Das Drama "Maria Stuart" von Friedrich Schiller. Erlangt Maria Stuart im Tod vollkommene Erhabenheit?


Hausarbeit, 2020

24 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Was bedeute Erhabenheit ?
a. Erhabenheit nach Immanuel Kant
b. Vom Erhabenen von Friedrich Schiller
c. Über das Erhabene von Friedrich Schiller

3. Die Entwicklung der Maria Stuart
a. Die hoffnungsvolle Maria
b. Der Streit der Königinnen
c. Die erhabene Maria?

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Erhaben nennen wir ein Objekt, bei dessen Vorstellung unsre sinnliche Natur ihre Schranken, unsre vernünftige Natur aber ihre Überlegenheit, ihre Freiheit von Schranken fühlt.“1

Mit diesen Worten beschreibt Schiller in seinem Werk Vom Erhabenen den Begriff des Erhabenen und grenzt gleichzeitig die Sinnlichkeit von der Vernunft ab. Inspiriert durch die kantische Idee des Begriffs greift Schiller diesen auch in einer weiteren Schrift mit dem Titel Über das Erhabenen auf und versucht dadurch eine umfassende Definition für diesen zu erhalten. Erhabenheit spielt darüber hinaus auch in seinen Dramen eine entscheidende Rolle. So schwankt beispielsweise in seinem 1800 erschienenen Stück Maria Stuart die gleichnamige Hauptfigur je nach Lebenssituation zwischen der Vernunft und den Sinnen, mit dem eigentlichen Ziel, am Ende eine erhabene Figur zu verkörpern. Inwiefern dies gelingt, soll im Folgenden mittels der Fragestellung, inwiefern erlangt Maria Stuart im gleichnamigen Drama von Friedrich Schiller in ihrem Tod vollkommende Erhabenheit, genauer betrachtet werden.

Hierzu soll zunächst der Begriff der Erhabenheit nach Kant und schließlich auch nach Schiller, der die kantischen Ideen weiterführt, definiert werden. Anschließend soll auf drei wichtige Situationen im Leben der Maria Stuart eingegangen und dadurch ihre Entwicklung untersucht werden.

Neben den Primärwerken von Schiller und Kant wird hauptsächlich die Entwicklung am Dramentext herausgestellt und mit geeigneten Versen untermauert. Darüber hinaus dienen neben Überblicksdarstellung auch Sekundärtexte beispielsweise von Paul Barone, die die Erhabenheit in Schillers Werken genauer betrachten, zur Untersuchung des Gegenstandes.

Zunächst soll es aber um eine ausführliche Definition des Begriffs der Erhabenheit gehen.

2. Was bedeute Erhabenheit?

a. Erhabenheit nach Immanuel Kant

Immanuel Kant wurde 1724 geboren und galt als bedeutender deutscher Philosoph in der Zeit der Aufklärung. Neben seinen Werken Kritik der reinen Vernunft und Kritik der praktischen Vernunft, erschien 1790 ein weiteres Werk mit dem Titel Kritik der Urteilskraft. In diesem widmet er sich unter anderem der Ästhetik und der Teleologie. Im zweiten Buch seines Werkes thematisiert er den Begriff des Erhabenen unter dem Titel Analytik des Erhabenen und grenzt diesen vom zuvor definierten Begriff des Schönen ab.2

Laut Kant haben das Schöne und das Erhabene die Gemeinsamkeit, dass sie beide für sich selbst existieren, ohne einen Zweck oder tieferen Sinn zu verfolgen. Beide urteilen dabei einzeln und sind allgemeingültig. Was die Begriffe jedoch von einander unterscheidet, wird deutlich bei der Betrachtung eines Gegenstandes. Das Schöne bezieht sich laut ihm stets auf die Form des Gegenstandes oder des Objekts, wobei das Erhabene auch in einem formlosen Gegenstand aufzufinden ist.3

Ein weiterer Unterschied stellt hierbei die Darstellung der Begriffe dar. Während Gegenstände als schön bezeichnet werden können, trifft dies für die Erhabenheit nicht zu. Gegenstände sind demnach nur zur Darstellung der Erhabenheit nützlich, die wiederum im Gemüt angetroffen wird. Das Erhabene trifft dadurch nur auf Ideen der Vernunft zu und ist nicht in sinnlicher Form enthalten. So ist beispielsweise auch die Natur ohne die Vernunftideen nicht erhaben:

„So kann der weite, durch Stürme empörte Ozean nicht erhaben genannt werden. Sein Anblick ist gräßlich; und man muss das Gemüt schon mit mancherlei Ideen angefüllt haben, wenn es durch eine solche Anschauung zu einem Gefühl gestimmt werden soll, welches selbst erhaben ist.“4

Kant grenzt demnach das Schöne, welches das Gemüt in „ruhiger Kontemplation“5 betrachtet, von dem Erhabenen, welches wiederum zu einer „Bewegung des Gemüts“6 führt, ab. Diese Bewegung kann durch die Einbildungskraft des Subjekts schließlich entweder auf das Erkenntnis- oder auch das Begehrungsvermögen bezogen werden. Die Erkenntnis bezeichnet Kant als Mathematisch-Erhabenes, das Begehren als Dynamisch-Erhabenes.7

Beim Mathematisch-Erhabenen werden zunächst zwei Größenschätzungen voneinander unterschieden: die mathematische und ästhetische Schätzung. Die mathematische Schätzung beurteilt eine Größe durch Zahlen. Gleichzeitig wird dafür ein objektives Größenmaß in Form einer Einheit vorausgesetzt. Die ästhetische Größenschätzung beurteilt wiederum durch Augenmaß, wodurch sie im Vergleich zu ersterer als subjektives Größenmaß einzustufen ist. Dadurch können die beurteilten Größen immer nur relative Größen sein. Wichtig ist bei der Größenschätzung jedoch der Unterschied zwischen groß und erhaben, den Kant besonders herausstellt.8

Erhaben bedeutet nicht einfach groß, sondern „schlechthin-, absolut-, in aller Absicht- (über alle Vergleichung) groß.“9 Für das Erhabene kann es somit keinen Maßstab außer sich selbst geben, denn es gibt keine vergleichbare Größe, um diesen Begriff zu fassen. Es kann demnach kein Gegenstand der Sinne erhaben sein, sondern immer nur Ideen der Vernunft.10

Kants Begriff des Erhabenen ist ein subjektiver. Gegenstände in der Natur können nur einen Anlass bieten, eine erhabene Betrachtung in Erwägung zu ziehen, sie können aber selbst nicht erhaben sein. Ein Beispiel hierfür ist der Ozean. Mit dem Ausdruck: Der Ozean ist erhaben, meint der Begriff des Erhabenen nicht den Ozean an sich, sondern die Gemütsstimmung, die sich bei der Betrachtung von diesem einstellt. Dennoch scheitert die ästhetische Größeneinschätzung, weil die Einbildungskraft an ihre Grenzen kommt. Die Einbildungskraft muss bei der Aufnahme eines Objekts zwei Handlungen tätigen: Die Auffassung (apprehensio) und die Zusammenfassung (comprehensio aesthetica). Die Einbildungskraft kann dabei unbegrenzt die Fülle des Objektes auffassen. Bei der Zusammenfassung stößt sie jedoch an ihre Grenzen. Wenn das Objekt das Maximum übertrifft, welches die Einbildungskraft zusammenfassen kann, scheitert die Einschätzung des Objekts und es wird bezüglich seiner Größe als unangemessen angesehen.11

An dieser Stelle tritt die Vernunft in den Vordergrund. Diese fordert, dass jedes Objekt anhand seiner Größe in eine Anschauung zusammengefasst werden muss. Sie verlangt dadurch auch das Unendliche als Ganzes zu betrachtet, was jedoch für die Einbildungskraft nicht möglich ist. Das Scheitern der Einbildungskraft kann schließlich nur durch eine höhere Aktivität der Vernunft überwunden werden. Die Überwindung gelingt der Vernunft durch intellektuelle Größeneinschätzung. Es kommt demnach zu einer „Erweiterung des Gemüts, welches die Schranken der Sinnlichkeit […] zu überschreiten sich vermögend fühlt“12. Es erfolgt eine Erweiterung des Subjekts über die Grenzen der Sinnlichkeit hinaus. Dadurch entsteht eine Gefühlsmischung aus Lust und Unlust. Die Unlust entsteht durch das Scheitern der Einbildungskraft, die Lust wiederum aus der Selbsterweiterung des Subjekts mittels der Vernunft. Die Einbildungskraft wird schließlich auf das Ganze der Vernunft hin ausgedehnt und dadurch zum „Werkzeug der Vernunft und ihrer Ideen“13.

Im Gegensatz zum Mathematisch-Erhabene geht es beim Dynamisch-Erhabenen um die Natur als Macht, der das Subjekt nicht widerstehen kann. Macht wird dabei als Gegenstand der Furcht aufgefasst. Die Naturmacht soll sich als etwas Furchtbares vorgestellt werden, ohne sich davor wirklich zu fürchten. Dies gelingt, indem man sich vorstellt, dass dem Gegenstand Widerstand entgegengebracht wird, aber dieser Widerstand vergeblich ist.14

Sich tatsächlich zu fürchten vor dem Gegenstand würde ein Urteil über die Erhabenheit nicht möglich machen. Denn der Affekt der Furcht, also jede Bewegung des Gemüts, die das Subjekt unvermögend macht, frei zu handeln, muss für eine Urteilsbildung aus der ästhetischen Erfahrung rausgehalten werden.15 Die Grundbedingung der ästhetischen Erfahrung ist demnach die Sicherheit des Betrachters. In einem Zustand der Sicherheit kann keine Furcht empfunden werden, wodurch auch nicht das Bedürfnis nach Widerstand besteht. Es geht also nur um die Vorstellung, Furcht zu empfinden, und gleichzeitig zu wissen, dass Widerstand zwecklos wäre in dieser Situation.

Als Beispiel für so eine Situation führt Kant Naturphänomene wie Orkane, Gewitter oder einstürzende Felsen an. Gegen diese ist kein physischer Widerstand möglich. Das Subjekt erfährt ein Gefühl von „physischer Ohnmacht“16 was gleichzeitig ein Gefühl von Unlust auslöst. Bei ästhetischer Betrachtung befindet sich das Subjekt jedoch in Sicherheit. Durch die drohende Gefahr werden die „Kräfte“17 aufgefordert und die Widerstandmöglichkeiten gegen die Macht der Natur bewusst gemacht. Es entsteht ein Gefühl, dass man gegen die Natur vorgehen kann. Die Natur wird als „Macht, die über es [das Subjekt] keine Gewalt hat“18 wahrgenommen, wodurch gleichzeitig ein Gefühl von Lust entsteht.

Kant grenzt in seinem Werk demnach nicht nur das Erhabene vom Schönen ab, sondern teilt dieses auch in Kategorien ein, um die verschiedenen Arten von Erhabenheit zu verdeutlichen. Zusammenfassend greift er das Erhabene als eine Größe auf, die nicht mit anderen Größen zu vergleichen ist. Ein erhabenes Objekt existiert nur als Idee der Vernunft und kann durch die Sinnlichkeit nicht aufgenommen werden. Zudem spricht er von den Grenzen der Einbildungskraft bezüglich des Erhabenen und sagt, dass diese eine Erweiterung durch die Vernunft erfährt und dadurch ein Gefühl von Grenzenlosigkeit eintritt. Die Vernunft funktioniert selbst bei physischer Ohnmacht und dem Subjekt wird nur dadurch bewusst, dass es nicht an die Grenzen der Natur gebunden sein muss, sondern unabhängig und losgelöst von dieser handeln kann.

b. Vom Erhabenen von Friedrich Schiller

Schiller greift den Begriff des Erhabenen in zwei seiner eigenen Werke erneut auf und orientiert sich dabei teilweise an den kantischen Ideen. Sein erstes Werk bezüglich der Thematik wurde 1793 unter dem Titel Vom Erhabenen - Zur weitern Ausführung einiger Kantischen Ideen in seiner eigenen Zeitschrift Neue Thalia veröffentlicht. Bereits im Titel stellt er den Anspruch an sich selbst, die Ideen Kants zu vertiefen und unter anderem Begrifflichkeiten zur Beschreibung des Begriffs des Erhabenen wieder aufzugreifen.

Bereits zu Beginn des Werkes definiert Schiller den Begriff des Erhabenen. Ein erhabenes Objekt sei demnach etwas, bei dem die sinnliche Natur des Menschen ihre Grenze, die Vernunft jedoch Überlegenheit erfährt. Genau wie Kant unterscheidet er dabei zwischen der Wahrnehmung durch die Sinne – die Sinnlichkeit – und die Wahrnehmung durch die Vernunft. Physisch sind die Menschen dadurch dem Objekt unterlegen, moralisch erfahren sie jedoch eine Erhebung durch die Ideen. Dadurch kann der Mensch nur als Vernunftwesen frei sein.19 Abhängigkeit verspürt der Mensch nur als Naturwesen. Diese wird jedoch erst dann spürbar, wenn sich die Natur mit den Trieben des Menschen im Widerspruch befindet. Schiller unterscheidet dabei zwei Triebe: Der Vorstellungstrieb und der Selbsterhaltungstrieb. Dabei geht der Vorstellungstrieb „auf Erkenntnis, der Selbsterhaltungstrieb auf Gefühle“20 zurück.

So wie der Mensch demnach auf zwei Arten abhängig von der Natur ist, so ist er durch die Vernunft auch auf zwei Arten unabhängig. Einerseits dadurch, dass er sich mehr denken, als er erkennen kann – dies bezeichnet Schiller als Theoretisch-Erhaben – andererseits, dass er durch den eignen Willen den Begierden widersprechen kann – das Praktisch-Erhabene.21

Das Theoretisch-Erhabene sieht die Natur als „Objekt der Erkenntnis“22, die im Widerspruch mit dem Vorstellungstrieb steht. Beim Praktisch-Erhabene wird wiederum die Natur als „Objekt der Empfindung“23, welche im Widerspruch zum Erhaltungstrieb steht, charakterisiert. Schiller greift hier die Begriffe Kants auf, bezeichnet sie jedoch anders. Das Praktisch-Erhabene ist demnach mit dem Dynamisch-Erhabenen bei Kant gleichzusetzen, das Theoretisch-Erhabene wiederum mit dem Mathematisch-Erhabenen.

Schiller beschreibt den Menschen in seinem Dasein als Sinnwesen als abhängig von den äußeren Bedingungen der Natur. Ändert die Natur ihre Verhältnisse, die sich auf das physische Wohl der Menschen auswirken könnten, besteht eine Gefahr für diese. Hier greift der Selbsterhaltungstrieb, der als Beschützer des physischen Lebens angesehen wird. Wenn sich Schmerz einstellt wird der Selbsterhaltungstrieb geweckt und zum Widerstand aufgefordert, um eine weitere Gefahr zu vermeiden. Wenn Widerstand gegen die Gefahr zwecklos scheint, entsteht Furcht. Furcht ist jedoch nur als Sinnwesen, nicht aber als Vernunftwesen spürbar. Als Vernunftwesen ist den Menschen bewusst, dass keine Macht auf den eigenen Willen ausgeübt werden kann, da dieser immer unabhängig und frei ist. Die Natur ist unter dieser Vorstellung des freien Willens dadurch praktisch-erhaben.24

Praktisch-Erhaben ist demnach ein Gegenstand, der die „Vorstellung von Gefahr mit sich führt, welche zu besiegen sich unsre physische Kraft nicht vermögend fühlt“.25 Dadurch wiederspricht das Praktisch-Erhabene dem Erhaltungstrieb. Die vollkommende Unabhängigkeit erfährt der Mensch nur durch das Praktisch-Erhabene. Er fühlt sich bei der Betrachtung des Praktisch-Erhabenen frei von der Macht der Natur, die das eigene Dasein bestimmen will. Der Mensch wiedersteht demnach den Dingen als Sinnwesen und versucht nicht gegen diese anzukämpfen, als Vernunftwesen weiß er jedoch, dass er überlegen ist und fühlt sich demnach frei von ihnen. Das Gefühl des Erhabenen stellt sich erst beim Verlassen des Gefühls von „physischen Widerstehungsmittel[n]“26 ein.27

Auch hier greift Schiller erneut Ansätze von Kant auf und vertieft diese in seiner Theorie. So verwendet auch er den Begriff des Furchtbaren und bezeichnet die Furcht als Zustand des Leidens und der Gewalt. Ein erhabenes Objekt muss laut Schiller dabei zwar furchtbar sein, darf aber nicht wirklich Furcht erregen. Das Schreckliche darf nur in der Vorstellung sein, sich aber nicht wirklich zeigen. So stellt die einzige Sicherheit, wenn es keine Möglichkeiten zur Flucht gibt, die moralische Sicherheit dar.28

Die physische Sicherheit ist etwas, was alle Menschen auf gleiche Weise besitzen. Die moralische jedoch setzt einen bestimmten Gemütszustand voraus. Um moralische Sicherheit zu erlangen muss der Mensch das Furchtbare furchtlos betrachten. Schiller unterscheidet an diesem Punkt klar die Moral und die Religion und bezeichnet zweitere zwar Aussöhnung zwischen den Forderungen der Vernunft und dem Anliegen der Sinnlichkeit, die Moral habe jedoch laut ihm kein Interesse an der Sinnlichkeit, sondern nur an den Regeln der Vernunft.29

Schiller führt hier das Beispiel des Todes an. Vor dem Tod haben die Menschen nur eine moralische Sicherheit, da ihm physisch nichts entgegengebracht werden kann. Die Idee der Unsterblichkeit dient dabei als Beruhigungsgrund. Dieser gründet im Trieb der Fortdauer, und wird demnach nicht wie er eigentlich sollte, in der Vernunft gesucht. Der Tod erhält seine Erhabenheit jedoch nicht wegen der Idee der Unsterblichkeit, denn „wird diese Idee der Unsterblichkeit [-] die herrschende im Gemüt, so verliert der Tod das Furchtbare, und das Erhabene verschwindet“30. Dem Menschen muss zunächst bewusstwerden, dass der Tod unausweichlich ist, denn erst dann stellt sich die moralische Sicherheit ein, die auf der Gerechtigkeit des Wesens und auf der Unschuld gründet. Aber diese moralische Sicherheit kann nicht die Ursache des Erhabenen sein, denn sie befriedigt lediglich den Trieb zur Selbsterhaltung und beruhigt die Sinnlichkeit.31 Bei dem Menschen muss sich das Gefühl von Gleichgültigkeit bezüglich des Seins als Naturwesen einstellen. Ihm muss klar werden, dass zwar seine Existenz, aber niemals seine Autonomie aufgehoben werden kann.32

Zusammenfassend sagt Schiller demnach, dass der Gegenstand des Praktisch-Erhabenen für die Sinnlichkeit furchtbar sein muss. Die Vorstellung der Gefahr im physischen Zustand muss dann wiederum den Selbsterhaltungstrieb in Bewegung setzen. Das „intelligible Selbst“33 muss bei jedem Affekt des Erhaltungstriebes diesen von dem sinnlichen Teil des Menschen unterscheiden und sich der eigenen Freiheit bewusstwerden. In einem weiteren Schritt muss sich zusätzlich Gleichgültigkeit über das Sein als Sinnwesen einstellen, sodass der physische Zustand keinen Einfluss auf den moralischen Menschen haben kann. Laut Schiller ist demnach derjenige groß, „wer das Furchtbare überwindet. Erhaben ist, wer es, auch selbst unterliegend, nicht fürchtet“.34

c. Über das Erhabene von Friedrich Schiller

Um den Begriff des Erhabenen nach Schiller vollständig definieren zu können, muss abschließend auch sein Werk Über das Erhabene, welches 1801 im dritten Band der Kleineren prosaischen Schriften in Leipzig veröffentlicht wurde, betrachtet werden.35

Schiller führt an einigen Stellen seine Überlegungen aus seinem früheren Werk fort. Der Mensch sei laut ihm das „Wesen, welches will“36. Wenn ihm jedoch Gewalt wiederfährt, ist er nicht mehr vollkommen frei, weil dies nur der Fall sein kann, wenn es wirklich keine Situation gibt, in der der Mensch etwas tun muss, was er nicht will. Seinen eigenen Willen zu behaupten ist auf zwei Weisen möglich: realistisch oder idealistisch.

Beim realistischen Ansatz setzt der Mensch der Gewalt, die ihm wiederfährt, eigene Gewalt entgegen. Es kommt demnach zur Ausbildung einer „physischen Kultur“37, die die Natur zu beherrschen versucht. Beim idealistischen Ansatz tritt er aus der Natur heraus und vernichtet dadurch den Begriff der Gewalt. Nur in diesem Fall ist die völlige Freiheit möglich, denn die Vernichtung der Macht meint die Unterwerfung.38

In einem weiteren Schritt greift Schiller den Unterschied zwischen dem Schönen und dem Erhabenen auf, wie bereits zuvor Kant. Dabei geht er auf die Gemütsstimmung des Menschen ein und sagt:

„Diejenige Stimmung des Gemüts, welche gleichgültig ist, ob das Schöne und Gute existiere, aber mit rigoristischer Strenge verlangt, daß das Existierende gut und schön und vollkommen sei, heißt vorzugsweise groß und erhaben […].“39

Das Schöne und das Erhabene bezeichnet er weiterführend als „Genien“40, die als Begleiter durch das Leben fungieren. Einerseits das Gefühl des Schönen, was sich lediglich auf die Sinneswelt bezieht und das Leben erleichtert, andererseits das Gefühl des Erhabenen, welches die Menschen durch schwere Zeiten führt, wenn die Grenze der Sinneswelt erreicht ist. Das Schöne als Ausdruck von Freiheit genießt der Mensch innerhalb der Natur, den Ausdruck vom Erhabenen entbindet wiederum von körperlichem Einfluss und erhebt den Menschen über die Macht der Natur. Der Mensch fühlt sich bei der Schönheit deshalb frei, weil die sinnlichen Triebe im Einklang mit den Gesetzen der Vernunft stehen. Bei der Erhabenheit entsteht das Gefühl von Freiheit, weil die sinnlichen Triebe die Gesetze der Vernunft nicht beeinflussen und nur die eigenen Gesetze des Menschen dadurch spürbar werden.41

Das Gefühl des Erhabenen wird weiterführend auch als Mischung aus „Wehsein“ und „Frohsein“42 bezeichnet. Wehsein gründet dabei in der Grenzerfahrung der Sinnlichkeit, aufgrund der Größe eines Gegenstandes. Frohsein wiederum hat seinen Grund in der „Selbstvergewisserung der Kräfte unserer Vernunft“43. Durch das Gefühl der Erhabenheit erfährt der Mensch, dass sich der „Zustand unsers Geistes nicht notwendig nach dem Zustand des Sinnes richtet, dass die Gesetze der Natur nicht notwendig auch die unsrigen sind […]“44. Schiller resümiert daraus, dass das Erhabene dem Menschen einen Ausweg aus der sinnlichen Welt verschafft, in die das Schöne ihn immer wieder gefangen halten will.45

Zusammenfassend wird deutlich, dass Schillers Auffassung über das Erhabene der von Kant in vielen Punkten ähnelt. Schiller unterscheidet die idealistische und realistische Freiheit und sagt, dass man nur dann wirklich frei ist, wenn man sich von der Macht der Natur lossagt, also sich dieser unterwirft. Vor allem am Beispiel des Todes wird sein Gedankengang schlüssig. Dem Tod können keine physischen Kräfte entgegengewirkt werden, da er unaufhaltsam ist. Nur die Akzeptanz des physischen Schicksals und die Einstellung des Gefühls der Gleichgültigkeit bezüglich der Sinneswelt, kann dem Menschen moralisch und damit vollkommen frei machen.

[...]


1 Schiller, Vom Erhabenen, 224.

2 Hinske, Art. Immanuel Kant, NDB, 110 und 119.

3 Kant, Kritik der Urteilskraft, 329.

4 Kant, Kritik der Urteilskraft, 330.

5 Kant, Kritik der Urteilskraft, 332.

6 Ebd.

7 Kant, Kritik der Urteilskraft, 332.

8 Kant, Kritik der Urteilskraft, 333.

9 Kant, Kritik der Urteilskraft, 335.

10 Kant, Kritik der Urteilskraft, 330.

11 Kant, Kritik der Urteilskraft, 337.

12 Kant, Kritik der Urteilskraft, 341.

13 Kant, Kritik der Urteilskraft, 359.

14 Kant, Kritik der Urteilskraft, 348.

15 Kant, Kritik der Urteilskraft, 349.

16 Kant, Kritik der Urteilskraft, 349f.

17 Kant, Kritik der Urteilskraft, 353.

18 Kant, Kritik der Urteilskraft, 348.

19 Schiller, Vom Erhabenen, 224.

20 Schiller, Vom Erhabenen, 225.

21 Ebd.

22 Schiller, Vom Erhabenen, 226.

23 Ebd.

24 Schiller, Vom Erhabenen, 226.

25 Schiller, Vom Erhabenen, 227.

26 Schiller, Vom Erhabenen, 230.

27 Schiller, Vom Erhabenen, 230f.

28 Schiller, Vom Erhabenen, 232.

29 Schiller, Vom Erhabenen, 234.

30 Schiller, Vom Erhabenen, 235.

31 Ebd.

32 Schiller, Vom Erhabenen, 236.

33 Schiller, Vom Erhabenen, 237.

34 Schiller, Vom Erhabenen, 238.

35 Barone, Schiller und die Tradition des Erhabenen, 112.

36 Schiller, Über das Erhabene, 571.

37 Schiller, Über das Erhabene, 572.

38 Ebd.

39 Schiller, Über das Erhabene, 573f.

40 Schiller, Über das Erhabene, 574.

41 Ebd.

42 Schiller, Über das Erhabene, 575.

43 Barone, Schiller und die Tradition des Erhabenen, 115.

44 Schiller, Über das Erhabene, 575.

45 Schiller, Über das Erhabene, 578.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Das Drama "Maria Stuart" von Friedrich Schiller. Erlangt Maria Stuart im Tod vollkommene Erhabenheit?
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
24
Katalognummer
V925713
ISBN (eBook)
9783346252883
ISBN (Buch)
9783346252890
Sprache
Deutsch
Schlagworte
drama, maria, stuart, friedrich, schiller, erlangt, erhabenheit
Arbeit zitieren
Helen Bouras (Autor), 2020, Das Drama "Maria Stuart" von Friedrich Schiller. Erlangt Maria Stuart im Tod vollkommene Erhabenheit?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/925713

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