Die vorliegende Arbeit befasst sich mit drei ausgewählten Selbstbildnissen der Künstlerin Paula Modersohn-Becker: „Selbstbildnis vor blühenden Bäumen“ von 1902, „Selbstbildnis“ von 1906 und „Selbstbildnis mit Kamelienzweig“ von 1907. Eine kurze Einführung in die Gattungsmerkmale der Porträtmalerei und die Besonderheiten des Selbstbildnisses bilden den Ausgangspunkt der folgenden Werkanalyse und führen auf die leitende Hauptfragestellung hin, ob es sich um autonome Porträtdarstellungen handelt.
Das Porträt thematisiert die Darstellung eines oder mehrerer Menschen mit der Zielsetzung, eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Werk und den porträtierten Personen herzustellen. Der Abbildcharakter allein genügt aber nicht als hinreichendes Kriterium zur Bestimmung eines Porträts. Um zu einer genaueren Bestimmung des Porträtbegriffes zu gelangen, sollte auch die Frage der Porträtindividualität untersucht werden. Im Verlauf der historischen Entwicklungen wurde immer mehr zum Ziel der Darstellung, die individuelle Persönlichkeit und die Seele des Menschen im Bild sichtbar zu machen. Mit der zunehmenden autonomen Stellung des Künstlers, bekam dieser auch mehr Gestaltungsfreiheit und konnte zusätzlich individuelle Vorstellungen in das Bild einbauen. Eine Besonderheit beim Selbstporträt ist die Tatsache, dass Darstellender und Dargestellter ein und dieselbe Person ist. Das ist mithin das wichtigste Unterscheidungsmerkmal zum Porträt.
Da es zahlreiche Selbstbildnisse von Paula Modersohn-Becker gibt, kann man davon ausgehen, dass in diesen Gemälden Wandlungen ihrer Person zum Ausdruck gebracht werden.
Vor diesen Gesichtspunkten sollen drei Selbstbildnisse der Malerin Paula Modersohn-Becker näher beschrieben und untersucht werden. Als erstes werden die Bilder auf der vorikonographischen Ebene beschrieben. Danach erfolgt die Beschreibung auf der ikonographischen Ebene, die sich mit dem Bedeutungsgehalt der einzelnen Bildelemente befasst und anschließend Beschreibungen auf der ikonischen Ebene. In einem Vergleich werden die Bilder gegenübergestellt und Unterschiede und Gemeinsamkeiten herausgearbeitet.
Bei der Beschreibung und Analyse von Bildnissen stellt sich die Frage, um welche Art der Porträtdarstellung es sich genau handelt. Zu untersuchen wäre, ob man bei den Selbstbildnissen der Malerin Paula Modersohn-Becker von Individualporträts sprechen kann.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung in die Thematik
2. Selbstbildnis vor blühenden Bäumen (1902)
2.1 Vorikonographische Beschreibung
2.2 Ikonographische Beschreibung und Ikonik
3. Selbstbildnis (1906)
3.1 Vorikonographische Beschreibung
3.2 Ikonographische Beschreibung und Ikonik
4. Selbstbildnis mit Kamelienzweig (1907)
4.1 Vorikonographische Beschreibung
4.2 Ikonographische Beschreibung und Ikonik
5. Vergleich der Selbstbildnisse
6. Bildanalyse in Hinblick auf die formulierte Fragestellung
7. Schlussfolgerungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht anhand von drei ausgewählten Werken der Künstlerin Paula Modersohn-Becker, inwieweit ihre Selbstbildnisse als autonome Porträtdarstellungen zu verstehen sind und wie sich ihre künstlerische Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und dem allgemein Menschlichen im Laufe der Zeit wandelte.
- Entwicklung des Porträtbegriffs und der künstlerischen Identität.
- Werkanalyse von Selbstbildnissen der Jahre 1902, 1906 und 1907.
- Untersuchung der Bedeutung von Naturmotiven und Bildkomposition.
- Kontrastierung von Individualität und überindividuellem Ausdruck.
- Künstlerische Transformation von der Wirklichkeitstreue zur Verinnerlichung.
Auszug aus dem Buch
3.1 Vorikonographische Beschreibung
Das Selbstbildnis von 1906 misst 62,5 x 47 cm und wurde mit Öltempera auf Pappe gemalt. Das Werk befindet sich in Bremen in der Sammlung Roselius.
Zu sehen ist eine junge Frau als Halbakt, die vor einer blühenden Hecke und blauem Himmel posiert. Die Frau hat je eine Blume in der Hand und drei Blüten in das nach hinten gebundene Haar gesteckt und trägt eine längliche Perlenkette.
Man findet den Einstieg in das Bild am rechten unteren Rand. Über den angeschnittenen, rechtwinklig am Körper liegenden Arm der Frau gelangt man über die nach oben weisende Hand der Frau zu der Blume und von dort aus geht der Blick zu der anderen Blume, die von der linken Hand der Frau gehalten wird. Von hier aus geht der Blick über den linken Arm und die linke Schulter hin zum Kopf der Frau. Der Blick der Frau führt den Betrachter schließlich wieder aus dem Bild nach rechts unten heraus.
Beide Arme sind angewinkelt, der linke Arm befindet sich in gerade nach oben abgeknickter Position und der rechte Arm wurde in einem rechten Winkel an den Körper angelegt. Die rechte Hand liegt genau zwischen den beiden Brüsten in vertikaler Ausrichtung und hält mit den Fingerspitzen eine kleine, rosa Blume, die sich exakt im unteren Bereich der Perlenkette mit dieser schneidet.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung in die Thematik: Diese Einleitung führt in die Gattung des Selbstporträts ein und stellt die zentrale Fragestellung zur Autonomie der Werke von Paula Modersohn-Becker vor.
2. Selbstbildnis vor blühenden Bäumen (1902): Eine detaillierte Analyse eines frühen Selbstbildnisses, das den Fokus auf die Einbettung der Figur in eine ländliche Umgebung legt.
3. Selbstbildnis (1906): Untersuchung der Veränderung im Malstil hin zu einer aktbetonten Darstellung, die den Fokus stärker auf die Konstruktion und das Wesen des Menschen richtet.
4. Selbstbildnis mit Kamelienzweig (1907): Analyse des Spätwerks, in dem die Reduktion von Raum und das Herausstellen der menschlichen Präsenz eine neue Distanzierung und Intensität erzeugen.
5. Vergleich der Selbstbildnisse: Synthese der Gemeinsamkeiten und Unterschiede der drei Werke hinsichtlich Formensprache, Komposition und künstlerischer Entwicklung.
6. Bildanalyse in Hinblick auf die formulierte Fragestellung: Kritische Reflexion der Ergebnisse, ob die Bilder als Individualporträts oder als Ausdruck eines überindividuellen Wesens zu betrachten sind.
7. Schlussfolgerungen: Zusammenfassende Betrachtung der Entwicklung der Künstlerin von der persönlichen Suche hin zur Darstellung eines allgemein menschlichen Zustands.
Schlüsselwörter
Paula Modersohn-Becker, Selbstbildnis, Porträtmalerei, Kunstwissenschaft, Werkanalyse, Ikonographie, Individuum, Identität, Bildkomposition, Öltempera, Moderne Kunst, Ausdruck, Menschsein, Entwicklung, Formensprache
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert drei spezifische Selbstbildnisse von Paula Modersohn-Becker, um den künstlerischen Reifeprozess der Malerin nachzuvollziehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind der Porträtbegriff, die Entwicklung einer eigenen künstlerischen Formensprache und das Spannungsfeld zwischen Individualität und dem allgemein Menschlichen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll geklärt werden, ob Modersohn-Beckers Selbstbildnisse lediglich als Porträts oder als autonome künstlerische Auseinandersetzungen mit der menschlichen Existenz zu verstehen sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt die kunsthistorische Methode der vorikonographischen Beschreibung gefolgt von der ikonographischen Analyse und Ikonik, um die Werke methodisch zu durchdringen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die detaillierte Beschreibung und Analyse der drei ausgewählten Gemälde sowie einen direkten Vergleich dieser Werke.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Individualität, Selbstbildnis, Form, Konstruktion, Ausdruck, Menschsein und die spezifischen Werktitel charakterisiert.
Wie unterscheidet sich das Selbstbildnis von 1902 von den späteren Werken?
Das frühe Bildnis von 1902 ist stärker in eine landschaftliche Umgebung eingebettet und weist noch eine feinere, traditionellere Malweise sowie eine höhere Abbildhaftigkeit auf.
Welche Rolle spielt die Nacktheit im Selbstbildnis von 1906?
Die Aktfigur symbolisiert für die Künstlerin eine Befreiung von gesellschaftlichen Konventionen und verweist auf das Kreatürliche und den Menschen in seinem ursprünglichsten Zustand.
- Arbeit zitieren
- Martina Müller (Autor:in), 2007, Zu Paula Modersohn Beckers Selbstbildnissen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/92860