Sozialpsychologische Experimente zu Autorität und Gruppendruck

Ihr Entstehungszusammenhang, mögliche Interpretationen und gesellschaftliche Relevanz


Zwischenprüfungsarbeit, 2006
44 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was versteht man unter „sozialpsychologischen Experimenten“?
2.1 Was ist die „Sozialpsychologie“?
2.2 Was ist ein „Experiment“?

3. Begriffsdefinitionen
3.1 „Autorität“
3.2 „Gruppe“, „Gruppendruck“ und „Konformität“

4. Sozialpsychologische Experimente zur Thematik „Autorität“
4.1 Das Milgram Experiment
4.2 Das Stanford Prison Experiment

5. Sozialpsychologische Experimente zur Thematik „Gruppendruck“
5.1 Das Sherif Experiment
5.2 Das Asch Experiment

6. Die Bedeutsamkeit der ausgewählten Experimente

7. Fazit

8. Literaturliste

“Anders sein ist unanständig.”[1]

Philosoph Ortega y Gasset (1883-1955)

1. Einleitung

April 2004, erschreckende Bilder aus dem irakischen Gefängnis Abu Ghraib gehen um die Welt. Sie zeigen Soldaten, die Häftlinge schwer misshandeln und sich dabei ihres Vergehen an der Würde der Häftlinge nicht bewusst zu sein scheinen, sich sogar mit ihren Heldentaten rühmen. Stattdessen ist die Welt empört. Wie können gut ausgebildete, „normale“, harmlose Menschen, zum Teil Familienväter, zu solchen Grausamkeiten fähig sein?

Der Psychologe P. Zimbardo wird gebeten ein Gutachten für einen der Täter zu erstellen, denn er hat bereits 1971 ein Experiment durchgeführt, bei dem eine Gefängnissituation simuliert worden ist, um das Verhalten von Wärtern und Gefangenen zu untersuchen. Sein Urteil damals wie heute ist, dass nicht die Persönlichkeit die Ursache für Gewalttaten ist, sondern die Situation selbst.

Doch die Frage, warum Menschen fähig sind gegen ihr Gewissen offensichtlich falsch zu handeln, ist kein aktuelles Phänomen. In den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts haben sich bereits Psychologen damit beschäftigt, Anpassungsvorgänge innerhalb von Gruppen und von Individuen in Gruppen zu erforschen. Der Zweite Weltkrieg hat dann gezeigt, dass Menschen unter einer Autoritätsperson und in einer Gruppe zu allem fähig sind und besonders grausam handeln können.

Basierend auf diesem schwerwiegenden Ereignis haben sich Wissenschaftler und Psychologen in den folgenden Jahren im Rahmen von sozialpsychologischen Studien verstärkt mit dem Aggressionspotential des Menschen befasst. Die verschiedensten Experimente kreisen darum, unter welchen Umständen sich Menschen dem Zwang einer Gruppe anpassen oder unterwerfen, wie Autorität entsteht und angenommen wird.

Die Verhaltensweisen in Gruppen und der Gesellschaft werden als soziale Normen definiert. Bereits in der Kindheit lernen wir, was man sagt und tut, oder nicht sagt und nicht tut, und wie man sich anderen gegenüber auf verständliche und angemessene Weise verhält. Diese ganz automatisch angenommenen Verhaltensnormen verändern sich jedoch mit den äußeren Umständen einer Situation und mit der Konstellation einer Gruppe. Die jeweilige Übereinkunft darüber, was man an einem bestimmtem Ort, mit bestimmten Leuten tut oder lässt, bestimmt das Verhalten. Die Dynamik der Gruppe übt dabei Druck auf den Einzelnen aus, und nimmt somit Einfluss auf seine Bereitschaft sich aufzulehnen oder anzupassen. Daraus resultiert die Frage, ob Gruppen von Personen in einer bestimmten Situation anders entscheiden als Einzelpersonen?

In dieser Arbeit soll dieser Fragestellung auf sozialpsychologische Weise nachgegangen werden. Hierzu werden zunächst Begriffe, wie „Sozialpsychologie“ und „Experiment“ kurz erklärend dargestellt, da sie zum weitern Verständnis der vorliegenden Arbeit notwendig sind. Weiter müssen für die Thematik „Autorität“ und „Gruppendruck“ definiert werden. Es gibt eine Vielzahl von Untersuchungen und Experimenten in der sozialpsychologischen Forschung, die sich mit der Interaktion von Gruppen und dem Gehorsam gegenüber Autoritäten beschäftigt, so dass eine Auswahl getroffen werden musste. Im Folgenden sollen auf die vier wohl bekanntesten Experimente eingegangen werden, die zudem einen Ausschnitt zur Forschung im 20ten Jahrhundert liefern. Dazu werden Versuche von 1935 (Sherif), 1951 (Asch), 1963 (Milgram) und 1971 (Zimbardo) vorgestellt. Diese Auswahl ist rein subjektiv gewählt und die Untersuchungen haben dabei einen Symbolcharakter, da ihnen viele weitere Experimente folgten.

2. Was versteht man unter „sozialpsychologischen Experimenten“?

Allgemein befasst sich die Sozialpsychologie mit der Psychologie des Menschen und der Mitmenschen in allen Bereichen des Zusammenlebens, man spricht von der „Wissenschaft von den Interaktionen zwischen Individuen.“[2] Dieses Zusammenspiel zwischen Individuum und Gesellschaft ist in früheren Jahrhunderten nicht wissenschaftlich erforscht worden, sondern es wurde nur vermutet, nachgedacht und spekuliert.[3] Um allerdings aus Hypothesen verifizierte Thesen zu formen, benötigt man ein Forschungssystem. Hierzu muss mit dem zu ergründenden Objekt, nämlich den Menschen und Mitmenschen, geforscht beziehungsweise experimentiert werden.

In genau diesem Forschungsgegenstand „Individuum“ liegen jedoch vielschichtige Probleme. Denn der Mensch lässt sich nicht, wie beispielsweise eine Maschine, in gleichmäßige, standardisierte Denk- und Handlungsmuster kategorisieren, die man immer wieder reproduzieren könnte, um so die Richtigkeit der Hypothese zu beweisen. Das sozialpsycho-logische Experiment ist also ein Wagnis, um neue Erkenntnisse zu gewinnen.

Um die oben gestellte Frage aber noch besser beantworten zu können, müssen zunächst inhaltlich die beiden Begriffe Sozialpsychologie und Experiment von einander getrennt dargestellt werden.

2.1 Was ist die „Sozialpsychologie“?

Die Sozialpsychologie ist als eine Teildisziplin der Psychologie zu verstehen und entwickelte sich um die Jahrhundertwende des 20. Jahrhunderts. 1898 wurden die ersten sozialpsycho-logischen Experimente durchgeführt und 1908 erschienen in Folge die ersten Lehrbücher zur Sozialpsychologie. Definitionen zur Sozialpsychologie gehen vorwiegend auf die von Gordon Allport, 1968, zurück und sind meist weit gefasst.

„Sozialpsychologie ist das Studium der Reaktionen des Individuums auf soziale Stimulation. Die kritischen Reaktionen können Gedanken, Gefühle oder offenes Verhalten sein, und die Stimuli können alles einschließen, was durch die wirkliche, erinnerte oder antizipierte Anwesenheit anderer Leute impliziert wird.“[4]

Als Wissenschaft versucht die Psychologie das Erleben und Verhalten von Individuen zu beschreiben, zu erklären und vorauszusagen.

In der Sozialpsychologie geht es dann spezifischer darum, auf welche Art und Weise Personen, Personengruppen und Kultur andere Menschen beeinflussen und andersherum von diesen ebenfalls beeinflusst werden. Das heißt ergo, dass Sozialpsychologie sich nicht nur mit Gruppen, sondern auch mit dem Verhalten und Erleben von Einzelpersonen befasst. Dieser Fokus auf Einzelpersonen steht im Zusammenhang mit der kognitiven Wende in den 60er Jahren, in der den individuellen Denk- und Wahrnehmungsprozessen eine zentrale Rolle zugeschrieben wurde.[5]

Im Zentrum der Erklärungen stehen also nicht allgemeine Gesetzmäßigkeiten, die weitgehend unabhängig von der Situation für alle Menschen gelten oder Persönlichkeitseigenschaften, die von Person zu Person unterschiedlich ausgeprägt sind, sondern Wirkungen der Situation.

Die Sozialpsychologie versucht Antworten auf verschiedene Fragen zu finden, zum Beispiel: Wie reagieren Individuen in sozialen Situationen, wie Not-, Gruppensituationen, in verschiedenen Kulturen? Wie erklärt sich das Verhalten anderer, beispielsweise ob aggressives Verhalten absichtlich oder unbewusst abläuft? Oder ganz allgemein gehalten: Was denken Personen über ihr Gegenüber?

„Da sich soziales Verhalten, soziale Urteilsbildung und soziale Interaktion in allen Lebensbereichen abspielt, sind dem Themenspektrum der angewandten Sozialpsychologie kaum Grenzen gesetzt. Klassische Anwendungsgebiete sind die Gesundheitspsychologie (z.B. soziale Unterstützung; Attribution von Ereignissen), die Organisationspsychologie (z.B. Personalauswahl, Leistungsbewertung, Führung, Motivation, Gruppenprozesse oder ökonomische Entscheidungen), die klinische Psychologie (z.B. soziale Störungsbilder wie die soziale Phobie), die Pädagogische Psychologie (z.B. soziales Lernen, Soziometrie), die Rechtspsychologie (z.B. Glaubwürdigkeit von Zeugenaussagen, Wahrnehmung von Gerechtigkeit), die Markt- und Werbepsychologie (z.B. Einstellungsänderung aufgrund von Werbebotschaften), und die politische Psychologie (Beurteilung von Politikern, soziale Bewegungen).“[6]

Auf der Basis der vielseitigen und unterschiedlichen Themen und Teilgebiete der Sozialpsychologie werden zur Erforschung und Überprüfung der aufgestellten Hypothesen auch verschiedene Methoden benötigt, um das Ziel zu erreichen, allgemeingültige Gesetzmäßigkeiten zum menschlichen Verhalten in sozialen Situationen zu erkennen.

2.2 Was ist ein „Experiment“?

Neben dem Interview, der schriftlichen Befragung, zum Beispiel in Form eines Fragebogens, der Gruppendiskussion, der Soziometrie, der Beobachtung, der Inhaltsanalyse, usw., ist das Experiment eine Methode der empirischen (Sozial)Forschung. Als Forschungsstrategien sind beispielsweise die Längsschnitt-, die Korrelationsstudie, das Feld- und das Laborexperiment zu nennen. Auf Letztere wird im Folgenden noch ausführlicher eingegangen.

Nach Klauer ist das Experiment definiert, als „planmäßig ausgelöster und wiederholbarer Vorgang, bei dem beobachtet wird, in welcher Weise sich unter Konstanthaltung anderer Bedingungen mindestens eine abhängige Variable ändert, nachdem mindestens eine unabhängige Variable geändert worden ist.“[7]

Das heißt demnach, dass ein Experiment als Forschungsinstrument eingesetzt wird, um eine vor dem Experiment aufgestellte Hypothese zu überprüfen. Dazu muss zunächst deren Variablen so konkret wie möglich definiert sein. Anhand der Menge der unabhängigen und abhängigen Variablen und ihre zu überprüfende Beziehung wird die Wahl des Untersuchungsplans, dem so genannten Design[8], und die statistische Auswertung abgeleitet. Von zentraler Bedeutung ist die genaue Unterscheidung zwischen den abhängigen und unabhängigen Variablen, die sich aus der inhaltlichen Überlegung der Hypothese ergeben. Anschließend werden die Probanden per Zufall unterschiedlichen Versuchsbedingungen zugeordnet, randomisiert.

Durch die Variation der Bedingungen, unter denen die abhängige Variable beobachtet wird, und durch den Versuch, die Einwirkungen anderer Faktoren auf die abhängige Variable auszuschalten, grenzt sich das Experiment gegenüber anderen Methoden der empirischen Sozialforschung ab. Im Experiment lassen sich immer ein Zustand vorher, eine Änderungsphase (Treatment) und ein Zustand nachher unterscheiden.[9]

Spezieller muss nun das Labor- und das Feldexperiment unterschieden werden, da dies die bevorzugte Methode in der sozialpsychologischen Forschung ist.[10] Typische Merkmale für das Laborexperiment sind die Planmäßigkeit, Wiederholbarkeit, das gezielte Variieren beziehungsweise Konstanthalten von Bedingungen und die vorhandene Experimental- oder Kontrollgruppen. Auch das Erfassen von Kausalzusammenhängen ist mit dieser Methode möglich. Der Vorteil des Laborexperimentes ist die hohe interne Validität, das heißt die Gültigkeit der Messung ist hoch, exakt und wiederholbar. Das Problem dieser Methode liegt allerdings in der externen Validität, da die experimentell ermittelten Befunde nur schlecht auf nicht- experimentelle Gegebenheiten verallgemeinert werden können. Das Labor ist ein abgegrenzter Raum, in der Wirklichkeit unterliegt das Individuum den verschiedensten Einflüssen.

Das Feldexperiment hat im Gegensatz dazu eine vergleichsweise gute externe Validität. Dadurch, dass das Experiment nicht in einem geschlossenen Raum, wie beispielsweise ein Labor, sondern “im Feld“, dem realen Alltag, wie zum Beispiel auf der Strasse, stattfindet, reagieren die Versuchsteilnehmer “natürlich“. Die Reaktivitätseffekte der experimentellen Situation werden somit minimiert und gleichzeitig werden praxisrelevante Resultate gewonnen, die gut auf die Lebenswelt übertragbar sind und ein hohes Ausmaß an Generalisierbarkeit aufweisen. Allerdings beinhaltet diese Methode ebenfalls Probleme. So kann eine vollständige Bedingungskontrolle nicht gegeben werden und die zufällige Zuordnung der Versuchspersonen zu den Experimental- bzw. Kontrollgruppen ist nicht möglich.

„Sozialpsychologische Forschung beinhaltet deskriptive, korrelative und experimentelle Forschung und bedient sich eines breiten Methodenspektrums, das quantitative und qualitative Erhebungsinstrumente umfasst.“[11]

Vorwiegend sind die Gebiete der Sozialpsychologie experimentell ausgerichtet und anwendungsorientiert. Das Laborexperiment hat sich mit seinen Eigenschaften, bei dem die Störvariablen am Besten kontrolliert und Zustände hergestellt werden können, um Kausalzusammenhänge zu erkennen, als geeignetste Methode erwiesen. Warum ist nun aber die experimentelle Methode von zentraler Bedeutung für die sozialpsychologische Forschung?

„Auch wenn bei der Definition des Experiments bisweilen unterschiedliche Akzente gesetzt werden, so besteht doch allgemein Einigkeit darin, daß die aktive Manipulation der Versuchsbedingungen durch den Experimentator und damit die Möglichkeit Ursache und Wirkung zu unterscheiden, das Wesentliche am Experiment ausmacht.“[12]

Bei einem Experiment besteht die Problematik, eine echte, unbewusste Reaktion von den Versuchspersonen zu erhalten, was nur möglich ist, wenn sie nicht wissen, dass sie an einem Experiment teilnehmen. Wäre es den Probanden bewusst, würde sich das Ergebnis dahingehend verfälschen, als dass sie dazu neigen würden, sich so zu verhalten, wie sie glauben, dass man es von ihnen erwartet. Daher wird versucht eine wirkliche Lebenssituation zu simulieren, welche ähnlich jederzeit und überall passieren könnte. Darin liegt auch eine Fehlerquelle beim Experiment, nämlich im Aufforderungscharakter.[13] Die Versuchsperson weiß, dass sie an einem Experiment teilnimmt, da sie ein Labor betreten muss. Sie wird sich Überlegungen zum Versuch machen, um dann den Anforderungen des Experimentators entsprechend zu reagieren. Dies würde eine Verfälschung der Ergebnisse zu Folge haben.

Um dem entgegenzuwirken muss der Versuchsleiter die Versuchsbedingungen und die Probanden demnach manipulieren, damit sie echt reagieren und um so ein methodisch echtes Ergebnis zu erhalten. Dabei trägt er eine besondere Verantwortung gegenüber den Versuchspersonen, welche durch die Undurchschaubarkeit der experimentellen Situation entsteht. Die Missachtung von ethische Prinzipien wird, wie beispielsweise die Verletzung des Vertauens oder des Datenschutzes, verstecktes Beobachten und Täuschung, vom Versuchsleiter bewusst gebilligt, aber so gering wie möglich gehalten. Allerdings sollten den Probanden vor dem Beginn des Experimentes alle eventuellen negativen Aspekte aufgezeigt werden, so dass sie dann selbst entscheiden können, ob sie am Experiment teilnehmen wollen. Weiter sollten die Probanden aber auch jederzeit die Untersuchung abbrechen können und dürfen. Abschließend muss über die Ziele des Experiments aufgeklärt, ausführliche Informationen über den Versuch gegeben und die ggf. erlebten negativen Aspekte des Versuches durch positive Aspekte aufgehoben werden, beispielsweise durch eine Belohnung für gute Mitarbeit.[14]

„Doch trotz aller kleinen oder größeren Unvollkommenheiten des sozialpsychologischen Experiments können die Ergebnis der Sozialpsychologie das manchmal ungeheure Risiko jenes großen Experiments reduzieren, das man „Menschliche Gesellschaft“ nennt.“[15]

3. Begriffsdefinitionen

Nachdem nun die Disziplin Sozialpsychologie und die Forschungsmethode Experiment kurz inhaltlich dargestellt sind, müssen noch zwei weitere Begriffe für das Verständnis der in folgenden Kapitel dargestellten Experimente nach psychologischem Verständnis definiert werden, und zwar die Autorität und der Gruppendruck.

3.1 „Autorität“

„Autorität (von lat. Auctoritas – Einfluß, Geltung, Vollmacht, Vorbild) bezeichnet – im Unterschied zu Macht und Herrschaft – die Einflussmöglichkeit einer Person, aber auch einer Gruppe oder Institution und ihrer Repräsentanten auf andere Personen und Sozialbeziehungen aufgrund beanspruchter und anerkannter Kompetenz und Überlegenheit.“[16]

Psychologisch beschreibt Autorität das Ansehen, was eine Person, Gruppe oder Institution besitzt und welches andere in ihrem Denken und Handeln dahingehend beeinflusst, als dass sich diese dann nach den Autoritätsinhabern richten. Autorität hat man nicht immer, sondern sie muss einem von einer anderen Person, einer Gruppe oder einem System zugeschrieben werden. Diese sind abhängig von den bestimmten Merkmalen und Maßstäben des jeweiligen Sozialsystems. Das Erlangen und Innehalten ist also auf eine Beziehung zwischen Menschen in einer sozialen Struktur angewiesen. Diejenigen, die Autorität verleihen, begrenzen auch gleichzeitig die Funktion, Dauer und Grad der Ausprägung der Autorität.

„Stammt Autorität aus Grundweisen des Menschseins, dann wird aber auch jeder Autoritätsträger zum bloßen Vermittler einer Verhaltensform, die außerhalb seines Machtbereichs liegt. Der Ursprung von Autorität ist schon ihre Begrenzung.“[17]

Aufgrund der Verinnerlichung der hierarchischen Gesellschaftsordnung treten Menschen in soziale Situationen bereits mit der Erwartung ein, dass irgend jemand die Macht haben wird. Die Autoritätsperson füllt so durch ihre personenbezogene Überlegenheit oder Kompetenzen, wie beispielsweise Körperkraft, Erfahrung, Fähigkeiten die Lücke aus, welche die Individuen verspüren, die in eine soziale Situation eintreten. Infolgedessen braucht sie ihre Autorität gar nicht hervorheben, sondern sie muss sie lediglich identifizieren. So fungiert Autorität auch als Vorbild, Repräsentant und beinhaltet Innovation, zum Beispiel bei der Führung einer Gruppe.[18]

Man unterscheidet die Amts- oder positionale und die personale Autorität. Erstere ist, wie ihr Name besagt, an eine Position oder ein Amt, innerhalb eines Sozialsystems gebunden. Weiter ist sie begründet durch den Glauben der “Untergebenen“ an seine Legitimität, wie die religiöse Tradition, sowie den die Gruppe verbindenden, gemeinsamen Werten.

Als zweite ist die personale Autorität zu nennen, mit den zwei Spezifikationen funktional und koordinativ. Die personale beruht auf Eigenschaften, die von dem umgebenden Sozialsystem als wertvoll erachtet werden.[19] Weiter zählt hierzu die funktionale Autorität, die sich durch die ihr ausserordentliches Sachverständnis und den Wissensvorsprung vor den anderen auszeichnet.

Die Lenkung und Koordination sozialer Prozesse, wie beispielsweise Konfliktsituationen lösen, zählt zum Kriterium der koordinativen Autorität.[20] Die Autoritätsperson hat zudem allgemein die Aufgabe der Wertevermittlung und erhält im Gegenzug die Vertrauensmacht der Gruppe oder des Systems.

3.2 „Gruppe“, „Gruppendruck“ und „Konformität“

Unter Gruppe ist zu verstehen, „eine bestimmte Zahl von Mitgliedern (…), die zur Erreichung eines gemeinsamen Ziels (…) über längere Zeit in einem relativ kontinuierlichen Kommunikations- und Interaktionsprozess stehen und ein Gefühl der Zusammengehörigkeit (Wir-Gefühl) entwickeln.“[21]

Gruppen, das sind zwei oder mehrer, bis zu 25 Personen, sind das häufigste soziale Gefüge in unsere Gesellschaft und jeder Mensch gehört normalerweise mehreren unterschiedlichen Gruppen an, beispielsweise Familie, Freundeskreis, Sportmannschaft. Wichtige Voraussetzung für eine Gruppenbildung sind gemeinsame Ziele. Gruppen sind ein System mit gemeinsamen Normen und die gruppenspezifische Rollenverteilung ist zudem notwendig, um das Gruppenziel zu erreichen, sowie die Gruppenidentität zu stärken. Dabei übernimmt jedes Mitglieder einer Gruppe, bewusst oder unbewusst, eine eigene Rolle, welche der sozialen Orientierung dienen. Die Rollenverteilung verhält sich sowohl starr als auch flexibel. Zudem existieren Rollenerwartungen, die bei ihrer Nichterfüllung wiederum zu Rollenkonflikten führen.

„Zur Erreichung des Gruppen-Ziels und zur Stabilisierung der Gruppenidentität ist ein System gemeinsamer Normen und eine Verteilung der Aufgaben über ein gruppenspezifisches Rollendifferential erforderlich.“[22]

Aber Gruppen vermitteln auch soziale und kulturelle Normen, Werte, Einstellungen und Verhaltensweisen. Ausserdem befriedigen Bedürfnisse nach Zuwendung, Anerkennung und Selbstverwirklichung. Eine Gruppe erfüllt dem Menschen das Gefühl der Sicherheit und Nützlichkeit. Gleichzeitig gibt sie Gelegenheit, Status und Macht zu erlangen. Die Beziehungen innerhalb einer Gruppe weisen eine sehr gut strukturierte Organisation auf, die sich dynamisch verhält und somit entwickeln kann. Bei der Gruppendynamik handelt es sich um Kräfte innerhalb einer Gruppe, die spontan die Gruppenstruktur, in Verbindung mit der Rollenverteilung, entstehen lassen oder verändern. Diese Kräfte können auch bewusst zur Veränderung der Gruppen genutzt werden, zum Beispiel in psychologischen Therapien.[23]

[...]


[1] Kelmer, O., Stein, A, 1978, S. 43

[2] Herkner, W., 1991, S. 17

[3] vgl. Kelmer, O., Stein, A, 1978, S. 8

[4] Bierhoff, H.-W., 2000, S. 1

[5] vgl. Stroebe, W., Jonas, K., Hewstone, M.(Hrsg.), 2003, S. 14ff

[6] vgl. http://www.sozialpsychologie.de/sozialpsychologie.html gefunden am 6. Okt. 06

[7] Klauer, K. J., 1973, S.30

[8] vgl. Schnell, R., Hill, P. B., Esser, E., 1995, S. 203ff

[9] vgl. Schnell, R., Hill, P. B., Esser, E., 1995, S. 215ff

[10] vgl. Schnell, R., Hill, P. B., Esser, E., 1995, S. 217ff

[11] vgl. http://www.sozialpsychologie.de/sozialpsychologie.html gefunden am 3. Okt. 06

[12] vgl. http://www.stangl-taller.at/TESTEXPERIMENT/experimentdefinition.html gefunden am 10. Okt. 06

[13] vgl. Bungard, W., 1984, S. 19ff

[14] vgl. Zimbardo, P. G., 1992, S. 20

[15] vgl. Kelmer, O., Stein, A, 1978, S. 24

[16] Schäfers, B. (Hrsg.), 1998, S. 29

[17] Hammer, F., 1977, S. 54

[18] vgl. Herkner, W., 1991, S. 447ff

[19] vgl. M. Webers Ausdruck des Charismas in Schäfers, B. (Hrsg.), 1998, S. 44ff

[20] vgl. Schäfers, B. (Hrsg.), 1998, S. 29ff

[21] Schäfers, B. (Hrsg.), 1998, S. 118

[22] ebd.

[23] vgl. Slater, P. E., 1978, „Vergottung als Schutzmittel gegen Entbehrung“

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Sozialpsychologische Experimente zu Autorität und Gruppendruck
Untertitel
Ihr Entstehungszusammenhang, mögliche Interpretationen und gesellschaftliche Relevanz
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Psychologie)
Veranstaltung
Theorien und Grundlagen der Psychologie
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
44
Katalognummer
V92453
ISBN (eBook)
9783638061636
ISBN (Buch)
9783640109142
Dateigröße
627 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sozialpsychologische, Experimente, Autorität, Gruppendruck, Theorien, Grundlagen, Psychologie
Arbeit zitieren
Anika Schürholz (Autor), 2006, Sozialpsychologische Experimente zu Autorität und Gruppendruck, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92453

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