Marxismus-Engelismus?

Der Anteil von Friedrich Engels am Marxismus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Engels und das Kapital, die Erste
2.1 Engels als wissenschaftlicher Beirat
2.2 Engels als Finanzier der Arbeit

3. Engels als erster Marxist
3.1. Die Entstehung des Anti-Dühring
3.2. Die Bedeutung des Anti-Dühring

4. Engels verknüpft den Marxismus
4.1. Engels Militärstudien
4.2. Spätere Rezeption der Kriegslehre

5. Nach dem Tod des Freundes
5.1. Engels bastelt an Marx´ Andenken
5.2. Engels und das Kapital, die Zweite

6. Zusammenfassung

7. Werks- und Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der politische Marxismus hat sich selbst überlebt. Zu Beginn des neuen Jahrtausends lebt nur noch ein Bruchteil der Menschheit in vom Marxismus geprägten Staatswesen. Das kapitalistische Wirtschaftssystem scheint sich weltweit trotz aller Krisen und Schwächen dieses Systems durchzusetzen. Warum sich also noch mit Marx, Engels und dem Marxismus beschäftigen? Vielleicht gerade wegen der Schwächen des kapitalistischen Wirtschaftssystems. In Zeiten, in denen die Schere zwischen arm und reich in unserer Gesellschaft immer weiter auseinander geht, in denen ein Großteil der Bevölkerung findet, dass es nicht mehr gerecht zugeht in der Gesellschaft und eine Partei, die sich auf den Marxismus beruft, in den letzten Monaten auch im Westteil der Republik beachtliche Wahlerfolge verbuchen kann, scheint das häufig totgesagte Gespenst Marxismus wieder umzugehen. Daher ist es auch berechtigt, wenn an deutschen Universitäten Oberseminare zu Marx und Engels abgehalten werden.

Karl Marx und Friedrich Engels – zwei Namen die untrennbar miteinander verbunden sind. Es gibt wahrscheinlich kein Buch und keinen Aufsatz über den Einen, welche ohne die Nennung des Anderen auskommen. Ihre innige Freundschaft und ihre gemeinsamen Arbeiten geben beredtes Zeugnis davon ab. Die Begegnung der beiden führte zu einer Freundschaft, die Jahrzehnte überdauern und die durch eine ergiebige Zusammenarbeit geprägt sein sollte. Auf dieser in einigen Zügen ungewöhnlichen Freundschaft gründet die Entwicklung des Marxismus. Ein Lenin-Zitat, das auf den ersten Blick idealisierend erscheint, bei genaueren Quellenstudien aber durchaus seine Richtigkeit beweist, soll hier für die Charakterisierung dieser Freundschaft dienen:

„Antike Sagen berichten von manchen rührenden Beispielen der Freundschaft. (…) Das europäische Proletariat kann sagen, daß seine Wissenschaft von zwei Gelehrten und Kämpfern geschaffen worden ist, deren Verhältnis die rührendsten Sagen der Alten über menschliche Freundschaft in den Schatten stellt.“[1]

Dass Engels dabei einen großen Anteil an der Herausbildung des Marxismus hatte, ist unter Forschern soweit auch unumstritten. Trotzdem spricht man nicht, im Gegensatz zum Marxismus-Leninismus, vom Marxismus-Engelismus. Warum ist das so? Ist die Rolle von Engels bei der Entwicklung der marxistischen Ideen so klein, dass es gerechtfertigt ist, seinen Namen bei der Nennung dieser Ideologie zu verschweigen? Diese Arbeit widmet sich dem Einfluss von Friedrich Engels auf Karl Marx und seine Ideen. Es wird gefragt, wie viel Gewicht Engels bei der Entwicklung der Ideen des Marxismus beigemessen werden muss.

Im Rahmen dieser Arbeit wird der engelssche Einfluss auf den Marxismus auf vier Ebenen betrachtet. Eine erste Untersuchungsebene fragt nach dem Einfluss von Engels auf das wissenschaftliche Wirken von Marx. Dabei spielt zum einen der wissenschaftliche Rat, den Engels seinem Freund gab, eine Rolle. Zum anderen wird aber auch nach der Bedeutung der finanziellen Unterstützung Marx´ durch Engels gefragt. Beides lässt sich besonders gut an der Zeitspanne untersuchen, in der Marx an der großen Kapitalanalyse, dem Kapital, gearbeitet hat. Auf einer zweiten Ebene wird Engels als erster Marxist gezeigt, der Marx´ Gedankengänge verstanden hat und sie den anderen Kommunisten erklärt. Als Beispiel für das Näherbringen der marx´schen Gedankengänge durch Engels wird der Anti-Dühring dienen. Auf einer dritten Ebene wird Engels als Wissenschaftler gezeigt, der den Marxismus mit anderen Wissenschaften verknüpfte, ihn also ergänzt hat. Da sich Engels aber auf sehr vielen Gebieten darum bemüht hat, wird, um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, sich beispielhaft an Engels Militärstudien orientiert. Eine vierte und letzte Ebene zeigt Engels in den Fußstapfen von Marx. Besonders nach seinem Tod feilte Engels sowohl an dem Andenken von Karl Marx, als auch an seinem noch unvollendeten Werk. Die Beendigung des Kapitals wird hier also im Fokus der Betrachtung stehen.

Über Marx, Engels und den Marxismus gibt es eine nahezu unüberschaubare Fülle an Literatur. Für die vorliegende Arbeit grundlegend waren vor allem zwei Engels-Biographien (Gemkow 1988 und Bleuel 1981). Darüber hinaus bietet der mehrere Bände umfassende Briefwechsel zwischen den beiden einen unerschöpflichen Quellenschatz. Die Briefe sind es auch vor allem, mit deren Hilfe der Einfluss von Engels belegt werden kann. Für Engels Militärstudien hat sich besonders die Arbeit von Wallach (1968) als hilfreich erwiesen. Ergänzend zu den Briefen zwischen Marx und Engels und den Briefwechseln Engels mit anderen Sozialisten, sowie den Werken der beiden, haben sich die beiden von Kliem herausgegeben Werke Dokumente seines Lebens (Marx 1970 und Engels 1977) als nützliche Quellenressourcen herausgestellt.

2. Engels und das Kapital, die Erste

Untrennbar mit dem Namen von Marx verbunden ist sein mehrbändiges Hauptwerk, das Kapital – Kritik der politischen Ökonomie. In ihm untersucht er mit der ihm gegebenen analytischen Schärfe die Produktionszyklen des Kapitalismus und kritisiert diese Gesellschafts- und Wirtschaftsform. Seine ökonomischen Studien waren jedoch äußert zeit- und kräftezehrend. Er arbeitete seit Beginn der 1850er Jahre bis zu seinem Tod im Jahre 1883 an diesem Werk. Sein damaliger Sekretär Wilhelm Pieper machte im Januar 1851 Engels gegenüber die Bemerkung, Marx lebe sehr zurückgezogen, „seine einzigen Freunde sind John Stuart Mill, Lloyd und wenn man zu ihm kommt, wird man statt mit Komplimenten mit ökonomischen Theorien empfangen“[2]. Wie intensiv Marx an seinem Hauptwerk arbeitete, zeigen uns Aufzeichnungen seines Schwiegersohnes Paul Lafargue:

„Obgleich er sich immer erst zu sehr vorgerückter Stunde zu Bett begab, war er doch stets zwischen 8 und 9 Uhr morgens auf den Beinen, nahm seinen schwarzen Kaffee, durchlas seine Zeitungen und ging dann in sein Arbeitszimmer, wo er bis 2 oder 3 Uhr nachts arbeitete. (…) Zu den Mahlzeiten musste man ihn nicht selten wiederholt rufen, bis er in das Speisezimmer herunterkam“.[3]

Marx war gerade 25 Jahre, als er sich als er sich in der Redaktion der Rheinischen Zeitung ökonomischen Fragen zuzuwenden begann. Noch kurz vor seinem Tod mit 65 Jahren galten seine letzten Aufzeichnungen der Ökonomie. Vierzig Jahre im Zeichen des Kapitals bestimmten Marx´ Leben und das Verhältnis zu seinem Freund Engels. Dass letzterer einen entscheidenden Anteil am Hauptwerk des Marxismus hatte, wird im Folgenden gezeigt.

2.1 Engels als wissenschaftlicher Beirat

Wichtige Grundlagen für Marx´ Arbeit am Kapital wurden von Friedrich Engels bereits in den 1840er Jahren geschaffen. Seit seinem ersten Aufenthalt in der Fabrik seines Vaters in Manchester war sich Engels bewusst, dass die ökonomischen Bewegungs- und Entwicklungsgesetze des Kapitalismus aufgedeckt werden müssten, damit die proletarische Befreiung theoretisch fundiert werden konnte[4]. In der 1844 veröffentlichten Arbeit „Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie“ und in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“ von 1845 schuf er dazu wichtige Grundlagen, denen sich später auch Marx bediente. Wie stark Engels seinen Freund beeinflusst hat, zeigt folgendes Zitat aus dem Jahre 1864: „Du weißt, dass alles 1. bei mir spät kommt und 2. ich immer in deinen Fußstapfen nachfolge“[5]. Auch Lenin erkannte später die anregende Rolle von Engels an: „ Der Umgang mit Engels trug zweifellos dazu bei, dass Marx den Entschluss fasste, sich mit der politischen Ökonomie zu befassen“[6].

Aber auch während Marx am Kapital arbeitete, konnte er sich des Rats seines Freundes immer gewiss sein. So sind uns unzählige Briefe überliefert, die belegen, dass Marx und Engels während dieser Zeit in ununterbrochenem Gedankenaustausch standen. Wie hoch Marx das theoretische Wissen von Engels einschätzte und wie viel Wert er auf seine Mitarbeit legte, zeigt ein Brief aus dem Jahre 1862: „Kannst Du nicht auf einige Tage herkommen? Ich habe in meiner Kritik so viel Altes umgestoßen, daß ich doch über einige Punkte vorher mich mit Dir konsultieren möchte“[7]. Marx schrieb über Engels, er sei „ein wahres Universallexikon (…), arbeitsfähig zu jeder Stunde des Tages und in der Nacht, voll und nüchtern, quick im Schreiben und Begreifen, wie der Teufel “.[8]

Auch in praktischen Fragen konnte Engels, der durch seine leitende Position in der Fabrik in Manchester genaueste Einblicke in die Funktionsweise der kapitalistischen Produktionszyklen hatte, seinem Freund immer nützlich Ratschläge geben. So bat Marx Engels ebenfalls im Jahre 1862: „Kannst Du mir z.B. von Eurer Fabrik alle Sorten Arbeiter (…) schreiben, die darin beschäftigt sind, und in welcher Proportion zu einander?“[9].

Die von Engels in den Jahren 1865 und 1866 gemachten Beobachtungen über die Baumwollkrise in England und anderen Ländern verarbeitete Marx im ersten Band des Kapitals. Auch die Lage der arbeitenden Klasse Englands und deren ökonomische Kenntnisse verdankt Marx den Kenntnissen seines Freundes Engels[10].

Wie intensiv Engels wiederum mit Marx´ Theorien über die Ökonomie vertraut war, zeigte seine Rezension über das 1859 von Marx veröffentlichte Buch „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“. Dort hatte Engels die erste Zusammenfassung der auf dem dialektischen Materialismus beruhenden wissenschaftlichen Methode der politischen Ökonomie gegeben[11].

Laut Kliem gibt es eine Engels-Legende, die besagt, dass Engels mit Marx zwischen den Jahren 1850 – 1870 eine Abmachung getroffen habe, die eine Arbeitsteilung vorsah. Demnach sei Marx für die Theorie und Engels für den Unterhalt von beiden verantwortlich[12]. Dass dies in der reinen Form nicht haltbar ist, hat dieses Kapitel gezeigt. Dass aber, wie bei jeder Legende, ein wahrer Kern auch in dieser Behauptung steckt, zeigt ein Blick in das folgende Kapitel.

2.2 Engels als Finanzier der Arbeit

Während Marx begann, sein großes Werk über die Ökonomie zu schreiben, einigte sich Engels mit seiner Familie und übernahm einen Posten in der väterlichen Fabrik in Manchester. Erst dadurch, dass Engels das Joch des „ hündischen Commerce“ [13] auf sich nahm, konnte sich Marx voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren. Engels kannte die Neigung von Marx nur zu gut, sich immer tiefer in die Materie vorzuarbeiten, immer noch eine Quelle heranzuziehen und immer noch weitere Querverweise zu ziehen[14]. Darunter litten dann allerdings Marx´ andere Arbeiten. So war er zwar seit 1851 Leitartikler der New York Daily Tribune und es wurden auch wöchentlich mehrere Artikel unter Marx´ Namen veröffentlicht, tatsächlich stammen aber die meisten von ihnen aus der Feder von Friedrich Engels. Engels konnte so, neben der Unterstützung für seinen Freund, denn das Honorar für die Artikel ging natürlich an die Familie Marx, seine eigenen Studien vor allem über die Kriegswissenschaften auf ihre Richtigkeit erproben[15]. Insgesamt sind wohl um die 200 Artikel unter dem Namen Karl Marx in der Tribune veröffentlicht worden, deren wahrer Autor Friedrich Engels war. Viele dieser Artikel wurden, ins Deutsche übersetzt, dann auch in der Neuen Oder-Zeitung veröffentlicht, natürlich wieder unter dem Namen Marx. Außerdem verfasste Engels nachweislich 59 Stichworte für die New American Cyclopaedia und lieferte einige Artikel für Putnam´s Monthly. Alles in allem errechnete Bleuel ein Honorar für die von Engels verfassten Artikel von rund 3000 Dollar bzw. 600 Pfund innerhalb von zehn Jahren, gezahlt an Marx[16].

[...]


[1] Zit.: Lenin: Engels, S. 12.

[2] Zit. nach Kliem (1970), S. 355.

[3] Zit. nach ebd., S. 356.

[4] Vgl. Gemkow (1988), S. 333.

[5] Zit.: Brief von Marx an Engels vom 04. Juli 1864 in: Briefe Bd. 3, S. 218f, hier S. 219.

[6] Zit.: Lenin: Engels, S. 10.

[7] Zit.: Brief von Marx an Engels vom 20. August 1862 in: Briefe Bd. 3, S. 188 – 120, hier S. 119.

[8] Zit. nach Kliem (1970), S. 357.

[9] Zit.: Brief von Marx an Engels vom 06. März 1862 in: Briefe Bd. 3, S. 71 – 75, hier S. 74.

[10] Vgl. Gemkow (1988), S. 336.

[11] Vgl. ebd., S. 335.

[12] Vgl. Kliem (1977), S. 407.

[13] Zit.: Brief von Engels an Marx vom 27. April 1867 in: Briefe, Bd. 3, S. 460 – 463, hier S. 461.

[14] Vgl. Bleuel (1981), S. 304.

[15] Vgl. ebd., S. 305f.

[16] Vgl. ebd., S. 306.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Marxismus-Engelismus?
Untertitel
Der Anteil von Friedrich Engels am Marxismus
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Marx und Engels und ihre sozialistischen Gegner
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
25
Katalognummer
V93086
ISBN (eBook)
9783638063968
ISBN (Buch)
9783638954075
Dateigröße
488 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Marxismus-Engelismus, Marx, Engels, Gegner
Arbeit zitieren
Toni Börner (Autor), 2008, Marxismus-Engelismus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93086

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