Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Geschlecht und Geschlechternormen im Bilderbuch Raffi und sein pinkes Tutu thematisiert und reproduziert werden? Im Folgenden wird zunächst eine theoretische Grundlage geschaffen, wobei die Entwicklung der Gendertheorie und verschiedene Ansätze vorgestellt werden. Für die Beantwortung der formulierten Fragestellung erfolgt, nach der Vorstellung des Bilderbuches im Allgemeinen und der entstehungsgeschichtlichen Zusammenhänge des Buches, die inhaltliche Darstellung. Daran anschließend werden verschiedene produktionsästhetische Aspekte analysiert und deren Funktion untersucht. Aus dieser Analyse geht eine kritische Reflexion des Bilderbuches hinsichtlich der Darstellung von Geschlecht und Geschlechternormen unter Zuhilfenahme der vorgestellten Theorie hervor. Zum Abschluss der Arbeit wird ein Fazit gezogen, in dem die zentralen Ergebnisse dieser Arbeit zusammengefasst werden und ein Ausblick gegeben wird.
Die Anfänge der Gendertheorie reichen zurück ins neunzehnte Jahrhundert. Die Relevanz des Themas ist jedoch heute aktuell wie nie zuvor. Die breite Aufmerksamkeit in vielfachen Lebensbereichen, politisch, gesellschaftlich, literarisch und auch privat erlauben neue Definitionen der Geschlechtertheorie. Das Aufgeben starrer Modellvorstellungen einerseits und die strikte Ablehnung des Anderssein, auf der anderen Seite, polarisieren wie nie zuvor. Bereits im jungen Alter Heranwachsender findet das Thema der Geschlechterzugehörigkeit Aufmerksamkeit.
Rein biologisch betrachtet kommen bei einer Geburtenrate von 680.000 Kindern mehr als 340 Neugeborene intersexuell auf die Welt. Schon Neugeborene können biologisch gesehen mit nicht eindeutig zugeordnetem Geschlecht zur Welt kommen. Die früher übliche Methode das Geschlecht mittels Operation festzulegen, wird heutzutage äußerst kritisch betrachtet. Im Dezember 2018 hat der Bundestag deshalb die Einführung eines dritten Geschlechts divers beschlossen. Diese positive Entwicklung schafft für Betroffene einen gesetzlichen Rahmen und sie fühlen sich ernst genommen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Gendertheorien – verschiedene Ansätze im Überblick
2.1 Entwicklung der Gendertheorien
2.2 Von Geschlechterrollen zum doing gender – Judith Butler
3 Analyse und Interpretation des Bilderbuches
3.1 Vorstellung des Buchinhaltes
3.2 Produktionsästhetische Aspekte: Gestaltungselemente und deren Funktionen
3.3 Kritische Reflexion des Bilderbuches
4 Formulierung eines Fazits und Ausblicks
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern Geschlecht und Geschlechternormen in dem Bilderbuch "Raffi und sein pinkes Tutu" von Riccardo Simonetti thematisiert und reproduziert werden, wobei der theoretische Schwerpunkt auf der Gendertheorie nach Judith Butler liegt.
- Entwicklung und Grundlagen der Gendertheorie
- Soziale Konstruktion von Geschlecht (doing gender) nach Judith Butler
- Produktionsästhetische Analyse des Bilderbuches
- Kritische Reflexion der Geschlechterdarstellung und Normen
- Pädagogische Relevanz und Wirkungspotenzial des Werkes
Auszug aus dem Buch
Von Geschlechterrollen zum doing gender – Judith Butler
Judith Butler regte eine Vielzahl von Diskussionen über Grundannahmen an, um diese neu zu bestimmen (vgl. Bublitz 2002, S. 7). Ihre Denkansätze stehen im Zusammenhang mit dem Poststrukturalismus, dem Dekonstruktivismus und den Ansätzen von Vertretern wie Derrida und Foucault. Butlers Theorie kann in fünf Komplexe unterteilt werden:
1. Ihr Theorieprogramm und seine sprachphilosophischen und diskurstheoretischen Grundannahmen, -begriffe und –bezüge.
2. Die genuin feministische Theorie (zentrale Strukturen des Denkens der Zweigeschlechtlichkeit und deren normierende Wirkung)
3. Butlers Kritik am Identitäts- und Subjektbegriff sowie am Konzept eines normativen Geschlechterapparats und einer heterosexuellen Zwangsmatrix´
4. Punkt 3 mündet in ein philosophisches Programm, das in der Darstellung subjekttheoretischer Annahmen die Dimensionen performativer Machtwirkung ausleuchtet, zugleich aber auch die normativen Grenzen des Subjekts sichtbar macht. (Vgl. ebd., S. 14f.)
Im Folgenden werden die Grundzüge dieses Theoriekomplexes beispielhaft vorgestellt, um für die anschließende Analyse des Bilderbuches Raffi und sein pinkes Tutu eine theoretische Grundlage zu schaffen.
Zu den zu verändernden Grundannahmen zählten beispielsweise „Kategorien und festgelegte Vorstellungen wie das Denken in Kategorien des Körpers und der Identität“ (Bublitz 2002, S. 7). Butlers stellte die These auf, dass das biologische Geschlecht (sex) durch die gesellschaftlichen regulierenden und reglementierenden Ideale und Normen eine Macht ausüben, „die Körper herstellt“ (ebd., S. 9) (vgl. Butler 2014, S. 21). Die Zuordnung zu einem der in unserer Gesellschaft zweipolig angelegten Geschlechternorm „stellt eines der grundlegenden Typisierungsmuster dar, in denen die soziale Welt sich ordnet“ (Gildemeister 2010, S. 139). Ein Ausbrechen aus dieser Norm führt jedoch nicht zu einem Umdenken in der Gesellschaft, sondern zu Ausgrenzung und somit zu einer Allgegenwärtigkeit der Kategorie Geschlecht (vgl. Garfinkel 2007, S. 118; Gildemeister 2010, S. 139f.). Butler spricht an dieser Stelle vom „Verworfene[n]“ (Butler 2014, S. 23, 335f.). Das Denken in Geschlechterrollen entwickelte sich in der interaktionstheoretischen Soziologie zum Konzept des doing gender.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die Thematik der Gendertheorie ein und definiert die Forschungsfrage bezüglich der Darstellung von Geschlecht und Geschlechternormen im analysierten Bilderbuch.
2 Gendertheorien – verschiedene Ansätze im Überblick: Dieses Kapitel liefert den theoretischen Rahmen, indem die Entwicklung der Gendertheorie sowie Butlers Konzepte von "doing gender" und der performativen Macht des Diskurses erläutert werden.
3 Analyse und Interpretation des Bilderbuches: Hier erfolgt die Vorstellung des Bilderbuchs, eine Untersuchung produktionsästhetischer Elemente sowie eine kritische Reflexion hinsichtlich biologischer Aspekte und der Butlerschen Theorie.
4 Formulierung eines Fazits und Ausblicks: Das Fazit beantwortet die zentrale Fragestellung und diskutiert Möglichkeiten für den Einsatz des Bilderbuchs im pädagogischen Kontext der Grundschule.
Schlüsselwörter
Gendertheorie, Judith Butler, Doing Gender, Geschlechternormen, Bilderbuchanalyse, Raffi und sein pinkes Tutu, Performativität, Subjektwerdung, Zweigeschlechtlichkeit, Heterosexuelle Matrix, Pädagogik, Intersexualität, Identität, Soziale Konstruktion, Diskurs.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie Geschlecht und Geschlechternormen in dem Kinderbuch "Raffi und sein pinkes Tutu" dargestellt und verhandelt werden.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die Themen umfassen die soziologische Gendertheorie, die Analyse von Kinderliteratur sowie die pädagogische Reflexion über Normen und Vielfalt.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Thematisierung und Reproduktion von binären Geschlechternormen in dem ausgewählten Bilderbuch kritisch zu hinterfragen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine kritische Analyse des Bilderbuchs unter Anwendung der Gendertheorie von Judith Butler sowie produktionsästhetischer Kriterien durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in einen theoretischen Diskurs über Gendertheorien und eine praktische Analyse, die Gestaltungselemente, Handlung und Rezeptionsmöglichkeiten des Buches beleuchtet.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Gendertheorie, Doing Gender, Performativität, Normabweichung und die pädagogische Sensibilisierung im schulischen Kontext.
Wie reagiert das Umfeld des Protagonisten Raffi auf sein pinkes Tutu?
Das Umfeld reagiert zunächst mit Ablehnung und Auslachen, was die bestehende gesellschaftliche Norm der Zweigeschlechtlichkeit widerspiegelt, wandelt sich im Verlauf der Geschichte jedoch hin zu Akzeptanz.
Welche Rolle spielt die Figur des Vaters in der Analyse?
Der Vater fungiert als wichtige identifikatorische Stütze, der durch sein eigenes Handeln Vorurteile abbaut und dem Kind Mut zur Individualität zuspricht.
Warum ist das Buch laut Autor für die Grundschule besonders geeignet?
Es bietet Anknüpfungspunkte, um Themen wie Diversität, Toleranz und den kritischen Umgang mit Geschlechterzuschreibungen altersgerecht zu bearbeiten.
Welche Schlussfolgerung zieht die Arbeit für Lehrkräfte?
Lehrkräfte werden dazu angeregt, ihr eigenes pädagogisches Handeln zu hinterfragen, um nicht selbst Differenz und Ungleichheit durch starre Zuordnungen zu reproduzieren.
- Arbeit zitieren
- Laura Grave (Autor:in), 2020, Gendertheorien. Eine Analyse von Riccardo Simonettis "Raffi und sein pinkes Tutu", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/921669