ProAna. Magersucht als Lifestyle oder eine große Selbsthilfecommunity?


Hausarbeit, 2008

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1. Prolog

2. Allgemeine Begriffserklärungen

3. Was ist Magersucht?

4. Was bedeutet ProAna..
4.1. ... gemäß den Medienberichten?
4.2. ... für die Nutzer?

5. Wer nutzt diese Internetseiten?

6. Auswertung der Inhalte der verschiedenen Internetseiten

7. ProAna – eine Form der Selbsthilfe?

8. Bedeutung der Ergebnisse für die Sozialarbeit

9. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Prolog

„Ein Leiden, das bis vor einigen Jahrzehnten nur einem kleinen Kreis von Ärzten bekannt war, wurde zur »modernen« Krankheit, deren lateinische Bezeichnung sogar Laien zu verwenden wissen: Die »Anorexia nervosa« ist mehr denn je im Gespräch. Fernseh- und Rundfunkredakteure wittern ein Stück Sensation, Frauenzeitschriften sehen Stoff für ihre Beratungsrubriken. Verleger träumen davon, autobiographische Berichte auf ihre Bestsellerlisten zu lancieren.“ (Vandereycken/ van Deth/ Meermann: 2003: 13)

Essstörungen sind wieder im Gespräch. Der Skandalfotograf Oliviero Toscani bringt ganz Deutschland mit seinen Fotos des magersüchtigen Models Isabelle Caro außer Fassung. Die Hosengröße „0“ macht Schlagzeilen und wirft die Frage auf, ob Größe 32 nach dem europäischen Schönheitsideal schon zu viel ist. Hinzu kommt ein aufsehenerregender Videospot auf MTV, der von der Schwedische Organisation gegen Magersucht und Bulimie finanziert wurde und die Körperwahrnehmungsstörungen einer Essgestörten verdeutlicht.[1] Medien fesseln in jüngster Zeit ihre Leser/ Zuschauer mit Schlagzeilen wie „Hungern als sozialer Event“ (Laufer 2006), „Dünnsein als Lifestyle“ (Schreiber, Wundrak 2006) oder „Magersucht 2.0 – Thinderella aus dem Netz“(Hans 2007), sie erwecken die Neugier und schockieren zeitgleich. Hauptthematik dieser und vieler weiterer Medienberichte ist die ProAna-Bewegung im Internet.

Fraglich ist nach meiner Einschätzung, ob die Medien-Darstellung der ProAna-Bewegung alle Facetten ihres Daseins wiedergibt, oder ob sie hier eher oberflächlich betrachtet wird, um möglichst große Leser-/ Zuschauerzahlen durch neue Sensationsberichte zu werben und zu gewinnen. Anders formuliert: Versteht ProAna die Anorexie tatsächlich als Lifestyle oder ist diese Bewegung eher als große Selbsthilfecommunity zu verstehen? Dieser Fragestellung möchte ich im Folgenden nachgehen. Hierfür werde ich zunächst einige Begriffsbestimmungen vornehmen, um ein einheitliches Basiswissen als Grundlage für die weiteren Ausführungen zu schaffen. Nachdem ich herausgearbeitet habe, was ProAna bedeutet und auf die Nutzer/Innen der ProAna-Internetlinks eingegangen bin, werde ich die Inhalte von 188 Internetseiten mit ProAna-Schwerpunkt miteinander vergleichen. Schließlich werde ich meine Erkenntnisse in Bezug zu der Sozialarbeit setzen und mögliche Folgen für diese diskutieren.

Ich habe mich insgesamt gute vier Monate (von November 2007 – März 2008) intensiv (durchschnittlich 2-3 Std. am Tag) mit den ProAna-Internetseiten und ihren Nutzern/Innen beschäftigt. Während der gesamte Zeitspanne stand mir Mi-Chan, ein bekannte ProAna-User, mit Rat und Tat zur Seite.

Zu Beginn meiner Recherche bin ich auf viel Kritik und Skepsis gestoßen. Begründet wurde dies zumeist mit verdrehten Medienberichten, auf die sich die Nutzer/Innen zuvor eingelassen hatten.

Ich schätze es ist nicht zuletzt meiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass ich den Sprung in die Szene geschafft habe. Letztlich habe ich sogar eine Einladung zu einer Diskussionsrunde in einem Szene-Chat am 29.02.2008 erhalten und angenommen. Meine Fragen werden uneingeschränkt beantwortet und meine Meinung wird akzeptiert .

2. Allgemeine Begriffserklärungen

Adipositas:

Adipositas bezeichnet starkes Übergewicht und wird ab einem BMI von 30 diagnostiziert.

Blog:

Blog ist eine Abkürzung für Weblog, und umschreibt ein öffentlich, im Internet geführtes Tagebuch.

BMI:

BMI ist die Abkürzung für den Body-Mass-Index, der zur Bewertung des Körpergewichtes eines Menschen dient.

Bulimie:

Die Ess-Brech-Sucht ist durch Essanfälle gekennzeichnet, in denen die Betroffenen in kurzer Zeit eine erhebliche Menge an (meist hochkalorischen) Nahrungsmitteln zu sich nehmen. Um einem Gewichtsanstieg entgegenzuwirken, folgt auf einem Essanfall selbstinduziertes Erbrechen, der Missbrauch von Abführmitteln und/oder Entwässerungstabletten, übermäßige sportliche Betätigung und/oder Fasten.

Chat:

Ein Chat ist eine elektronische Kommunikation in reeller Zeit, hier über das Internet.

Disclaimer:

„Disclaimer“ ist der Fachausdruck für “Haftungsausschluss”.

EDNOs:

Abkürzung für "Eating Disorder Not Otherwise Specified". Unter diesem Krankheitsbild werden die Essstörungen zusammengefasst, die entweder eine Mischform aus Anorexie, Bulimie und Adipositas darstellen oder nicht eindeutig einer dieser Störungen zuzuordnen sind.

Forum:

Ein Forum ist ein virtueller Platz zum Austausch und zur Archivierung von Gedanken, Meinungen und Erfahrungen. Die Kommunikation findet dabei asynchron, das heißt nicht in Echtzeit, statt.

Posting:

Ein Posting ist eine Nachricht innerhalb eines Forums, die alle, die dies wollen lesen und darauf antworten können. (In einigen Fällen benötigt man ein Passwort um die Postings der Mitglieder lesen und darauf antworten zu können)

Shoutbox:

Eine Shoutbox bzw. ein Tagboard ist ein kleiner Bereich auf (meist privaten) Webangeboten, der als eine Art Mini-Gästebuch in Echtzeit fungiert und somit die Lücke zwischen Gästebuch/Forum und einem echten Chat schließt.

Thinlines:

Thinlines oder auch Triggerlines sind kurze Sätze, die sich schnell einprägen und motivieren sollen, seine Ziele weiter zu verfolgen. Ein Beispiel ist:

„Nothing tastes as good as thin feels“

Thinspirations:

Thinspirations sind Fotos von Menschen, die motivieren sollen weiter abzunehmen oder nicht zuzunehmen.

Thinspots:

Thinspots sind Videos, die zumeist über youtube.com veröffentlicht werden, die motivieren sollen weiter abzunehmen bzw. nicht zuzunehmen.

Trigger: Auslöser für Flashbacks, selbstverletzendes Verhalten oder Rückfälle (hier im Bereich der Essstörungen)

User:

Ein User ist ein Nutzer (Userin= Nutzerin) von Webangeboten. Im Folgenden dreht es sich hierbei um die Internetseiten mit ProAna-Inhalten.

3. Was ist Magersucht?

Die Magersucht oder auch Anorexie oder Anorexia nervosa weist eine Mortalitätsrate von 5-18% auf (vgl. Saß/ Wittchen/ Zaudig u.a., 2000) und ist damit die psychische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate.

Sie ist durch einen absichtlich, selbst erzeugten oder aufrechterhaltenen Gewichtsverlust charakterisiert (DIMDI, 2007). Gemäß DSM IV ist die Ausgangssituation der Magersucht in der Mehrzahl der Fälle eine Diät, der Störungsbeginn liegt meist zwischen 14 und 18 Jahren.

Ein Körpergewicht der Person unter 85% der für Alter und Gewicht normal geltenden Angaben, dies entspricht einem BMI von unter 17, wird häufig als wichtigstes diagnostisches Merkmal aufgefasst. Es ist jedoch zu erwähnen, dass der BMI unter dem Normalbereich nicht das Maß aller Dinge ist (vgl. Vandereycken/ Meermann, 2000:18). Letztlich beginnt die Essstörung im Kopf, das kann durchaus auch im Bereich des Normalgewichts der Fall sein.

Das Verhältnis von Männern zu Frauen liegt bei 1:20, wobei der Anteil männlicher Betroffener steigt (vgl. Saß/ Wittchen/ Zaudig u.a., 2000).

Diagnostische Merkmale sind das Streben nach Schlankheit und eine krankhafte Angst, übergewichtig zu werden. Hinzu kommt die ständige Beschäftigung mit dem Thema „Essen“ als solches (vgl. Saß/ Wittchen/ Zaudig u.a., 2000).

Hierzu zählen unter anderem das ständige Kalorien zählen, das Anfertigen von Plänen, was innerhalb der nächsten Zeit gegessen werden soll/ kann, aber auch das häufige Kochen für andere (vgl. Vandereycken/ Meermann, 2000:18).

Ausreden wie: „Ich habe beim Kochen soviel probiert, und jetzt keinen Hunger mehr“ helfen den Betroffenen anschließend nicht mitzuessen. Zwanghaftigkeit, Persönlichkeits-, kognitive und affektive Störungen werden neben charakteristischen medizinischen Folgen wie zum Beispiel Amenorrhoe (Ausbleiben der Menstruationsblutungen), Auszehrung und physiologischen Dysfunktionen ebenfalls genannt (vgl. Saß/ Wittchen/ Zaudig u.a., 2000).

Das ICD-10 zählt zu den Symptomen eine „... eingeschränkte Nahrungsauswahl, übertriebene körperliche Aktivitäten, selbstinduziertes Erbrechen und Abführen und der Gebrauch von Appetitzüglern und Diuretika.“(DIMDI 2007).

Die Betroffenen leiden an Körperwahrnehmungsstörungen, die dazu führen, dass sie ihren Körper verzerrt und nicht realitätsgetreu wahrnehmen. Sie haben häufig eine „auffallend hohe soziale Anpassung“ (vgl. Beushausen, 2004: 94), sind fleißig und leistungsorientiert (vgl. Vandereycken/ Meermann, 2000:19). In vielen Fällen besteht zudem ein deutlich verringertes Interesse an sexuellen Handlungen (vgl. Beushausen, 2004: 94).

4. Was bedeutet ProAna...

ProAna ist eine Bewegung zumeist Jugendlicher im Internet. Ana ist eine Abkürzung für die Anorexie. ProAna bedeutet somit wörtlich übersetzt „für die Anorexie“.

4.1. ... gemäß den Medienberichten?

Nahezu alle Medienberichte haben eins gemeinsam: Sie bezeichnen die ProAna-Bewegung als Sekte oder eine Gemeinschaft mit sektenähnlichen Zügen.(vgl. Schreiber/ Wundrak 2006; Kokoska 2006) Auch die Anlehnung an eine Religion, aufgrund des Ana Stuffs wie z.B. dem Glaubensbekenntnis, den Psalmen und den Geboten wird vielfach erwähnt, um die erste Behauptung zu unterstützen (Gawlik k.J.).

Einigkeit besteht auch darin, dass die verschiedenen Essstörungen verharmlost, ihre schwerwiegenden Folgen in den Hintergrund gedrängt und sogar als Lifestyle angesehen werden. Die Anmeldeformulare und ausgeklügelten Anmeldeverfahren erwecken den Anschein einer elitären Gruppe und einer besonderen Gemeinschaft. (vgl. Schreiber/ Wundrak 2006; Fritzsche 2005)

Der Stern berichtete im fünften Teil der „Sucht-Serie“ über die Magersucht, hier findet sich auch ein zweiseitiger Artikel über das „Wetthungern im Internet“ (Jacoby, 2008: 94). Nach drei Monaten in vier unterschiedlichen Foren ist für den Autor klar: „Pro-Ana-Sein heißt: magersüchtig und stolz darauf sein.“ (Jacoby, 2008: 94). Lara Fritzsche geht in einem Artikel der Emma noch einen Schritt weiter, sie redet von einer „...Religion mit Zukunft.“ (Fritzsche, 2008: 82) und der „...Göttin Ana...“ (Fritzsche, 2008: 82).

4.2. ... für die Nutzer?

Innerhalb einer Umfrage haben 22 Nutzer/Innen der ProAna- Internetseiten[2] angegeben, was für sie ProAna bedeutet.[3]

Es wurde insgesamt 13 mal angegeben, dass ProAna für sie hauptsächlich bedeutet, mit ihrer Essstörung zu leben. Aber auch das Bewusstsein, dass man eine Essstörung hat und die Akzeptanz dieser wurden recht häufig genannt.

Es wird sich deutlich von der Aussage abgegrenzt, ProAna sei eine Sekte oder werde in religiöser Form ausgelebt. Hinzu kommt, dass sich keiner der Befragten dahingehend äußerte ProAna sei ein Lifestyle, auch die Inhalte des Ana Stuffs als allgemeingültige Regeln werden abgelehnt.

Tabelle: Umfrageergebnisse; Was bedeutet für dich ProAna?

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

5. Wer nutzt diese Internetseiten?

Hauptsächlich finden sich weibliche User in der ProAna-Szene. Dies ist damit zu erklären, dass der Anteil männlicher Essgestörter allgemein geringer ist als der der weiblichen Betroffenen.

[...]


[1] Das Video ist unter http://de.youtube.com/watch?v=zSVx4UtwIe4&feature=related einzusehen.

[2] Um die Anonymität der Nutzer/Innen zu erhalten sind persönliche Informationen der Befragten nicht in der Veröffentlichung enthalten.

[3] Diese Frage wurde offen gestellt, die Kategorisierung, die in der Tabelle dargestellt sind, habe ich aufgrund der Antworten zusammengestellt. Demnach waren Mehrfachnennungen möglich.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
ProAna. Magersucht als Lifestyle oder eine große Selbsthilfecommunity?
Hochschule
Leuphana Universität Lüneburg
Veranstaltung
Soziale Arbeit mit Menschen mit einer Suchterkrankung
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
19
Katalognummer
V92698
ISBN (eBook)
9783668327764
ISBN (Buch)
9783668327771
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ProAna, Magersucht, Lifestyle, Selbsthilfecommunity, Soziale, Arbeit, Menschen, Suchterkrankung
Arbeit zitieren
Sarah Giehring (Autor:in), 2008, ProAna. Magersucht als Lifestyle oder eine große Selbsthilfecommunity?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92698

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