Rauchen zur Stressbewältigung bei der Polizei. Einstellung von Polizisten und Umgang mit Stress


Bachelorarbeit, 2019

56 Seiten, Note: 1,00


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Stress
2.1 Begriffsbestimmung des Stresses
2.2 Stressoren und ihre Wirkung auf den Körper
2.3 Stressoren im Polizeiberuf
2.4 Strategien im Umgang mit Stress

3 Sucht
3.1 Begriffsbestimmung der Sucht/Abhängigkeit
3.1.1 Physische Abhängigkeit
3.1.2 Psychische Abhängigkeit
3.1.3 Wirkung von Nikotin
3.2 Rauchen
3.2.1 Begriffsbestimmung des Rauchens
3.2.2 Verbreitung und Entwicklung
3.2.3 Gesundheitliche Folgen
3.2.4 Rauchen im polizeilichen Kontext
3.2.5 Der Zusammenhang zwischen Stress und Rauchen
3.3 Empirische Fragestellung und Forschungsannahmen

4 Beschreibung der Methode
4.1 Stichprobe
4.2 Instrumente
4.3 Durchführung
4.4 Statistische Verfahren

5 Beschreibung der Ergebnisse
5.1 Erste Forschungsannahme
5.2 Zweite Forschungsannahme
5.3 Dritte Forschungsannahme

6 Diskussion der Ergebnisse
6.1 Zusammenfassung der Ergebnisse
6.2 Beurteilung der Ergebnisse
6.3 Limitationen der Studie
6.4 Weitere Forschungsmöglichkeiten
6.5 Implikationen für die Polizei

7 Fazit

Literaturverzeichnis

Anhang A: Online-Fragebogen

Anhang B: Outputs von SPSS zu Interferenzstatistiken

Abstract

Das Ziel der vorliegenden Bachelorarbeit war es zu untersuchen, welche Einstellungen zum Rauchen bei den Kommissaranwärterinnen und -anwärtern der Berliner Polizei zum Thema Rauchen vorliegen und wie das Rauchverhalten durch das Stresserleben und die polizeiliche Arbeit während der Praktika beeinflusst wird. Dafür wurden die Kommissaranwärterinnen und -anwärter des Jahrgangs Wintersemester 2016 der HWR Berlin mittels einer einmaligen quantitativen Befragung anhand eines Online-Fragebo­gens befragt. Die Umfrage fand nach dem fünften Semester statt, welches das Prakti­kumssemester darstellt. Die Gesamtstichprobe umfasste 99 Personen. Die Ergebnisse zeigten, dass erhöhtes Stresserleben das Rauchverhalten fördert und innerhalb der Polizei, bei Nichtrauchenden, negative Einstellungen zum Thema Rauchen vorliegen. Es konnte nachgewiesen werden, dass die polizeiliche Arbeit das Rauchverhalten von stark Abhängigen verstärkt, bei schwach Abhängigen wird das Rauchverhalten nicht beein­flusst.

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: General Adaption Syndrom nach Selye (Leshem & Kuiper, 1996, S. 4) 7 Abbildung 2: Individuelles Stressmanagement nach Lazaro (Kaluza, 2015, S. 63)

Abbildung 3: Entwicklung der Anzahl der erwachsenen Rauchenden in Deutschland im Zeitraum 1990 - 2015 (eigene Abbildung)

Abbildung 4: Rauchverhalten während der Praktika (eigene Abbildung)

Abbildung 5: Vergleich des Rauchverhaltens der gering/mittel Abhängigen mit den stark/sehr stark Abhängigen (eigene Abbildung)

Abbildung 6: Vergleich der Einstellungen zum Rauchen zwischen Rauchenden und Nichtrauchenden (eigene Abbildung)

1 Einleitung

Stress ist ein Begriff, der im alltäglichen Leben oft genutzt wird. Ob im beruflichen oder privaten Kontext, Stress ist immer und überall präsent (Kaluza, 2018). Dabei kann er ver­antwortlich für Krankheiten oder sogar Todesfälle sein, weshalb der richtige Umgang mit ihm fundamental ist (Kaluza, 2015). Es gibt Berufsgruppen, welche besonders anfällig für Stress sind. Zu diesen gehören unter anderem Pflegekräfte, Lehrerinnen und Lehrer sowie Rettungskräfte (Bengel, 2004). Der Polizeiberuf wird im Allgemeinen als ein stressiger und anstrengender Beruf beschrieben. Die Schichtarbeit, der stetige Druck, welcher von der Öffentlichkeit kommt, und das Miterleben von traumatischen, einprä­genden Ereignissen sind nur einige der vielen Faktoren, die den Beruf sehr außergewöhn­lich und belastend gestalten (Lehmann & Prätorius, 2013). Das Rauchen von Zigaretten ist weltweit verbreitet und Zigaretten sind in jedem Land der Welt erwerbbar. In jeder Bevölkerungsschicht sind Rauchende vorzufinden. Egal ob arm, reich oder aus der Mittelschicht, es gibt immer Personen, die rauchen (Rehwald, Reineke, Wienemann & Zinke, 2012). Es ist der Wirkstoff Nikotin, der die Zigarette zu einer Droge werden lässt. Rauchen macht abhängig und schadet dem menschlichen Körper (Gross, 2016). Dabei schadet es nicht nur der rauchenden Person selbst, sondern durch das sogenannte Passiv­rauchen auch den Menschen, die sich in der Nähe der brennenden Zigaretten befinden und den Zigarettenqualm einatmen. Dennoch ist das Rauchen gesellschaftlich akzeptiert und in fast jedem Supermarkt bzw. Kiosk sind Zigaretten erwerblich.

Auch bei der Berliner Polizei gibt es Polizistinnen und Polizisten, die Zigaretten rauchen. In der Polizeidienstvorschrift 350 steht unter dem Punkt 3.4.8.4, dass das Rauchen im Streifendienst nicht gestattet ist. Dennoch sieht man Polizeikräfte, die in der Öffentlichkeit Zigaretten rauchen. Möglich ist, dass sie rauchen, um durch die Arbeit an­fallenden Stress zu bewältigen.

Diese Arbeit beschäftigt sich damit, welche Einstellungen zum Rauchen bei den Studie­renden der Berliner Polizei vorliegen und welche Strategien im Umgang mit Stress im polizeilichen Kontext genutzt werden. Um die Fragestellung zu beantworten, müssen die theoretischen Grundlagen vermittelt werden. Dafür werden zuerst die thematischen Hin­tergründe zum Thema Stress vorgestellt. Als erstes wird erklärt, was Stress und Stressoren sind und wie sie auf den menschlichen Körper wirken. Danach wird dargestellt, welche Stressoren es im Polizeiberuf gibt und welche Stressbewältigungsmöglichkeiten beste­hen. Darauffolgend wird die Thematik Sucht näher erläutert, indem erst erklärt wird, was Sucht im Allgemeinen ist, um daraufhin die beiden Formen der Abhängigkeit zu beschrei­ben. Den Abschluss zur Thematik Sucht bildet die Darstellung der Wirkungsweise des Nikotins auf den menschlichen Körper. Anschließend wird konkreter auf die Forschungs­frage eingegangen, indem die Thematik Rauchen dargelegt wird. Erst wird erklärt, was man unter dem Rauchen versteht, wie weit das Rauchen verbreitet ist und wie sich das Rauchverhalten in den letzten Jahrzenten verändert hat. Danach erfolgt die Darstellung der Folgen des Zigarettenkonsums, welche Bedeutung das Rauchen im polizeilichen Kontext hat und welchen Zusammenhang es zwischen dem Rauchen und Stress gibt. Den Abschluss des theoretischen Teils bildet die Vorstellung der empirischen Fragestellung und der Forschungsannahmen, die auf Grundlage des theoretischen Grundlagenteils er­stellt wurden. Daraufhin wird der Methodenteil der empirischen Untersuchung erläutert. Anschließend werden die Ergebnisse der Datenerhebung aufgezeigt und im Anschluss diskutiert, was in der Beantwortung der Forschungsannahmen endet. Zum Abschluss der Arbeit wird ein Fazit gezogen und die wichtigsten Punkte der Bachelorarbeit werden zu­sammengefasst.

2 Stress

In den folgenden Punkten soll erklärt werden, was Stress ist und wie er entsteht. Zudem wird erläutert, was Stressoren sind, in welchen Situationen sie sich entwickeln und wie sie auf den menschlichen Körper wirken. Danach werden die Stressoren vorgestellt, die durch die polizeiliche Arbeit entstehen können. Zuletzt wird beschrieben, wie man der Stressentstehung vorbeugen und bereits entstandenen Stress bewältigen kann.

2.1 Begriffsbestimmung des Stresses

Stress ist ein „Prozess, durch den wir bestimmte Ereignisse (Bedrohungen, Herausforde­rungen aus der Umwelt) wahrnehmen und darauf reagieren. Stressoren können als Bedro­hung oder als Herausforderung bewertet werden“ (Myers, 2014, S. 525). Nach dem trans- aktionalen Stressmodell von Lazarus und Launier (1981) sind die Bewertung sowie der Umgang mit einem bestimmten Ereignis entscheidend dafür, ob eine Stressreaktion ent­steht und in welcher Intensität eine Person diese erlebt.

2.2 Stressoren und ihre Wirkung auf den Körper

„Als Stressoren werden alle die äußeren Anforderungsbedingungen bezeichnet, in deren Folge es zur Auslösung einer Stressreaktion kommt“ (Kaluza, 2015, S. 16). Der Ursprung eines Stressors kann physikalisch, körperlich, leistungsbezogen oder sozial sein. Es fol­gen Beispiele für die verschiedenen Stressoren (Kaluza, 2015):

- Physikalische Stressoren: Lärm, Hitze, Kälte, Nässe
- Körperliche Stressoren: Verletzung, Schmerz, Hunger
- Leistungsstressoren: Zeitdruck, Überforderung, Prüfungen
- Soziale Stressoren: Konkurrenz, Trennung, Verlust

Konkret können Stressoren in folgenden Formen im Leben auftreten (Myers, 2014):

- Katastrophen: unvorhersehbare Ereignisse, die schwerwiegenden Folgen haben. Dazu zählen Kriege, Anschläge oder Naturkatastrophen.
- Bedeutsame Veränderungen im Lebenslauf (kritische Lebensereignisse). Dazu gehören Scheidungen, Arbeitsplatzverluste oder der Tod eines geliebten Menschen.
- Ärger im Alltag („dialy hassles“). Dazu zählen Stau, Schlangen beim Einkaufen, Schwierigkeiten mit der Work-Life-Belance, Streitigkeiten in der Familie, Arbeitslosigkeit oder finanzielle Probleme, wobei der Ärger im Alltag als häufigster Stressor vorzufinden ist.

Stressoren müssen allerdings nicht immer negativ sein (Wenchel, 2001). Es gibt auch positiven Stress. Hobbys, die sehr riskant und zeitaufwendig sind und möglicherweise eine Adrenalinausschüttung (Adrenalin-Kick) herbeirufen, werden durch die Ausführenden als positiv und angenehm empfunden. In diesem Fall spricht man von schönem Stress, dem Eustress. Wenn ein Stressor zu lang andauernt oder bedrückend ist, geht es um den negativen Stress, dem Disstress (Hermanutz, Ludwig & Schmalzl, 2001). „Nach Selye, einem der bekanntesten Stressforscher, ist Stress eine unspezifische Reaktion des Organismus aufjede Anforderung“ (Hermanutz et al., 2001, S. 215). Daraus hat Hans Selye das General Adaption Syndrom (Anpassungssyndrom) entwickelt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: General Adaption Syndrom nach Selye (Leshem & Kuiper, 1996, S. 4)

Nach Selye (1974) gibt es drei Phasen der Reaktion des Menschen auf einen Stressor (siehe Abbildung 1).

1. Die Alarmphase: In dieser Phase weist der Körper charakteristische Veränderungen auf, nachdem ein Stressor eingewirkt hat. Es werden die Verteidigungskräfte im Organis­mus allgemein mobil gemacht. Dabei soll ein Zustand der Anpassung an den Stressreiz hergestellt und aufrechterhalten werden (Selye, 1974)
2. Die Phase des Widerstandes (Resistenzphase): In der Regel folgt auf einen kurzzeitigen Stressor eine Erschöpfungsphase, in der alle physiologischen Parameter wieder zu ihrem Ausgangsniveau kommen. Wenn allerdings ein neuer Stressor folgt oder der ursprüngli­che Stressor bestehen bleibt, dann schließt sich die Resistenzphase an. In dieser Phase kommt es zu einer Anpassung des Menschen an den Stressor (wenn möglich), wodurch ein Widerstand entsteht. Die körperlichen Merkmale der Alarmreaktion verschwinden und die Widerstandsfähigkeit steigt (Selye, 1974).
3. Die Phase der Erschöpfung: Wenn die Einwirkung des Stressors auf den Körper fort­besteht, kommt es zum Aufbrauchen der Anpassungsenergie des Körpers und dadurch zum erneuten Auftreten der charakteristischen Veränderungen der Alarmphase. Dieses Mal sind die Symptome allerdings irreversibel (Selye, 1974). Dies kann zur Krankheits­bildung oder sogar zum Tod führen (Hermanutz et al., 2001). Stress kann also gesund­heitsschädlich sein und Menschen belasten (Hellhammer, Waeldin, Vogt & Gerhards, 2018). Demnach ist der richtige Umgang mit Stress lebenswichtig (Megson, 2019).

Von welchen Stressoren Polizeikräfte besonders betroffen sind und welches Risiko dies darstellt, wird im nachfolgenden Punkt erläutert.

2.3 Stressoren im Polizeiberuf

Hermanutz et al. (2001) beschreiben den Polizeiberuf wie folgt:

„Der Polizeiberuf gehört zu den sehr belastenden Berufen. Dies ist sicherlich mit auf die Vielfalt der Aufgaben und daraus resultierenden Tätigkeiten im Rahmen des Polizeidienstes zurückzuführen. Gefahrenabwehr (Präsenz, Schutzmaßnah­men, Ordnungsmaßnahmen, Eingriffsmaßnahmen), Verbrechensbekämpfung (Vernehmung, Fahndung etc.) und die unterstützende Funktion für andere Behör­den (Ordnungsbehörde, Jugendämter etc.) stellen umfangreiche Aufgabenberei­che dar.“ (S. 219).

Die Belastungen in der polizeilichen Arbeit lassen sich in zwei Bereiche differenzieren: die operativen Stressoren und die administrativen Stressoren (Lasogga, 2016).

Operative Stressoren sind Stressoren, welche durch bestimmte Einsätze auftreten können. Meist handelt es sich um Schadensereignisse. „Diese Schadensereignisse treten meist un­vorhersehbar, plötzlich auf, sind oft mehrdeutig und meist schwer kontrollierbar“ (Krampl, 2003, S. 434). Polizeikräfte haben ein erhöhtes Risiko, „Critical Incident Stress“ zu erleben (Mitchell J. T., 1983). Dies sind kritische Ereignisse, welche eine starke emo­tionale Reaktion bei den Polizeikräften auslösen.

Bengel (2004) beschreibt kritische Ereignisse wie folgt:

„Kritische Ereignisse können beispielsweise der Anblick von Opfern, die extre­men Schmerzen ausgesetzt sind, das Miterleben eines besonders qualvollen oder grausamen Todes oder Großschadensereignisse mit sehr vielen Opfern sein. Kri­tische Ereignisse mit besonderer Relevanz für das Rettungspersonal sind z.B. der Tod eines Mitarbeiters im Dienst, Suizide von Rettungsdienstmitarbeitern, plötz­licher Kindstod, Ereignisse, die eine starke Medienpräsenz hervorrufen, und Not­fallopfer aus dem Bekanntenkreis des Rettungspersonals selbst“ (S. 102).

Operative Stressoren wirken meist akut auf den menschlichen Körper und sind einmalig. In Kapitel 2.2 wurde erklärt, dass in der Regel auf einen kurzzeitigen Stressor eine Er­schöpfungsphase folgt, in der alle physiologischen Parameter wieder zu ihrem Ausgangs­niveau kommen. Somit kann, wenn ein operativer Stressor kurzzeitig besteht und richtig mit ihm umgegangen wird (coping), nach einer kurzen Erschöpfungsphase die Wirkung nachlassen und alle physiologischen Parameter können wieder zu ihrem Ausgangsniveau zurückkehren. Das Problem ist, dass operative Stressoren, bei Polizeikräften, meist mehr­mals hintereinander eintreten, da sie beruflich oft mit belastenden, kritischen Erlebnissen zu tun haben (Wendtland, 2008). Da nun ein neuer Stressor folgt, gerät der Körper in die Resistenzphase, wo die Widerstandsfähigkeit steigt. Dabei kann es dazu kommen, dass die Anpassungsenergie des Körpers aufgebraucht wird und durch die damit verbundene Erschöpfungsphase Krankheiten auftreten.

Administrative Stressoren ergeben sich aus den Arbeitsbedingungen und der Organisationsstruktur der Behörde. Hierzu gehört der Druck aus der Politik und der Öffentlichkeit sowie der Schichtdienst (Lichtenthaler, Fischbach, Haug & Prinzkosky, 2019). Zudem können die Schutzausstattung, der Arbeitsplatz oder die Beförderungschancen administrative Stressoren darstellen (Lorei, Hallenberger, Fischbach & Lichtenthaler, 2014). All dies sind langzeitig belastende Stressoren, denn im Gegensatz zu den operativen Stressoren handelt es sich nicht um einzelne, einmalige Ereignisse, sondern sie begleiten den Polizeibeamten oder die Polizeibeamtin mehrere Monate, mehrere Jahre oder sogar das gesamte Berufsleben. Dadurch kommt es nach einer kurzen Alarmphase zu einer langandauernden Phase des Widerstandes. Bei falschem Umgang mit dem Stressor kann die Anpassungsenergie aufgebraucht werden, wodurch die Erschöpfungsphase eintritt und die irrerversiblen Symptome der Alarmphase zurückkehren.

All diese Stressoren stellen eine große Belastung für die Polizeibeamtinnen und -beamten dar, die eine effektive Behandlung benötigen, um schwerwiegenden Folgen zu verhindern. (Mitchell & Everly, 1981). Durch das zeitgleiche Auftreten von akuten Stressoren (operative Stressoren) und langfristigen Stressoren (administrative Stressoren), kann es ohne den richtigen Umgang zum Ungleichgewicht des Körpers kommen, einer hohen allostatischen Last (Richter & Kentzler, 2011). Daher werden im folgenden Abschnitt die verschiedenen Stressbewältigungsmöglichkeiten aufgezeigt.

2.4 Strategien im Umgang mit Stress

Nach Lazarus gibt es zwei zentrale Konzepte in der Stresstheorie: die Bewältigung (co­ping) und die Bewertung (appraisal). Das coping umfasst alle verhaltensorientierten wie intrapsychischen Anstrengungen, mit internen oder externen Anforderungen (sowie Kon­flikten zwischen beiden), die die Mittel einer Person beanspruchen oder übersteigen, sie zu meistern, zu tolerieren, zu mildern, zu vermeiden (Lazarus & Launier, 1981). „Der Bewältigungsbegriff umfasst somit nicht nur solche Reaktionen, die auf eine aktive Meis­terung der Belastungssituation abzielen, sondern auch alle Reaktionen, die ein Aushalten, Tolerieren und auch Vermeiden oder Verleugnen zum Ziel haben“ (Kaluza, 2015, S. 62 f.). Es gibt vielfältige Möglichkeiten der Bewältigung des Stresses. Ein einheitliches Klassifizierungssystem liegt allerdings nicht vor. Nach Lazarus und Launier (1981) be­stehen drei Wege des individuellen Stressmanagements (siehe Abbildung 2): das Instru­mentelle Stressmanagement, das Mentale Stressmanagement und das Regenerative Stressmanagement (Lazarus & Launier, 1981). Im nachfolgenden Teil werden diese drei Methoden genauer erläutert.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Individuelles Stressmanagement nach Lazaro (Kaluza, 2015, S. 63)

Instrumentelles Stressmanagement: Ziel ist das Reduzieren bzw. Beseitigen des Stressors. Das instrumentelle Stressmanagement kann reaktiv auf aktuelle Belastungen erfolgen o­der proaktiv auf die Verringerung/Beseitigung zukünftiger Belastungen (Lazarus & Launier, 1981). Beispiele sind die Veränderung der persönlichen Zeitplanung, das Fort- und Weiterbilden, das Delegieren von Arbeitsaufgaben oder das Suchen von Unterstüt­zung zur persönlichen Entlastung (Kaluza, 2015).

Mentales Stressmanagement: Ziel ist das Abschaffen bzw. Verändern von persönlichen Stressverstärkern. Zu denen zählen Motive, Einstellungen und Denkmuster, welche stressverschärfend sind. Ziel ist es, diese erst einmal wahrzunehmen und sie zu akzeptieren, ohne sie zu bewerten. Anschließend sind sie kritisch zu reflektieren und in stressvermindernde Denkmuster und Einstellungen zu transformieren (Lazarus & Launier, 1981).

Kaluza (2015) beschreibt das Mentale Stressmanagement wie folgt:

„Dabei geht es um die Veränderung sowohl von Bewertungen situativer Anforderungen (»primäre Bewertung« sensu Lazarus) und eigener Regulationsmöglichkeiten (»sekundäre Bewertung« sensu Lazarus) als auch von bestehenden »Sollwerten« in Form von Normen, Werten und Zielen sowie von generalisierten Einstellungen, wie z.B. perfektionistischen Leistungsansprüchen, Hilflosigkeitserscheinungen oder übersteigerten Kontrollambitionen“ (S. 64).

Beispiele sind das weniger persönliche Identifizieren mit alltäglichen Aufgaben, das Dankbarsein für das Positive im Leben, das Ablegen des falschen Stolzes und das Demütigsein.

Regeneratives Stressmanagement: Hierbei sind das Regulieren und Kontrollieren der physiologischen und psychischen Stressreaktion das Ziel. „Reaktionsorientierte Bewältigung beinhaltet alle Versuche, unlustbetonte Stressemotionen wie Angst, Ärger, Schuld, Neid, Kränkung und den mit diesen einhergehenden quälenden physiologischen Spannungszustand positiv zu beinflussen, und zwar zumeist im Sinne einer Intensitätverringerung“ (Kaluza, 2015, S. 64). Allerdings ist die emotionsregulierende Bewältigung nicht nur auf die Reduktion von negativen Gefühlen begrenzt, da sie ebenfalls positive Gefühle, wie Freude oder Begeisterung, anstreben kann. Es wird unterschieden zwischen kurz- und langfristigen Bewältigungsversuchen. Die kurzfristige Bewältigung zielt auf die kurzzeitige Entspannung nach einer akuten Stressreaktion ab (Palliation). Die langfristige Bewältigung richtet sich auf die regelmäßige Entspannung und Erholung (Regeneration) (Lazarus & Launier, 1981). Beispiele für eine kurzfristige Bewältigung sind das Suchen von Trost, das Ablenken oder die Einnahme von Psychopharmaka. Beispiele für langfristige Bewältigung sind das regelmäßige Sporttreiben oder das Pflegen von sozialen Netzwerken und Freundschaften (Kaluza, 2015).

3 Sucht

In den folgenden Punkten soll erklärt werden, was Sucht/Abhängigkeit im Allgemeinen ist und welche Besonderheiten die beiden Formen der Abhängigkeit (physisch und psy­chisch) aufweisen. Zuletzt wird erklärt, wie Nikotin auf den menschlichen Körper wirkt.

3.1 Begriffsbestimmung der Sucht

Der Begriff „Sucht“ ist nicht eindeutig definiert, es gibt vielzählige Definitionen aus ver­schiedener Literatur. Die Sucht ist eine krankhafte, zwanghafte Abhängigkeit. „Die Ab­hängigkeit beschreibt die stofflichen, pharmakologischen Aspekte, Sucht schließt alle seelischen und sozialen Begleit- und Folgeerscheinungen mit ein“ (Heinze & Reuß, 2008, S. 58). Bei der Sucht ist das Suchtmittel für den Süchtigen zum Mittelpunkt des Lebens geworden, während eine Abhängigkeit diese Extreme noch nicht erreicht hat (Heinze & Reuß, 2008). Eine Abhängigkeit/Sucht bezieht sich auf einen bestimmten Stoff oder eine bestimmte Verhaltensweise (Gross, 2016). Ziel der Abhängigen ist das Erreichen eines veränderten Bewusstseinszustandes, der durch eine Substanz oder eine Verhaltensweise ausgelöst wird. Aus neurophysiologischer Sicht erklärt, kommt es zu einer Veränderung der Neurotransmitter im Gehirn, was durch den Konsum psychotroper oder psychoaktiver Substanzen (stoffgebundene Sucht) oder durch das Ausführen bestimmter Verhaltenswei­sen (verhaltensbedingte Sucht) herbeigeführt wird. Beispiele für den Konsum psychotro- per/psychoaktiver Substanzen sind das Einnehmen von Heroin, LSD oder Nikotin. Bei­spiele für das Ausführen bestimmter Verhaltensweisen sind das Glücksspiel und das Es­sen (Gross, 2016).

„Strenggenommen macht also nicht das Verhalten oder die Substanz äbhängig, sondern das veränderte Erleben in Folge des Konsums oder des Verhaltens“ (Gross, 2016, S. 6). Allerdings liegt nicht gleich eine Sucht beim erstmaligen Gebrauch einer Substanz oder beim erstmaligen Ausführen einer Verhaltensweise vor (Heinze & Reuß, 2008). Um eine Sucht eindeutig klassifizieren zu können, müssen bestimmte Suchtkriterien erfüllt sein. Diese Kriterien sind die Toleranzentwicklung, der Kontrollverlust, das Auftreten von Entzugserscheinungen, die Abstinenzunfähigkeit/der Wiederholungszwang, die Dosissteigerung, die Interessenabsorption und Zentrierung, der gesellschaftliche Abstieg, der psychische und körperliche Zerfall und der Rückfall (Gross, 2016) Es werden zwei Ebenen der Abhängigkeit differenziert: die physische Abhängigkeit und die psychische Abhängigkeit.

3.1.1 Physische Abhängigkeit

Bei der physischen Abhängigkeit wird dem Körper von außen eine Substanz zugeführt, welche für die Veränderung des Bewusstseins-, Erlebnis- und Gefühlszustands verantwortlich ist (Rehwald et al., 2012). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat die physische Abhängigkeit definiert: „Physische Abhängigkeit liegt dann vor, wenn nach mehrmaliger Einnahme der Droge eine körperliche Toleranzentwicklung stattfindet, die zu einer Steigerung der Dosis führt und nach Absetzen körperliche Entzugserscheinungen hervorruft“ (Krakeck-Brägelmann & Pahlke, 1997, S. 92). Bei Nichteinnahme des Sucht­mittels bzw. durch die Einnahme einer zu geringen Dosis der Substanz werden somit Entzugserscheinungen hervorgerufen. Diese Entzugserscheinungen treten sowohl phy­sisch als auch psychisch auf. Körperliche Abhängigkeit entsteht meistens bei Drogen- und Medikamentenabhängigen, da sie stoffgebunden ist. Beim Nichteinnehmen der Sub­stanz (Entzug) zeigen sich meist einige der folgenden Symptome auf: Krämpfe, Schweiß­ausbrüche, Zittern, Brechreiz, Unruhe oder Temperaturschwankungen.

Welche Symptome vorliegen und in welcher Intensität, hängt von der Art der Droge und dem Grad der Sucht des Abhängigen ab. Um diese Entzugserscheinungen zu vermeiden oder zur Beendigung der Entzugserscheinungen, greifen viele körperlich Abhängige zu ihrem Suchtmittel (Rehwald et al., 2012). Oftmals ist es so, dass sie ohne den Einfluss der Drogen nicht mehr in der Lage sind, einen geregelten Lebensablauf aufrecht zu erhalten, da die Entzugserscheinungen dies nicht mehr möglich machen bzw. die betroffenen Personen denken, dass dies ohne das Suchtmittel nicht möglich ist (Wormer & Davis, 2016). Nach Fagerström und Schneider (1989) wird zwischen verschiedenen Stufen der körperlichen Abhängigkeit unterschieden: die geringe körperliche Abhängig­keit, die mittlere körperliche Abhängigkeit, die starke körperliche Abhängigkeit und die sehr starke körperliche Abhängigkeit.

3.1.2 Psychische Abhängigkeit

„Nach der Definition der WHO wird von psychischer Abhängigkeit dann gesprochen, wenn durch die Einnahme einer Droge ein Gefühl der Zufriedenheit in Verbindung mit einem psychischen Zwang zur Wiederholung des Drogenkonsums besteht“ (Krakeck- Brägelmann & Pahlke, 1997, S. 92). Bei der psychischen Abhängigkeit wird eine Veränderung des Bewusstseins-, Erlebnis- und Gefühlszustands durch eine Verhaltens­weise hervorgerufen, durch die körpereigene Stoffe (Endorphine) im Körper freigesetzt werden. Die Endorphine sind verantwortlich für den Rausch, den die Abhängigen erleben. Ein Rausch ist nach dem International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems (ICD-10) ein emotionaler Zustand. Es ist ein intensives Glücksgefühl, durch welches der Konsument über seine normale Gefühlslage hinausgehoben wird und das in einer übersteigerten Ekstase gipfelt. Ein Rausch kann sowohl durch ein bestimmtes Verhalten als auch durch eine bestimmte Substanz herbeigeführt werden. Der Charakter eines Rausches kann zudem unterschiedlich ausfallen. Er kann euphorisierend, beruhi­gend, aufbrausend etc. sein (Gross, 2016).

Der Unterschied zwischen einem Rausch und einer Sucht liegt darin, dass ein Rausch im Gegensatz zur Sucht zeitlich begrenzt ist. Im Gegensatz zur körperlichen, stoffgebunde­nen Abhängigkeit, bei der es mit der Drogensucht, der Medikamentenabhängigkeit und dem Alkoholismus bereits drei als Suchterkrankung anerkannte Krankheiten gibt, werden die verhaltensbedingten Suchtformen zum Teil zwar als psychische Störung, aber nicht als Suchterkrankung anerkannt.

Während die körperlichen Entzugssymptome, z. B. nach einem Entzug, nach einer be­stimmten Zeit überwunden werden, bleibt die psychische Abhängigkeit, wenn sie über­haupt überwunden wird, meist mehrere Monate bis Jahre nach dem Entzug bestehen (Gross, 2016). Grund dafür ist das „Suchtgedächtnis“. Unter dem Begriff „Suchtgedächt­nis“ versteht man die durch ein Suchtmittel herbeigeführte positive Erinnerung im Gehirn einer Person. Durch die Konditionierung drogenassoziierter Reize (Neuroadaption) spei­chert sich im Belohnungssystem des Süchtigen die positive Erinnerung ab (Gross, 2003). Meist tritt ebenfalls eine Gier des Süchtigen auf, ein Suchtdruck, wonach er sich dringlich nach der betroffenen Droge oder einer Ersatzdroge (Craving) sehnt (Gross, 2016).

3.1.3 Wirkung von Nikotin

Nikotin ist ein Gefäßgift. Bereits nach dem ersten Zug an der Zigarette wird das Nikotin in der Lunge aufgenommen und dann über die Blutbahn bis zum Gehirn geleitet. Mit einem Zug werden ein bis zwei Milligramm Nikotin ins Blut aufgenommen. Es aktiviert nikotinerge Acetylcholin-Rezeptoren. „Im Gehirn stimuliert dies die Freisetzung des Bo­tenstoffes Dopamin, der im Nucleus accumbens - dem Belohnungszentrum - an Rezep­toren bindet und damit ein Wohlgefühl auslöst“ (Mons, Schaller, Kahnert & Putschke- Langer, 2017, S. 202). Die Wirkungsweise des Nikotins widerspricht sich in bestimmter Weise, denn Nikotin stimuliert, aktiviert und entspannt zugleich. Der Gehirnstoffwechsel wird angeregt, Blutdruck und Herzfrequenz steigen. Zum einen sinkt die Durchblutung der inneren Organe, zum anderen steigt die äußere Aktivität, indem man sich wach und aktiv fühlt (Gross, 2016). Durch den sogenannten „Kick“ tritt ein kurzes Gefühl der Entspannung und Belohnung auf. Dieses Gefühl hält allerdings nicht lange an, da der Gehalt an Botenstoffen im Körper wieder sinkt, wodurch das Gefühl der Enstspannung verfällt und sich bereits nach kurzer Zeit Entzugserscheinungen zeigen. Durch das darauffolgende erneute Rauchen entstehen bestimmte Bahnungen im Gehirn, welche sich einprägen. Dadurch entwickelt sich ein psycho-physiologischer Problemlösemechanismus, da sich das Hirn merkt, dass durch die durch das Nikotin ausgeschütteten Botenstoffe sowohl die Entzugserscheinungen aufhören als auch ein Gefühl der Belohnung entsteht. Es bilden sich immer neue Nikotinrezeptoren, welche zunehmend unempfindlicher für Nikotin sind. Dies führt dann zu einer Dosissteigerung, da immer mehr Nikotin benötigt wird, um das Belohnungsgefühl abzurufen und die Entzugserscheinungen verschwinden zu lassen (Gross, 2016).

„In höherer Dosierung wirkt es beruhigend und entspannend bei Stress und Nervosität. Dies erklärt auch den Wunsch der Raucher nach wiederholtem Genuss“ (Rehwald et al., 2012, S. 33). Durch fehlendes Nikotin bedingte Entzugserscheinungen sind: Reizbarkeit, Frustation, Unruhe, Konzentrationsprobleme, Müdigkeit, verstärktes Hungergefühl und Schlafstörungen. Somit ist Nikotin lediglich kurzzeitig stresslindernd, auf lange Zeit gesehen ist es stressfördernd, da es zusätzlich zum Stress Entzugserscheinungen erzeugt.

Bei Nichtrauchenden verursacht Nikotin Kopfschmerzen, Übelkeit und Schwindel, da ihre Rezeptoren das starke Nervengift nicht gewohnt sind. Dabei ist es individuell abhängig, welche Entzugserscheinungen genau auftreten (Benowitz, 2010). Somit kann Nikotin zu einer körperlichen Abhängigkeit führen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 56 Seiten

Details

Titel
Rauchen zur Stressbewältigung bei der Polizei. Einstellung von Polizisten und Umgang mit Stress
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin
Note
1,00
Autor
Jahr
2019
Seiten
56
Katalognummer
V921479
ISBN (eBook)
9783346250711
ISBN (Buch)
9783346250728
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Für alle geeignet, die eine Bachelorarbeit zum Thema Stress und Sucht suchen. Zudem ein Muss für alle Studierenden bei der Polizei.
Schlagworte
rauchen, stressbewältigung, polizei, einstellung, polizisten, umgang, stress
Arbeit zitieren
Melih Tastekin (Autor), 2019, Rauchen zur Stressbewältigung bei der Polizei. Einstellung von Polizisten und Umgang mit Stress, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921479

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