Die literarische Strömung des Futurismus als Vorreiter des politischen Faschismus


Hausarbeit, 2020

22 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Der Futurismus
2.1 Filippo Tommaso Marinetti
2.2 Das futuristische Manifest
2.3 Der italienische Futurismus ökonomisch und politisch

3. Der italienische Faschismus
3.1 Benito Mussolini

4. Vergleich des Manifests und der Reden
4.1 Strukturanalyse
4.2 Semantik und Rhetorik
4.3 Politische Gesinnung

5. Fazit
5.1 Ausblick

6. Literaturverzeichnis

7. Textauszüge

1. Vorwort

Die vorliegende Hausarbeit, welche bezugnehmend zum literaturwissenschaftlichen Proseminar „Avantgarde“ entstanden ist, widmet sich zunächst der futuristischen Strömung der Zeit. Hierbei wird das Augenmerk auf die literarischen Kernaussagen, sowie politische und ökonomische Schwerpunkte der Bewegung unter ihrem prominentesten Vertreter, Filippo Tommaso Marinetti, gelegt. Des Weiteren folgt ein Umriss der Geburtsstunde des Faschismus in Italien unter Berücksichtigung der Person Benito Mussolini. Da die These der Hausarbeit auf die Vorreiterrolle des Futurismus gegenüber dem italienischen Faschismus abzielt, werden die literarischen, sowie politischen Parallelen des Futurismus und faschistischen Propaganda-Reden gegenübergestellt und verglichen, um abschließend einen Ausblick in die moderne Politik Deutschlands und der Rhetorik der Partei Alternative für Deutschland zu liefern. Anzumerken ist, dass aufgrund des Seminar-schwerpunktes der Fokus der Textanalyse auf dem futuristischen Manifest liegt.

2. Der Futurismus

Enno Stahl skizziert in seinem Werk „Anti-Kunst und Abstraktion in der literarischen Moderne (1909-1933)“ den Futurismus unter dem Gesichtspunkt der Kunstwende und arbeitet prägnante Charakteristika der literarischen Strömung heraus. Besonders auffällig scheint der destruktive Anspruch der Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommenden Bewegung. Hierbei wird die aggressive und auf Konfrontation ausgerichtete, kämpferische Seite des Futurismus aufgemacht, deren Ziel es ist, bestehende gesellschaftliche und künstlerische Normen aufzubrechen. Dies ist ein Punkt, der allen „Ismen“ gleich ist – das Erkennen der bloßen Konstruktion von Kunst unter dem Aspekt des Ästhetischen, was bis zum Zeitalter der Avantgarde in der Schleife der bloßen Reproduktion des Nur-Schönen1 verharrt. Die futuristische und antiästhetisch ausgerichtete Bewegung beinhaltet durch das perspektivistische Denken2 auch die nihilistische Absage an die Wertigkeit vorangegangener, ästhetischer Strömungen mit sich : Die Kunst und ihre Mittel werden so schonungslos ihres Nimbus entkleidet; sie erweisen sich als „gemacht“, als nichts Endgültiges, sondern Wandelbares.3

2.1 Filippo Tommaso Marinetti

Schon vor Veröffentlichung seines futuristischen Manifests im französischen Figaro und damit Geburtsstunde der neuen avantgardistischen Strömung 1909 sieht sich Filippo Tommaso Marinetti gut vernetzt in der Künstlerszene Frankreichs. Hier erfährt er nach seinem Jurisprudenzstudium in Italien Erfolge mit ersten Gedichten, welche seine weitere journalistische und literarische Laufbahn begründen.4 Neben Literaten wie Rilke oder D’Annunzio erschafft Marinetti, inspiriert durch die zahlreichen Kontakte mit anderen Künstlern der Avantgarde, im Laufe der Jahre eine weitere extreme Möglichkeitsform[] moderner Existenz.5 Da das futuristische Manifest eine klare Absage an bestehende Gesellschaftsformen beinhaltet, verlagert sich Marinettis Wirkungsstätte wieder nach Italien, um hier der futuristischen Bewegung in kämpferischer Attitüde eine politische Richtung zu verleihen.

2.2 Das futuristische Manifest

Die gesamte literarische Strömung der Avantgarde bedient sich der Gattung des Manifests, um die angestrebte Transformation der gesellschaftlichen Erfahrungen in Diskurse einzuschreiben. Neben der Produktion einer eigenen Wahrheit in der Literatur, kommt es in den dogmatischen Abschriften zu der Negierung der Vergangenheit und Absage an gegenwärtige Lebenskonzepte. Damit einhergehend sieht sich die Avantgarde als Bringer einer heilsamen Zukunft. Das futuristische Manifest im Speziellen mobilisiert seine Adressaten die Vergangenheit hinter sich zu lassen, indem es die Gegenwart als negatives Resultat vergangener Zeit charakterisiert und eine Alternative dazu definiert. Es stellt den Versuch […] zwischen beiden Alternativen eine möglichst große Spannung herzustellen, die die „utopische Energie“ zum Absprung in die Zukunft schaffen soll 6. Den radikalen Anti-Historismus bezieht Marinetti nicht nur auf staatliche Institutionen, sondern schließt auch die eigene Vergänglichkeit und die der futuristischen Künstler ein. 7 Ein weiteres Charakteristikum des futuristischen Manifest, welches Gabriele Brandstetter im interdisziplinären Band „»Clear the Air«. Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren“ herausarbeitet, ist das Wechselspiel zwischen Text und Performanz. Wie im vorherigen Abschnitt schon erwähnt, stehen die Absage an vergangene Zeit und die Bejahung der Zukunft in einem wechselseitigen Verhältnis. Allerdings fordert diese Abwertung alter Handlungsmuster neue Pfeiler der Gesellschaft, wie in Kunst oder Politik – diese entstehen nicht im bloßen Sprechakt, sondern müssen performativ umgesetzt werden. Insofern ist „Manifest“ ein Genre mit unterschiedlichen Potenzialitäten […] : Es ist sowohl Text als auch Performance, […] ; sowohl Theorie als auch eine Praxis und sowohl Kritik als auch ästhetisches, künstlerisches Konzept.8 Bezüglich der futuristischen Strömung der Avantgarde ist die Formulierung des potenziellen Faschismus als performativer Akt im Hinterkopf zu behalten.

2.3 Der italienische Futurismus ökonomisch und politisch

Wie bereits herausgearbeitet werden konnte, spielt zunächst die allgemeine Absage des Futurismus an ästhetische Reproduktion vor allem in der italienischen, von Marinetti begründeten Bewegung eine große Rolle. Inspirierende Größen italienischer Literatur, wie Pascoli oder Verdi, sind längst gestorben und die bildenden Künste südalpin begnüg[en] sich mit dem Ruhm vergangener Zeiten, den großen künstlerischen Leistungen des Mittelalters.9

Marinetti geht es jedoch nicht nur um die Erneuerung der italienischen Kultur, sondern auch ökonomisch und gesellschaftlich soll der Futurismus wirken. So gehen die Themen der Bewegung über den kulturellen Kontext hinaus und reichen von Industrialisierung und Imperialismus über das Leben in der Großstadt bis hin zu revolutionärer Gewalt.10 Ein für Marinettis wirksames Mittel zum Erreichen all dieser Ziele ist der Krieg. Dieses Gewaltpotenzial der avantgardistischen Strömung drückt sich in der permanenten Kriegsbefürwortung im futuristischen Manifest aus11 und zeigt jetzt schon eine deutliche Parallele zu den Vorgehensweisen der Faschisten auf. Der Wunsch beider Seiten gilt dem totalen Umbruch der italienischen Gesellschaft durch Zerstörung und Italien soll[te] von den Fesseln einer erstarrten Tradition befreit werden und die geistige Führung Europas übernehmen.12

3. Der italienische Faschismus

Bei der Untersuchung des italienischen Faschismus, der Anfang des 20. Jahrhunderts eine neuartige, vorher nicht bekannte Bewegung der Gesinnung beschreibt, müssen zunächst die Entstehungsbedingungen im vorangegangen Jahrhundert beleuchtet werden. Innerhalb von dreizehn Jahrhunderten spaltet sich das ehemalige römische Reich und Italien stellt kein vereintes und unteilbares Land dar, sondern besteht aus Fragmenten. Während des Risorgimento – einer politischen Bewegung, die im 19. Jahrhundert nach einem vereinten Land strebt - war Italien immer noch stark fragmentiert. Im Wesentlichen setzte es sich aus dem Königreich Piemont-Sardinien, dem […] Königreich Lombardo-Venetien, dem Kirchenstaat, dem […] Königreich Sizilien sowie aus einer Reihe von Herzogtümern zusammen.13 Der Wunsch nach einem italienischen Nationalstaat wird aufgrund des Risorgimento in der Zeit zwischen 1861 und 1870 erfüllt. Im europäischen Vergleich ein politischer Nachzügler der staatlichen Einheit – wie auch Deutschland.14 Im Gegensatz zu Deutschland vollzieht sich in Italien jedoch kein einheitlicher Wirtschaftsaufschwung innerhalb des Landes, sondern das Gefälle zwischen Nord und Süd bleibt bestehen. Zudem hat die Industrialisierung zur Zeit der Jahrhundertwende gerade erst begonnen und territoriale Unzufriedenheit macht sich breit. Italien will den von Minderwertigkeit geprägten, unvollendeten Nationalstaat durch territoriale Zugewinne ausgleichen – nicht zuletzt um im europäischen Vergleich nicht als Nachzügler, sondern Staatsmacht zu gelten. Es war dieser neue Nationalismus, der Italien 1911 in den Libyenkrieg und 1915 in den ersten Weltkrieg führte.15 Folgender territorialer Zuwachs wie beispielsweise durch Südtirol, Triest oder den Brenner, können allerdings die nationale Identität nicht hinreichend festigen - eine Wunde, in die Benito Mussolini den Finger legt, indem er die grenzenlose Ausweitung der italienischen Staatsmacht predigt : Für den Faschismus ist das Streben zum impero, das heißt zur Expansion der Nation ein Ausdruck der Vitalität.16

3.1 Benito Mussolini

Die ersten Jahre des Jungen aus Forlì in der Romagna verlaufen unspektakulär. Zunächst scheitert er aufgrund seiner offenen Ablehnung gegenüber Frauen im Lehramt, flüchtet aufgrund persönlicher Schwierigkeiten erst in die Schweiz, dann nach Österreich. Hier führt er ein durch Hilfsarbeiten finanziertes, spartanisches Leben. In dieser Zeit beginnt er sozialistische Klassiker der Politik zu lesen, um 1909, zurückgekehrt in seine Heimat, als Journalist für die revolutionäre Linke zu schreiben.17 Fasziniert von den Theorien Le Bons, glaubt[] er daran, die Massen allein mit seinem politischen Willen bewegen zu können.18 Dieser permanente Aufstiegsgedanke ist unabhängig von einer bestimmten politischen Richtung, sondern soll den jungen Journalisten auf das politische Parkett der Großen befördern. So erkennt Mussolini die gravierenden Defizite der italienischen Volkswahrnehmung im Vergleich zu denen in anderen europäischen Ländern und sieht seine politische Zukunft gesichert. Zunächst im Austausch mit den Futuristen noch sozialistisch beeinflusst, kehrt Mussolini dieser Richtung 1919 endgültig den Rücken und fokussiert sich nach einer deutlichen Wahlniederlage auf nationale, gewaltbereite Parolen. Durch Massenkundgebungen und gezielte Selbstinszenierung verbindet er die eigene Person untrennbar mit der politischen Gesinnung und feilt permanent an der Herausbildung des eigenen Mythos, wie folgendes Zitat zeigt : Faschismus sollte Mussolinismus sein.19 Diese Selbstdarstellung gipfelt in übermenschlichen Vergleichen, welche Mussolini als gottgleichen Schöpfer und männliches Genie umschreiben : Politik ist die höchste Kunst, die Kunst der Künste, die göttliche unter den Künsten, denn sie bearbeitet das schwierigste, weil lebende Material, den Menschen.20

Da sich diese Hausarbeit auf den Futurismus und damit die Epoche des frühen Faschismus bezieht, wird nicht auf die weiteren 22 Herrschaftsjahre des Duce eingegangen, sondern festgehalten, dass der Einsatz einer diktatorisch gewaltbereiten Politik allein der Inszenierung und totalitären Herrschaft des selbsternannten Künstlers Benito Mussolini dient.

Das italienische Volk ist ein Block kostbaren Materials. Er muss gebohrt [..] werden. Noch ist ein Kunstwerk möglich. Dazu bedarf es einer Regierung, eines Mannes, der, je nachdem, über die zarte Hand des Künstlers oder die eiserne Faust des Krieges verfügt, eines sensitiven, willensstarken Mannes.21

4. Vergleich des Manifests und der Reden

4.1 Strukturanalyse

Der einführende Prolog des Manifests besteht aus metaphorischen Erzählungen, die gegenwartsbetont sind. Das Individuum der Zeit befindet sich im orientalischen Interieur, das als Opium der Bourgoisie gedeutet werden kann. Des Weiteren formuliert Marinetti, welcher nachgewiesen alleine an der Ausarbeitung des Manifests feilt22, aus der Wir-Perspektive. Nach dieser Einleitung wird der geschilderte Zustand durch das Mechanische auf einmal23 unterbrochen und Marinetti beschreibt die Veränderung des Bestehenden durch die aufkommende Dynamisierung. Hierbei kommt es neben der an den Rezipienten gerichteten Beschreibung zweimal zu Einschüben, die die direkte Ansprache des fiktiven Kollektivs beinhalten. Marinetti ermutigt seine Mitstreiter in direkter Rede zum Aufbruch in eine neue Zeit.24 Diese nach vorne gerichtete Dynamisierung, die auf den ersten zwei Seiten des Manifests sehr ausführlich und detailreich geschildert ist, wird auf S.76 des vorliegenden Textes durch den plötzlichen Autounfall Marinettis jäh unterbrochen. Dies ist die Schlüsselszene des Manifests und der Höhepunkt des Spannungsbogens. Im Vergleich zu den vorangegangenen, ausschweifenden Schilderungen wirkt es zeitlich gerafft und unterstützt damit die zeitlich schnelle Abfolge der Ereignisse während des Unfalls. Als wiedergeborener Mensch, der den Autounfall überlebt hat, schließt Marinetti hier seine futuristischen Forderungen an, welche er in Form von elf Thesen präsentiert. Diese unterscheiden sich in ihrer Länge, so dass beispielsweise die erste These aus einem Satz besteht, die abschließende 14 Zeilen umfasst. Der Schluss des Manifests wird in dieser Hausarbeit kurzum als eingeengte Reflexion des Vergänglichen eingestuft, da eine umfassendere Analyse dieser Passage eine unverhältnismäßige Länge im Vergleich zu den Textauszügen aus Mussolinis Reden besitzen würde. Marinetti ist während des gesamten Manifests direkt in das Geschehen eingebunden und stellt seine inneren Vorgänge in erlebter Rede dar. Daraus resultiert, dass seine Argumentation, wie auch im Nachfolgenden bei Mussolini zu sehen, einer starken Prägung durch die eigene Wahrnehmung unterliegt und damit als unseriöser Argumentationstyp eingestuft werden kann.

Eine ausführliche Strukturanalyse angewendet auf die Reden Mussolinis gestaltet sich aufgrund der kurzen Auszüge, die sich in größerem Zusammenhang befinden, als schwierig, wird aber dennoch umrissen. Die Rede im Theater Politeamea, die wie alle vorliegenden Auszüge politischer Äußerungen eine offene Form besitzt, beginnt mit dem Kampf als Ursprung aller Dinge25 , woran sich die Beschreibung des zwiespältigen Lebens anschließt. Dieses wird in positiv und negativ konnotierte Gegensatzpaare dargestellt, um anschließend wieder vom Krieg beendet zu werden. Der Kampf bildet hier eine strukturelle Klammer um das ambivalente Leben. Ein weiterer Gegensatz wird anschließend im Ideal des Friedens aufgemacht. In diesem angeblichen Trugbild wechselt Mussolini in die Ich-Perspektive. In der „breve preludio“, die Mussolini zwei Jahre später zum Besten gibt, wird das Kollektiv durch die Wir-Formel angesprochen. Hierbei kommt es, genau wie bei Marinetti, zu der Inklusion des Zielpublikums und Exklusion aller anderen.26 Zudem bedient sich Mussolini auch hier einleitend der Gegensatzpaare, die beispielsweise auf politisch unterschiedliche Gesinnungen referieren.

4.2 Semantik und Rhetorik

Der metaphorische Einstieg des Manifests zeichnet einen von Trägheit geprägten Lebensstil. Folgendes Zitat aus dem Text unterstreicht nicht nur das Motiv des Orients, sondern rückt auch den Atavismus in den Vordergrund, so dass Marinetti schon zu Beginn des Manifests subtile Kritik an alten Denkmustern zum Ausdruck bringt: Lange haben wir auf weichen Orientteppichen unsere atavistische Trägheit hin und her getragen.27 Marinetti spricht hier und im gesamten Verlauf des Manifests aus der Wir-Perspektive, was folglich die gezielte Inklusion und Eklusion von Rezipientengruppen mit sich bringt. Anzunehmen ist, dass der Plural den Künstlerkreis Mailands einschließt und dem Adressaten vermittelt, es bestehe eine futuristische Gemeinschaft, derer er sich sofort anschließen könne.28 Durchbrochen wird dieser Zustand der schläfrigen Stagnation durch den Einbruch des Mechanischen – die maximale Dynamisierung der Gesellschaft bricht heran, indem das mystische Ideal überwundenl 29 wird. Es kommt in diesem Zusammenhang zur erste[n] aller Morgenröten30 , was den Beginn einer neuen Ära, ja sogar Welt beschreibt. Marinetti nennt als mechanische Beispiele, die die vorhandene Welt verändern, sowohl die Straßenbahn, als auch das Auto. Deutlich werden ab Einbruch der neuen Fortbewegungsmittel die Tiermetaphern. Während der Fahrt im Automobil, zu der Marinetti die Gruppe auffordert, kommt es zur Umgestaltung des Menschen zum Animalischen. Diese Löwen liefern sich eine wechselseitige Verfolgungsjagd mit dem Tod, welcher eine samtweiche, liebevolle31 Seite zugeschrieben bekommt, die verheißungsvoll auf den Autor wirken muss. Es scheint fast, als würden sich der Tod und Marinetti in einem Art Liebesspiel befinden, während sie sich gegenseitig jagen. Diese momentan geradlinig, nach vorne gerichtete Dynamik wird allerdings durch aufkommende Kreisbewegungen zurückgenommen. Als Beispiele für diese kontraproduktive Richtungsänderung sind die Hunde und die langsamen Fahrradfahrer, die nicht von der Stelle kommen.32 Marinettis Standpunkt zu diesem Verhalten wird durch die Wiederholung des Wortes dumm unterstrichen.33 Sie stehen für die alte Gesellschaft, deren trägen Verhaltensmuster aufgebrochen werden müssen. Der Autor sieht hier nur den Tod, die Tragödien-Lösung, um zu einer Neugeburt zu finden und alte Strukturen aufzulösen. Diese Geburt des Propheten auf S.76 kann als Schlüsselszene des Manifests angenommen werden. Hierbei offenbart sich die Neukonzeption des Menschen nicht im Fortgang, sondern im Unfall – der Antagonismus zwischen lebensbejahender Dynamik und todesbringender Technik. Das Automobil wird metaphorisch zum Haifisch, der im Unfall seine schwere Karosserie des gesunden Menschenverstandes und seine weichen Polster der Bequemlichkeit34 verliert. Die Befreiung von alten Gewohnheiten und Zwängen muss demnach brutaler sein, als bloße Neuerfindungen. Daher ist der Sturz als Neugeburt zu sehen, die sich allerdings von konventionellen Geburtsvorgängen unterscheidet. In dieser Szene erblickt nicht ein Säugling das Licht der Welt, sondern ein fertig ausgebildeter, erwachsener Mensch, der einen eigenen Überlebensdrang besitzt. Die Amme, die den Wiedergeboren an ihre Brust nimmt, fungiert zum einen selbstreferenziell auf Marinettis eigene Kindheit35, zum anderen schwingt ein blasphemischer und frauenfeindlicher Unterton mit, indem zunächst der Fabrikschlamm als Ersatz für die Muttermilch genannt wird, um danach das Wort heilig in die Metapher einzubauen. Das Manifest wird an dieser Stelle zu einer Geburtsgeschichte, welche die Abschaffung des natürlichen Körpers impliziert. Die Destruktivität des Unfalls und die Produktivität des neugeborenen, futuristischen Menschen werden hier verschränkt. Die neu erlangte Kraft des Individuums präsentiert sich in den folgenden elf Thesen des Futurismus, die Marinetti formuliert. Die ersten sechs dieser Verkündigungen referieren zunächst auf das Erlebte. Marinetti schwärmt von Mut, Kühnheit und Auflehnung36 , sowie von der Absage an die schläfrige Verharrung in alten Denkmustern, die durch die Dynamik des Futurismus aufgebrochen werden muss. Der abschließende Part der Thesen beschäftigt sich mit dem heilbringenden Krieg, den Marinetti als einziges Mittel sieht, um sich von der Vergangenheit zu befreien. Der neunte dogmatische Ausruf des Autors zielt auf die Verherrlichung des Krieg[es] – diese[r] einzigen Hygiene der Welt – de[s] Militarismus, de]s] Patriotismus […] und der Verachtung des Weibes37 ab. Diese Reinigungsthematik bezieht Marinetti des Weiteren auf die Zerstörung von kulturellen Bildungseinrichtungen und sieht dies in einer allumfassenden Massenbewegung münden. Der dogmatische Charakter dieser Passage entsteht zum einen durch die häufig verwendeten Ausrufezeichen, sowie die direkte Ansprache der Adressaten im Kollektiv. Auffällig ist, dass ein Großteil der Thesen mit der Anapher ‚Wir‘ beginnt. Dieses Kollektiv stärkt Marinetti durch die Exklusion bestimmter Randgruppen – so schließt er in der zehnten These Moralisten und Feministen aus und präsentiert so einer seinem Ideal entsprechenden Masse eine heilsversprechende Zukunft durch den kriegsbejahenden Futurismus. Um das Verhältnis zu den recht kurzen Ausschnitten der Mussolini-Reden zu bewahren, werden die zwei Seiten des Manifests, die den Thesen folgen, kurzum als Abwertung der Museen und Vergänglichkeit der künstlerischen Errungenschaften umrissen, bei welcher Marinetti sich nicht ausnimmt und der Kunst ein Verfallsdatum zuschreibt. 38 Hierin gipfelt die negative Produktivität, die das gesamte Werk durchzieht.

[...]


1 Gunter Martens, Vitalismus und Expressionismus : ein Beitrag zur Genese und Deutung expressionistischer Stilstrukturen und Motive, Stuttgart, 1971, S.43.

2 Vgl.: Enno Stahl, Anti-Kunst und Abstraktion in der literarischen Moderne (1909 - 1933) vom italienischen Futurismus bis zum französischen Surrealismus, Frankfurt a.M., 1997, S.26.

3 Ebd.

4 Filippo Tommaso Marinetti, Manifest des Futurismus, 1909, in : Hansgeorg Schmidt-Bergmann : Futurismus, Geschichte, Ästhetik, Dokumente, Hamburg 1993, S.54f.

5 Ebd., S.53.

6 Robert Seyfert, Avantgardistische Manifeste: Anti-Historismus, Retro-Historismus,Trashistorismus, in: Ralph J. Poole / Yvonne Katharina Kaisinger (Hg.), Manifeste : Speerspitzen zwischen Kunst und Wissenschaft, Universitätsverlag Winter, 2014, S. 24.

7 Robert Seyfert, S. 25.

8 Gabriele Brandstetter: Yes! Das Manifest als künstlerische Praxis, in: Burcu Dogramaci / Katja Schneider (Hg.), Clear the Air. Künstlermanifeste seit den 1960er Jahren, 2017, S.20.

9 Enno Stahl, S.74.

10 Henrike Hans: Schönheit gibt es nur im Kampf, Zum Verhältnis von Gewalt und Ästhetik im italienischen Futurismus, Göttingen, 2015, S.16.

11 Vgl.: Hansgeorg Schmidt-Bergmann, S.77f..

12 Christa Baumgarth: Geschichte des Futurismus, Hamburg, 1966, S.113.

13 Nikos Tzermias: Die Erfindung der italienischen Nation, Neue Zürcher Zeitung, 17.03.2011, Aufruf vom 28.02.2020.

14 Vgl.: Wolfgang Schieder: Der italienische Faschismus : 1919- 1945, München, S.12.

15 Wolfgang Schieder: Der italienische Faschismus : 1919- 1945, München, S.12.

16 Benito Mussolini: Der Geist des Faschismus, München,1943, S.24f..

17 Wolfgang Schieder, S.31f..

18 Ebd.

19 Ebd., S.41.

20 Emil Ludwig: Mussolinis Gespräche mit Emil Ludwig, Bern/Wien/Leipzig,1932.

21 Benito Mussolini : Rede auf de mostra della rivoluzione fascista, Rom 1929, in: Eva Hesse, Die Achse Avantgarde-Faschismus: Reflexionen über Filippo Tommaso Marinetti und Ezra Pound, Zürich, 1991.s.243.

22 Christa Baumgarth, S.31.

23 Hansgeorg Schmidt-Bergmann, S.75.

24 Vgl.: Ebd., S.75/76.

25 Benito Mussolini: Der Geist des Faschismus, München,1943, S.29.

26 Vgl.: Ebd, S.32.

27 Hansgeorg Schmidt-Bergmann, S.75.

28 Vgl.: Henrike Hans, S.73.

29 Hansgeorg Schmidt-Bergmann, S.75.

30 Ebd.

31 Ebd., S.76.

32 Vgl.: Ebd.

33 Hansgeorg Schmidt-Bergmann, S.76.

34 Ebd.

35 Vgl.: Peter Demetz: Worte in Freiheit - Der italienische Futurismus und die deutsche literarische Avantgarde 1912-1934, 1990, S.43.

36 Hansgeorg Schmidt-Bergmann,S.77

37 Ebd.

38 Vgl.: Eva Hesse, S.236.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die literarische Strömung des Futurismus als Vorreiter des politischen Faschismus
Hochschule
Universität Konstanz
Note
2,3
Jahr
2020
Seiten
22
Katalognummer
V933200
ISBN (eBook)
9783346259707
ISBN (Buch)
9783346259714
Sprache
Deutsch
Schlagworte
strömung, futurismus, vorreiter, faschismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Die literarische Strömung des Futurismus als Vorreiter des politischen Faschismus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/933200

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