Marxismus und Matriarchat


Essay, 2007
10 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Entwicklung der Menschheit von einer Urgesellschaft bis zur Zivilisation, vor allem die Ausbildung der modernen monogamen Familie im Zusammenhang mit der Entstehung des Patriarchats scheint kommunistische Denker beschäftigt zu haben. Bereits Karl Marx hat mit sich Lewis Henry Morgan, einem amerikanischen Ethnologen, befasst und dessen Ergebnisse mit denen seiner materialistischen Geschichtsuntersuchung in Zusammenhang gebracht. Nach Marx’ Tod 1883 vollendete Friedrich Engels dessen begonnenes Werk unter Verwendung seiner Notizen und schreibt „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“. Auch der sozialistische Denker August Bebel beschreibt in seinem Werk „Die Frau und der Sozialismus“ die Veränderung der Stellung der Frau und dadurch der Familie in der Geschichte durch die Ablösung des Matriarchats durch das Patriarchat. In diesem Essay sollen die Ausführungen beider Denker differenziert und kritisch betrachtet werden, unter Einbeziehung moderner Matriarchatsforschung. Ferner sollen Überlegungen angestellt werden, welche Absicht genannte Autoren verfolgen könnten, wenn sie sich einer solchen Thematik widmen.

Auffallend ist, dass sich sowohl Engels als auch Bebel auf die Ergebnisse von Lewis Henry Morgan und Johann Jakob Bachofen berufen. Darum erscheit es sinnvoll, zu Beginn auf diese Quellen einzugehen.

Der US-amerikanische Anthropologe Morgan gilt als einer der Begründer der Ethnologie. Er hat Feldforschung bei Irokesenvölkern betrieben und aus den daraus gewonnenen Erkenntnissen seine Theorie der evolutionistischen Entwicklung der gesamten Menschheit entwickelt. Demnach durchlaufen alle menschlichen Kulturen die Entwicklungsstufen Wildheit und Barbarei, die wiederum jeweils in drei Phasen unterteilt werden, bis sie schließlich die höchste Stufe, die Zivilisation, erreichen. Die alles andere als wissenschaftlich neutralen Begriffe Wildheit und Barbarei lassen bereits eine Abwertung vermuten. So sind sie bei Morgan durchaus zu verstehen, die lineare Entwicklung zur Zivilisation sieht er als Fortschritt und Ziel der Menschheit, was schon im Untertitel seines Hauptwerks „Die Urgesellschaft, oder: Untersuchung über den Fortschritt der Menschheit aus der Wildheit durch die Barbarei zur Zivilisation“ zu erkennen ist.

Der schweizerische Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen gilt als der Entdecker des Mutterrechts, worauf an späterer Stelle weiter eingegangen wird. Bachofen zieht seine Erkenntnisse nicht wie Morgan aus teilnehmender Beobachtung bei Urvölkern, die es zu seiner Zeit in Europa bereits nicht mehr gab, sondern durch analytische Erforschung altertümlicher Mythen und Symbole. Auch er vertritt eine lineare und evolutionistische Auffassung der menschlichen Geschichte. Sein Hauptwerk ist „Das Mutterrecht“.

Morgan und Bachofen kann man als Pioniere der Matriarchatsforschung bezeichnen und Engels und Bebel beziehen sich auf deren Ausführungen über matriarchalische Gesellschaftsformen. Da Matriarchat ein nicht ganz unproblematischer Begriff ist, der durchaus unterschiedlich verstanden wird, ist es notwendig, den Begriff an dieser Stelle zu erläutern. Da in den Werken eben genannter Autoren keine Definition zu finden ist, ziehe ich eine bekannte Matriarchatsforscherin zu Rate: Heide Göttner-Abendroth. Sie definiert das Matriarchat als „von Frauen geschaffene und geprägte Gesellschaften, in denen sie dominierten, aber nicht herrschten“[1]. Die Frauen herrschen also nicht, wie die Männer es im Patriarchat tun. Das griechische Wort arché wird zwar gemeinhin mit Herrschaft übersetzt, es hat aber noch eine andere – und zugleich ältere – Bedeutung, nämlich Anfang. Der Begriff Matriarchat beinhaltet also: die Mutter steht am Anfang. Das ergibt Sinn, denn matriarchalische Gesellschaften sind gekennzeichnet durch Matrilinearität – was Bachofen Mutterecht nennt –, also das mütterliche Erbrecht und Matrilokalität, d.h. dass die Kinder bei der Mutter und getrennt vom Vater wohnen. Da in solchen Gesellschaften Gruppenehen vorherrschen, ist die Vaterschaft eines Kindes nicht nachweisbar, daher ist für das Kind nur die Mutter von Bedeutung, ferner die Verwandten mütterlicherseits, die in den von Morgan beobachteten Stammesgesellschaften zusammen in einer Blutsverwandschaftsgruppe leben. Ein weiteres Indiz dafür, dass Matriarchat und Herrschaft nicht zusammenpassen, ist die etymologische Wurzel „Herr“ die in dem Wort steckt, die vermuten lässt, dass es sich dabei um ein männliches Prinzip handelt, das erst mit dem Patriarchat aufgekommen ist.

Friedrich Engels bezieht sich in „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ vor allem auf die Ergebnisse Morgans, nur an wenigen Stellen ergänzt er seine Ausführung durch Ergebnisse Bachofens. So ist der erste Teil seines Werkes im Großen und Ganzen eine Zusammenfassung von Morgans „Die Urgesellschaft“, der zweite Teil besteht aus seinen eigenen sozial-ökonomischen Ausführungen und Schlussfolgerungen aus Morgans Ergebnissen.

[...]


[1] Göttner-Abendroth, Heide: Das Matriarchat II, 2. Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika, Stuttgart 2000, S. 7.

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Marxismus und Matriarchat
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Proseminar: Klassiker der Soziologie: Marx für Anfänger
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
10
Katalognummer
V92814
ISBN (eBook)
9783638066754
Dateigröße
350 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marxismus, Matriarchat, Proseminar, Klassiker, Soziologie, Marx, Anfänger
Arbeit zitieren
Sofie Sonnenstatter (Autor), 2007, Marxismus und Matriarchat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92814

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Marxismus und Matriarchat


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden