Gewalt und Aggression in der Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Begriffsklärungen
2.1 Was ist Gewalt?
2.2 Formen von Gewalt
2.3 Was ist Aggression/ Aggressivität?
2.4 Theorien zur Aggression

3. Soziologische Theorien zu Gewalt und Aggression

4. Entwicklung von Gewalt an Schulen
4.1 Forschungsmethodik
4.2 Forschungsergebnisse
4.3 Spezielle Formen der Gewalt an Schulen: Bullying und Mobbing
4.4 Geschlechtspezifische Unterschiede

5. Präventionsmodelle

6. Fazit

7. Literaturliste

1. Einleitung

Die Reaktion zum Amoklauf des Schülers Robert Steinhäuser am Johannes-Gutenberg-Gymnasiums am 26. April 2006 in Erfurt von Dr. Christine Bergmann, die damalige Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend:

"Sowohl in der Familie wie auch in der Schule und dem gesamten sozialen Umfeld muss den Problemen von Kindern und Jugendlichen mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Wir brauchen in unserer Gesellschaft einen anderen Umgang mit Gewalt. Das beginnt in der Familie. Wenn Kinder in der Familie lernen, mit Konflikten gewaltfrei umzugehen, dann werden sie später auch eher versuchen, Streitigkeiten und Frustrationssituationen ohne Gewalt zu lösen. Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Auch in der Schule muss die Lösung von Konflikten ohne Gewalt verstärkt Thema sein. Hier ist eine enge Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe sehr wichtig. Kinder und Jugendliche müssen in einer gesellschaftlichen Atmosphäre aufwachsen, in der Gewalt geächtet wird. Die gesamte Gesellschaft muss Gewalt in jeder Form ächten."[1]

Die Gewaltbereitschaft besonders unter Jugendlichen wächst und macht auch vor Bluttaten keinen Halt mehr. Aggression und Gewalt in der Schule lässt sich nicht mehr totschweigen, denn die jüngsten Ereignisse, machen deutlich, dass die Gewalt in den Schulen leider in immer schwereren Ausmaßen auftritt. Bewaffnete Schüler, die Rache an LehrernInnen nehmen und Mitschüler terrorisieren, gehören heutzutage leider zum traurigen Schulbild. Selbst vor Taten wie dem Amoklauf, bei welchem Tote in Kauf genommen werden, ja teilweise sogar beabsichtigtes Ziel sind, wird nicht mehr zurückgeschreckt.

Ein kurzer Abriss der Taten aus den letzten Jahren soll zeigen, wie die Schwere der Delikte zugenommen hat und die häufig einen Vorbildcharakter haben unter Schülern.

- 1998 lösen ein 11- und ein 13jähriger Schüler an einer Schule in Jonesboro/USA falschen Feueralarm aus und richten unter Schülern und Lehrern ein Blutbad an.
- 1999 töten zwei jugendliche Schüler in Littleton/USA mit Schusswaffen und Sprengwaffen 12 Mitschüler und einen Lehrer, bevor sie sich selbst richten. 28 Personen überleben den Amoklauf verletzt.
- In Meißen/Deutschland ersticht 1999 ein 15-jähriger Gymnasiast seine Lehrerin. Als Tatmotiv gibt er Hass auf seine Lehrerin an.
- Im selben Jahr nimmt die bayrische Polizei in Metten drei Jugendliche fest, die Mordpläne gegen ihre Schulleiterin und eine Lehrerin geschmiedet hatten.
- 2000 schießt ein Schüler, der am Vortag von seinem Internat im bayrischen Brannenburg verwiesen wurde, dem Schulleiter in den Hals und fügt sich selbst Verletzungen zu. Der Pädagoge erliegt seinen Verletzungen, der Täter fällt ins Koma.
- 2002 tötet ein 22 –jähriger Berufsschüler an einer Berufsschule in Freising den Schulleiter und verletzt einen Lehrer schwer, bevor er sich selbst das Leben nimmt. Zuvor hatte er in seinem Ausbildungsbetrieb bereits zwei ehemalige Kollegen erschossen.[2]

Jeden Tag werden wir mit Gewalt konfrontiert, sei es persönlich oder auch zunehmend durch die Medien. Noch in den 80ern bzw. am Ende der 80er Jahre war das Thema „Gewalt in der Schule“ ein Tabuthema. Lehrer und Schulen verharmlosten Gewaltakte, aus Angst, dem schulischen Ansehen dadurch zu schaden. Heutzutage ist das Thema ein ernstzunehmendes Problem. In Deutschland wurde fast jeder zweite über 14 Jahren mittlerweile körperlich bedroht oder angegriffen, zum Beispiel bei Raufereien in der Schule, aber auch bei Schlägereien in Kneipen. Viele Betroffene reagieren oft notgedrungen mit Gegengewalt. Ein Kreislauf beginnt.

Eine erschreckende Entwicklung, der es entgegenzuwirken gilt. Hierzu muss man Ursachenforschung betreiben werden, um solche Vorfälle bereits im Vorfeld ( Plan-ung, Entstehung ) zu verhindern. Dazu ist es wichtig, einige Begriffe zu klären, aber auch, um Verhaltensweisen richtig zuordnen zu können, um somit angebracht handeln zu können.

2. Begriffsklärungen

„Wenn man von Gewalt spricht, muss man auch über Aggression sprechen, da Gewalt ohne Aggression nicht möglich wäre.“[3]

Im allgemeinen Sprachgebrauch werden die Begriffe Gewalt und Aggression synonym verwendet. Dass sie aber unterschiedliche Bedeutungen und Ausprä-gungen haben, soll im Folgenden dargestellt werden. Dazu werden die Begriffe definiert, zunächst allgemein gültig und anschließend unter einem soziologischen Blickwinkel.

2.1 Was ist Gewalt?

Wenn man heute von Gewalt spricht oder man davon hört, enthält der Gewaltbegriff eine eher negative Bewertung. Im Zusammenhang steht diese häufig mit körperlichen Schäden, die durch aggressives Verhalten verursacht wurden. Um ein Verständnis für den Begriff Gewalt zu bekommen, muss man ihn zunächst definieren und anschließend seine Formen erklären.

Der Begriff Gewalt hat indogermanische und althochdeutsche Wurzeln und bedeutet „stark sein, beherrschen, Macht ausüben“. In dem Politiklexikon der Bundeszentrale für politische Bildung steht:

„Allg.: G. bezeichnet den Einsatz von physischem oder psychischem Zwang gegenüber Menschen sowie die physische Einwirkung auf Tiere oder Sachen. Soziolog.: Gewalt bedeutet den Einsatz physischer oder psychischer Mittel, um einer anderen Person gegen ihren Willen a) Schaden zuzufügen, b) sie dem eigenen Willen zu unterwerfen (sie zu beherrschen) oder c) der solchermaßen ausgeübten G. durch Gegen-G. zu begegnen. Pol.: Mit dem Begriff Staats-G. werden die (legitim angewandten) Mittel zur Durchsetzung der herrschenden Rechtsordnung bezeichnet. Es wird zwischen Gebietshoheit (Herrschaftsmacht über ein Gebiet und dort lebende Menschen) und Personalhoheit (alle Angehörigen dieses Staates) unterschieden.“[4]

Anhand dieser Definition wird die Vielfältigkeit der Begriffs Gewalt deutlich. Allgemein handelt es sich um ein abweichendes, sozial unerwünschtes Verhalten und wird in diesem Fall eher negativ bewertet. Weiter kommt Gewalt in allen Gesellschafts-formen vor und hat dort eine lange und durchaus nicht immer negative Tradition, betrachtet man Gewalt beispielsweise im Kontext von Bürger-Mitbürger-Staat. Dabei können drei Linien aufgezeigt werden, nämlich Gewalt als eine körperliche Kraft und Stärke, eine verletzende Gewalttätigkeit und als eine herrschaftliche und staatliche Gewalt.

Im Grundgesetz Artikel 20 steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus. Sie wird vom Volke in Wahlen und Abstimmungen und durch besondere Organe der Gesetzgebung der vollziehenden Gewalt und der Rechtsprechung ausgeübt"[5]

Von der Antike bis zur Neuzeit wird Gewalt als Mittel eingesetzt, theologisch und patriarchal begründete Machtverhältnisse von oben nach unten durchzusetzen. Erst mit Beginn der Neuzeit und durch aufkeimende Ideen der Volkssouveränität im Umfeld der französischen Revolution ändert sich dieses Verhältnis. Gewalt soll nun als Volksgewalt von den Menschen ausgehen und sich gegen staatliche Gewalt richten.[6] In diesem Fall leitet sich dann der Begriff Gewalt vom althochdeutschen Wort "waltan" ab und bedeutet herrschen. Viele Staaten der Welt werden heute durch eine Gewaltenteilung regiert.

Der Gewaltbegriff wurde erst zur Zeit der Aufklärung anders definiert, nämlich als das Prinzip der Gleichheit aller Menschen. Früher war es nur legitim, dass der Hausherr seine Frau und seine Kinder züchtigte. Ein tiefgehender Wandel hat sich seit den 70er Jahren entwickelt. Den Kindern wurden Rechte zugeschrieben, und diese von dem Staat gefestigt und überwacht. Man gründete eine Vielzahl von Beratungsstellen in Erziehungsfragen. Gewalt gegen Kinder wurde verächtet. Aber jeder definiert Gewalt für sich selbst anders. Manche sehen einen "Klaps" als Gewalt an, wobei andere diese Handlung für keinen Gewaltakt empfinden. Im bürgerlichen Gesetzbuch und dem Strafgesetzbuch wird Gewalt immer öfter geändert, so wurde beispielsweise 1976 der Begriff „elterliche Gewalt“ zu „elterliche Sorge“.

In der Friedenspädagogik wird Gewalt als eine Aktion bezeichnet, die das Wohlbefinden von einzelnen Menschen oder Menschengruppen physisch, psychisch oder sozial gefährdet. Man kann zusammenfassend sagen, dass Gewalt immer dann vorliegt, wenn Menschen so beeinträchtigt werden, dass ihre körperliche und geistige Verwirklichung geringer ist als ihre mögliche Verwirklichung.

In der Soziologie lassen sich zunächst grob zwei verschiedene Gewaltbegriffe unterscheiden, einerseits der handlungsorientierte, andererseits der struktur-orientierte Gewaltbegriff. Ersterer stellt die Handlungen von Menschen in den Mittelpunkt. Gewalt wird hierbei als eine systematische Handlung oder Unterlassung verstanden, mit dem Ergebnis einer negativen Einwirkung auf die Befindlichkeit des Adressaten zu haben. Der strukturorientierte Gewaltbegriff bezieht sich unmittelbar auf die Struktur der Gesellschaft, welche den Handlungen der Menschen zugrunde liegt und sie beeinflusst.

Erklären lässt sich Gewalt ferner noch durch die multifaktorielle Ansätze.[7] Es gibt als Entstehungsbedingungen die individuellen, das heisst biologische und psycholo-gische, und die soziostrukturellen, ergo situative und gruppendynamische. Wie Untersuchungen ergaben, wirken diese vorwiegend additiv auf das Gewalt-geschehen. Als Erklärungsfaktor für die individuellen Bedingungen sind biologische, psychologische und psychopathologische Faktoren zu berücksichtigen. Zu den sozialen Erklärungsfaktoren zählen unter anderem soziale Desintegration und Individualisierung, Veränderung der Familienstrukturen, Bindungs- und Geborgenheitsverlust, fehlende Bildungs- und Berufschancen, sowie Arbeitslosigkeit.

2.2 Formen von Gewalt

„Gewalt ist jeder Eingriff auf die physische und psychische Integrität eines Menschen.“.[8]

Daraus resultiert die Unterscheidung nach personaler und struktureller Gewalt.

- Personale Gewalt

Die personalen Gewalt bezeichnet man auch als die physische , oder auch körperliche Gewalt. Sie ist ein Mittel zur einseitigen Durchsetzung von Interessen beziehungsweise zur Konfliktlösung, welches sich vor allem auf die bewusste und vorsätzlich herbeigeführte Körperverletzungen bezieht.[9] Die Ursache ist hierbei eine Tat aus der dann ein Täter und ein Opfer resultiert. Der Begriff der physischen Gewalt umfasst in erster Linie die körperliche Gewalt gegen Personen, das heißt die unmittelbaren Gewalttätigkeiten werden gegen jemanden gezielt gerichtet. Die Schädigung der körperlichen Integrität von Leib und Leben wird dabei bewusst in Kauf genommen. Handlungen wie schwere Schlägereien, aber auch schon eine leichte Rempeleiengehören hier dazu, ebenso wie die sexuelle Gewalt, die eine Verletzung der sexuellen Selbstbestimmung darstellt. Des Weiteren ist die Gewalt gegen Sachen, oder auch verbreitet als Vandalismus bekannt, zu nennen. Diese Form tritt häufig in der Schule auf. Gemeint ist damit, wenn Gewalt intentional, schädigend und normverletzend gegen Schul- und/ oder Lehrereigentum ausgeübt wird. Vorzugsweise richtet sich die Gewalt also gegen Schuleigentum, welches von SchülerInnen beschädigt und zerstört wird. Abschließend zu beachten ist die politisch motivierte Gewalt. Sie lässt sich auf politische Ideologien zurückführen, als Beispiel ist der Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus, etc. zu nennen.

- Strukturelle Gewalt

Psychische oder verbale Gewalt wird zusammenfassend in dem Begriff der strukturellen Gewalt genannt. Dieser beinhaltet alle Handlungen oder Strukturen, die Menschen daran hindern, Ihr Entwicklungs- und Realisierungspotential in freier Entscheidung zu entfalten. Es handelt sich hierbei um eine indirekte Gewalt-ausübung beziehungsweise eine unsichtbare. Verantwortlich hierfür können Einzelpersonen, aber auch Institutionen oder Gesellschaftssysteme selbst sein. Machtverhältnisse können somit die Ursache für diese Gewaltform sein, aus denen dann negative soziale Strukturen resultieren. Als Beispiele sind zu nennen Beleidigungen, üble Nachrede, ironische Bemerkungen und Bloßstellungen. Aber auch Drohungen mit Gewalt gegen Personen oder Sachen, insbesondere wenn Menschen erpresst werden. Auch Diskriminierung ist eine Art von psychischer und verbaler Gewalt. Diese Formen von Gewalt können auch in kombinierter Form vorkommen, denn körperliche Gewalt schließt die verbale Gewalt nicht automatisch aus.[10]

[...]


[1] vgl. http://bmfsfj.de/Katerorien/Presse/pressemitteilungen,did=5164.htmlmteGesellschaft , 23.Aug.06

[2] vgl. DER SPIEGEL, Ausgabe Nr. 18/2002, S.88f

[3] http://www.lui.uni-linz.ac.at/, 23.Aug.06

[4] www.bpb.de, Politiklexikon: Gewalt, 23.Aug.06

[5] http://www.jura.uni-sb.de/BIJUS/grundgesetz/art20.htm, 24.Aug.06

[6] vgl. Wahl 2001, S.730

[7] vgl. Eisener, M., Manzoni, P, 1998

[8] vgl. Stratenwerth, G., Hagenmann-White ,C.

[9] vgl. Gleichstellungsbüro Stadt-Basel, 1996, S.21

[10] vgl. http://www.learn-line.nrw.de/angebote/friedensfaehigkeit/medio/k9854.htm, 26.Aug.06

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Gewalt und Aggression in der Schule
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologie der Erziehung
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
24
Katalognummer
V92452
ISBN (eBook)
9783638061629
ISBN (Buch)
9783640109135
Dateigröße
468 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gewalt, Aggression, Schule, Soziologie, Erziehung
Arbeit zitieren
Anika Schürholz (Autor), 2006, Gewalt und Aggression in der Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92452

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