Gouvernementalität und Subjekt bei Michel Foucault


Diplomarbeit, 2007
91 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Entwicklungen hin zur Gouvernementalität
Kontrolle und Entwicklung des Diskurses
Genealogie und Körper
Macht

Die Produktion der Sexualität
Das Dispositiv
Das Sexualitätsdispositiv
Bio-Macht und Bio-Politik

Gouvernementalität
Geschichtlicher Zusammenhang
Juridisches Dispositiv
Disziplinargesellschaft
Sicherheitsdispositiv
Der Begriff der Gouvernementalität
Charakterisierung der Gouvernementalität
Gouvernementalität und Staat
Pastoral
Staatsräson
Policey
Liberalismus und Neoliberalismus
Die bürgerliche Gesellschaft

Subjekt und Macht
Michel Foucaults Interesse für das Subjekt
Rechtssubjekt
Gehorsamssubjekt
Begehrenssubjekt
Interessensubjekt
Das Regieren der Subjekte
Die Selbstkonstitution des Subjekts
Griechische Antike
Spätantike
Christentum

Das kritische Vorhaben Michel Foucaults. Schluss

Literaturverzeichnis

Einleitung

Im Jahr 2004 werden zeitgleich in Deutschland und Frankreich die Vorlesungen von Michel Foucault am Collège de France aus den Jahren 1978 und 1979 veröffentlicht. Der Herausgeber Michel Sennelart vereint die dreizehn Vorlesungen mit dem Titel „Sicherheit, Territorium, Bevölkerung“ mit den zwölf im Jahr darauf folgenden Vorlesungen „Die Geburt der Biopolitik“. Sennelart richtet sich nach einem Vorschlag Foucaults, der in dem am häufigsten publizierten, am 1. Februar 1978 gehaltenen und als „Die Gouvernementalität“ bekannten Vortrag die ursprüngliche Namensgebung seiner Vorlesungen bedauert und einen alternativen Begriff für seine Forschungen anführt. Die beiden Bände erhalten den Titel „Geschichte der Gouvernementalität“.

Die schriftliche Publikation der Vorlesungen erscheint erst so viele Jahre nach ihrer Entstehung, da Foucaults testamentarischer Wille keine posthumen Veröffentlichungen zulässt. Zwar war es gerade Foucaults Anliegen, strikt zwischen Sprache und Schrift zu unterscheiden, dennoch werden die Vorlesungen am Collège de France aufgrund ihres öffentlichen Charakters schließlich von Foucaults Verbot ausgenommen und im Fall der „Geschichte der Gouvernementalität“ von archivierten Tonbandaufnahmen transkribiert.

Die Vorlesungen aus den Jahren 1978 und 79 gehören aus verschiedenen Gründen mit zu den beachtenswertesten Teilen der Arbeit Michel Foucaults. Obwohl Foucault seinen Studien zur Gouvernementalität kein eigenes Werk gewidmet hat, liefert er hiermit nicht nur die in seinen frühen und mittleren Schriften vermisste Theorie des Staates. Auch bieten die Überlegungen zur Gouvernementalität den Übergang zwischen einer zwingenden Macht, die die Individuen nur verfertigt, und einer solchen, die in den Kontext des Regierens gerückt und durch ein Gerechtwerden der Selbstkonstitution des Subjekts Spielraum für Möglichkeiten der „Freiheit“ oder des Widerstands gegen Zustände von Herrschaft bietet.

Die vorliegende Arbeit verankert, basierend auf dem Komfort der kompletten Verschriftlichung, die Forschungen zur Geschichte der Gouvernementalität in Foucaults Werk seit seinem Eintritt ins Collège de France.

Darüber hinaus werden Foucaults Überlegungen zur Gouvernementalität und sein Argumentationspfad besonders anhand der 25 Vorlesungen von 1978 und 1979 vorgestellt und nachvollzogen. Was ist die Gouvernementalität? Welche Komponenten haben sich zu einem so komplexen Gefüge wie dem modernen Staat verdichtet? Welche Techniken des Regierens haben sich seit dem Mittelalter oder sogar seit der Antike entwickelt?

Und schließlich diskutiert die Arbeit besonders den Stellenwert des „Subjekts“ in Foucaults Werk. Was ist ein Subjekt bei Foucault? Welche Freiheiten hat das Individuum, wenn Foucault eine „Genealogie des Subjekts“ schreibt und dieses als autonome Instanz auflöst beziehungsweise nur als ein Resultat des „Außen“ ansieht? Und welche Verbindung gibt es zwischen dem Subjekt und der Gouvernementalität?

Dazu geht die Arbeit wie folgt vor: Zunächst wird anhand der Einführungsvorlesung Foucaults am Collège de France über die Beschreibung der Kontrolle oder „Ordnung des Diskurses“ gezeigt, wie sich Foucaults Interesse von negativen Mechanismen, die die Zirkulation von Wissen kontrollieren und dem Subjekt eine dem Diskurs lediglich entspringende Rolle zuweisen, zu einer als Genealogie bezeichneten positiven Geschichtsschreibung verschiebt. Diese bei Nietzsche entnommene Methode eröffnet auch die Untersuchungen über die Kontrolle des Körpers, die schwerpunktmäßig in „Überwachen und Strafen“ zu finden sind. Die Körper sind zwar bestückt mit einer Seele, doch dient sie nur als Operator für das Dressieren der Individuen und wird scheinbar nur produziert, um unterworfen zu werden.

Über die folgende Einführung des „Sexualitätsdispositivs“ eröffnet sich nicht nur die intensivere Hinwendung Foucaults zu einem aktiveren Subjekt. Auch ist die Sexualität das Verbindungsstück von Individuum und Bevölkerung und ein Einsatz für die Technologien des Regierens, deren Entwicklungen im Teil zur Gouvernementalität beschrieben werden. Während diese Teile der Arbeit Subjektivierungsprozesse von „außen“ beleuchten, findet im letzten Teil der Arbeit eine Verschiebung zu den Prozessen der Subjektivierung durch das Selbst statt. Hierzu werden die Schriften Foucaults zur Antike herangezogen.

Schließlich werden Foucaults Untersuchungen in einen gemeinsamen Zusammenhang gebracht.

Entwicklungen hin zur Gouvernementalität

Kontrolle und Entwicklung des Diskurses

Am 2. Dezember 1970 hält Michel Foucault seine Inauguralvorlesung am Collège de France. Er stellt sein am „Collège“ traditionell forschungsintensives Vorhaben der kommenden Jahre unter das Zeichen einer „Ordnung des Diskurses“. Der Diskurs ist in Foucaults Werk bis hin zu den letzten Schriften das zentrale Thema. Zwar stellt er der Untersuchung des Diskurses in seinen Forschungen stets auch die Untersuchung von Praktiken zur Seite, dennoch sind auch diese immer diskursiv vermittelt: Dadurch, dass Foucaults Untersuchungen allesamt geschichtlich sind, besonders aber, weil Foucault sich am intensivsten mit Vorschriften, Anweisungen und allgemein mit Texten beschäftigt hat, die das menschliche Verhalten beeinflussen sollten.

Die „Ordnung des Diskurses“ veranschaulicht die Verschiebung des Schwerpunktes in Foucaults Werk von einer Kontrolle des Wissens hin zu einer Kontrolle der Körper und schließlich zu einer Kontrolle der Tätigkeiten. Während der Diskurs der Inauguralvorlesung noch vorwiegend negativen Mechanismen ausgesetzt ist, die ihn in seiner Entfaltung beschränken, entfaltet sich in der gleichen Schrift aber auch das Vorhaben einer Genealogie als Methode, die erkennt, dass die Entwicklungen besonders in der westlichen Welt zu komplex sind, um einer Logik des Verbots zu entspringen.

„Ich setze voraus, daß in jeder Gesellschaft die Produktion des Diskurses zugleich kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird – und zwar durch gewisse Prozeduren, deren Aufgabe es ist, die Kräfte und die Gefahren des Diskurses zu bändigen, sein unberechenbar Ereignishaftes zu bannen, seine schwere und bedrohliche Materialität zu umgehen.“[1] Foucault manövriert sich mit diesen Worten an eine Stelle, die zu verlassen er den Rest seines Lebens brauchen wird. Er eröffnet aber zugleich ein gewaltiges Forschungsprogramm, das in dieser Arbeit um das zentrale Konzept der Gouvernementalität herum verortet werden soll. „Offensichtlich ist der Diskurs keineswegs jenes transparente und neutrale Element, in dem die Sexualität sich entwaffnet und die Politik sich befriedet, vielmehr ist er ein bevorzugter Ort, einige ihrer bedrohlichsten Kräfte zu entfalten“[2], so charakterisiert Foucault seinen Diskursbegriff. Der Diskurs liefert bei Foucault kein Ergebnis, ist kein Konsens, sondern selbst eine Waffe, die es zu kontrollieren gilt. Dabei unterscheidet Foucault verschiedene Prozeduren, die auf den Diskurs einwirken.

Er beginnt die Analyse dieser Prozeduren mit einer Beschreibung von außen wirkender Ausschließungsmechanismen. Neben das einfache Verbot (zum Beispiel des Diskursgegenstandes) setzt er die Grenzziehung wie etwa die von Vernunft und Wahnsinn. Auch dem Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen weist Foucault eine den Diskurs von außen treffende Rolle zu.

Zu einer zweiten Gruppe von Prozeduren, die diskursintern wirken, zählt Foucault den Kommentar, den Autor sowie die (wissenschaftlichen) Disziplinen. Diese sollen das Ereignishafte und den Zufall eines Diskurses bändigen, in dem der Kommentar etwa den Primärtext wie ein Aufpasser begleitet oder der Autor selbst für eine Verknappung des Diskurses verantwortlich ist: Man verlangt von dem Autor, den die Texte durchkreuzenden verborgenen Sinn „zu offenbaren oder zumindest in sich zu tragen; man verlangt von ihm, sie in sein persönliches Leben, in seine gelebten Erfahrungen, in ihre wirkliche Geschichte einzufügen. Der Autor ist dasjenige, was der beunruhigenden Sprache der Fiktion ihre Einheiten, ihren Zusammenhang, ihre Einfügung in das Wirkliche gibt.“[3] Die Disziplinen wirken als Diskurs ordnendes Element, in dem sich Aussagen in deren theoretischen Horizont einzuordnen haben. Außerdem muss zum Beispiel ein Satz komplexen und schwierigen Erfordernissen entsprechen, um der Gesamtheit einer Disziplin angehören zu können.[4]

In einer dritten Gruppe von Prozeduren behandelt Foucault schließlich die Möglichkeiten eines Zugangs zu den Diskursen und die damit verknüpfte Verknappung der sprechenden Subjekte. Wer Zugang zu bestimmten Diskursen haben möchte, muss Anforderungen genügen, die etwa durch ein Ritual definiert sind. Darüber hinaus seien „Diskursgesellschaften“ dafür verantwortlich, „Diskurse aufzubewahren oder zu produzieren, um sie in einem geschlossenen Raum zirkulieren zu lassen und sie nur nach bestimmten Regeln zu verteilen, so daß die Inhaber[5] bei dieser Verteilung nicht enteignet werden.“[6] Auch die religiösen, politischen und philosophischen Doktrinen zählt Foucault zu dieser dritten Gruppe. Zwar seien sie den oben erwähnten wissenschaftlichen Disziplinen darin ähnlich, dass sie den Inhalt von Aussagen kontrollieren, hinzu kommt jedoch eine Bindung des Subjekts an die Aussagen. „Die Doktrin führt eine zweifache Unterwerfung herbei: die Unterwerfung der sprechenden Subjekte unter die Diskurse und die Unterwerfung der Diskurse unter die Gruppe der sprechenden Individuen.“[7]

Wenn dem Diskurs im Denken Foucaults und den Prozeduren, die den Diskurs treffen, zu Beginn dieser Arbeit eine so große Beachtung geschenkt wird, hat das neben der oben erwähnten zentralen Rolle des Diskurses eine Vielzahl von Gründen. Das Subjekt, so wird hier deutlich, ist in den Überlegungen Foucaults nicht etwa eine Diskurs hervorbringende Instanz, sondern vielmehr Resultat des Diskurses.

Ausgehend vom Diskurs entwickelt sich aber auch eine Reihe von Begriffen, die bei der Hinführung zum Konzept der Gouvernementalität unumgänglich sind. Zudem skizziert Foucault, Bezug nehmend auf den Diskurs, die Vorgehensweise seiner geplanten Analysen:

Eine Forschungsrichtung bezeichnet er dabei als „Kritik“. Die Kritik soll, einem Prinzip der „Umkehrung“ folgend, die scheinbar Diskurs hervorbringenden Figuren wie etwa den Autor oder die wissenschaftliche Disziplin als eher verknappende Elemente entlarven. „[Es] soll versucht werden, die Formen der Ausschließung, der Einschränkung, der Aneignung […] zu erfassen; es soll gezeigt werden, wie sie sich gebildet haben, um bestimmten Bedürfnissen zu entsprechen, wie sie sich verändert und verschoben haben, welchen Zwang sie tatsächlich ausgeübt haben, inwieweit sie abgewendet worden sind.“[8] Foucault verweist auf die schon vorliegende Arbeit zu „Wahnsinn und Gesellschaft“, die sich mit der grenzziehenden Form der Ausschließung beschäftigt. Darüber hinaus kündigt er die Untersuchung eines die Sexualität betreffenden Sprechverbots an sowie unter anderem die Analyse der Elemente, die das System der Strafjustiz ausmachen.[9] Foucault hat demnach schon sehr früh die Idee zu seinem wohl bekanntesten Werk „Überwachen und Strafen“ und erste Vorstellungen von seiner Arbeit zu „Sexualität und Wahrheit“. Allerdings tritt später in beiden Projekten die geplante kritische oder an anderer Stelle archäologisch genannte Untersuchung in den Hintergrund, um einer anderen, einer „genealogischen“ Forschungsperspektive Platz zu machen.

Zur Verdeutlichung einer Ausrichtung des Diskurses, welche nicht durch Verbot funktioniert, wird Foucault im ersten Band zu „Sexualität und Wahrheit“ eine Frage in den Vordergrund stellen, die bereits oben angedeutet ist und immer wieder erneuert wird. Es ist die Frage nach der Wahrheit, nach der Konditionierung eines „Willens zur Wahrheit“. In „Die Ordnung des Diskurses“ erkennt Foucault diesen Willen zur Wahrheit als historisch entstandenen und veränderbaren aber dennoch grundlegenden Ausschließungsmechanismus zumindest der abendländischen Gesellschaften an. „Dieser Wille zur Wahrheit stützt sich, ebenso wie die übrigen Ausschließungssysteme, auf eine institutionelle Basis: er wird zugleich verstärkt und ständig erneuert von einem ganzen Geflecht von Praktiken wie vor allem natürlich der Pädagogik, dem System der Bücher, der Verlage und der Bibliotheken, den gelehrten Gesellschaften einstmals und den Laboratorien heute.“[10] Die Wahrheit wird so zu einer Grenze, um deren Verlauf gekämpft wird. Sie ist aber gleichzeitig der erstrebenswerte Einsatz, den die Institutionen, die die Grenze bewachen, zu ihrer Legitimation brauchen. „So bietet sich unseren Augen eine Wahrheit dar, welche Reichtum und Fruchtbarkeit ist, sanfte und listig universelle Kraft. Und wir übersehen dabei den Willen zur Wahrheit – jene gewaltige Ausschließungsmaschinerie.“[11] Foucault skizziert an dieser Stelle bereits deutlich seinen Machtbegriff: Die Macht, hier noch darauf beschränkt auf den Diskurs zu wirken, braucht nicht repressiv zu sein, um zu selektieren. Sie funktioniert, ohne dass jemand sie anwendet. Dabei bringt sie selbst Formen der Wahrheit hervor, auf die sie sich stützen kann.

Um einer Argumentation entgegen zu treten, die das anfänglich vorgestellte kritische Forschungsvorhaben als pure Dialektik oder sich zuspitzende Geschichtsauffassung bezeichnen könnte, möchte Foucault, neben einer Untersuchung der Verknappung des Diskurses, die Aufmerksamkeit der Entstehung des Diskurses widmen. Diesen zweiten und schnell dominant werdenden Aspekt seiner Forschung bezeichnet Foucault als Genealogie. Dabei seien Kritik und Genealogie nie ganz voneinander zu trennen.[12] Zwar treten Diskurse „zerstreut“ und „diskontinuierlich“ auf, dennoch ist ihre Entstehung bereits gewissen Regeln wie dem beschriebenen Willen zur Wahrheit unterworfen. Diesem genealogischen Forschungsvorhaben zugehörig skizziert Foucault ein Projekt, das später in die Vorlesungen zur Gouvernementalität Einzug halten und einen gewichtigen Teil der Aufmerksamkeit auf sich konzentrieren wird: „Man könnte […] die Diskursserien betrachten, die im 17. und im 18. Jahrhundert von Reichtum und Armut, von der Währung, von der Produktion, vom Handel sprechen. Man hat es da mit sehr heterogenen Aussageeinheiten zu tun, die von den Reichen und von den Armen, von den Gelehrten und von den Unwissenden, von den Protestanten oder von den Katholiken, von den königlichen Offizieren, den Geschäftsleuten oder den Moralisten formuliert worden sind. Eine jede hat ihre spezifische Regelhaftigkeit und auch ihre Einschränkungssysteme. Und keine von ihnen ist die exakte Vorläuferin jener anderen diskursiven Regelhaftigkeit, welche die Form einer Disziplin annehmen sollte und sich ‚Analyse der Reichtümer’, später ‚Nationalökonomie’ nennen wird. Und dennoch hat sich von ihnen aus die neue Regelhaftigkeit herangebildet, indem sie gewisse ihrer Aussagen wiederaufnahm und rechtfertigte oder ausschloß und eliminierte.“[13] Foucault macht in seinen Ankündigungen zweierlei: Zum einen präsentiert er konkrete Untersuchungsgegenstände wie geschichtliche Situationen oder Institutionen, denen gegenüber es unvermeidlich ist, Stellung zu beziehen. Hiermit ist die oben erwähnte Schwierigkeit verbunden, in die sich Foucault mit seiner Antrittsvorlesung bringt. Wenn der Diskurs sogar bevor er entsteht „kontrolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird“ und wenn die Wahrheit zu einem Einsatz geworden ist, wie kann dann Erkenntnis oder ein „wahrer“ Diskurs entstehen? Welcher Standpunkt erlaubt eine Kritik oder macht diese glaubwürdig?

Zum anderen macht er deutlich, dass sein Hauptaugenmerk auf die Mechanismen gerichtet ist, nach denen die Konstitution der Diskurse funktioniert. Dieses Interesse am Funktionieren, an der Mechanik, ist Grundlage für die Analytik und den Begriff einer Macht, die Foucault entwickeln wird, bevor viele Jahre später und über den Umweg der Gouvernementalitätsforschung die Frage nach dem Subjekt die Priorität einnimmt und die Perspektive auf die Macht sich erneut verändert. Die nächsten Kapitel sollen den Begriff der Macht im Denken Foucaults erläutern. Wie steht die Macht in Beziehung zum Diskurs und zum Regieren? Und wie kann man sie untersuchen?

Genealogie und Körper

„Dem Diskurs die Machtfrage stellen, heißt also im Grunde genommen [zu fragen]: wem nützt du?“[14] Prägnant formulieren Alessandro Fontana und Pasquale Pasquino in einem Interview mit Foucault dessen Herangehensweise an eine Analytik der Macht. Es gehe nicht um die Interpretation des Diskurses oder seine Zerlegung in ein Nicht-Gesagtes beziehungsweise um eine Sinngebung. Vielmehr der, zu jener Zeit, vorherrschenden Untersuchung des Signifikanten den Rücken kehrend, detailliert Foucault sein genealogisches Projekt immer weiter. Ohne auf einen, bestimmte geschichtliche Situationen konstituierenden, „Gegenstand“ (gemeint ist hier zum Beispiel ein an der Konstitution der Welt beteiligtes Subjekt, ein alles erklären sollendes Kapital oder die „Natur“ des Menschen) zurückgreifen zu müssen, möchte Foucault das Zustandekommen und Funktionieren dieser geschichtlichen Situationen analysieren. Auf was man sich dabei beziehen müsse, sei nicht das große Modell der Sprache und der Zeichen, sondern das des Krieges und der Schlacht.[15] In dem Aufsatz „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“ aus dem Jahr 1971 macht Foucault deutlich, wie sehr sich sein genealogisches Konzept auf Nietzsche stützt. Die Beschreibung linearer Genesen zurückweisend, entwickelt Foucault eine zwar selektive, aber die Ursprünge seiner Ideen erhellende Auseinandersetzung mit Nietzsche: „Als hätten die Worte ihren Sinn, die Begierden ihre Richtung, die Ideen ihre Logik stets unverändert bewahrt; als hätte es in dieser Welt aus Gesagtem und Gewolltem keine Invasionen, Kämpfe, Raubzüge, Verstellungen und Listen gegeben“, so würden die sich an Nützlichkeitserwägungen orientierten Geschichtsschreiber zu Werke gehen, ohne zu erkennen, dass die Genealogie vielmehr die Ereignisse in ihrer Einzigartigkeit zu erfassen habe.[16] In den Werken Nietzsches einen Unterschied zwischen „Ursprung“ und „Herkunft“ findend, charakterisiert Foucault die Suche nach diesem Ursprung als die Suche nach dem „Eigentlichen“ oder dem zeitlosen Wesen der Dinge. Dabei weist er Nietzsche zitierend jede „eigentliche“ Identität zurück und greift dessen Infragestellung aller Werte auf: „Wie die Vernunft entstanden ist? Natürlich auf ganz und gar ‚vernünftige’ Weise, nämlich durch den Zufall. Die Hingabe an die Wahrheit und die Strenge der wissenschaftlichen Methoden? Aus den Leidenschaften der Wissenschaftler, aus ihrem wechselseitigen Hass, aus fanatischen, ständig wiederholten Debatten, aus dem Willen zum Sieg – Waffen, die im Verlauf langer persönlicher Kämpfe langsam geschmiedet wurden. Und die Freiheit? Ist sie das fundamentale Moment, das den Menschen an Sein und Wahrheit bindet? Nein, sie ist nur eine ‚Erfindung von Ständen’“. Und auch die „Wahrheit ist ein Irrtum, der nicht mehr widerlegt werden kann, weil die Geschichte ihn so hartgesotten hat, dass er sich nicht mehr verändern lässt.“[17] Der Genealoge muss folglich die Suche nach dem Ursprung einer Beschreibung der Herkunft oder der „Entstehung“ weichen lassen. „Das komplizierte Netz der Herkunft aufdröseln heißt […] festhalten, was in der ihr eigenen Zerstreuung geschehen ist; es heißt die Zufälle, die winzigen Abweichungen – oder totalen Umschwünge –, die Irrtümer, falschen Einschätzungen und Fehlkalkulationen nachvollziehen, die hervorgebracht haben, was für uns existiert und Geltung besitzt“. „Die Erforschung der Herkunft“, so Foucault weiterhin Nietzsches Worte für sich gebrauchend, „schafft keine sichere Grundlage; sie erschüttert, was man für unerschütterlich hielt; sie zerbricht, was man als eins empfand; sie erweist als heterogen, was mit sich übereinzustimmen schien.“[18]

Schließlich, und damit offenbart sich eine Quelle für ein Thema, das bei Foucaults Untersuchung der Disziplinarmacht im Mittelpunkt steht, bestehe ein Zusammenhang zwischen der Herkunft und dem Körper. Während Nietzsche vom „Leib“ spricht und sich mit Herkunft und Erbschaft auf ein „Durcheinanderwerfen“ der Rassen bezieht[19], erweitert Foucault die Überlegungen Nietzsches zur biologischen Herkunft um das Moralische und stellt eine Beziehung zwischen der Geschichte (des modernen Menschen) und dem Körper her. „[Auf] dem Leib findet man die Stigmata vergangener Ereignisse; aus ihm erwachsen die Begierden, Schwächen und Irrtümer; in ihm verschlingen sie sich miteinander und kommen plötzlich zum Ausdruck, aber in ihm lösen sie sich auch voneinander, geraten in Streit, bringen sich gegenseitig zum Verlöschen und tragen ihren unüberwindlichen Konflikt aus.“[20] Der Körper ist der Ort, auf dem sich die Kämpfe, die Machtverhältnisse einschreiben. Und die Aufgabe der Genealogie oder der wirklichen Historie, die Foucault/Nietzsche von der gewöhnlichen Historie der Historiker unterscheiden, ist es, selbst die „dumpfe Beständigkeit der Triebe“ wieder dem Werden zuzuführen. Jede kontinuierliche Bewegung müsse zerstört werden und das Diskontinuierliche in unser Sein eingeführt werden.[21] Foucaults Theorie, die doch an dieser Stelle den Eindruck macht, kaum aus dem Schatten Nietzsches heraustreten zu wollen[22], erfährt ihre Bedeutung durch ihre Korrespondenz mit im „Alltag“ vorzufindenden Praktiken, die Foucaults Argumentieren so charakteristisch macht.

In „Überwachen und Strafen“ ist es schließlich der Körper, der zwar schon „im Feld der historischen Demographie und Pathologie studiert“, auch als „Sitz von Bedürfnissen und Gelüsten, als Ort von physiologischen Prozessen und von Metabolismen, als Zielscheibe für die Angriffe von Mikroben und Viren untersucht“ wurde, aber nun zudem ins „Feld des Poltischen“ rückt.[23] Das Wissen vom Körper, das nicht mit der Wissenschaft von seinen Funktionen identisch ist, nennt Foucault die „politische Ökonomie des Körpers“. Den qualvollen Martern des Vatermörders Damiens, mit denen „Überwachen und Strafen“, das Werk über „Die Geburt des Gefängnisses“ eröffnet wird, stellt Foucault ein Reglement für ein „Haus junger Gefangener“ gegenüber. Während sich die erste Szene, akribisch durchgeführt und beschrieben, 1757 abspielt, ist ein Dreivierteljahrhundert später „der Körper als Hauptzielscheibe der strafenden Repression“ verschwunden und dafür eingetreten in ein „Räderwerk“, das sich durch Zeitplanung, Bürokratie und besonders durch Überwachung kennzeichnet.[24] Ähnlich wie beim Einwirken auf den Diskurs wird der Körper nach einer Reihe verschiedener Reformen nicht mehr zerstört, vielmehr führen verschiedene Einsichten dazu, dass es besser ist mit dem Körper zu arbeiten und ihn als Ressource zu betrachten. Während sich der Diskurs im Zuge seines Entstehens nah an der Wahrheit halten muss, entsteht für den Körper die Norm, die einzuhalten er durch die „Disziplin“ gezwungen ist. Thomas Lemke weist in diesem Zusammenhang auf den theoretischen Hintergrund des Sachverhalts hin. Die Disziplinartechnologie bestehe „Foucault zufolge in einem ‚Umcodieren der Existenz’, das von der physischen Repression so verschieden ist wie von der ideologischen Manipulation. Die Disziplin unterdrückt und verschleiert weniger, als dass sie Wahrnehmungsformen und Gewohnheiten konstituiert und strukturiert. Im Gegensatz zu traditionellen Herrschaftsformen wie Sklaverei und Leibeigenschaft gelingt es ihr, die Kräfte des Körpers zugleich zum Zwecke ihrer wirtschaftlichen Nutzung zu steigern und zum Zwecke ihrer politischen Unterwerfung zu schwächen.“[25] Foucaults Werk, so wird hier deutlich, kennzeichnet sich auch durch eine ständige Auseinandersetzung mit Marx sowie mit Vertretern der „Repressionshypothese“, wenn auch die Sexualität, auf die diese sich beziehen, erst im „Wille zum Wissen“ ins Zentrum rückt. Foucault geht es darum, zu zeigen, dass die neuen disziplinierenden Strafmaßnahmen „nicht einfach ‚negative’ Mechanismen sind, die einschränken, verhindern, ausschließen, unterdrücken; sondern daß sie an eine Reihe positiver und nutzbringender Effekte geknüpft sind, welche sie befördern“[26], also wichtiger Bestandteil der Ökonomie des Körpers sind. Der Körper wird zur „Zielscheibe der Macht“, der Körper wird „manipuliert, formiert und dressiert“, so dass seine Kräfte sich mehren.[27] Unter anderem verantwortlich hierfür ist auch eine „instrumentelle Codierung des Körpers“. Die Macht bindet den Körper an ein manipuliertes Objekt, so dass etwa der Komplex „Körper/Waffe, Körper/Instrument, Körper/Maschine“ entsteht. Hierdurch sieht Foucault die Disziplinarmacht charakterisiert. Es geht ihr „weniger um Ausbeutung als um Synthese, weniger um Entwindung des Produktes als um Zwangsbindung an den Produktionsapparat.“[28] Das Neue, an den die Körper betreffenden und treffenden Mechanismen, ist dabei zum einen die Größenordnung: „[E]s geht nicht darum, den Körper in der Masse, en gros, als eine unterschiedslose Einheit zu behandeln, sondern ihn im Detail zu bearbeiten; auf ihn einen fein abgestimmten Zwang auszuüben; die Zugriffe auf der Ebene der Mechanik ins Kleinste gehen zu lassen: Bewegungen, Gesten, Haltungen, Schnelligkeit.“[29] Zum anderen sind der Gegenstand der Kontrolle sowie auch die Durchführungsweise der Techniken neu: Die Überwachung der Körpersprache wird abgelöst durch eine Ökonomie der Bewegungen, die sich auf die „Übung“ als „einzige wirklich bedeutsame Zeremonie“ stützt. Die „peinliche Kontrolle der Körpertätigkeiten und die dauerhafte Unterwerfung ihrer Kräfte“ sind schließlich das, was das disziplinäre Zeitalter kennzeichnet. „Der menschliche Körper geht in eine Machtmaschinerie ein, die ihn durchdringt, zergliedert und wieder zusammensetzt.“[30] Um den genealogischen Aspekt dieses Sachverhalts zu verdeutlichen, muss geklärt werden, woher die auf der Mikroebene wirkenden Mächte stammen und wer ihre Entwicklung forciert. Foucault betont, dass es sich nicht um eine plötzliche Entdeckung handelt, sondern um eine „Vielfalt von oft geringfügigen, verschiedenartigen und verstreuten Prozessen, die sich überschneiden, wiederholen oder nachahmen, sich aufeinander stützen, sich auf verschiedenen Gebieten durchsetzen, miteinander konvergieren – bis sich allmählich die Umrisse einer allgemeinen Methode abzeichnen.“ Nicht „die List der Vernunft“ ist für die Erfindung der verschiedenen Prozeduren zuständig, vielmehr sind es von „unten“ kommende alltägliche Technologien, die ihre Entwicklung in den Schulen, Kollegs, in der Armee, den Spitälern oder Werkstätten finden.[31] Obwohl die Beschreibung der Entwicklung der Disziplinarmacht in kaum zu ignorierender Beziehung zur Formation des Bürgertums steht, versucht Foucault einen Machtbegriff zu entwickeln, der ohne Besitzer auskommt. Das nächste Kapitel versucht sich diesem Machtbegriff weiter zu nähern.

Macht

Das Studium einer Mikrophysik der Macht setzt voraus, so Foucault, dass „Macht nicht als Eigentum, sondern als Strategie aufgefaßt wird, daß ihre Herrschaftswirkungen nicht einer ‚Aneignung’ zugeschrieben werden, sondern Dispositionen, Manövern, Techniken, Funktionsweisen; daß in ihr ein Netz von ständig gespannten und tätigen Beziehungen entziffert wird anstatt eines festgehaltenen Privilegs; daß ihr als Modell die immerwährende Schlacht zugrundegelegt wird und nicht der Vertrag über die Abtretung eines Gebietes oder die Eroberung, die sich eines solchen bemächtigt. Diese Macht ist nicht so sehr etwas, was jemand besitzt, sondern vielmehr etwas, was sich entfaltet; nicht so sehr das erworbene oder bewahrte ‚Privileg’ der herrschenden Klasse, sondern vielmehr die Gesamtwirkung ihrer strategischen Positionen - eine Wirkung, welche durch die Position der Beherrschten offenbar und gelegentlich erneuert wird.“[32] Warum entscheidet sich Foucault dafür, die, in der politischen Philosophie gängigen und akzeptierten, Begriffe der Macht durch einen zwar flexiblen, aber auch ungenaueren Macht-Begriff zu ersetzen? Während etwa für Max Weber in den „Soziologischen Grundbegriffen“ „Macht“ „jede Chance [ist], innerhalb einer sozialen Beziehung den eigenen Willen auch gegen Widerstreben durchzusetzen, gleichviel worauf diese Chance beruht“, Macht also bedeutet, durch eine bestimmte „Konstellation“ oder den Besitz von „Qualitäten“ „seinen Willen in einer gegebenen Situation durchzusetzen“[33], ist für Foucault vielmehr die Technik der Durchsetzung des Willens als Macht zu bezeichnen. Die Macht ist das Handeln, sie existiert nur „in actu“, auch wenn sie sich „auf permanente Strukturen stützt“.[34]

Auch auf den die klassische Politische Philosophie vertretenden Macht-Begriff Hannah Arendts zielt Foucaults Theorie ablösende Analytik der Macht ab: Während für Arendt Macht durch Konsens entsteht[35], möchte Foucault diese von Repräsentation und Souveränität entkoppeln. „Seit dem Mittelalter formuliert sich die Macht in den abendländischen Gesellschaften immer im Recht.“ Institutionen wie die Monarchie oder der Staat konnten sich nur durchsetzen, da sie sich durch rechtliche „Untersagungs- und Sanktionierungsmechanismen“, die allerdings eine gewisse Ordnung hervorbrachten, akzeptierbar machten. Foucault vertritt die Auffassung, dass die „Repräsentation der Macht über die unterschiedlichen Epochen und Zielsetzungen hinweg doch im Bann der Monarchie verblieben“ ist. „Im politischen Denken und in der politischen Analyse ist der Kopf des Königs noch immer nicht gerollt.“[36]

Nun ist eine dem Juridischen verhaftete Macht mit verschiedenen Problemen verbunden. Zwar ist die Bourgeoisie vorerst an der Entwicklung des gleichen Rechtssystems, das die königliche Macht stützt, interessiert: die erwähnte Ordnung war Grundlage für Handel und ökonomischen Austausch;[37] dennoch liefert Foucault zwei Hindernisse der monarchischen Macht, die dem aufkommendem Kapitalismus und damit dem endgültigen Durchbruch des Bürgertums im Weg liegen. „Erstens war die im Gesellschaftskörper ausgeübte politische Macht sehr diskontinuierlich. Die Maschen des Netzes waren zu groß, so dass zahllose Dinge, Elemente, Verhaltensweisen und Prozesse der Kontrolle durch die Macht entgingen.“ Zweitens seien die alten Machtmechanismen extrem aufwendig gewesen. „Macht nahm etwas weg [Ernteabgaben oder Steuern] und war daher im Wesentlichen räuberisch. Sie bewirkte einen ökonomischen Abzug. Sie förderte und stimulierte nicht die Wirtschaftsströme, sondern behinderte und bremste sie ständig.“[38]

Um aber der „Möglichkeitsexplosion“ moderner Gesellschaften[39] gerecht zu werden, konnte Macht nicht länger repressiv, sondern musste vielmehr produktiv sein. „Es müßte eine Macht sein, die nicht […] Möglichkeiten definitiv ausschließt, sondern eher eine Macht, die Möglichkeiten zu erhalten sucht und neue erfindet, die einen intelligiblen und akzeptierbaren Horizont bilden, auf den die einzelnen Kräfte ausgerichtet werden können. Es müßte eine Macht sein, die mit [den vorhandenen] Kräften arbeitet, ihre Produktivität aufgreift, sie steigert und zugleich ihre Kontingenz zureichend verarbeitet, indem sie diese Kräfte zu einem dauerhaften Ensemble verarbeitet. Eine solche Macht müßte also eher eine soziale Kohärenz des Heterogenen herstellen, als daß sie es durch Repression homogenisierte.“[40] In diesem Zusammenhang erhellt sich die Entstehung der Disziplinarmacht in „Überwachen und Strafen“. Die der juridischen oder königlichen Macht zugehörigen Strafen des Einkerkerns oder Marterns werden allmählich durch Strafmechanismen mit durchaus produktiven Zielen abgelöst. Die „politische Ökonomie des Körpers“ korrespondiert mit einer Reihe anderer neuer Technologien, die flächendeckend sind und sich mit bereits vorgestellten Mechanismen verbinden. So entsteht beispielsweise an Stelle der Ausschließung der Anormalen die Produktion der Norm. „Die Macht kann ihren Aufwand von früher aufgeben. Sie nimmt die hinterlistige, alltägliche Form der Norm an, so verbirgt sie sich als Macht und wird sich als Gesellschaft geben. […] Der Diskurs des Königs kann verschwinden und ersetzt werden durch den Diskurs dessen, der die Norm angibt, dessen, der überwacht, der die Scheidung in das Normale und das Anormale vornimmt, das heißt durch den Diskurs des Lehrers, des Richters, des Arztes, des Psychiaters, schließlich und vor allen des Psychoanalytikers.“[41] Die Disziplinarmacht bedient sich folglich verschiedenster Techniken aus den unterschiedlichsten Bereichen des alltäglichen Lebens. Sie reagiert damit auf unterschiedliche historische Entwicklungen. Foucault führt etwa die demographische Entwicklung, die Vermehrung der zu kontrollierenden Gruppen wie Schüler oder Soldaten sowie das Anwachsen des Produktionsapparates an.[42] „Die Disziplinen sind Techniken, die […] die Vielfältigkeit der Menschen und die Vervielfachung der Produktionsapparate in Übereinstimmung bringen“. Die Machtbeziehungen seien dabei „nicht oberhalb der Vielfältigkeit ins Spiel zu bringen, sondern in deren eigenem Gewebe und so diskret wie möglich“.[43] Somit entsteht mit den Disziplinen, der Überwachung und der Prüfung sowie der neu aufkommenden Dokumentation all dessen, ein Wissen vom Individuum. Die neue Macht treibt nicht nur dieses Wissen voran, sie ist auch bei der Herstellung von Individuen wieder produktiv.[44] Und diese Individuen sind selbst elementarer Bestandteil der Macht, indem sie Macht zugleich als Objekte erfahren und als Instrumente ausüben. Diese Individuen sind sich ihrer Pflichten für das Gemeinwohl durch das Einhalten der Norm bewusst.

Die Disziplinarmacht in „Überwachen und Strafen“ ist besonders in zwei Punkten einer starken und teilweise berechtigten Kritik ausgesetzt. Zum einen steht Foucault mit seiner „Macht“ vor dem Problem, ihre Zentrumslosigkeit konsequent durchzuhalten. Der Sozialphilosoph Charles Taylor weist etwa darauf hin, dass die Idee der Macht oder der Herrschaft die Idee eines Zwanges braucht, der durch menschliches Handeln vermittelt auf jemanden ausgeübt wird. Ansonsten verliere der Begriff der Macht jede Bedeutung. „‚Macht’, so wie Foucault sie sieht, eng verknüpft mit ‚Herrschaft’, benötigt keinen klar umrissenen Täter, wohl aber ein Opfer.“[45] Und Thomas Lemke ergänzt: Aus der „tendenziellen Identifizierung von Macht und Disziplin ergibt sich das seltsame Bild einer ‚Genealogie der Macht’, die beständig die Produktivität der Machtverhältnisse ins Feld führt, um sie an einer Technologie zu illustrieren, die selbst eigentümlich beschränkt und ‚negativ’ bleibt: die Disziplin.“[46]. Allerdings löst Foucault bereits in „Der Wille zum Wissen“ die Macht, beinahe unmerklich, von der teilweise dem Repressiven verhafteten Disziplin. Hier heißt es: „Unter Macht, scheint mir, ist zunächst zu verstehen: die Vielfältigkeit von Kräfteverhältnissen, die ein Gebiet bevölkern und organisieren; das Spiel, das in unaufhörlichen Kämpfen und Auseinandersetzungen diese Kräfteverhältnisse verwandelt, verstärkt, verkehrt; die Stützen, die diese Kräfteverhältnisse aneinander finden, in dem sie sich zu Systemen verketten - oder die Verschiebungen und Widersprüche, die sie gegeneinander isolieren; und schließlich die Strategien, in denen sie zur Wirkung gelangen und deren große Linien und institutionelle Kristallisierungen sich in den Staatsapparaten, in der Gesetzgebung und in den gesellschaftlichen Hegemonien verkörpern.“[47] Die Macht wird nicht, wie es die Disziplin impliziert, einseitig von den Einen auf die Anderen ausgeübt. Vielmehr müsse man davon ausgehen, dass „die vielfältigen Kraftverhältnisse, die sich in den Produktionsapparaten, in den Familien, in den einzelnen Gruppen und Institutionen ausbilden und wirken, als Basis für weitreichende und den gesamten Gesellschaftskörper durchlaufende Spaltungen dienen. Diese bilden dann eine große Kraftlinie, die die lokalen Konfrontationen durchkreuzt und verbindet […]. Die großen Herrschaftssysteme sind Hegemonie-Effekte, die auf der Intensität all jener Konfrontationen aufruhen.“[48]

Diesen vielfältigen Kraftverhältnissen liegt laut Foucault kein Subjekt zu Grunde, dennoch ein Kalkül, eine Intention. „Weder die regierende Kaste, noch die Gruppen, die die Staatsapparate kontrollieren, noch diejenigen, die die wichtigsten ökonomischen Entscheidungen treffen, haben das gesamte Macht- und damit Funktionsnetz einer Gesellschaft in der Hand. Die Rationalität der Macht ist die Rationalität von Taktiken, die sich in ihrem beschränkten Bereich häufig unverblümt zu erkennen geben - globaler Zynismus der Macht -, die sich miteinander verketten, einander gegenseitig hervorrufen und ausbreiten, anderswo ihre Stütze und Bedingung finden und schließlich zu Gesamtdispositiven finden: auch da ist die Logik noch vollkommen klar, können die Absichten entschlüsselt werden - und dennoch kommt es vor, daß niemand sie entworfen hat und kaum jemand sie formuliert: impliziter Charakter der großen anonymen Strategien, die nahezu stumm, geschwätzige Taktiken koordinieren, deren ‚Erfinder’ oder Verantwortliche oft ohne Heuchelei auskommen.“[49]

In Bezug auf diesen „tiefgehenden Skeptizismus gegenüber jeglichem Determinismus“ und der bei Foucault „notwendigen Nichtentsprechung aller Praktiken untereinander“ stellt allerdings zum Beispiel Stuart Hall fest, dass von einer solchen Position aus weder eine gesellschaftliche Formation noch der Staat begriffen werden könnten. „Denn wann immer er [Foucault] - seinen eigenen erkenntnistheoretischen Positionen zum Trotz - über bestimmte ‚Korrespondenzen’ stolpert (so beispielsweise über den einfachen Umstand, daß alle wesentlichen Momente des Wandels, denen er in seinen Abhandlungen über Strafjustiz, Sexualität, Medizin, Psychiatrie, Sprache und politische Ökonomie nachspürt, genau an dem Punkt zusammenzulaufen scheinen, an dem Industriekapitalismus und Bourgeoisie ihr schicksalhaftes Stelldichein haben), verfällt er in vulgären Reduktionismus, der seine hochkomplexen Positionen, die er an anderer Stelle entwickelt, Lügen straft.“ Er verstehe es durchaus, die Klassen, die er kurz zuvor von der Haustür vertrieben hat, wieder durch die Hintertür einzulassen.[50]

Dreyfus und Rabinow nehmen sich dieses Problems an und erläutern es: „Es gibt eine Logik der Praktiken. Es gibt einen Schub in Richtung auf ein strategisches Ziel, doch niemand schiebt.“ Dieses Ziel habe sich historisch ergeben, allerdings ohne Intentionen der Handelnden auf den Gesamteffekt. Die Gerichtetheit entstehe vielmehr auf der Ebene der Praktiken durch geringfügige Berechnungen, Willenzusammenstöße, Interessenverwicklungen. „Diese erhalten von den politischen Machttechnologien Form und Richtung. Nichts an dieser Gerichtetheit ist eigenständig, und folglich läßt sie sich auch nicht ableiten. Sie ist kein angemessenes Objekt für eine Theorie.“ Dennoch kann diese Gerichtetheit analysiert werden, und eben das sei Foucaults Vorhaben.[51] Dass der Staat allerdings nur historisches Resultat lokaler Auseinandersetzungen sein soll, bleibt vorerst bis zur „Geschichte der Gouvernementalität“, zumindest in Foucaults Veröffentlichungen, ein unbearbeitetes Problem.

Das zweite, in Bezug auf die Disziplinarmacht, auftretende Problem besteht darin, dass Foucault in „Überwachen und Strafen“ ein Individuum entwirft, das nur ein unterworfenes „sujet“ ist und kein wirklich erkennendes oder handelndes Subjekt.[52] „Foucaults Körper haben keine Gesichter“[53], bemängelt beispielsweise Anthony Giddens. Zwar stellt Foucault die Verfertigung der Individuen als produktiven Akt der Macht dar, dennoch ist das Subjekt, das im ersten Band zu „Sexualität und Wahrheit“ auf die Bühne tritt, deutlich aktiver als noch das disziplinierte Individuum in „Überwachen und Strafen“, welches sich nur in Bezug auf seinen Gehorsam passiv zu verhalten weiß; wenn diese Aktivität zunächst auch auf eine Selbsterkenntnis beschränkt bleibt, die wiederum nur ein Produkt der Macht ist und diese in ihrer Effizienz stärkt.

[...]


[1] M. Foucault (1974): Die Ordnung des Diskurses. München: Hanser, S. 7. Die Fußnoten erscheinen im Folgenden nicht immer nach Zitaten sondern auch nach übernommenen Sinnzusammenhängen, die mehrere Zitate enthalten können.

[2] ebd., S. 8

[3] ebd., S. 20

[4] ebd., S. 23 f.

[5] Foucault wählt als archaisches Beispiel die Rhapsoden, weist aber auch auf den aktuellen medizinischen Diskurs hin.

[6] Foucault (1974), S. 27 f.

[7] ebd., S. 30

[8] ebd., S. 41

[9] ebd., S. 42 f.

[10] ebd., S. 13

[11] ebd., S. 15

[12] ebd., S. 45

[13] ebd., S. 47

[14] M. Foucault (1978b): Wahrheit und Macht. In: Ders.: Dispositive der Macht. Michel Foucault über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Berlin: Merve, S. 29

[15] ebd.

[16] M. Foucault (2002b): Nietzsche, die Genealogie, die Historie. In: Ders.: Dits et Ecrits. Schriften. Zweiter Band. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 166

[17] ebd., S. 169 f.

[18] ebd., S. 172 f.

[19] vgl. F. Nietzsche (1994): Jenseits von Gut und Böse. Köln: Könemann, S. 115: „Der Mensch aus einem Auflösungs-Zeitalter, welches die Rassen durcheinanderwirft, der als Solcher die Erbschaft einer vielfältigen Herkunft im Leibe hat, das heißt gegensätzliche Triebe und Wertmaße, welche miteinander kämpfen und sich selten Ruhe geben, - ein solcher Mensch der späten Kulturen und der gebrochnen Lichter wird durchschnittlich ein schwächerer Mensch sein: sein gründlichstes verlangen geht darnach, daß der Krieg, der er ist, einmal ein Ende habe;…“.

[20] M. Foucault (2002b); S. 174

[21] ebd., S. 180

[22] In einem Interview nach Nietzsche befragt, antwortet Foucault wie folgt: „Nietzsche ist derjenige, der als Hauptzielscheibe für den philosophischen Diskurs das Machtverhältnis aufgestellt hat. Für Marx war es das Produktionsverhältnis. Nietzsche ist der Philosoph der Macht, dem es gelungen ist, die Macht zu denken, ohne sich dabei in eine politische Theorie einzuschließen. Nietzsches Präsenz ist immer wichtiger. Aber ich finde es langweilig, wenn man ihm Kommentare widmet, wie man sie auch über Hegel und Mallarmé schreibt. Was mich betrifft, ich benutze die Leute, die ich mag. Die einzige Anerkennung, die man einem Denken wie dem Nietzsches bezeugen kann, besteht darin, daß man es benutzt, verzerrt, mißhandelt und zum Schreien bringt. Ob einem die Kommentaren Treue bestätigen oder nicht, ist völlig uninteressant.“ (M. Foucault (1976b): Räderwerke des Überwachens und Strafens. In: Ders.: Mikrophysik der Macht. Michel Foucault über Strafjustiz, Psychiatrie und Medizin. Berlin: Merve, S. 46 f.)

[23] M. Foucault (1994): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 36 f.

Vgl. die Argumentation von H. Dreyfus / P. Rabinow (1987): Michel Foucault: Jenseits von Strukturalismus und Hermeneutik. Frankfurt am Main: Athenäum, S. 141

[24] M. Foucault (1994), S. 9 ff.

[25] T. Lemke (2005): Geschichte und Erfahrung. Michel Foucault und die Spuren der Macht. In: M. Foucault: Analytik der Macht. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 329

[26] M. Foucault (1994), S. 35

[27] ebd., S. 174

[28] ebd., S. 197

[29] ebd., S. 175

[30] ebd., S. 175 f.

[31] ebd., S. 177 f.

[32] M. Foucault (1994), S. 38

[33] M. Weber (2005): Wirtschaft und Gesellschaft. Frankfurt am Main: Melzer, S. 38

[34] H. Dreyfus / P. Rabinow (1987), S. 254

[35] „Was den Institutionen und Gesetzen eines Landes Macht verleiht, ist die Unterstützung des Volkes, die wiederum nur die Fortsetzung jenes ursprünglichen Konsenses ist, welcher Institutionen und Gesetze ins Leben gerufen hat.“ (H. Arendt (2003): Macht und Gewalt. München: Piper, S. 42)

[36] M. Foucault (1983): Der Wille zum Wissen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 88 ff.

[37] M. Foucault (2005b): Maschen der Macht. In: Ders. (2005a), S. 223

[38] ebd., S. 227 f.

[39] M. Makropoulos (1985): Kontingenz und Selbstgewissheit. Bemerkungen zu zwei Charakteristika moderner Gesellschaften. In: Dane, Gesa… (hrsg.): Anschlüsse. Versuche nach Michel Foucault. Tübingen: edition diskord, S. 20

[40] ebd., S. 21

[41] M. Foucault (1976c): Die Macht und die Norm. In: Ders. (1976a), S. 123

[42] M. Foucault (1994), S. 280

[43] ebd., S. 281 f.

[44] siehe ebd., S. 243 ff.

[45] Ch. Taylor (1992): Negative Freiheit? Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 220

[46] T. Lemke (1997), S. 111

[47] M. Foucault (1983), S. 113 f.

[48] M. Foucault (1983), S. 115 f.

[49] ebd.

[50] S. Hall (1999), Cultural Studies. Zwei Paradigmen. In: Bromley, Roger… (hrsg.): Cultural Studies. Grundlagentexte zur Einführung. Lüneburg: zu Klampen, S. 136 f.

[51] H. Dreyfus / P. Rabinow (1987), S. 219

[52] vgl. das Kapitel „Gehorsamssubjekt“

[53] A. Giddens (1988): Die Konstitution der Gesellschaft, Frankfurt am Main, New York: Campus, S. 212

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Gouvernementalität und Subjekt bei Michel Foucault
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
91
Katalognummer
V92058
ISBN (eBook)
9783638057264
ISBN (Buch)
9783638948333
Dateigröße
725 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gouvernementalität, Subjekt, Michel, Foucault
Arbeit zitieren
Diplom-Sozialwissenschaftler Fabian Böer (Autor), 2007, Gouvernementalität und Subjekt bei Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92058

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