Konzeptuelle Metaphern nach Lakoff und Johnson am Beispiel von Rapperin JuJu

Analyse der metaphorischen Selbstinszenierung


Hausarbeit, 2020

32 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rap Geschichte: Aus der New Yorker Bronx nach Berlin

3. Sprachliche Charakteristika des Raps

4. Rhetorik des Raps: Der Reim

5. Metapherntheorie nach Lakoff & Johnson

6. Metaphorische Selbstinszenierung von Rapper*innen

7. Frauen im Deutschrap

8. Analysen der konzeptuellen Metaphern zur Selbstinszenierung

9. Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Einleitung

Spätestens seit der Metapherntheorie der Linguisten Lakoff und Johnson ist klar, dass die Metapher nicht nur Stilmittel ist, sondern auch die Wirklichkeit sprachlich und kognitiv greifbar macht. In ihrem Beitrag „Metaphors we live by" zeigen sie, dass Metaphern in routinierter und teilweise unbewusster Form auch in unserer Alltagssprache präsent sind. Was wir denken, fühlen und handeln, ist eng mit dem alltäglichen Konzeptsystem verbunden, nachdem wir unser Leben metaphorisch strukturieren.

Der Rap als Gattung der HipHop-Kultur wird immer häufiger Gegenstand der Linguistischen Forschung. Durch die Sprechakte, Wort- und Themenfelder und sprachlichen Mittel wird der Rap als neue Lyrische Form, nun auch nach dessen konzeptueller Metaphorik analysiert.

HipHop als „patriarchal organisierte, männlich dominierte und sexistische Kulturpraxis [...]" (Klein, Friedrich 2011: 206.) löste aktuell Diskussionen weiblicher Rapperinnen innerhalb der deutschen Rap-Szene aus. Die von Männern der Branche zugeschriebenen Rollenbilder werden von der weiblichen Konkurrenz nun parodiert und gezielt Kontext verzerrt. Ausgehend von dieser Debatte entwickelte sich das Interesse an der Forschungsfrage nach der metaphorischen Selbstinszenierung von Rapperinnen im Deutschrap.

Ziel dieser Hausarbeit ist es, am Beispiel der gewählten konzeptuellen Metaphorik von der Künstlerin Juju herauszuarbeiten, wie sich Rapperinnen in ihren Texten selbstinszenieren. Im Folgenden wird daher zuerst für das bessere Verständnis der historische Kontext des HipHops, insbesondere des Genres Rap vorgestellt. Anschließend soll im theoretischen Teil der Arbeit die Metapherntheorie von Lakoff und Johnson als Grundlage für diese Hausarbeit dargestellt werden. Zum Abschluss folgt eine Metaphernanalyse anhand zweier Texte von Rapperin JuJu. Innerhalb des Fazits werden alle genannten Teilaspekte dieser Arbeit zusammengefasst und in Kürze hervorgehoben.

2. Rap-Geschichte: Aus der New Yorker Bronx nach Berlin

Titten, Sex, Drogen. Um die charakteristischen Themenfelder und den vulgären Jugendslang der Rap-Szene besser verstehen zu können, hilft ein Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieser erfolgreichen Jugendkultur, die besser als keine andere „[...] das Lebensgefühl der verlassenen und vergessenen Jugendlichen ausdrückte.“ (Klein/ Friedrich 2011: 9.)

Wenn die Rapper in ihren Liedern die Metapher „Back to the roots“ verwenden, wissen die Konsumenten der traditionellen HipHop-Szene was gemeint ist: Die Ghettos der New Yorker Bronx der 1970er Jahre. Die Wurzeln des Hiphops liegen in den ärmsten Vierteln der USA. Ab den 1990er Jahren hat sich Rap ebenfalls in Deutschland zu einem erfolgreichen Genre etabliert. „Kanaken und Schwarze haben Hip-Hop erfunden / Doch Türsteher lässt sie nicht rein“, sagt Rapperin Juju in dem Song „Von Party zu Party“. (vgl. Angang, JuJu, Von Party zu Party) In Berlin waren es nämlich hauptsächlich jugendliche Migranten, die sich aus den Jugendzentren mit ihrer Musik in die deutschen Charts gesteigert haben.

Die Berliner Jugendlichen konnten sich ebenfalls mit der Lebensrealität identifizieren, die in den Songs der amerikanischen Klassiker thematisiert wurden. In den Ghettos, in welchen Armut, Kriminalität und Gewalt den Alltag prägten, wurde HipHop zu einer Art Ventil. Ein Ventil, um sich gewaltfrei zu duellieren. Der Kampfort der Gangs verlagerte sich von der Straße auf die Bühne und Mikrofone wurden zur Waffe. Die Soziologen Klein und Friedrich, bezeichnen HipHop als eine „Synthese aus Sprache, Bild, Musik und Tanz“ (Klein, Friedrich 2011: 30). Denn neben dem hier fokussierten Rap sind zudem das Graffiti, als bildliche Ausdrucksweise, und der Breakdance, als Tanzstil zu dem Beat der DJs, Ausdrucksmedien der HipHop Kultur (vgl. Ames, Marlene 2018: 11).

Die HipHoper nutzen die Kunst, um sich mitzuteilen. Anfangs bestand die Rolle der Rapper, auch MC's (Master of Ceremony) genannt, darin, den DJ (Discjockey) auf den Blockpartys anzumoderieren und durch Zurufe zu unterstützen (vgl. Ames, Marlene 2018: 13). Daraus entwickelte sich immer mehr die Unterhaltungskunstform des schnellen rhythmischen Sprechgesangs. Durch die steigende Interaktion des Rappers mit dem Publikum tauschten DJ und Rapper die Rollen (vgl. ebd.). Fortan wurde Rap zu einer Form des Nachrichtenaustausches, in dem der Rapper als Sprachrohr und Botschafter fungiert. Das macht sich ebenfalls an den Texten bemerkbar, denn aus den spontanen Auftritten wurden tiefgründige und durchdachte Texte mit kalkuliertem Reim und gezielt gewählten Metaphern.

Rap wird daher auch message music genannt also „[...] Musik mit einer Botschaft“ (ebd.). Auch heute genießen Rapper besonderen Respekt in der Szene, wenn die erzählten Geschichten zum Teil die eigene Biografie wiederspiegeln. Das Storytelling, das Erzählen von realen und fiktiven Begebenheiten, verleiht dem Rapper gleichzeitig Authentizität (vgl. ebd.).

Dass das Interesse am Rap stetig steigt, zeigen auch die deutschen Charts. „Deutschrap machte Anfang November 2017 23% der deutschen Top 30 Charts aus“ (Ames, Marlene 2018: 1). Die HipHop-Kultur und somit auch der Rap sind demnach aktueller denn je und entwickeln sich weiter zu einem noch größeren Kult. Ein besonderes charakteristisches Merkmal der Rapper seit dem Jahr 2000 sind poplastige Elemente. Den Genre-Mix aus Rap und Pop nennt Rapper Cro: Raop. (vgl. Sorg, Katharina, 2012) Zudem ist die vulgäre Sprache nicht mehr zwingend notwendig. Häufig werden Beleidigungen in aktuellen Texten nur noch als Stilmittel zur Provokation genutzt. Klein und Friedrich charakterisieren den Rap daher als „[...] ironische Übertreibungen, Wortspiele und Slang Fragmente, Variation von Tempo, Tonhöhe und Klangfarbe“ (Klein, Friedrich 2011: 15). In der Forschung wird der Rap immer häufiger Gegenstand von wissenschaftlichen Untersuchungen. Es wird diskutiert, ob Rap durch seine Rhetorik und sprachliche Orientierung als neue lyrische Form betrachtet werden kann (vgl. Auerbach, Nicole 2008: 1).

3. Sprachliche Charakteristika des Raps

Die Kommunikation mit dem Publikum ist ein wichtiges charakteristisches Merkmal für den Rap. Um die Botschaft der sog. message music zu unterstreichen, werden die Zuschauer oder Zuhörer des Raps häufig direkt mit einem „du“ angesprochen. Alle Rap-Gattungen verfolgen daher das Ziel, als „[...] musikalisches Aufklärungs- und Kommunikations-Medium“ zu fungieren. (Ames, Marlene 2018: 14) Nicht selten stellt sich der Rapper zu Beginn namentlich vor, um so mit direktem Einstieg in das Lied mit dem Publikum zu interagieren. Ich bin Juju44, Dicka, merk dir meinen Namen / Oder besser noch, du holst dir gleich mein Album und bezahlst ", rappt JuJu, bürgerlich Judith Wessendorf, in dem Intro ihres ersten Soloalbums. (vgl. Anhang, JuJu, Intro) Sie spricht ihren Hörer direkt an und rät ihm, ihr Album zu kaufen. Die Nennung des eigenen (Künstler-)Namens sei ein wichtiger formaler Bestandteil. (vgl. Auerbach, Nicole 2008, 3) Er macht „die Mitgliedschaft zur HipHop-Szene kenntlich, [...]" (ebd.) Im Fall von JuJu 44 hat der Rappername sogar eine Verortungsfunktion und dient so als Möglichkeit zur Identifikation mit der Rapperin. Die Zahl 44 aus ihrem Namen steht für den Berliner Stadtteil Neuköln, aus dem die Rapperin ursprünglich kommt. Die Sprechhandlung des namentlichen Vorstellens ist wichtig, da die Raptexte außerdem direkt oder indirekt von dem, was in anderen Städten oder Ländern passiert, berichten (vgl. Auerbach, Nicole 2008: 3). Beispielweise Juju in ihrem Song Winter in Berlin: „Neben der Moschee am Görli kannst du Gras kaufen/ Bis die Flüchtlinge vor den Bullen weglaufen/ U7 kannst du Crack kaufen/ U8 Heroin, Probleme einfach wegsaufen/ Oranienburger Straße dein Geld gegen Sex tauschen" (vgl. Anhang, JuJu, Winter in Berlin).

Mit dem Bezug auf ihre Herkunft, setzt die Künstlerin voraus, dass ihre Zuhörer die beschriebenen Geschehnisse wiedererkennen und zuordnen können. Um die Botschaft des Textes zu verstehen, ist ein gemeinsamer Wissensstand von Rapper und Hörer erforderlich. Gleichzeitig „[...] inszeniert der HipHopper, wie er wirklich ist" (Klein, Friedrich 2011: 152) indem er von seiner Lebensrealität im Viertel berichtet, mit der sich seine Zuhörer identifizieren können. Das verleiht dem Rapper in der Szene mehr Respekt durch Authentizität. Da sich Rap in den verschiedenen Vierteln unterschiedlich entwickelt, entstehen parallel andere Stilrichtungen und Themeninhalte. Welcher Rapper mit wem Beef1 hat und wer das höchste Ansehen genießt, wird durch den Nachrichten- und Aufklärungscharakter des Raps vermittelt (vgl. Auerbach, Nicole 2008: 4).

Der Rapper ist allerdings nicht nur das Sprachrohr seines Viertels, sondern auch das Sprachrohr seiner Generation. Durch Elemente wie der Montagetechnik ist der Rap auch ein Abbild seiner Zeit. „Referenzen auf die Populär- und Medienkultur sind charakteristisch für den Rap" (Auerbach, Nicole 2008: 5). Mit der Zeile „Like, abonnier meinen Channel und fick deine Mutter", beendet JuJu ihren Intro-Song. Die ironisierte Abmoderation ist typisch für die YouTuber ihrer Zeit. Durch die Bezugnahme auf die Sozialen Medien, die jeder Jugendliche kennt, wird erneut eine Identifikationsfläche für den Hörer aufgebaut. Mehr noch, der YouTuber wird durch den ironischen Ton verspottet. Dieser steht nämlich sinnbildlich für die auf Sozialen-Plattformen suggerierte „heile Welt" und ist damit ein Gegenbild zur HipHop­Szene, die das „reale Leben" portraitiert. Zwischen Rapper und Hörer wird somit ein sog. Wir- Gefühl hergestellt.

Das Gefühl von Zusammengehörigkeit wird dem Hörer auch durch die charakteristischen Themenfelder des Raps geboten. Diese orientieren sich stets an der Lebensrealität der Jugendlichen. Wenn ihr Alltag von Drogen, Sex und Kriminalität bestimmt ist, wird man diese Themen auch in den Songs der Rapper finden. Redewendungen und Begriffe aus dem Vulgärwortschatz sind bei einem Alltag, der von Armut und Kriminalität geprägt ist, charakteristisch für den Rap. Auch Rapperin JuJu bedient sich in ihren Songs häufig am Jugendslang des Neukölner Viertels und vulgären Ausdrücken zur Provokation. „Deine Gang sind Opfer, alles Fashion-Blogger/ Ich hab' gute Gene, ihr seid Hurensöhne“ (vgl. Anhang, Juju, Intro).

Provozieren wollten die Rapper ihren Rap-Gegner besonders auf einem Battle2. Weitere charakteristische Merkmale der Sprechhandlungen sind daher unteranderem das sog. Boasting, die Prahlerei und das sog. Dissen, das Beleidigen des Gegenspielers. Der Rap hat hier den Duellcharakter der Straßenkämpfe in den Armenvierteln übernommen. Die Künstler duellieren sich nun ausschließlich mit Verbalhandlungen. Traditionell lassen die Protagonisten dabei die gewohnten Bilder der Alltagsrealität in die Rap-Texte fließen. Es kommt zum fiktiven Disput zwischen dem traditionellen Bild von Männlichkeit und innovativen und kreativ eingesetzten Verbalhandlungen. Die überspitzte Selbstdarstellung im Boasting geht häufig mit maskulinen Stereotypen einher (vgl. Klein/Friedrich 2003: 22). Schnelle Autos, viel Geld und hübsche Frauen bilden dabei die Klischees. Wie die weiblichen Rapperinnen diese Männlichkeitsklischees umsetzen, wird im Absatz „Frauen im Deutschrap“ genauer erläutert. Schlagfertigkeit ist Voraussetzung, wenn man ein Battle gewinnen will. Wird man gedisst, gilt es den Gegner mit besserer Technik, also schnellerem Flow3 der schwierigeren Reimketten zu übertrumpfen. Der Rap ist somit auch eine Form der Selbstprofilierung.

4. Rhetorik des Raps: Der Reim

Der Reim, als prägnantestes Stilmittel des Raps, hat in erster Linie die Funktion, die Aussagekraft des Textes phonetisch zu unterstreichen. Ähnlich wie in der Gattung der Lyrik treten Reime in verschiedenen Formen auf. Die am häufigsten vorkommenden Reimschemata sind der Paar-, End-, Binnen- oder Kreuzreim (vgl. Ames, Marlene 2018:13, vgl. Baier 2012: 73). Da der Rap den Alltag der Jugendlichen in seinen Texten thematisiert, ist er auch sprachlich an der gesprochenen Jugendsprache orientiert. Das wirkt sich ebenfalls auf die Reimstruktur in den Texten aus. Die für den auditiven oder live Konsum verfassten Reime sind in der geschriebenen Fassung häufig unrein (vgl. Auerbach, Nicole 2008: 6). Der folgende Auszug aus JuJus „Intro“, ist nur ein Beispiel von vielen: „Guck, ich bestell' mir mehrere Pizzen (ja)/ Frag' den Liefertypen, „Was kriegst'n?“ (ja) Er sagt, „27, 95 bitte/ Und ein Autogramm von SXTN“. (vgl. Anhang, JuJu, Intro)

Auf dem Papier sind die fett gekennzeichneten Reime „Pizzen/ kriegst'n / SXTN“ unsauber und harmonieren klanglich nicht optimal. Durch die Aussprache im Jugendslang [kh«i:gstn] allerdings, klingt es, wie ein sauberer Reim (aaba). In einem anderen Beispiel aus dem Lied „Sommer in Berlin“ wird der Reim bewusst lautlich angenähert, um einen klanglich sauberen Effekt zu erzeugen: „Traube-Minze in jeder Straß e/ Aber roll' meine Joints lieber auf Terrass e Guck auf Sonnenalle e/ Im Sommer tust du gut und im Winter tut's w eh “. (vgl. Anhang, JuJu, Sommer in Berlin)

Aus den beiden eigentlichen Paarreimen „Straße/ Terrasse“ und „Allee/ weh“ (aa,bb) wird durch die lautliche Annäherung ein Haufenreim (aaaa). Der mittlere Zentralvokal [s] aus Straße und Terrasse wird zu einem ungerundeten halbgeschlossenem Vorderzungenvokal [e] wie in Allee und weh.

Der charakteristische Sprechgesang auf einem Beat geht somit mit dem Reim einher, da der Reim zum einen klanglich den Beat unterstützt, zum anderen aber auch die Texte memorierbarer macht (vgl. Auerbach, Nicole 2008: 6). Je innovativer und kreativer der Reim, desto mehr Ansehen gewinnt der Rapper. Insbesondere bei Live-Battles ist der bessere Reim häufig der Siegesgrund.

5. Metapherntheorie nach Lakoff & Johnson

(1) Ein Argument entkräften, (2) in diesem Augenblick, (3) die Spitze der Charts erklimmen - Ausdrücke wie diese, verwenden wir täglich, um von Erfahrungen oder abstrakten Sachverhalten zu erzählen. Dass wir somit beinahe permanent in Metaphern kommunizieren, ist dem Sprecher sowie dem Rezipienten häufig nicht bewusst. Die Linguisten George Lakoff und Mark Johnson leisteten 1980 einen bedeutenden Beitrag für unser heutiges Verständnis von Metaphorik und erweiterten damit den Begriff der Metapher. In ihrem Beitrag „Metaphors we live by" zeigen sie, dass Metaphern in routinierter und teilweise unbewusster Form auch in unserer Alltagssprache präsent sind und sich nicht nur als Stilmittel der poetischen Sprache, wie etwa in Gedichten, beschränken. Nach Lakoff und Johnson seien Metaphern neben ihrer sprachlichen Erscheinung außerdem „[...] eine Arbeitsweise der menschlichen Kognition, eine Form der Erfahrungsbewältigung" (Baldauf, Christa 1996: 16). „... metaphor is not just a matter of language, that is, of mere words. We shall argue that, on the contrary, human thought processes are largely metaphorical." (Lakoff/Johnson 1980a: 6) Ihre Theorie besagt, dass der Mensch metaphorische Konzepte verwendet, um einen komplexen oder abstrakten Sachverhalt greifbarer zu machen (vgl. Baldauf, Christa 1996: 16). Dazu werden Bilder aus elementaren Erfahrungen gewählt, die den zu erklärenden Sachverhalt strukturieren und somit dem Hörer ein leichteres Verständnis ermöglichen. Die in der Sprache routinierten Metaphern lassen sich nach Lakoff und Johnson zu Metaphern­Systemen ordnen. Das bedeutet, dass sich mehrere Metaphern einem bestimmten Bild zuordnen lassen, die zu einem Erfahrungsbereich gehören. Bei der Konzeptualisierung von Emotionen seien wir auf Metaphorik sogar weitgehend angewiesen (vgl. Baldauf, Christa 1996: 17).

Die genannte Metapher aus Beispiel 1 gehört demnach zu der konzeptuellen Ebene ARGUMENTIEREN IST KRIEG. Um den Duellcharakter einer Diskussion zu verdeutlichen, wird in diesem Beispiel zu einem auf dem Bild des Krieges beruhenden Metaphern-Sytem zurückgegriffen, welches den Bereich Argumentieren strukturiert. Folglich definieren Lakoff und Johnson den Begriff der Metapher neu:

„The essence of metaphor is understanding and experiencing one kind oft thing in terms of another." (Lakoff/Johnson 1980 a: 5).

Metphern-Systeme des Alltags gehen aufgrund ihrer weiten Verbreitung und aufgrund der Intersubjektivität der ihnen zugrunde liegenden Metaphern-Konzepte als feste, routinierte Bestandteile in eine Sprache ein, werden somit Teil der herrschenden sprachlichen Konventionen und prägen u.U. das Weltbild der betreffenden Kultur (vgl. Baldauf, Christa 1996: 19).

Die bereits erläuterte Metapher DISKUSSION IST KRIEG, gehört zu den sogenannten Strukturmetaphern. Lakoff und Johnson unterteilen Metaphern-Konzepte und Metaphern­Systeme je nach Art der physischen und kulturellen Erfahrungen in drei verschiedene Gruppen alltäglicher Metaphorik: Orientierungsmetaphern, ontologische Metaphern und Strukturmetaphern (vgl. Baldauf, Christa 1996: 20). Die Orientierungsmetapher hat wie der Name verrät, mit der Orientierung im Raum zu tun: oben-unten, innen-außen, vorne-hinten etc. Sie nutzt die Grunderfahrung des Menschen und verleiht somit einem abstrakten Konzept eine räumliche Beziehung. Die folgenden Beispiele dienen zur Veranschaulichung: VIEL IST HÖHE (ein hohes Einkommen), GLÜCK IST OBEN (ich bin in Höchst stimmung) oder auch SCHLECHT IST UNTEN (das ist unterstes Niveau). Juju verwendet in ihrem Song „Bye Bye“ das Konzept UNGLÜCK IST UNTEN „Habe alles versteckt unter mei'm Kajal“, um metaphorisch zu unterstreichen, dass sie ihre Trauer verbirgt und überspielt bzw. „überschminkt“. (vgl. Anhang, JuJu, Bye Bye)

Ein weiteres metaphorisches Konzept bilden die ontologischen Metaphern. Diese übertragen die Grunderfahrungen mit physischen Objekten oder auch dem eigenen Körper auf Abstrakta wie Emotionen und Ideen, und weisen ihnen Objekt- bzw. Substanzchatkater zu (vgl. Baldauf, Christa 1996: 20). Ontologische Metaphorik sei hochgradig konventionalisiert und ermögliche die Lokalisierung, Kategorisierung und Quantifizierung abstrakter Sachverhalte (ebd.). Baldauf listet für das Konzept ABSTAKTA SIND DINGE unteranderem das Beispiel „[...] eine Reihe von Fragen“ auf (vgl. ebd.). Eine besondere Stellung in Bezug auf die ontologischen Metaphern hat die sog. Behältermetapher sowie die Personifikation. Die Behältermetapher strukturiert abstrakte Vorstellungen, indem sie beispielsweise die Vorstellung von ZEIT ALS BEHÄLTER konzeptualisiert. Beispiele für dieses Konzept sind: „In der Zukunft“ oder „innerhalb von zwei Tagen“. Die Zeit wird auf den Bildgehalt eines Behälters projiziert, in den etwas hineingelegt werden kann. Abstrakta wie Zeit, Emotionen oder Ideen erhalten mithilfe der Behältermetapher klare Abgrenzungen, die ihnen ein ,Inneres‘ und ,Äußeres‘ verleihen. (vgl. Baldauf, Christa 1996: 21). Die Personifikation hingegen, konzeptualisiert ABSTAKTA ALS PERSON. Nicht-menschlichen Abstrakta, wie Tod und Religion, werden menschliche Eigenschaften zugeschrieben: (Dem Tod in die Augen sehen), (das Gefühl trügt), (Die Religion vorleben).

Die dritte Gruppe bildet die bereits erwähnte Strukturmetapher. Mithilfe struktureller Metaphern werden komplexe Erfahrungsbereiche durch erfahrungsnähere Situationskonstellationen verbildlicht. Beispielsweise gehört die oben bereits genannte Kriegsmetaphorik ARGUMENTIEREN IST KRIEG in diese Gruppe. Eine Besonderheit struktureller Metaphern ist, dass sie bestimmte Aspekte der zur Konzeptualisierung verwendeten Metapher hervorheben und andere Verdecken. Lakoff und Johnson nennen dieses Phänomen „highlighting an hiding“ (Lakoff/ Johnson 1980a: 10).

Gängige Metaphern- Konzepte im Rap sind beispielsweise RAP ALS DROGE, RAP ALS KRIEG, RAP ALS MEDIZIN oder auch RAP ALS GELIEBTE PERSON. JuJu macht in ihren Texten ebenfalls Gebrauch von konventionalisierten Metaphern. In ihrem Song „Live Bitch“ rappt sie: „[...] ich inhaliere die Musik mit jedem Atemzug“. (vgl. Anhang, JuJu, Live Bitch) Dieses Beispiel ist dem Metaphern-System zuzuordnen, welches mit dem Bildgehalt der Droge, den Bereich Rap strukturiert. Auch für die Selbstinszenierung verwenden Rapper als auch Rapperinnen konventionalisierten Metaphern. Diese gilt es am Beispiel ausgewählter Texte von Rapperin JuJu im Analyseteil herauszuarbeiten.

6. Metaphorische Selbstinszenierung von Rapper*innen

Mit Bildhafter Sprache, Vergleichen und Metaphern hebt sich der Rapper von seinen Gegnern aufgrund seiner künstlerischen Fähigkeiten und Sprachgewandtheit ab. Seine Selbst- aber auch die Fremdinszenierung wird im Rap besonders durch die Verwendung konventioneller Metaphern akzentuiert. Die für den Gangsta-Rap charakteristische Kriegsmetaphorik betont daher nicht nur das „technische Können“ des Künstlers, sondern unterstreicht auch sein Image des „[...] toughen Performers in einer rauen, feindlich gesonnenen Umwelt“ (Lüdtke, Solveig: 179 ff.). Auch nutze der Rapper das Konzept Kampf, um sich als „Überlebenskünstler und Meister von Schicksalsschlägen“ (vgl. ebd.) zu stilisieren. Des Weiteren erscheinen Kampfmetaphern im Rap zur „[...] Selbstpositionierung, Überhöhung und Abgrenzung sowie zur Solidarisierung mit sozialen und ethnischen Gruppen und verweisen auf miteinander verflochtene Kultur-, Sprach- und Gendertraditionen“ (vgl. ebd.). Weitere Metaphern­Konzepte wie Liebe, Sex, und Luxusgüter, verdeutlichen den Erfolg des MC's durch dessen Erhöhung.

Eine entspannte Persönlichkeit und Coolness inszeniert der Rapper mit seinem Drogenwortschatz (ebd.). Weitere Metaphern-Konzepte zur Selbstinszenierung von Rappern sind Hitze und Sex, zur Verbildlichung erregender Effekte und Nahrungsmetaphern zur Inszenierung von Genuss (ebd.).

7. Frauen im Deutschrap

„Dis is' wie bei ,Nig*er‘ nur ich selbst darf mich Fotze nennen“ - mit diesen Zeilen aus ihrem Lied „Berliner Schnauze“ trifft Rapperin Juju genau den Zeitgeist der aktuellen deutschen Rap­Szene. (vgl. Anhang, JuJu, Berliner Schnauze) Es ist allgemein bekannt, dass der Rap von Männern domminiert wird. Neben wenigen Ausnahmen geht es in den meisten Texten auch heute um Drogen, Sex und teure Autos. Die Beats der modernen Rapper mischen sich mit poplastigen Elementen, jedoch bleiben ihre Texte traditionell voller Gewalt und frauenverachtender Aussagen. Deshalb wird HipHop als „[...] patriarchal organisierte, männlich dominierte und sexistische Kulturpraxis [...]" (Klein, Friedrich 2011: 206) begriffen. Die Rapperinnen der Szene gehen unterschiedlich mit der sexistischen Sprache der Männerkultur um. Die eine Strategie ist es, sich ganz von den sexistischen Rollenzuschreibungen abzuwenden, die andere Strategie verfolgt das Ziel, durch bewusste Übernahme von Handlung und Sprache der männlichen Rapper, das zugeschriebene Rollenbild zu entkräften (vgl. Ames, Marlene 2018: 22, zitiert nach Schröer 2013: 166).

„Ob ich in deinem oder in meinem Video die Bitch bin - das macht einen Unterschied", erklärt auch Rapperin Shirin David ihren Followern in ihrer Instagram-Story. Medien und Künstler prägen das Bild der Frau in der Gesellschaft maßgeblich. Einen wichtigen Einfluss habe daher auch das Genre Rap, „[...] durch das eine explizite Meinung über Geschlechterrollen kommuniziert wird“ (vgl. Ames, Marlene 2018: 2). In den USA, wo der Ursprung der HipHop­Kultur liegt, gestallten Rapperinnen wie Missi Elliot, Lil'Kim oder aktuell Nicki Minajl und Cardi B bereits erfolgreich die Szene mit. In ihren Texten thematisieren und spielen sie bewusst mit Männlichkeits-Klischees. In Deutschland sind die weiblichen Sprechgesangskünstlerinnen jedoch noch stark unterrepräsentiert. Das scheint sich zu ändern: Vorreiterrinnen wie Rapperin Kitty Kat, Pyranja oder Schwesta Ewa machten in Deutschland den Weg frei. Jetzt feiern immer mehr weibliche Künstlerinnen ihren Erfolg auch in den Charts. Darunter auch Rapperin JuJu.

Bisher war Juju, bürgerlich Judith Wessendorf, nur bekannt als Rapp-Duo SXTN gemeinsam mit Rapperin Nura, bürgerlich Nura Habib Omer. Das Duo SXTN war als Beispiel für die weibliche Selbstinszenierung bereits Gegenstand der deutschen Rap-Forschung (vgl. ebd.). Seit November 2018 sind die beiden Rapperinnen, die für auffallend vulgäre und provokante Texte über Drogen und Mittellosigkeit bekannt waren, getrennt. Im Juni 2019 veröffentlichte JuJu ihr erstes Solo-Album. Kultur-Magazine wie Spiegel.de berichten über ihren Erfolg: „Juju kann nicht nur harte Verse herunterrattern, sondern auch veritable Pophits schreiben: Mit der Rap­Ballade ,Vermissen' und Duettpartner Henning May von AnnenMayKantereit hat die 26­Jährige in den vergangenen Wochen ihren ersten Nummer-eins-Hit als Solokünstlerin verbucht. Das gelang vor ihr nur Sabrina Setlur, damals, 1997, mit ,Du liebst mich nicht'. ( vgl. Borcholte, Andreas, 2019) . Auch von anderen Rap-Journalisten wird sie oft für ihre besonderen Flow-Skills und ihre Vielseitigkeit gelobt.

Im Folgenden werden Jujus Texte aus ihrem aktuellen Album Bling Bling hinsichtlich ihrer metaphorischen Selbstinszenierung als Rapperin analysiert. Als Grundlage für die Analyse dient die vorgestellte Metapherntheorie von Lakoff und Johnson, unter Berücksichtigung der charakteristischen Merkmale des Genres Rap. Zur besseren Einordnung werden die Inhalte der Texte jeweils vorab zusammengefasst.

8. Analyse der konzeptuellen Metaphern zur Selbstinszenierung

Das erste Lied auf JuJus Album nennt sich Intro und kann als Trailer oder Ansage für die darauffolgenden Songs auf dem Album verstanden werden. (vgl. Anhang, JuJu, Intro) Inhaltlich geht es um die männerdominierte Rap Szene, dessen Mitglieder sie scharf kritisiert und denen sie ihren Erfolg ankündigt. In dem Song spricht JuJu einen realen oder imaginären männlichen Gegner an, mit dem sie rivalisiert. Hauptthemenfelder des Intros sind: Erfolg und Rum sowie Reichtum und Luxus. Sie verwendet hauptsächlich die Technik des Metaphorischen Szenarios, durch eine besonders bildhafte Ausdrucksweise. Im Verlauf werden die markantesten Metaphern hervorgehoben:

Die ersten Zeilen des Songs, leitet JuJu mit der Abwertung ihres Rap-Rivalens und der eigenen Aufwertung ein. Dafür verwendet sie folgende Behältermetaphern: „Rappern fällt nichts mehr ein gefolgt von einer zweiten Behältermetapher und einem Vergleich: „Paar Wörter in den Takt pressen/ ist für mich leichter als essen“. Die erste ontologische Metapher ZUSTAND ALS BEHÄLTER beschreibt den Zustand des Gegners ohne Ideen. Damit geht eine Fremdpositionierung einher, denn sie positioniert den gegnerischen Rapper als einfallslos und unkreativ. Mit der darauffolgenden Metapher ABSTAKTA IST BEHÄLTER (Paar Wörter in den Takt pressen) erfolgt ihre Selbstpositionierung als geübte, routinierte Rapperin. Der Vergleich „leichter als essen“ betont gleichzeitig den Genussaspekt von Rap.

Die darauffolgende ontologische Metapher ist besonders interessant im Kontext der sexistischen Sprache und zugeschriebenen Geschlechterrollen im Rap. Mit der Personifikation „[...] die Presse kann mir einen lutschen“, parodiert JuJu das gängige Bild von Männlichkeit, indem sie sich selbst männliche Attribute zuschreibt. Dadurch wird das Bild einer starken Rapperin suggeriert, welcher die Meldungen der Presse unwichtig sind. Mehr noch setzt sie die Presse mit dem sexistischen Ausdruck herab. Dass sie die aktuelle Szene nicht ernst nimmt und für unecht und gestellt betrachtet, macht JuJu mit der Strukturmetapher „Rap ist ein Schauspiel“ deutlich. Mit dem Konzept RAP ALS THEATHERSTÜCK kritisiert JuJu an dieser Stelle, dass die Rapper der Szene nicht authentisch sind und den Zuschauern etwas „vormachen“. Die Metapher verbirgt dabei allerdings den Aspekt der künstlerischen Freiheit und die detailreiche Planung für ein professionelles „Schauspiel“. Durch die erneute Fremdbestimmung inszeniert die Rapperin sich indirekt als die eigentliche „echte“ Rapperin der Szene.

Besonders innovativ ist die Strukturmetapher RAP ALS HANDEL MIT DEM JENSEITS: „Bruder (ja) Bruder/ Jeder nennt dich ,Bruder'/ Doch Vertrag gibt's nur mit Gott/ Oder dem Teufel“. Die Bezeichnung „Bruder“ ist im Jugendslang etabliert und wird für besonders enge Freunde und Kollegen verwendet. JuJu verschiebt den Kontext und setzt den Ausdruck „Bruder“ in das metaphorische Szenario eines Geistlichen in der Kirche, der vor der Wahl steht, ein Bündnis mit Gott oder dem Teufel einzugehen. Übertragen auf die Rap-Szene, kritisiert JuJu erneut auf besonders kreative Weise, dass einige Rapper nicht fair handeln und illegale Mittel einsetzen, um an Rum zu gelangen. Auch in den darauffolgenden Zeilen, verweilt JuJu weiterhin innerhalb dieses Szenarios: „Ich schwör' dir, die Hälfte sind morgen out/ Reiten die Welle noch bis zum Morgengrauen“. Um den kurzweiligen Ruhm ihrer Konkurrenz zu unterstreichen, greift das genannte Beispiel zu einem auf dem Bild der Welle im Meer beruhenden Metaphernsytems zurück, welches den Bereich Ruhm strukturiert. Das erfahrungsnähere Konzept des Surfers, der nur wenige Minuten auf einer Welle stehen kann, bis diese vorüber ist, dient hier für die Fremdbestimmung des untalentierten Rap-Gegners und der damit einhergehenden eigenen Aufwertung.

[...]


1 Beef = meist rein verbales Streit-Duell unter Rappern.

2 Rap-Battle= verbaler Kampf unter Rappern bei dem es darum geht, durch das Boasting und Dissen seinen Gegner stilistisch und musikalisch zu übertrumpfen.

3 Flow= fließender Rap zum Beat. Die Qualität des Flows wird an einer möglichst gleichen Silbenanzahl der Verse gemessen.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Konzeptuelle Metaphern nach Lakoff und Johnson am Beispiel von Rapperin JuJu
Untertitel
Analyse der metaphorischen Selbstinszenierung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistik)
Veranstaltung
Metaphern
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
32
Katalognummer
V920660
ISBN (eBook)
9783346241559
ISBN (Buch)
9783346241566
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Proseminararbeit
Schlagworte
Metapher, Lakoff Johnson, Selbstinszenierung, JuJu, konzeptuelle Metapher, Rap, Metaphern im Rap, Metapherntheorie, Frauen im Rap, Deutschrap
Arbeit zitieren
Taibe Akdeniz (Autor), 2020, Konzeptuelle Metaphern nach Lakoff und Johnson am Beispiel von Rapperin JuJu, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/920660

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