sozialstrukturforschung.

2. Theoretische Grundlagen

Für den thematischen Einstieg in die Arbeit werden Charakteristika einer „sozialen Be­wegung“ sowie einer „Umweltbewegung“ als theoretische Grundlagen kurz vorgestellt.

2.1. Charakteristika einer sozialen Bewegung

Im Sinne einer ersten Annäherung an eine Definition der „sozialen Bewegung“ wird in Anlehnung an Rucht (1994), u. a. Mitbegründer und Vorstandsmitglied des Instituts für Protest- und Bewegungsforschung, die Dichotomie der beiden Termini „Bewegung“ und „sozial“ vorgenommen. Zu konstatieren ist, dass die Bewegungsforschung vor permanenten methodischen Herausforderungen steht und dass sich jegliche Abgren­zungen zu anderen „sozialen Phänomenen wie Gruppen, Protest oder Bürgerinitiati- ven“als komplex erweisen. Auf diese Weise kann nicht immer eine strikte Grenzlinie gezogen werden (vgl. Hocke 2002: S. 24f.; Roth/Rucht 2019: S. 100ff.; Bosse 2019: S. 22).

In Abgrenzung zu anderen sozialen Phänomenen besitzt der Begriff der Bewegung generell eine positive Konnotation. Eine Bewegung steht für „Massenhaftigkeit, Kraft und Dynamik“ (Rucht 1994: S. 76), während bei den Recherchearbeiten und nach Rucht die Begriffe Gruppen, Massen und Protest im Gegensatz zur Bewegung je nach Kontext tendenziell eher abschätzig konnotiert sind (vgl. Rucht 1994: S. 78). Um es in den Worten von Rucht zu beschreiben, handelt es sich um „einen Haufen von Menschen, der sich durch Strukturlosigkeit oder gar Abwesenheit von individuellem Denken und Handeln“ (Rucht 2012: S. 3) auszeichnet. Diese Menschen tragen laut Rucht nur für eine überschaubare Zeit ihr Großthema auf die Straße (vgl. Roth/Rucht 2019: S. 98).

Der Bewegungsbegriff ist abgeleitet vom lateinischen Wort movere - etwas in Bewe­gung setzen - und zeichnet engagierte Menschen aus, die eine Veränderung wün­schen (vgl. Rucht 2012: S. 3; Bosse 2019: S. 22). Rucht betrachtet eine soziale Bewe­gung vor allem als Phänomen der Moderne (vgl. Rucht 1994: S. 78). Der Leitgedanke einer sozialen Bewegung besteht darin, „Geschichte zu machen“ und die „hergestellte Wirklichkeit“, anstatt - wie bis 1780 in der Prämoderne im mittelmeerischen abend­ländlichen Raum - „Geschichte zu erzählen“ (vgl. ebd.: S. 77).

Die Besonderheit der Definition einer „sozialen“ Bewegung liegt darin, dass es sich um eine Bewegung bestehend aus kritischen Bürgern oder Organisationen handelt. Sie beschreibt eine auf bestimmte Zeit „durch geteilte kollektive Identität abgestütztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke“ (ebd.: S. 76). Die soziale Bewegung ver­folgt das Ziel, Probleme und Missstände zu benennen, bestehende Institutionen in Frage zu stellen, den sozialen, politischen, ökonomischen oder kulturellen Wandel im Sinne von Veränderungen gesellschaftlicher Ordnung herbeizurufen und dafür Protest ggf. mit Gewaltanwendung in Betracht zu ziehen (vgl. ebd.: S. 76f.; Rucht 2011: S. 20f.; Della Porta 2015: S. 226; Kolb 2002: S. 10f.).

Die Definition einer sozialen Bewegung umfasst demnach zwei wesentliche Elemente:

a) die besondere Struktur der sozialen Gruppe
b) die verfolgten Ziele (vgl. Raschke 1987: S. 20)

Des Weiteren stellt Rucht soziale Bewegungen und politische Bewegungen gleich, da sich ein gezielter sozialer Wandel in einem modernen säkularen Staat nicht ohne po­litische Einflussnahme ereignen kann (vgl. Rucht 1994: S. 77; Rucht 2012: S. 3).

Mit dieser Definition soll aber nicht den Blick darauf verstellt werden, dass soziale Be­wegungen in der Realität sehr unterschiedliche Formen annehmen können.

Folgt man den Dimensionen sozialer Bewegungen nach Rucht (1994) in denen sich soziale Bewegungen unterscheiden, lässt sich ein „unverwechselbares Profil“ erken­nen.

Die fünf Dimensionen und Kategorien sind in diesem Zusammenhang:

1. Ideologie (vgl. Neidhardt 1985: S. 199)
2. Struktur der Anhängerschaft
a. Stellung der Anhänger zur bzw. in der Bewegung
b. Soziostrukturelle Merkmale
3. Organisation (vgl. Rucht 2012: S. 3f.; Neidhardt 1985: S. 195f.)
4. Strategien und Aktionsrepertoire
5. Entstehung und Entwicklungsdynamik (vgl. Rucht 1994: S. 84-93).

Eine weitere sechste Kategorie wird von Hocke (2002) und später auch von Rucht hinzugefügt:

6. Medien und Medienresonanz (vgl. Rucht 2011: S. 21f.)

Hocke sieht die „Medien und Medienresonanz“ als weiteres operationales Kriterium, das besonders in den letzten Jahren durch ein breiteres Medienspektrum an Bedeu­tung gewonnen hat (vgl. Hocke 2002 S. 32f.). Die digitale Kommunikation, wie durch social media, spielt dabei eine essentielle Rolle (vgl. Roth/Rucht 2019: S. 98). Medien werden weiterhin genutzt, um politischem Dissens Ausdruck zu verleihen sowie For­derungen öffentlich zu artikulieren oder an die Öffentlichkeit heranzutragen (vgl. Hocke 2002: S. 32f.).

Die genannten Dimensionen sollen der weiteren vergleichenden Untersuchung dieser Arbeit als Kategorisierung dienen.

2.2. Besondere Charakteristika einer Umweltbewegung

Ausgehend von den Charakteristika einer sozialen Bewegung, stellt sich nun die Frage, welche besonderen Eigenschaften auf eine Umweltbewegung zutreffen.

Bei Umweltbewegungen handelt es sich zunächst um sogenannte „neue soziale Be­wegungen“ (im Weiteren NSB). Der Begriff NSB setzte sich in der BRD Anfang der 1980er Jahre infolge der außerparlamentarischen Oppositionen durch (vgl. bpb 2020). In den NSB mischen sich alte und neue Komponenten. Die Arbeiterbewegungen ga­ben der NSB zunächst eine emanzipatorische Stoßrichtung (vgl. Kliment 1994: S. 18). Eine zeitliche und qualitative Abgrenzung zu früheren sozialen Bewegungen findet im Kontext der damaligen Arbeiterbewegungen und ökonomischer Verteilungskonflikte statt (vgl. Hillengaß 2011: S. 14f.). Während der Nachkriegszeit der 1950er und frühen 1960er Jahre war die Phase vor allem von Aufbau- und Wachstumsparadigmen ge­prägt (vgl. Rucht 1994: S. 236). Nach Hillengaß (2011) wurden später NSB auch als postmaterielle Bewegungen bezeichnet, da diese andere gesellschaftliche Ziele wie Umweltschutz, Menschenrechte, Frieden und Abrüstung, Emanzipation von Frauen oder Gleichstellung verfolgten (vgl. Hillengaß 2011: S. 14f.; bpb 2020). Antikapitalisti­sche Positionen mit revolutionärem Gehalt waren in der Folge nicht selten, sind aller­dings für NSB heute nicht mehr wesentlich. Zusätzlich zum Umfeld der NSB zählen auch Selbsthilfegruppen wie Schwulen- und Lesbengruppen, aber auch Hausbesetzer und militante autonome Gruppen (vgl. bpb 2020; Roose/Rucht 2002: S. 29).

Eine Besonderheit für die BRD und Umweltbewegungen beschreibt der Stellenwert des Themas der Atomproblematik (vgl. ebd.: S. 51). Hillengaß ordnet die Anti-Atom­kraft-Bewegung allerdings nicht zwingend einer NSB zu. Dies wäre lediglich der Fall, wenn sie wiederum auch das Ziel einer gesamtgesellschaftlichen Veränderung ver­folge (vgl. Hillengaß 2011: S. 14f.).

Ferner erscheint sinnvoll, die Kriterien Vandammes (2000) einer NSB, den ursprüngli­chen fünf Kategorien und Dimensionen einer sozialen Bewegung nach Rucht zuzuord­nen, um das Bild einer Umweltbewegung zu vervollständigen.

Die Gegenüberstellung der fünf Kategorien einer sozialen Bewegung nach Rucht und Kriterien einer NSB nach Vandamme:

1. Ideologie: Abwesenheit einer einheitlichen, geschlossenen Ideologie
2. Struktur der Anhängerschaft: Vielzahl autonomer, aber stark vernetzter Teil­bewegungen
3. Organisation: Geringer Grad organisatorischer Verfestigung, Bürokratisierung und Zentralisierung in Verbindung mit Führerfeindlichkeit
4. Strategien und Aktionsrepertoire: Hohe Variabilität der Aktionsformen bei Betonung direkter Aktion
5. Entstehung und Entwicklungsdynamik: Thematische Vielfalt und rascher Issuewechsel (Vandamme 2000: S. 50f.)

3. Fridays for Future und historische Umweltbewegungen im Vergleich

Im folgenden Abschnitt werden in einem Kurzportrait sowohl Umweltbewegungen im Allgemeinen als auch Fridays for Future zur Veranschaulichung vorgestellt, um im An­schluss eine vergleichende Analyse der Bewegung hinsichtlich der Struktur der Anhä­ngerschaft!, deren Entstehung und Entwicklungsdynamik vorzunehmen.

3.1. Kurzportrait Umweltbewegungen

Umweltbewegungen oder Ökologiebewegungen weisen eine lange Geschichte auf; von Konflikten in der Industrialisierung im frühen 20. Jahrhundert wie das Verhindern von Bauten jener Großkraftwerke, bis zum Hochpunkt der Atomkraft ab den 1970er Jahren. In diesem Zusammenhang greifen Umweltbewegungen auf unterschiedliche Aktionsrepertoires zurück und erkämpften sich von zunächst „bestellenden Unterta­nen“ zu „selbstbewussten Aktivbürgern“ eine neue Macht- und Verhandlungsposition (vgl. Farin 2010).

Die Anhänger*innen von NSB wie Umweltbewegungen setzen sich für umweltpoliti­sche Ziele ein und nutzen dabei legitime Mittel, wie den Protest, bis hin zu illegitimen und gewaltsamen Mitteln.

Rosse und Rucht (2001, S. 173f.) beobachten insbesondere in den letzten Jahrzenten eine Kehrtwende der Umweltbewegungen seit den Anti-Atomkraft-Bewegungen, kurz Anti-AKW-Bewegungen in der Radikalität der Forderungen und Aktionen, welche „ver­gleichsweise harmlos“ erscheinen. Vielfach ist von „einer Institutionalisierung, Zäh­mung oder Kooptation der Ökologiebewegung“ oder gar vom Ende der Bewegung die Rede.

3.2. Kurzportrait Fridays for Future

Unter dem Motto „Fridays for Future“ (im Weiteren FFF) startete eine globale Jugend­bewegung für Klimaschutz gegen den anthropogenen Klimawandel. Ihre Kern- forderung lautet: Die CO2-Reduktion soll durch die Einhaltung des Pariser Klimaab­kommens 2015 und dem damit beschlossenen maximalen 1,5-Grad-Ziel der Erder­wärmung erreicht werden. Den anfänglichen Impuls für die Klimastreik-Bewegung gab die damals 15-jährige Schwedin Greta Thunberg mit ihrem dreiwöchigen „Schulstreik für das Klima“ im August 2018. Wie der Name des Streiks erahnen lässt, finden die Demonstrationen freitags statt. Den Weg für den steilen Aufstieg der international auf­tretenden Bewegung FFF ebnete eine aufsehenerregende Medienberichterstattung. Einladungen zum Klimagipfel im polnischen Katowice 2018, ins EU-Parlament und zum Weltwirtschaftsforum in Davos folgten. Die damals 22-jährige Studentin Luisa Neubauer gilt als Initiatorin für den deutschen Ableger des Schulstreiks. In Deutsch­land weiteten sich erste Proteste von Schülerinnen schnell im ganzen Land aus. Be­reits am 15. März 2019, dem ersten internationalen Aktionstag, zählte Deutschland 222 FFF-Demonstrationen mit rund 300.000 Teilnehmern (vgl. Naumann/Koos 2019: S. 3).

Längst handelt es sich nicht mehr bloß um eine Jugendbewegung bestehend aus Schülerinnen. Die sozio-demografische Zusammensetzung der Protestteilnehmerin­nen hat sich deutlich gewandelt und zeigt heute ein heterogeneres Bild (vgl. Koos/Lauth 2019: S. 2f.).

Eine deutschlandweite Umfrage des ZDF Politbarometers vom 30.10.2018 mit 1.285 Befragten veranschaulicht, dass die Mehrheit der Deutschen den Schülerprotesten po­sitiv gegenübersteht. 61 % der Deutschen sind der Ansicht, dass die Freitags-De­monstrationen für den Klimaschutz eine gute Sache sind (vgl. Frauke 2019). Weitere Solidarität bekunden andere Sympathisantenorganisationen wie „Scientists for Fu­ture“. FFF besitzt einen geringen organisatorischen Grad und ist als nicht rechtsfähige Personenvereinigung organisiert.

3.3. Struktur der Anhängerschaft im Vergleich

Aus einer sozialstrukturellen Perspektive heraus, erscheint es nach Rucht (1994) für die Analyse der Anhängerschaft sinnvoll, ähnliche Bereiche und Merkmale wie in der Parteien- und Wahlforschung zu bemühen; Merkmale wie Alter, Geschlecht, Ausbil­dung, Berufsgruppe etc. Für solche Untersuchungen gilt, dass die Anhängergruppen sozialer Bewegungen gewisse Ausprägungen dieser Merkmale vorweisen, die - in ei­ner Gegenüberstellung - von der Gesamtbevölkerung abweichen. Bei vielen Bewe­gungen zählen bestimmte Merkmale weiter zum „zentralen Identifikationspunkt für Bewegungen“ (Rucht 1994: S. 86f.). Zahlreiche Studien offenbaren beispielsweise, dass Menschen zwischen 30 und 50 mit einem höheren Bildungsgrad und Einkommen zu Protesten mobilisiert werden. Während Proteste lange Zeit tendenziell von Männern dominiert wurden, demonstrieren neueste Untersuchungen eine nahezu paritätische Geschlechterverteilung.1

Im folgenden Abschnitt sollen das Profil der FFF-Protestierenden im Hinblick auf einige der bereits erwähnten Merkmale näher betrachtet und der Frage nachgegangen wer­den, wer die Anhänger*innen sind. Dabei wird der Versuch einer Annäherung an ein sozio-demografisches Profil der Anhängerschaft unternommen. Im Vergleich zu den meisten anderen Umweltbewegungen sind mit Blick auf FFF in Deutschland mehrere Merkmale hervorzuheben:

3.3.1. Geschlechterverteilung

Betrachtet man die meisten Demonstrationen, wird ein außergewöhnlich hoher Frau­enanteil bei der FFF-Anhängerschaft deutlich. Bei den Demonstrationen in Bremen und Berlin machte der Frauenanteil insgesamt 59,6 % und bei den Schülerinnen 64,6 % aus (vgl. Sommer et al. 2019; Koos/Lauth 2019: S. 3).

Zur Ermittlung des Frauenanteils bei Umweltbewegungen in der BRD können zwei Datensätze betrachtet werden; zum einen der World Values-Survey 1981/82 und zum anderen die Eurobarometer-Daten aus den 1980er Jahren. Der Frauenanteil bei FFF ist prozentual etwas höher als bei diesen Umweltbewegungen, obwohl beide Umfra­gen ein recht hohes Ergebnis des Frauenanteils und damit eine Parallele zu FFF er­geben. Der Frauenanteil der Sympathisanten der Umweltbewegung liegt mit 51,1 % höher als der Männeranteil. Bei den aktiven Unterstützern herrscht Parität (vgl. Rucht 1994: S. 251).2

3.3.2. Altersstruktur

Die Altersgruppe der 14-19-Jährigen ist mit 51,5 % am stärksten repräsentiert. Es folgt die nächst ältere Gruppe mit den 20-25-Jährigen und annähernd 19 %. Die 25-26­Jährigen sind mit 11,3 % vertreten (vgl. Sommer et al. 2019: S. 11).

Abbildung 1 visualisiert das Ergebnis der Altersstruktur für alle Anhänger*innen.3

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Anhängerschaft der Schüler*innen liegt bei 49,3 % und die der Erwachsenen, die keine Schule mehr besuchen, bei 50,7 %. Diese Zahl ist beinahe identisch. Den we­sentlichen Anteil der Anhänger machen jedoch Schüler*innen und Student*innen mit 71,8 % aus. Das Resultat veranschaulicht, dass die Bewegung hauptsächlich von jun­gen Menschen organisiert wird, dass sich aber gleichzeitig Erwachsene und ältere Menschen durch ihre Beteiligung solidarisch zeigen.

Die Umweltbewegungen der 1980er Jahre wiesen zwar auch im Vergleich zur Ge­samtbevölkerung eine junge Altersstruktur auf, doch die FFF-Bewegung wird als Schü­lerbewegung durch mehr junge Menschen repräsentiert. Legt man den Fokus auf die Alterskohorte der 14-25-Jährigen, so kommt FFF auf über sieben von zehn der Be­fragten der FFF-Protagonist*innen. Im Vergleich dazu kommen nach den Eurobaro­meter-Befragungen von 1982 und 1989 frühe Umweltbewegungen in der Alterskohorte 15-24 lediglich auf 27,7 % (vgl. Rucht 1994: S. 252).

3.3.3. Ausbildungsgrad und sozioökonomischer Hintergrund

Die Anhängerschaft von Jugendlichen und Erwachsenen ist in ihrer Gesamtheit dem Bildungsbürgertum zuzuordnen (vgl. Klima der Gerechtigkeit 2019).

Tabelle 1 macht deutlich, dass die überwiegende Mehrheit einen höheren Bildungs­grad nachweist (vgl. Sommer et al. 2019: S. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Ausbildungsgrad (bei Schülerinnen: angestrebter Abschluss); in %2

Die Umfrage der Universität Konstanz verzeichnet ein ähnliches Ergebnis. Demnach besitzt gut die Hälfte mit 43 % der Anhängerinnen einen Hochschulabschluss, bei­nahe ein Drittel mit 27 % Abitur und immerhin 7 % die Doktorwürde (vgl. Koos/Lauth 2019: S. 4). Bei 57,5 % der Anhängerschaft der Erwachsenen ab 20 Jahren hat die Mutter einen Hochschulabschluss, bei den Vätern sind es 58,8 %; bei jungen Protago­nistinnen beträgt der Anteil jeweils 45,8 % bzw. 49,4 %. Verglichen mit der Gesamt­bevölkerung sind die Ergebnisse rund doppelt so hoch (vgl. Sommer et al. 2019: S. 12).

Im Rahmen der Schichteinstufung und dem sozioökonomischen Hintergrund veran­schaulicht Abbildung 2, dass sich die überragende Mehrheit der Anhängerinnen ins­gesamt zur Mittelschicht zählt. Zur oberen Mittelschicht zählen sich 63,3 % der Schü­lerinnen und 53,6 % der Erwachsenen. In der unteren Mittelschicht dagegen sehen sich 27,6 % der Schülerinnen und 39,1 % der Erwachsenen. Der Anteil derer, die sich der Oberschicht zuordnen, ist dagegen verschwindend gering. Ähnliche Ergebnisse werden beobachtet, wenn man sich den Bildungs-sozioökonomischen Hintergrund der Eltern der Anhängerschaft vergegenwärtigt (vgl. Sommer et al. 2019: S. 12f.).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Schichteinstufung von Schüler*innen und Erwachsenen; in %3

Im Hinblick auf die Bildungsstruktur der Umweltbewegungen indizieren alle verfügba­ren Informationen, dass sich im Vergleich zur Gesamtbevölkerung eine überdurch­schnittlich hohe Bildungsqualifikation der Protagonist*innen erkennen lässt. Ähnlich wie bei FFF lässt sich daraus ein Trend ableiten und ein Großteil der oberen Mittel­schicht zuordnen. Kumulierte Eurobarometer-Daten im Zeitraum von 1982 bis 1989 zeigen folgende Zahlen: 17,3 % besitzen einen hohen, 45,9 % einen mittleren und 36,9 % einen geringen Bildungsstand. Genaue Angaben, wie diese Einstufungen des Bil­dungsstands je Qualifizierung, gehen daraus jedoch nicht hervor (vgl. Rucht 1994: S. 251, 253).

3.3.4. Herkunft

Für 97,6 % der Anhängerschaft ist Deutschland das Herkunftsland. Die restlichen 2,1 % stammen aus dem europäischen Ausland und 0,9 % aus Ländern außerhalb des europäischen Kontinents. Des Weiteren wurde nach der Herkunft der Eltern gefragt, um den spezifischen Migrationshintergrund zu analysieren. Abbildung 3 verdeutlicht, dass der Anteil von Anhänger*innen mit Migrationshintergrund im Vergleich zur Ge­samtbevölkerung geringer ist. Allerdings sind Anhänger*innen mit mindestens einem im Ausland geborenen Elternteil größer und in Berlin besonders stark repräsentiert (vgl. Sommer et al. 2019: S. 14).4

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

- Direkte Migrationserfahrung / Eigene Geburt im Ausland
- Mindestens ein Elternteil im Ausland geboren / Eigene Geburt in Deutschland
- Kein unmittelbarer Migrationshintergrund / Eigene Geburt und Geburt der Eltern in Deutschland

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Migrationsgeschichte der Demonstrierenden, im Vergleich; in %4

In Anlehnung an Rucht (1994) lässt sich ein ähnliches Bild auf die Frage nach den Herkunftsländern der Umweltbewegungen der BRD zeichnen. Die repräsentative Mehrheit kam demnach ebenfalls aus Deutschland.5

3.3.5. Politisches Interesse und Engagement

Lange und häufig wurde Schüler*innen auf politischer Ebene vorgeworfen und vorge­halten, primär an FFF-Demonstrationen teilzunehmen, um die Möglichkeit und Recht­fertigung des Schulschwänzens zu erhalten. Ihr politisches Interesse wurde entspre­chend in Frage gestellt und wenig Ernsthaftigkeit an den Tag gelegt (vgl. Klima der Gerechtigkeit 2019). Eine andere Perspektive spricht hingegen von einem „Politisie­rungseffekt“ und sieht den aktiven Protest als Form eines Handlungswillen und Poli­tikinteresses. „Die Teilnahme am Protest ist ein Akt des politischen Lernens (Sommer et al. 2019: S. 22). Die Umfragen des ipb unterstreichen dies: 82 % der Befragten weisen ein großes bis sehr großes Politikinteresse auf (vgl. ebd.: S. 21f.). Auch unge­achtet der Tatsache, dass im Vergleich zu anderen Protesten viele Demonstrierende von FFF Protestneulinge sind und das erste Mal im Rahmen Demonstrationen auf die Straße gehen (vgl. Sommer et al. 2019: S. 22).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Demonstrationserfahrung, Schüler*innen und Erwachsene; in %5

Zwei Drittel der FFF-Anhänger*innen erweist sich auch neben Demonstrationen, wie z. B. in Organisationen, als politisch aktiv. Selbst hier liegt der Teil der Schüler*innen bereits bei 60 % und bei Erwachsenen bei ca. 75 %.

Abbildung 5 demonstriert die politische Aktivität zum einen durch die Mitgliedschaft in Parteien mit den jeweiligen Jugendorganisationen und zum anderen in Umweltorgani­sationen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung, in der nach eigenen Berechnungen anhand der Mitgliedszahlen der politischen Parteien des Bundestages ca. 1,5 % Mit­glieder in politischen Parteien sind, sind über zehn Prozent der Erwachsenen und knapp 5 % Prozent der Schüler*innen von FFF Mitglied in politischen Parteien bzw. ihrer Jugendorganisationen (vgl. Sommer et al. 2019: S. 25; Statista 2020).6

Die passive oder aktive Mitgliedschaft in Umweltorganisationen ist vor allem bei Er­wachsenen mit über 30 % noch weiter verbreitet; im Vergleich zu beinahe neun Pro­zent der Schüler*innen (vgl. ebd.). Daraus lässt sich ableiten, dass die Schule dennoch „zentraler Mobilisierungsort“ für FFF ist und weniger andere Umweltorganisationen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Mitgliedschaft in Organisation, Schüler*innen und Erwachsene; in %6

3.3.6. Politischer Hintergrund

Das Thema Klima- und Umweltschutz lässt sich nicht klar einem politischen Spektrum zuordnen. Die FFF-Protagonist*innen positionieren sich selbst mit 72 % überwiegend links der Mitte (vgl. Sommer et al. 2019: S. 28; jetzt 2019). Vergleicht man den Wert, anhand der Mitgliedszahlen der SPD, Grünen und Linken, liegt dieser mit ca. 46,9 % über dem Wert der Gesamtbevölkerung (vgl. Statista 2020).

Abbildung 6 veranschaulicht die weitgehend linke politische Positionierung der Anhä­ngerinnen zur restlichen Gesamtbevölkerung - Allbus 2016 (vgl. Sommer et al. 2019: S. 29).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Vergleich Links-Rechts-Positionierung mit dem Bevölkerungsdurchschnitt7

Unter den Anhängerinnen sind die Erwachsenen mit 78 % links der Mitte stärker ver­ortet als die Schülerinnen mit 67 % (vgl. ebd.).

Um die Untersuchung eines politischen Hintergrundes weiter zu präzisieren, wird nach der Parteipräferenz gefragt. Die Abbildungen 7 und 8 demonstrieren, dass die meisten Mitglieder erwartungsgemäß mit 35,9 % die Grünen wählen. Rund 41 % der Erwach­senen und 31 % der Schüler*innen eine Präferenz für die Grünen. Die ist wenig über­raschend, da das Thema Klima- und Umweltschutz mehrheitlich von den Grünen be­setzt wird bzw. mit ihnen in Verbindung gebracht wird.8

Unter der Berücksichtigung, dass 35 % der Erwachsenen und knapp über 50 % der Schüler*innen, keine klare Parteipräferenz vorweisen, lässt sich die These, es handele sich bei FFF in erster Linie um eine mit den Grünen verbundene Bewegung, widerle­gen. Die restlichen Parteien können dem Ergebnis zufolge vernachlässigt werden (vgl. Sommer et al. 2019: S. 29).9

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Parteiidentifikation Schüler*innen (N=175); in %8

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 8: Parteiidentifikation Erwachsene (N=180); in %9

[...]


1 Quelle: Sommer et al. 2019: S.13

2 Quelle: Sommer et al. 2019: S.13

3 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 13

4 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 14

5 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 22

6 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 26

7 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 29

8 Quelle: Sommer et al. 2019: S. 30

9 Quelle: ebd.

Ende der Leseprobe aus 37 Seiten

Details

Titel
Strukturelle Veränderungen der Umweltbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bewegungen der 1970/80er Jahre und "Fridays for Future"
Untertitel
Eine historisch vergleichende Untersuchung
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2020
Seiten
37
Katalognummer
V919578
ISBN (eBook)
9783346243614
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strukturelle, veränderungen, umweltbewegungen, bundesrepublik, deutschland, bewegungen, jahre, fridays, future, eine, untersuchung
Arbeit zitieren
Igor Condric (Autor), 2020, Strukturelle Veränderungen der Umweltbewegungen in der Bundesrepublik Deutschland. Bewegungen der 1970/80er Jahre und "Fridays for Future", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919578

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