Paul Ricœurs "Symbolik des Bösen" und der Begriff des unfreien Willens

Ein Essay über die "Phänomenologie der Schuld II"


Essay, 2019

6 Seiten, Note: bestanden

Elias Hoven (Autor)


Leseprobe

Essay

„Warum gibt es das Böse auf der Welt, wenn Gott gut ist?“, ist eine universale Frage; Hiob stellt sie in der Bibel sowie später Leibniz, der die Fragen (und Antwortversuche) um das Leiden der Menschen mit dem Begriff Theodizee benennt.

Die Onto-Theo-Logie und deren Fragen nach dem Bösen setzt voraus zu wissen, was das Böse überhaupt ist. Sammeln sich die verschiedenen begrifflichen deutschen Differenzierungsmöglichkeiten wie das Übel, Schlechte, Defizitäre, Wertlose, Unheilvolle, Verderbenbringende, Zerstörerische, Verdorbene, sittlich Verwerfliche, Krankhafte, Unangenehme im deutschen Wort Böse, haben hingegen Sprachen wie die Griechische bzw. Lateinische nur einen, alles umfassenden Begriff: κακ ό ν bzw. malum.1

In seinem Werk Symbolik des Bösen fragt Ricœur zu Beginn, wie wir von der Möglichkeit des menschlichen Bösen (Fehlbarkeit) zu seiner Wirklichkeit (Fehltat)2 kommen, also von der anthropologischen Unschuld zur Schuld (und skizziert eine erste Antwort), beginnt aber keinen philosophischen Diskurs, der das Böse exemplifiziert, sondern setzt das Böse als Symbol und expliziert es über die Symbole des Makels, der Sünde und der Schuld; deckt es zum einen nach und nach auf, zum anderen sammelt er sie in dem Symbol des Bösen symbolhermeneutisch ein.3

So verlässt er seine reflexionsphilosophischen Gedanken über das Böse seiner vorhergehenden Werke, da das Geheimnis des tatsächlich Bösen einem solchen direktem Zugriff entzogen wird.4 „In die Lücke tritt das Symbol, das zu denken gibt. […] Das Symbol geht einerseits dem philosophischen Diskurs voraus, gibt ihm vor, woran er sich denkerisch abarbeitet. Aber es gibt eben auch etwas, woran das Denken anknüpfen kann, so dass symbolische Darstellung und begriffliche Klärung spannungsreich zusammengehören.“5

„Den Begriff, auf den die ganze Folge der Ursymbole des Bösen zugeht, könnte man den unfreien Willen nennen“6, schreibt Ricœur auf der ersten Seite des Schlusskapitels des I. Teils und möchte nachfolgend diesen Begriff zugänglich machen, der gem. Ricœur nicht ohne Weiteres zugänglich ist, da man den Zusammenfall des Begriffs des liberum arbitriums mit der Idee der Knechtschaft („Unverfügbarkeit der Freiheit für sie selbst“7 ) nicht in ein und derselben Existenz denken kann.

M. E. denkt Ricœur an dieser Stelle die menschliche Existenz frei: Der Mensch hat die freie Wahl. Fragt Ricœur nach dem menschlich Bösen und setzt für dieses Symbol nunmehr den Begriff unfreier Wille, so ist der Mensch eben nicht nur zu handeln frei, sondern er besitzt auch das Entscheidungsvermögen, die Möglichkeit, das Böse wirklich zu machen. Ist er aber frei und entscheidet sich für das Böse, willentlich dafür, seinen Willen unfrei zu machen, so würde der freie Willen mit der Knechtschaft zusammenfallen; man müsste den Zusammenfall in einer und derselben Existenz denken können.8

So bleibt auch der Begriff des unfreien Willens nur ein indirekter, also wiederum nur ein Symbol, das seine Symbolik aus den vorhergehenden gewinnt und es auf die Ebene der Spekulation zu heben trachtet.9

Ist das eine Spekulation, entfaltet Ricœur ein Stück weit nachfolgend dennoch das Paradox des servum arbitrium: Geht das Symbol des Bösen, dessen Begriff der des unfreien Willens ist, auf die vorherigen Symbole wie Makel, Sünde und Schuld zurück, nimmt sie wieder auf und legt die vorherigen Symbole offen, tritt eine Kreisbeziehung ein (:“die letzten legen den Sinn von denen frei, die ihnen vorangehen, aber die ersten verleihen den letzten ihre ganze Symbolmacht“10 ). Gem. Ricœur schlagen sich Erfahrungen von Makel (Befleckung (äußerlich, ohne Bezug zum Heiligen)) und Sünde (moralisch Böse (innerlich, mit Bezug zum Heiligen)) im Schuld gefühl (innerlich) nieder, wenn man die Symbolreihe in umgekehrte Richtung durchläuft. Das Schuldgefühl kommt zu Wort, wenn das eine wie das andere Symbol ins Innerliche transportiert werden. Dies besagt eine F r e i h e i t, die sich selbst antastet, knechtet und ansteckt – nach eigener Wahl. Umgekehrt bezeichnet Ricœur den symbolischen Charakter der Gefangenschaft in der Sünde und die Ansteckung durch das Befleckende als eine Dimension der F r e i h e i t. Erst nunmehr weiß man, dass es Symbole sind, die eine Situation aufdecken, die sich in der Selbstbeziehung von mir zu mir konzentriert. Er greift auf die Symbole im Schlußkapitel zurück, da das Paradox eines gefangenen freien Willens dem Denken unerträglich ist.11

Anhand der Symbolisierungsstufen zeigt Ricœur auf, dass das äußerlich Befleckende befleckt, man sich zur Sünde bekennt, bekennt, schuldig geworden zu sein. Die Erfahrung lässt handeln, die Handlung fühlen. Es ist das Rätselhafte des unfreien Willens, warum der freie Mensch sich der Knechtschaft hingibt (Hingabe meiner selbst), die dann gleichzeitig eine Herrschaft über ihn ist. Es ist eine Antastung der Freiheit durch sie selbst.

So steht am Ende der Symbolhermeneutik, die mit dem Symbol des Makels und des Fleckens begann, wiederum die Befleckung, die gem. Ricœur zu einem reinen Symbol wird, wenn man keinen wirklichen Flecken meint, sondern es nur den unfreien Willen bedeutet.12

Zufolge Ricœur baut das reine Symbol der Befleckung einen dreifachen Schematismus des unfreien Willens auf:

I. Schema: Das der Positivität
II. Schema: Das der Äußerlichkeit
III. Schema: Das der Ansteckung

Diese Betrachtung wirft vermeintlich mehr Fragen auf, als das sie Antworten gibt. Was ist es denn nun, das Böse? M. E. antwortet Ricœur zweifach:

1. Schon zu Beginn sagt Ricœur, dass das Böse im Bereich der menschlichen Möglichkeit (Fehlbarkeit (≠ servum arbitrium)) liegt, ebenso wie es im menschlichen Bereich liegt, dass er eine Fehltat begeht. Kann der Mensch das, muss er sich dieser Möglichkeit nicht nur bewusst sein, er muss sie – aktiv oder passiv – auch verwirklichen, das Böse wirklich machen; er muss frei sein. Das Böse ist demnach ein Teil des menschlichen Seins und eine Frage der Handlungsfreiheit, des Willens und Entscheidens.
2. So klar wie Ricœur anfangs über die Möglichkeit und Wirklichkeit des Bösen schreibt, so klar schließt er auch den I. Teil seines Buches insofern er feststellt, dass das Böse bzw. die Ursymbole des Bösen auf den Begriff des unfreien Willens zugehen. Wie in der Einleitung bereits benannt, laufen die Symbole des Makels, der Sünde und der Schuld, die Ursymbole, auf das Symbol des Bösen zu; der befleckende Makel bedeutet am Ende nur den unfreien Willen, wenn Befleckung reines Symbol wird und nicht einen wirklichen Flecken meint, der der Begriff ist, der die Symbolik des Bösen einfängt.

Die andere Frage aber für Ricœur scheint zu sein: Unde malum faciamus ? Und gibt seine sprachphilosophische Betrachtung die nächste Antwort: Zum einen liegt es am Menschen, sich für oder gegen das Böse zu entscheiden (Verantwortung), zum anderen kommt der unfreie Wille zum Menschen selbst (Verführung).

Wie im dreifachen Schematismus aufgezeigt, ist das Böse zum einen gesetzt (in der Freiheit) – es ist also schon (immer) da – zum anderen sind es die Äußerlichkeiten, Versuchungen: „…das Böse kommt zum Menschen als das „draußen“ seiner Freiheit.“13 Der Mensch wird letztlich angesteckt, es ist das schlechte Wählen, das sich selbst an den Menschen bindet, es bedeutet: „dass die Verführung durch das Draußen letztlich eine Selbstanstastung ist, eine Selbstansteckung, wodurch der Akt des Sichbindens in den Zustand des Gebundenwerdens überwechselt.“14

Ich finde das „Ergebnis“ Ricœurs durchaus spannend. Zum einen vertrete auch ich die Ansicht, dass das Böse nichts Wesenhaftes ist, keine Substanz, kein Sein, sondern positiv ist und in der Tat in den Bereich der Entscheidungsfreiheit des Menschen hinsichtlich seiner Verwirklichung fällt. Zum anderen sehe ich den Begriff, respektive das Symbol des Bösen durchaus auch als etwas Spekulatives an.

Es ist soher klug, das Böse eingangs als ein Symbol zu betrachten und das Symbol in die eine Richtung zu füllen, um das zu sehen, was in dem Symbol (für ein Gehalt) zu entdecken ist. Dies gibt auch die Möglichkeiten, die Ricœur nutzt, sich die Symbolsprache Anderer anzugucken, um festzustellen, dass der Begriff des unfreien Willens nicht nur bei den Babyloniern gesetzt war, sondern auch bei Paulus oder Platon.

Letztlich erklärt Ricœur auf diese Weise, warum auch nicht gemachte Erfahrungen eines Individuums sich schuldig fühlen lassen: Anhand bspw. des Befleckungssymbols kommt eben das Böse nicht nur zu einem Menschen (Verführung; Opfer), sondern ist er eben erst nachfolgend böse, da man sich durch seinen eigenen unfreien Willen der Begierde schuldig gemacht hat (Verantwortung; Täter), weil man frei ist. Vom Bösen ergriffen ist man so nicht nur, weil man in Versuchung geraten ist, sondern weil man Erbe ist von Generationen, die einen Sünden-, Makel- und Schuld begriff konstituierten, die affirmierten oder negierten, was denn nun eigentlich (menschlich) böse ist.

Erst wenn eine äußerliche Befleckung zum inneren Schuldgefühl wird, ich meine Sünden bekenne, muss die Negativität von dem Flecken schon gesetzt sein.

[...]


1 Vgl. Schäfer, Christian (Hg.), Was ist das Böse? S. 8, Stuttgart 2017; Wörterbuch der philosophischen Grundbegriffe, Hamburg 2013.

2 Vgl. Ricœur, Paul, Symbolik des Bösen, S. 9, Freiburg/München 32002.

3 Vgl. a.a.O., S. 9-161.

4 Vgl. Hoffmann, Veronika, Paul Ricœur, in: Breul, Martin, Langenfeld, Aaron (Hg.), Kleine Philosophiegeschichte, Paderborn 2017.

5 Ebd.

6 Ricœur, Paul, Symbolik des Bösen, S. 175, Freiburg/München 32002.

7 Ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Vgl. ebd.

10 A. a. O., S. 176.

11 Vgl. ebd.

12 Vgl. ebd.

13 A.a.O.,S. 180.

14 Ebd.

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
Paul Ricœurs "Symbolik des Bösen" und der Begriff des unfreien Willens
Untertitel
Ein Essay über die "Phänomenologie der Schuld II"
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Systematische Theologie und für Alttestamentliche Wissenschaft)
Veranstaltung
Interdisziplinäres Seminar
Note
bestanden
Autor
Jahr
2019
Seiten
6
Katalognummer
V919674
ISBN (eBook)
9783346239655
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Phänomenologie der Schuld, Symbol, Symbolik des Bösen, Altes Testament, Systematische Theologie, Hermeneutik, Essay, Zusammenfassung, Wille, Unfreier Wille, Knechtschaft, Freiheit, Makel, Schuld, Sünde, Paul Ricœur, Moral, Gegenwart, Orient, Babylonien
Arbeit zitieren
Elias Hoven (Autor), 2019, Paul Ricœurs "Symbolik des Bösen" und der Begriff des unfreien Willens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/919674

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