Marshall McLuhans elektronisches Zeitalter in "A.I. - Artificial Intelligence"

Wie sich der Mensch im Film selbst amputiert


Hausarbeit, 2008
11 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung - Vom Menschen zum Roboter

2. Amputationsthese im elektronischen Zeitalter
2.1. Die Gegenwart des Films
2.1.1. Beruf
2.1.2. Freizeit
2.1.3. Information
2.2. Zweitausend Jahre spÅter
2.2.1. Verlauf der Ausweitung
2.2.2. Resultat der Ausweitung

3. Fazit - Der Mensch verschwindet

Literaturverzeichnis

Eidesstattliche ErklÅrung

1. Einleitung - Vom Menschen zum Roboter

Nach dem Abschmelzen der Polkappen ist die Welt im Chaos versunken. Nur ein Teil der Welt war im Stande dem Chaos Einhalt zu gebieten und entwickelt sich seit her zu einer Gesellschaft, in der die Technik meist in Form von Robotern Çberlebensnotwendig geworden ist. FÇr nahezu jede Arbeit, die zuvor der Mensch erledigt hatte, werden nun Roboter eingesetzt. Vom Menschen immer weiter verbessert, schaffen diese in Steven Spielbergs „A.I. Artificial Intelligence“ einen intelligenten Roboter mit GefÇhlen: ein Roboter, der im Stande ist, seine Mutter zu lieben. Von seinen TrÅumen und WÇnschen beflÇgelt, ein ‚echter‘ Junge zu werden, begibt sich der elfjÅhrige Roboterjunge David, nachdem er von seinen ‚Adoptiveltern‘ verstoáen wurde, auf eine zweitausendjÅhrige Reise. Am Ende muss er allerdings feststellen, dass er niemals ein ‚echter‘ Menschenjunge werden kann. Zweitausend Jahre nach seinem Bau existieren die Menschen nicht mehr. Stattdessen bevàlkern hochentwickelte ‚Wesen‘, die mit dem Menschen nichts mehr gemeinsam haben zu scheinen, die Erde.1

In der vorliegenden Arbeit ist davon auszugehen, dass diese hochentwickelten ‚Wesen‘ keine auáerirdischen Lebensformen sind, sondern technische Ausweitungen des Menschen, die wir im Folgenden posthumane Roboter nennen wollen. Dieser Ansicht nach, gilt es zu belegen, dass in Steven Spielbergs „A.I. - Artificial Intelligence“ die Amputation im Sinne Marshall McLuhans so weitgefÇhrt wird, dass der Mensch im elektronischen Zeitalter verschwindet.

Um dies nachzuweisen ist es notwendig, zunÅchst McLuhans Amputationsthese im elektronischen Zeitalter zu erlÅutern, um anschlieáend AnalogieschlÇsse zum Film ziehen zu kànnen. Es sollte deutlich werden, dass sich McLuhans Gedanken im Film wiederspiegeln, indem Parallelen zwischen ihm und dem Filminhalt aufgezeigt werden. Diese Arbeit wird sich dabei auf die Aspekte konzentrieren, die im Film und in der Theorie Marshall McLuhans gleichermaáen angesprochen werden.

2. Amputationsthese im elektronischen Zeitalter

Marshall McLuhan meint, dass das „elektronische Zeitalter“2, das gleichzusetzen ist mit „Zeitalter der Information“3 und „Zeitalter der Automation“4, das „Zeitalter der Industrie“5 ablàsen und den Menschen in allen Lebenslagen verÅndern wird. Grund hierfÇr ist die ElektrizitÅt, die zum einen eine Ausweitung und zum anderen ein Abbild des Zentralen Nervensystems des Menschen darstellt.6 Der Mensch ist also mit Beginn des Zeitalters der ElektrizitÅt dabei, sein Zentrales Nervensystem auszuweiten und damit dieses zu amputieren.7

Doch was bedeutet Amputation? Der zentrale Gedanke in Marshall McLuhans Medientheorie ist neben der tautologischen These „The medium is the message“8, dass alle Techniken oder Erfindungen Ausweitungen des Menschen sind, um Geschwindigkeit und Macht zu vergràáern.9 Ausgeweitet werden kànnen zum Beispiel Sinne, Organe, Kàrperteile und das Zentralnervensystem, wobei das Zentralnervensystem auch fÇr die Selbstamputation verantwortlich ist.

Eine Ausweitung scheint eine VerstÅrkung eines Organs, eines Sinnes oder einer Funktion zu sein, die das Zentralnervensystem zu einer Reaktion des Selbstschutzes anregt, wobei der erweiterte Bereich, zumindest was eine direkte Kontrolle und bewuáte Erfahrung anbelangt, betÅubt wird.10

Damit meint McLuhan, dass sich das Zentralnervensystem vor zu hoher Belastung zum Beispiel in Form hàherer Geschwindigkeit oder Last auf ganz natÇrliche Weise schÇtzen muss. Wenn die Reizeinwirkung also stark genug ist, „schÇtzt sich das Zentralnervensystem selbst aktiv mit der Waffe der Amputation oder Absonderung des ‚krÅnkenden‘ Organs, Sinnes oder der gestàrten Funktion“11. Weiterhin ist wichtig, dass sich der Mensch im elektronischen Zeitalter zum Servomechanismus seines Computers macht.12 Das bedeutet, dass jede Selbstamputation zu einer weiteren Ausweitung fÇhrt. Der Mensch wird zum „Geschlechtsteil der Maschinenwelt“13. Er ist dabei nicht der Lage diesen Mechanismus zu stoppen. FÇr „A.I. - Artificial Intelligence“ bedeutet diese âberlegung, dass sich der Mensch zum „Geschlechtsteil“ seines Roboters macht.

Da in Steven Spielbergs Film zunÅchst nicht erkennbar ist, welche Organe sich der Mensch unter BetÅubung amputiert hat, werden im nachfolgenden Kapitel lediglich die Beispiele fÇr Ausweitungen und die Merkmale des elektronischen Zeitalters, die bei Marshall McLuhan von wichtiger Bedeutung sind, in den Blick genommen. Diese Vorgehensweise ist nachvollziehbar, da jede Ausweitung auch immer eine Selbstamputation unter Narkose zu Folge hat, wie oben erlÅutert wurde.

2.1. Die Gegenwart des Films

McLuhan geht davon aus, dass u.a. Katastrophen Auslàser fÇr Ausweitungen sind, die zu zahlreichen Erfindungen, die der Menschheit einen groáen Beitrag zu ihrem Fortbestand leisten sollen, fÇhren.

Gesellschaftlich gesehen ist die Stauung des Drucks und der Reizwirkung von Gruppen der Ansporn zu Erfindungen und Neuerungen als Gegenreizmittel. Krieg und die Angst vor Krieg wurden immer als die stÅrksten Triebfedern zur technischen Ausweitung unserer Kàrper betrachtet.14

ähnliche âberlegungen lassen sich auch in „A.I. - Artificial Intelligence“ finden. Bereits eingangs thematisiert, spielt der Film in einer Zeit, in der die Erde von einer Klimakatastrophe heimgesucht wurde. Die Polkappen sind auf Grund des Treibhauseffekts abgeschmolzen, worauf der Meerespegel anstieg und zig GroástÅdte im Wasser versunken und Millionen Menschen auf der Flucht sind.15 Ein Teil der Menschheit, der in reicheren LÅndern wohnt, konnte trotz der Katastrophe seinen Lebensstandard aufrechterhalten und sogar verbessern, wie in der offiziellen Filminhaltsangabe zu lesen ist.

In einer Zeit, in der die BodenschÅtze zu Neige gehen, entwickelt sich die Technologie mit astronomischer Geschwindigkeit. Die Wohnungen werden Çberwacht, die Nahrung stammt aus dem Reagenzglas. Und als Hausangestellte arbeiten keine Menschen, sondern Maschinen.

Gartenarbeit, Haushalt, Gesellschaft in einsamen Stunden - fÇr alles gibt es Roboter.16

Es wird also deutlich, dass die Charaktere des Films in einem Zeitalter der VerÅnderung und der technischen Innovation leben. Eine andere Art der „Stauung von Druck“17, die nach McLuhan zu Ausweitungen fÇhrt, lÅsst sich noch einmal im Film bei Monica, der Ersatzmutter des Roboterjungen wiederfinden.18 Das heiát, dass auch im Film eine Katastrophe der Grund fÇr technische Verbesserungen ist. Die Roboter, die mit Hilfe von Computerchips19 funktionieren, sind dabei die technischen Ausweitungen des Menschen im elektronischen Zeitalter. Konkret werden diese âberlegungen im Alltag der Hauptfiguren des Films, so dass der Alltag in Form von Beruf, Freizeit und Information im Folgenden besonders thematisiert werden muss.

2.1.1. Beruf

Das Zeitalter der Automation, so mein McLuhan, fÇhrt dazu, dass „der alte mechanische Begriff ‚Job‘ der zugeteilten Aufgabe und der Facharbeit fÇr den ‚Arbeiter‘ […] seinen Sinn verliert“20. Gemeint ist damit, dass u.a. Speziallistenberufe verschwinden und stattdessen andere Faktoren21 elementar werden. Gleiche Verhaltensmuster sind auch in „A.I. - Artificial Intelligence“ zu finden. Im Film ist auffÅllig, dass nur eine einzige Berufsgruppe eine bedeutende Rolle spielt, die Rolle des Wissenschaftlers, da fÇr alle anderen TÅtigkeiten Roboter gebaut wurden. „Viele Roboter dienen ganz spezifischen Aufgaben: Sie sind KindermÅdchen, GÅrtner, Straáenarbeiter, Schweiáer, Butler, Wachpersonal und so weiter“.22 Das heiát, dass die Speziallistenberufe der Menschen von Robotern Çbernommen wurden und sich der Mensch nun mehr mit seiner Freizeit beschÅftigen kann.

2.1.2. Freizeit

Dem Faktor „Freizeit“ schenken Steven Spielberg in „A.I. - Artificial Intelligence“ und Marshall McLuhan in „Understanding Media“ ebenso viel Beachtung.

In Zukunft besteht die Arbeit nicht mehr darin, seinen Lebensunterhalt zu verdienen, sondern darin, im Zeitalter der Automation leben zu lernen. […] WÅhrend im mechanischen Zeitalter der Fragmentierung Freizeit die Abwesenheit von Arbeit bedeutete […], gilt im Zeitalter der ElektrizitÅt gerade das Gegenteil.23

McLuhan meint also, dass der Faktor „Freizeit“ ein wesentlicher Bestandteil im Leben eines Menschen im Zeitalter der Information und Automation ist. Genauso scheint es in „A.I. - Artificial Intelligence“ zu sein. Das glamouràse und dekadente Rouge City, eine Stadt, in der alle denkbaren FreizeitaktivitÅten màglich sind24, ist dafÇr der beste Indiz. Der Mensch beschÅftigt sich im Film also nicht mehr mit den Dingen, die noch im mechanischen Zeitalter maágeblich waren, sondern unternimmt immer mehr GeschÅftigkeiten, die typische Beispiele fÇr McLuhans elektronisches Zeitalter sind.

[...]


1 Vgl. A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE (KâNSTLICHE INTELLIGENZ), (USA 2001), R: Steven Spielberg, TC 0:01:10-2:13:00.

2 Marshall McLuhan: Die magischen KanÅle [Understanding Media 1964]. DÇsseldorf u.a. 1992, S. 202.

3 Ebd., S. 393.

4 Ebd., S. 398.

5 Ebd., S. 393.

6 Vgl. ebd., S. 202.

7 Vgl. Kapitel 2.1. und 2.2.

8 Vgl. Rainer Leschke: EinfÇhrung in die Medientheorie. MÇnchen 2003, S. 246.

9 Vgl. McLuhan: Die magischen KanÅle, S. 61.

10 Ebd., S. 201.

11 Ebd., S. 58.

12 Vgl. Marshall McLuhan: Absolute Marshall McLuhan, hrsg. v. Martin Baltes/Rainer Hàltschl. Freiburg 2002, S. 47.

13 Ebd., S. 63.

14 McLuhan: Die magischen KanÅle, S. 63

15 Vgl. A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE (KâNSTLICHE INTELLIGENZ), (USA 2001), R: Steven Spielberg, TC 0:01:10-0:02:00.

16 Inhalt. In: Warner Bros online, URL: http://www.warnerbros.de/video/ai/story.html (20.02.2008) [S. 1].

17 McLuhan: Die magischen KanÅle, S. 63

18 Vgl. Kapitel 2.2.1

19 Vgl. A.I. ARTIFICIAL INTELLIGENCE (KâNSTLICHE INTELLIGENZ), (USA 2001), R: Steven Spielberg, TC 0:03:40-0:04:00.

20 McLuhan: Die magischen KanÅle, S. 398.

21 Vgl. 2.1.2.

22 Produktionsnotizen. In: Warner Bros online, URL: http://www.warnerbros.de/video/ai/production.html (20.02.2008) [S. 1].

23 McLuhan: Die magischen KanÅle, S. 393.

24 Freizeiteinrichtungen in Rouge City sind: Casinos, Kinos, FreudenhÅuser, Kneipen, Discos, usw.

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Marshall McLuhans elektronisches Zeitalter in "A.I. - Artificial Intelligence"
Untertitel
Wie sich der Mensch im Film selbst amputiert
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater- Film- und Fernsehwissenschaften)
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
11
Katalognummer
V93179
ISBN (eBook)
9783638064255
Dateigröße
484 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elektronisches Zeitalter, Automation, Artificial Intelligence, Marshall McLuhan, Film
Arbeit zitieren
Felix Wende (Autor), 2008, Marshall McLuhans elektronisches Zeitalter in "A.I. - Artificial Intelligence", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93179

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