Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Raymond Boudon. Ist eine Erweiterung der Wert-Erwartungs-Theorie um die tertiären Herkunftseffekte notwendig?


Hausarbeit, 2019

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wert-Erwartungs-Theorie
2.1 Primäre Herkunftseffekte
2.2 Sekundäre Herkunftseffekte
2.3 Weiterentwicklungen der Theorie
2.3.1 Erikson & Jonsson
2.3.2 Breen & Goldthorpe
2.3.3 Esser

3. Empirische Arbeiten
3.1 Primäre Herkunftseffekte
3.2 Sekundäre Herkunftseffekte

4. Kritik

5. Tertiäre Herkunftseffekte

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bildungsentscheidungen sind während der gesamten Bildungskarriere eines Menschen präsent und werden von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Ob ein Kind ein Gymnasium, oder eine Realschule besucht, hängt nicht nur von der Empfehlung der Lehrkraft ab, denn es spielen auch weitere Aspekte eine große Rolle. Um diese Faktoren möglichst anschaulich und vollständig zu ermitteln wurde die Wert­Erwartungs-Theorie entwickelt, die sich zunächst in primäre und sekundäre Herkunftseffekte unterteilt. Diese Bestandteile werden in der vorliegenden Arbeit erklärt, des Weiteren wird auf die Weiterentwicklungen der Theorie hingewiesen, Beispiele für empirische Arbeiten werden herangeführt und Kritikpunkte benannt. Zum Abschluss wird eine mögliche Erweiterung der Theorie betrachtet, die eine weitere Art der Herkunftseffekte hervorbringt: die tertiären Herkunftseffekte. Ist diese Erweiterung notwendig, oder werden mit den primären und sekundären Herkunftseffekten alle Faktoren abgedeckt, die über die Bildungszukunft von Kindern entscheiden? Inwiefern spielen emotionale Beweggründe eine Rolle? Werden diese auch in den Herkunftseffekten aufgegriffen? Diese und weitere sich ergebende Fragen werden in dieser Arbeit an verschiedenen Punkten aufgegriffen und diskutiert.

2. Wert-Erwartungs-Theorie

Das von Raymond Boudon entwickelte Modell bezieht sich auf die Grundannahmen der Wert-Erwartungs-Theorie, bei der in primäre und sekundäre Herkunftseffekte unterschieden wird (vgl. Maaz et al. 2010: S.69). Die Annahme dabei ist folgende: die Menschen betrachten bei der Entscheidung für oder gegen eine bestimmte Schulform die möglichen Erträge und Kosten und entscheiden sich für die Möglichkeit, die den meisten Nutzen zu versprechen scheint (vgl. ZfE 2009: S.155). Wie genau dies geschieht und inwiefern die Herkunftseffekte diese Entscheidung maßgeblich beeinflussen können, wird in den folgenden zwei Teilabschnitten erläutert.

2.1 Primäre Herkunftseffekte

Die primären Herkunftseffekte beschreiben die Einflüsse der familiären Herkunft, die sich auf die Kompetenzentwicklung der Kinder auswirken und somit in unterschiedlichen Schulleistungen resultieren (vgl. ZfE 2014: S. 143). Dabei handelt es sich um ungleiche ökonomische, soziale und kulturelle Bedingungen (vgl. Maaz et al. 2010: S. 67). Beispiele dafür sind die lernförderliche Umgebung mit pädagogisch wertvollem Spielzeug, ein eigener Rückzugsort (ein eigenes Zimmer, um die Hausaufgaben in Ruhe erledigen zu können), eine ausgewogene Ernährung, sowie genügend Bewegung und auch eine anregende kulturelle Art und Weise, wie die Freizeit der Familie gestaltet wird.

2.2 Sekundäre Herkunftseffekte

Die sekundären Herkunftseffekte haben eher mit dem Entscheidungsverhalten von Familien zu tun, welches soziale Ungleichheiten in der Bildungsbeteiligung zur Folge haben können. Dabei sind die Entscheidungen meist ein Ergebnis der verinnerlichten Sozialschichtzugehörigkeit der Eltern (vgl. Maaz et al. 2010; S. 68). Das Bildungsziel der Eltern für ihre Kinder orientiert sich maßgeblich an ihrer eigenen sozioökonomischen Stellung. Dabei werden die Kosten, die mit den Bildungsentscheidungen verbunden sind, betrachtet und die zu erwartenden Erträge dazu ins Verhältnis gestellt (vgl. ebenda). Beispielsweise kann die Entscheidung für den Besuch eines Gymnasiums höhere Erträge versprechen, weil die späteren beruflichen Optionen, Einkommenschancen und das gesellschaftliche Ansehen besser sein könnten. Dabei sind die Herkunftsunterschiede besonders maßgeblich, wenn man betrachtet, dass für ein Kind aus einer Akademikerfamilie eine

Bildungsentscheidung gegen das Gymnasium einen sozialen Abstieg, für ein Kind aus einem bildungsfernen Milieu die Bildungsentscheidung für die Realschule jedoch einen sozialen Aufstieg bedeuten würde (vgl. ZfE 2009: S. 155f). Dabei sind auch mögliche Opportunitätskosten zu beachten, die entstehen können. Dies sind die mit bestimmten Bildungsentscheidungen verbundene Einnahmeverzichte, wie z.B. im Fall des Abiturs / eines Studiums ein späterer Berufseinstieg bzw. auch die unbezahlte Ausbildung. Diese Kosten können ebenso eine wichtige Rolle bei der Entscheidung einnehmen (vgl. Brake/Büchner 2012: S. 99).

2.3 Weiterentwicklungen der Theorie

Diese Theorie wurde nach Boudon aber auch von weiteren Wissenschaftlern beforscht und weiterentwickelt. Drei dieser Weiterentwicklungen skizziere ich im Folgenden. Diese beziehen sich alle auf die sekundären Herkunftseffekte und nehmen an, dass Bildungsentscheidungen rational getroffen werden (vgl. Maaz et al.: S. 71). Wie genau diese Annahmen lauten, wird im Folgenden erläutert.

2.3.1 Erikson & Jonsson

Erikson und Jonsson gehen von einem kalkulierenden Lebewesen aus, das die Erwartungswerte miteinander vergleicht und die rentabelste Entscheidung trifft (vgl. Brake/Büchner 2012: S. 101f). Bei der oberen Schicht ist es dabei so, dass die Bildungserträge höher gewertet werden, die Erfolgserwartung somit höher liegt und die Kinder außerdem mitunter bessere kognitive Voraussetzungen haben, da die Eltern ihnen in den schulischen Belangen besser behilflich sein können (vgl. ebenda). Die untere Schicht hingegen betrachtet die relativen Kosten genauer (vgl. ebenda). Notwendig bei dieser Entscheidung ist die Betrachtung der Sicherheit bzw. der Unsicherheit, mit der bestimmte Erträge realisiert werden können. Bei der Unsicherheit handelt es sich größtenteils um die Bedenken, ob ein Kind den eingeschlagenen schulischen Weg erfolgreich zu Ende gehen kann. Somit ist nachvollziehbar, dass Eltern, die selbst höhere Bildungsabschlüsse haben, den Weg selbst kennen, somit weniger Unsicherheiten aufweisen und auch die Möglichkeit haben unter Umständen behilflich zu sein (vgl. Maaz et al. 2010: S. 71). Der Einfluss der sekundären Herkunftseffekte ist jedoch bei frühen Bildungsentscheidungen deutlich ausschlaggebender, bei späteren Bildungsentscheidungen geht der Einfluss der Herkunftsfamilie zurück. Dafür kann es zwei Erklärungen geben, zum Einen haben die jungen Erwachsenen einen größeren Einfluss auf ihre Entscheidungen, zum Anderen wandelt sich die Einschätzung der Erfolgswahrscheinlichkeit in den späteren Phasen und ist somit mit geringerer Unsicherheit behaftet (vgl. ebenda).

2.3.2 Breen & Goldthorpe

Breen und Goldthrope gehen bei dem Handlungsmotiv der Eltern davon aus, dass sie vor allem den sozialen Abstieg vermeiden wollen (vgl. Brake/Büchner 2012: S. 100). Die herkunftsspezifischen Leistungsunterschiede, sowie die Kostenseite spielen hierbei eine untergeordnete Rolle. Somit ist es für ein Akademikerkind unverzichtbar einen höheren Bildungsgang zu wählen (vgl. Maaz et al. 2010: S. 73). Ein Kind aus dem Arbeitermilieu hingegen kann den Statuserhalt aber schon mit einem niedrigeren Schulabschluss sichern (vgl. ebenda).

2.3.3 Esser

Esser vereint sowohl die Überlegungen von Erikson und Jonsson, als auch die von Breen und Goldthorpe und fasst alle möglichen Gründe für Bildungsentscheidungen wie folgt zusammen:

Sowohl die Kosten des weiterführenden Schulbesuchs, als auch der zusätzliche Ertrag, der Nutzen des alternativen Bildungsgangs, der drohende Statusverlust bei Besuch der Pflichtschule, die Wahrscheinlichkeit eines Statusverlustes bei Besuch einer Pflichtschule und auch die Erfolgswahrscheinlichkeit beim Besuch einer weiterführenden Schule werden abgewogen und es wird eine Entscheidung für den Besuch einer weiterführenden Bildung getroffen, wenn der Nutzen größer ist, als der der Alternative (vgl. Brake/Büchner2012: S. 102). Hierbei werden alle Faktoren und Möglichkeiten also ganz rational betrachtet und auf Grundlage dieser Überlegungen wird eine Entscheidung getroffen.

3. Empirische Arbeiten

Im Rahmen unterschiedlicher empirischer Arbeiten wurde die Existenz von sowohl primären, als auch die der sekundären Herkunftseffekte erforscht und auch bestätigt (vgl. ZfE 2014: S. 147). In den folgenden Unterpunkten werden einige Aspekte und die empirischen Arbeiten aufgegriffen und benannt.

3.1 Primäre Herkunftseffekte

Die Existenz der primären Herkunftseffekte ist bekannt und auch empirisch belegt. Bei der PISA-Studie beispielsweise wurde herausgefunden, dass SchülerInnen aus Familien der oberen Dienstklasse höhere Lesekompetenz aufweisen, als SchülerInnen aus Arbeiterhaushalten. Das bedeutet, dass die SchülerInnen unterschiedliche Voraussetzungen aufgrund ihrer sozioökonomischen Herkunft mitbringen (vgl. ebenda).

Die Studie „ÜBERGANG" zeigte des Weiteren, dass das Übergangsverhalten durch die Empfehlungen der LehrerInnen bestimmt wurde. IGLU kam ebenso zu einem ähnlichen Ergebnis und zeigte, dass sowohl Testleistungen, als auch Noten, einen starken Zusammenhang mit den Empfehlungen der Lehrkräfte aufweisen. Weitere Studien zeigten weiterhin, dass Noten mitunter ausschlaggebender, als Testleistungen sind. Außerdem ist auffällig, dass bei sehr guten und sehr schlechten Schülern die Empfehlungen relativ klar sind. Bei SchülerInnen mit uneindeutigen Leistungen jedoch eher der Einfluss der sekundären Herkunftseffekte ausschlaggebender ist (vgl. ebenda).

3.2 Sekundäre Herkunftseffekte

Bei den sekundären Herkunftseffekten wird in drei Unterarten unterschieden: Herkunftseffekte der Leistungsbeurteilung, Herkunftseffekte der Schullaufbahnempfehlung und die Herkunftseffekte des Übergangsverhaltens (vgl. ebenda: S. 149).

Sowohl ÜBERGANG, als auch IGLU fanden heraus, dass die Herkunftseffekte der Leistungsbeurteilung vorliegen, wenn SchülerInnen bei gleicher Testleistung, je nach familiärem Hintergrund, unterschiedliche Noten erhalten. Ebenso stießen diese beiden Studien auch auf die Erkenntnis, dass in Bezug auf die Herkunftseffekte der Schullaufbahnempfehlung, Kinder aus sozial schwächeren Familien bei gleicher Testleistung seltener Gymnasialempfehlungen erhalten (vgl. ebenda). Bei den Herkunftseffekten des Übergangsverhaltens wurde beobachtet, dass Eltern unterschiedlich von den Empfehlungen abwichen: Eltern aus höheren Schichten tendierten zur Wahl des Gymnasiums und Eltern aus sozial schwächeren Schichten sich trotz der Gymnasialempfehlung eher gegen das Gymnasium entschieden (vgl. ZfE 2009: S. 157).

Somit wird deutlich, dass Kinder aus sozial schwächeren Familien in dreifacher Weise eine Benachteiligung erleben: sie erbringen aufgrund ihrer Sozialisation schlechtere Leistungen, erhalten bei gleichen Testleistungen schlechtere Noten und gehen bei gleichen Testleistungen und Noten und gleicher Empfehlung häufiger auf niedrigere Schulformen über (vgl. ZfE 2014: S. 151).

4. Kritik

Die Theorie von Boudon wird auch kritisiert. Vor allem wird darauf hingewiesen, dass die Konzentration auf die in Familien getroffenen Entscheidungen zu einseitig ist (vgl. Brake/Büchner 2012: S. 104). Denn Übergänge sind ebenso stark von den Strukturen des Bildungssystems abhängig. Dieses ist in Deutschland jedoch nicht einheitlich (vgl. ebenda). Der Fokus liegt hierbei also zu sehr auf den kognitiven Entscheidungsstrukturen, dabei werden soziale Entscheidungsprozesse und weitere mögliche Variablen nicht berücksichtigt. Außerdem wird gemutmaßt, dass sowohl die primären, als auch die sekundären Herkunftseffekte empirische nicht genau belegt werden können und somit Brückenannahmen sind. Problematisch ist auch die Sicht, dass die Bildungsentscheidung eine ausschließlich logische Entscheidung sein soll, denn es kann durchaus auch weitere Gründe für eine Entscheidung geben. Die Gefahr dieser Theorie liegt vor allem darin, dass der Vorwurf entstehen kann, dass Familien die Bildungsbenachteiligung in erster Linie selbst zu verantworten haben, da sie die falsche Entscheidung getroffen haben (vgl. ebenda).

[...]

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Raymond Boudon. Ist eine Erweiterung der Wert-Erwartungs-Theorie um die tertiären Herkunftseffekte notwendig?
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
13
Katalognummer
V931876
ISBN (eBook)
9783346253187
ISBN (Buch)
9783346253194
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dies ist eine Hausarbeit, die ergänzend zu einem Referat geschrieben wurde.
Schlagworte
Boudon, Raymond Boudon, Herkunftseffekte, primäre Herkunftseffekte, sekundäre Herkunftseffekte, Wert-Erwartungs-Theorie, tertiäre Herkunftseffekte, Soziologie
Arbeit zitieren
Margarita Hildebrandt (Autor), 2019, Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Raymond Boudon. Ist eine Erweiterung der Wert-Erwartungs-Theorie um die tertiären Herkunftseffekte notwendig?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/931876

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Primäre und sekundäre Herkunftseffekte nach Raymond Boudon. Ist eine Erweiterung der Wert-Erwartungs-Theorie um die tertiären Herkunftseffekte notwendig?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden