Der Konflikt zwischen Kreuzzugsgedanke und "minne" in ausgewählten Liedern Friedrichs von Hausen


Hausarbeit, 2005

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Besonderheiten der Lieder Friedrichs von Hausen

3. „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden...“

4. „Si darf mich des zîhens niet...“

5. „Mîn herze den gelouben hat...“

6. „Si wænent sich dem tôde verzîn...“

7. Gemeinsamkeiten der Lieder

8. Fazit

9. Anhang mit den Texten* und meiner Übersetzung
A „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden...“
III Sît ich dich, herze, niht wol mac erwenden,
III Da ich dich, Herz, wohl nicht davon abbringen kann,
B „Si darf mich des zîhen niet...“
III Mit grôzen sorgen hât mîn lîp
III Mit großen Sorgen hatte ich
C „Mîn herze den gelouben hât...“
D „Si wænent sich dem tôde verzîn...“

10. Bibliographie

1. Einleitung

Friedrich von Hausen ist einer der bedeutendsten Liederschreiber des deutschen Mittelalters. Die Besonderheit seiner Werke besteht darin, dass er den Gedanken des Minnelieds und denjenigen des Kreuzzugslieds verband und eine Gegenüberstellung beider Themen vornahm. Die Fragen, die er sich dabei stellte waren: Was hat eigentlich Vorrang? Der Dienst zu Gott oder doch die Liebe beziehungsweise der Minnedienst?

Ebendiesen Fragen geht die vorliegende Untersuchung nach. Dabei werden vier seiner Lieder unter den Aspekten des Kreuzzugsgedanken und der Minne analysiert. Die verwendeten Texte sind: „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden...“, „Si darf mich des zîhens niet...“, „Mîn herze den gelouben hat...“ und „Si wænent sich dem tôde verzîn...“. Die besprochenen Lieder zeigen deutlich die Zerrissenheit des Sprechers, der sich entscheiden muss zwischen seiner Liebe zu Gott und der einhergehenden Verpflichtung in den Kreuzzug zu gehen und der Liebe zu einer Frau, die für das Verbleiben in der Heimat spricht. „Die Faszination, die in der Minne von der sinnlichen Welt ausgeht, wird zu religiöser Bedeutsamkeit erhoben, religiöse Denkformen begegnen weltlicher Daseinserfahrung.“[1]

Der letzte Text nimmt dabei jedoch eine Sonderstellung ein, denn in diesem steht der Kreuzzug thematisch im Mittelpunkt und die Liebe wird nicht explizit erwähnt. Allerdings kann man durch Interpretation durchaus einige Facetten der Minne herausstellen.

Abschließend wird auf die Gemeinsamkeiten aller vier Lieder eingegangen und so die mögliche Intention des Oeuvres Friedrichs von Hausen abgeleitet.

2. Die Besonderheiten der Lieder Friedrichs von Hausen

Friedrich von Hausen war ein sehr wichtiger Liederdichter. Das erkennt man vor allem auch daran, dass eine ganze literarische Gruppe, die Hausen-Schule, nach ihm benannt wurde. Joachim Bumke schreibt zu seiner herausragenden Stellung: Seine Lieder „lassen die Schulung an romanischen Formmustern erkennen. Seine Strophenformen sind sechs verschiedenen Dichtern entlehnt [...]. Thematisch sind seine Lieder ganz auf die neue Konzeption der höfischen Minne ausgerichtet.“[2] Daraus lässt sich schließen, dass er seine Werke nicht unreflektiert angefertigt hatte, sondern sich Vorbilder nahm und sehr genau auf die künstlerische Form bedacht war. So verwendet er in den besprochenen Liedern zum Beispiel Reime und hat sie nach kunstvollen metrischen Mustern gestaltet. Grundlegende Merkmale der Hausen-Schule waren „Die Liebesdarstellung und der reflektierende Stil sowie eine Reihe von Metaphern, Bildern und Vergleichen [...]. Noch auffälliger ist die formale Bereicherung der Lyrik durch die Nachahmung des französischen Vers- und Strophenbaus.“[3]

Auch thematisch wagte er sich auf ein neues Territorium. „Er hat in sensiblen, schmerzverschatteten Versen die Lebensfrage der neuen ritterlichen Existenz durchlitten: wie man got unde der werlde gevallen, wie man Kreuzzug und Minne vereinen könne.“[4] Friedrich von Hausen nimmt sich als Erster dieses Konflikts an und bearbeitet ihn in literarischer Hinsicht ausführlich in seinen Liedern.

Unbedingt zu erwähnen, ist ebenfalls, dass die gewählte Thematik seiner Lyrik höchstwahrscheinlich einen biographischen Hintergrund aufweist. Friedrich von Hausen ist unter Friedrich II. selbst in den Kreuzzug gegangen und seine Lieder spiegeln möglicherweise seine eigenen Reflektionen über sein Leben, seine politischen Auffassungen sowie seine realen Konflikt mit der Liebe wider.

Eine weitere Besonderheit besteht darin, dass die Nennung jeglicher sexueller Wünsche oder Aktivitäten völlig fehlt. Friedrich von Hausen beschränkt sich einzig auf den emotionalen und geistigen Aspekt der minne und klammert jegliche Körperlichkeit aus. „Was ihm roh vorkam, rücksichtsloses Aussprechen des Wunsches nach sexueller Befriedigung, stieß er ab. Ausdrücke für eine Umarmung, gemeinsames Liebeslager fehlen bei ihm.“[5]

3. „Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden...“

Wie D. G. Mowatt anmerkt, ist dieses Lied „the most discussed of all of Hûsen’s poems“[6] und nimmt daher eine zentrale Stellung ein. Der Sprecher reflektiert über die Liebe und, ob er ihretwegen den Kreuzzug vielleicht nicht antreten sollte. Dargestellt wird dieser Konflikt durch die von Friedrich von Hausen häufig wiederholte Metapher der Trennung von Herz und Seele beziehungsweise Körper. Auf diese Weise versinnbildlicht er die mentale Hin- und Hergerissenheit. Das Herz nimmt dabei den Platz des Verlangens nach Liebe ein und stellt die emotionale Sichtweise dar. Wohingegen der Körper gerne in den Kreuzzug möchte um zu vehten an die heiden (Vers 3). Der Körper steht für die Vernunft und somit auch für die gesellschaftliche Norm. Das Problem besteht nun darin, dass daz herze hât erwelt ein wîp vor al der werlt (Vers 4 f.).

Diese ausweglose Situation scheint willkürlich auf das Ich hereingebrochen zu sein. Es entzieht sich jeder Verantwortung indem es den Körper und das Herz als zwei autonom handelnde Instanzen zeichnet, die sich seinem Willen völlig entziehen. Das Ich sieht nur noch eine Möglichkeit, diesen Konflikt zu beenden. Es legt sein Schicksal in Gottes Hand: got eine müeze scheiden noch den strît (Vers 8). Er soll nun den Zwist für ihn beenden.

In der zweiten Strophe wird die Thematisierung des Zwiespalts noch ausgeweitet. Der Sprecher dachte er sei ledic von solher swære (Vers 9), als er sich zum Kreuzzug verpflichtete, doch hatte er nicht mit der Macht der Liebe gerechnet. Besonders prekär ist dabei, dass zwei gesellschaftlich normierte Werte aufeinandertreffen und nicht beiden Folge geleistet werden kann. Zum Einen möchte das lyrische Ich seine êre und seinen muot behaupten, indem es in den Krieg zieht und zum Anderen verbietet es ihm seine stætekeit, seine Angebetete zu verlassen. Auch hier wird deutlich, dass es nicht die Schuld des Ichs ist, sondern einzig der tumbe willen die gesamte Verantwortung für die ausweglose Situation trägt.

Der Konflikt gipfelt in der dritten Strophe, in der ein Dialog mit dem Herzen geführt wird. Der Sprecher wird sich darüber bewusst, dass er sein Herz nicht lenken kann und möchte von nun an der Liebe ganz abschwören indem er sein Herz in Gottes Hände legt und ihn bittet, es an einen anderen Ort zu bringen, wo man es wol enpfâ (Vers 20). Die ganze Verzweiflung kommt anschließend in Form von rhetorischen Fragen zum Ausdruck. Einer Klage gleich, verabschiedet er sich von seinem Herzen und infolgedessen auch von der Liebe. Doch ist ihm dabei nicht wohl, denn er weiß, dass sein Herz nie wieder jemanden findet, der mit solhen triuwen handelt. Wieder wird das Herz wie eine Person behandelt. Es wird wie in einem Dialog gefragt, was wohl aus dem Herzen würde und wie es soweit kommen konnte.

Die sich schon in der dritten Strophe andeutende Wende wird in der vierten Strophe schließlich vollzogen. Das Ich hat einen Entschluss gefasst. Es folgt eine endgültige Abkehr von der Liebe. Zwar versucht der Sprecher seiner Dame die Umstände zu erklären, diese weist ihn aber ab. Durch diese Kränkung beschließt er: ez engeschiht mir niemer mê (Vers 32). Auch zeigt er sich selbstkritisch, da nur ein Narr, einer solch unsteten Dame zu Diensten sein kann.

Eine Besonderheit ergibt sich noch aus dem Terminus mich dunket wie ir wort gelîche gê reht als ez der sumer von Triere tæte (Vers 29 f.). Selbst die Forschungsliteratur ist sich nicht einig, was der Sommer von Trier nun eigentlich ist. Handelt es sich um eine einfache Metapher, die die Schnelllebigkeit der Jahreszeiten zum Ausdruck bringt oder ist es möglicherweise ein Verweis auf ein historisches Ereignis, das nicht mehr rekonstruiert werden kann. Sicher ist allerdings, dass eben diese Metapher gezielt gewählt wurde, um die Wankelmütigkeit der Dame kunstvoll zu beschreiben.

4. „Si darf mich des zîhens niet...“

Ein weiteres Mal wird die Unvereinbarkeit von Minnedienst und Gottestreue diskutiert. Dieser Konflikt findet jedoch eine einfache Auflösung, da der Sprecher in der Minne keine Erfüllung fand.

Die erste Strophe steht noch ganz im Zeichen der Minne. Das Ich beschreibt die Auswirkungen seiner Liebe. Er ist so verliebt, dass er den liuten guoten morgen bot engegen der naht (Vers 6 f.) und swer ihn gruozte daz er es niht vernan (Vers 9). Er leidet praktisch unter dem Verlust der Sinne. Er kann nicht mehr sehen, hält die Nacht für den Tag und auch nicht mehr hören, denn er nimmt niemanden mehr wahr. „Bei Friedrich von Hausen ist das Minneerlebnis wie in der frühmhd. geistlichen Literatur verbunden mit dem Verlust der sinne, aber dieser Verlust ist nicht mehr Ausdruck teuflischen Minnebrandes, sondern umschreibt die primäre Hingabe, die zum Dienst motiviert und dann in einem Akt der Selbstanalyse von dem Betroffenen reflektiert wird.“[7] Die Darstellung seiner Symptome stellt den Bewies der Liebe des Sprechers dar. Auf diese Weise will er seine Minneherrin versichern, dass er nicht geht, weil er ihr nicht genügend Liebe entgegenbringt, sondern weil es etwas gibt, dass eine höhere Priorität hat. Dass dieses später der Ruf Gottes ist, bleibt jedoch noch ungenannt.

Die zweite Strophe thematisiert wieder den strît zwischen Herz und Vernunft. Er bezeichnet seine Dame als die beste Frau, der er je zu Diensten war, was ihn mit Gott in Konflikt bringt. Der Sprecher sagt klar, dass er sogar im Angesicht Gottes an sie denkt und weist jede Schuld daran weit von sich. Selbst wenn die Tatsache, dass er der Frau die gleiche Bedeutung wie Gott zukommen lässt, Sünde und Blasphemie bedeutet, so wälzt er doch die gesamte Verantwortung auf Gott ab, denn schließlich schuof er si sô rehte wol (Vers 20), dass es gar nicht möglich ist, sie nicht zu lieben und immer an sie denken zu müssen.

Anscheinend hat die Liebe für den Sprecher Vorrang, doch dieser Eindruck ändert sich in der nächsten Strophe. Sein Körper hat nun lange genug gerungen alle sîne zît (Vers 22) und er hat einen Entschluss gefasst. Durch die kontinuierliche Konzentration auf die Liebe, ist ihm der Weg zur Weisheit versperrt gewesen. Prosaisch ausgedrückt, könnte man sagen, er hat erkannt, dass die Liebe allein dumm macht, was, wie er ausdrückt, auch schon das Schicksal anderer Männer war. Durch diese Erkenntnis bricht er aus seinem Verhaltensmuster aus und sucht Hilfe bei Gott, denn der kann den liuten helfen ûz der not (Vers 29). Wieder steht die Liebe zu Gott über der Liebe zu einer Frau.

[...]


[1] Fischer, Karl-Hubert: Zwischen Minne und Gott, Verlag Peter Lang GmbH, Frankfurt am Main 1985, Seite 201

[2] Bumke, Joachim: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter, 5. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH &Co. Kg, München2004, Seite 116

[3] Bumke, Joachim: Höfische Kultur, 9. Auflage, Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH &Co. Kg, München 1999, Seite 130

[4] Wapnewski, Peter: Einführung in die germanistische Mediävistik, 3. Auflage, Verlag C.H. Beck, München 1997, Seite 83

[5] Brinkmann, Henning: Die Entstehungsgeschichte des Minnesangs, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 8. Band, Kluckhohn, Paul & Rothacker, Erich (Hrsg.), Max Niemeyer Verlag, Halle an der Saale 1926, Seite 132

[6] Mowatt, D.G.: Friderich von Hûsen – Introduction, Text Commentary And Glossary, Cambridge University Press, Cambridge 1971, Seite 47

[7] Wenzel, Horst: Frauendienst und Gottesdienst – Studien zur Minneideologie, in: Philologische Studien und Quellen, Heft 74, Binder, Wolfgang & Moser, Hugo (Hrsg.), Erich Schmidt Verlag, Berlin 1974, Seite 138

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Der Konflikt zwischen Kreuzzugsgedanke und "minne" in ausgewählten Liedern Friedrichs von Hausen
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V93522
ISBN (eBook)
9783638067546
ISBN (Buch)
9783638955508
Dateigröße
421 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konflikt, Kreuzzugsgedanke, Liedern, Friedrichs, Hausen
Arbeit zitieren
Jana Beutel (Autor), 2005, Der Konflikt zwischen Kreuzzugsgedanke und "minne" in ausgewählten Liedern Friedrichs von Hausen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93522

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