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Materialistische Geschichtstheorie. Ein psychoanalytisches Projekt?

Auf Spurensuche in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen

Title: Materialistische Geschichtstheorie. Ein psychoanalytisches Projekt?

Term Paper , 2020 , 28 Pages

Autor:in: Lukas Treiber (Author)

Philosophy - Miscellaneous
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Summary Excerpt Details

In der vorliegenden Arbeit betrachte ich Benjamins geschichtsphilosophische Thesen als Versuch die Erkenntnis und das Aufdecken der Wirkung wahrer Leidursachen durch Analyse und Aufarbeitung kollektiver Geschichte zu ermöglichen. Da dieser Versuch dem Versuch der Psychoanalyse ähnelt, die statt der kollektiven Geschichte die Geschichte des Individuums analysiert, werde ich bei meiner Untersuchung auf Überlegungen und Begriffe der Psychoanalyse rekurrieren, von denen angenommen werden kann, dass sie Benjamin nicht unbekannt gewesen sind. Auf Leselisten des Autors möchte ich deshalb verzichten, weil diese erwiesenermaßen unvollständig sind. Bevor ich Benjamins Geschichtstheorie im Hinblick auf ihre Potentiale untersuche, möchte ich zeigen, dass die Geschichtstheorie Benjamins sowohl zum Zeitpunkt ihrer Fertigstellung 1940 als auch heute nicht nur relevant, sondern gleichermaßen viabel ist. Um dies zu beweisen, stelle ich zunächst die gemeinsamen Merkmale soziopolitischer und psychosozialer Strukturen in den 1930er Jahren und heute heraus.

Ziel der Arbeit ist zu zeigen, inwieweit Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen relevant für aktuelle Diskussionen zum Thema Vergangenheitsaufarbeitung und -bewältigung, Ressentiments (Rassismus, Sexismus, Antijudaismus etc.) oder Fortschritts-, Herrschafts-, Historismuskritik etc. ist. Seit der ersten, von Peter Bulthaup 1975 herausgegebenen Sammlung von Aufsätzen zu Benjamins Thesen, hat sich die wissenschaftliche Auseinandersetzung vorwiegend auf den Widerstreit der beiden wichtigsten Denkrichtungen konzentriert: Theologie (Sholem) und Marxismus (Brecht)1. Meine Untersuchung beginnt ihre Suchbewegung auf der Grundlage eines marxistisch-materialistischen Verständnisses, mit der Absicht psychoanalytisches Gedankengut in den Thesen Benjamins zu erfassen bzw. daraus abzuleiten und für einen künftigen Diskurs nutzbar zu machen.

Excerpt


Inhaltsverzeichnis

1. Arbeitshypothese und Vorgehen

2. Merkmale soziopolitischer Strukturen in den 1930er Jahren und heute

3. Merkmale psychosoziale Strukturen in den 1930er Jahren und heute

4. Zuvor noch eine Bemerkung

5. Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen – Eine (psycho)analytische Geschichtstheorie

5.1 Abgrenzung vom Fortschrittsbegriff der Moderne

5.2 Abgrenzung vom konservativen Historismus

5.3 Eingedenken als Mittel materialistischer Geschichtsschreibung

5.4 Neue Perspektiven durch materialistische Geschichtsschreibung

5.5 Archäologie der Erinnerung

6. Schlussbetrachtung

Zielsetzung & Themen der Arbeit

Die vorliegende Arbeit untersucht Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen unter Anwendung psychoanalytischer Konzepte, um deren Relevanz für die Analyse aktueller gesellschaftlicher Krisen und Vergangenheitsaufarbeitung zu beleuchten. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, inwiefern eine materialistische Geschichtsschreibung durch die Bewusstmachung verdrängter Leidensursachen als psychoanalytisches Projekt zur Leidensminimierung und zur Transformation repressiver gesellschaftlicher Strukturen beitragen kann.

  • Analyse der strukturellen Ähnlichkeiten zwischen den soziopolitischen Krisen der 1930er Jahre und der Gegenwart.
  • Kritik am Fortschrittsoptimismus und der konventionellen Geschichtsschreibung als Instrumente der Herrschaftssicherung.
  • Erarbeitung des Konzepts des "Eingedenkens" als dialektisches Verfahren zur Aufdeckung verdrängter Geschichte.
  • Übertragung psychoanalytischer Methoden (wie Durcharbeiten und archäologische Spurensuche) auf die Aufarbeitung kollektiver Traumata.
  • Untersuchung des "Zitats" als Mittel zur Destruktion herrschaftsförmiger Geschichtskonstruktionen.

Auszug aus dem Buch

5. 1 Abgrenzung vom Fortschrittsbegriff der Moderne

Die konventionelle Geschichtsauffassung wird von einer Vorstellung von Fortschritt bestimmt, in der der kapitalistisch-technologischen Produktionsweise eine gesellschaftstransformierende Kraft zugeschrieben wird. Der Motor dieses Fortschrittsoptimismus ist die Hoffnung, die Zukunft der Menschen positiv verändern zu können. Diese Auffassung delegiert jedoch die Verantwortung für die menschliche Geschichte an ein abstraktes naturwissenschaftliches Prinzip (progressive Reproduktion von Kapital). Anstelle einer bewussten Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit tritt ein Prinzip mit dogmatischem Anspruch, dass Spannungen und Probleme mit Rückgriff auf die inhärente Logik des Dogmas erklärt.

Aus der Vorstellung und dem Anspruch permanenter Entwicklung und Perfektionierung der Gesellschaft durch konsequente Entfaltung der technologischen Produktivkräfte folgt eine Übertragung auf die gesamte menschliche Geschichte und indirekt auch auf die Biographie des Individuums. Geschichte sei der Ort an dem sich, der Fortschritt der Menschheit selbst vollziehe. Er sei unabschließbar und wesentlich unaufhaltsam. Diese technologische Ontologisierung der Geschichte führt zu folgenden Problemen.

Zusammenfassung der Kapitel

1. Arbeitshypothese und Vorgehen: Dieses Kapitel skizziert den Kausalnexus zwischen Geschichtsschreibung, Leidensverarbeitung und Ideologiekritik und führt in die Absicht ein, Benjamins Thesen mit psychoanalytischen Begriffen zu untersuchen.

2. Merkmale soziopolitischer Strukturen in den 1930er Jahren und heute: Der Autor stellt strukturelle Parallelen zwischen der Zeit des Aufstiegs des Faschismus und der neoliberalen Gegenwart heraus, insbesondere hinsichtlich des Vertrauensverlusts in repräsentative Demokratien und der Zunahme rechtspopulistischer Rhetorik.

3. Merkmale psychosoziale Strukturen in den 1930er Jahren und heute: Dieses Kapitel analysiert die psychischen Folgen von Repression und die Entstehung von Ressentiments, die durch die Identifizierung mit Ideologien wie der einer "starken Wirtschaft" kompensiert werden.

4. Zuvor noch eine Bemerkung: Hier setzt sich der Autor kritisch mit der Dissertation von Wiegmann auseinander und präzisiert, dass nicht die Technik selbst, sondern die herrschaftlichen Verhältnisse die Ursache für perpetuiertes kollektives Leiden darstellen.

5. Walter Benjamins geschichtsphilosophische Thesen – Eine (psycho)analytische Geschichtstheorie: Dies ist das Hauptkapitel, das Benjamins Thesen detailliert dekonstruiert, Begriffe wie das "Eingedenken" und das "Zitat" analysiert und die Verbindung zur Psychoanalyse als archäologische Methode zur Befreiung verdrängten Leidens herstellt.

6. Schlussbetrachtung: Die Ergebnisse werden zusammengefasst, wobei die Äquivalenz der soziopolitischen und psychosozialen Merkmale beider untersuchter Epochen bestätigt und das Potenzial der materialistischen Geschichtsschreibung als Mittel zur Aufklärung bekräftigt wird.

Schlüsselwörter

Walter Benjamin, Geschichtsphilosophie, Psychoanalyse, Materialismus, Eingedenken, Vergangenheitsaufarbeitung, Ressentiment, Ideologiekritik, Klassenkampf, dialektisches Bild, Fortschrittsoptimismus, Triebunterdrückung, Geschichtsschreibung, Herrschaft, Moderne.

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit untersucht die geschichtsphilosophischen Thesen von Walter Benjamin unter einer psychoanalytischen Perspektive, um zu analysieren, wie eine materialistische Geschichtsschreibung dazu beitragen kann, gesellschaftliches Leiden besser zu verstehen und aufzuarbeiten.

Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?

Die zentralen Felder umfassen die Kritik an der modernen Fortschrittsideologie, die Parallelen zwischen den gesellschaftlichen Krisen der 1930er Jahre und der heutigen Zeit sowie die psychologische Dynamik von Ressentiments in repressiven Herrschaftssystemen.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?

Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch das Aufdecken verdrängter Leidursachen in der kollektiven Geschichte eine Transformation der gesellschaftlichen Verhältnisse möglich wird, analog zur psychoanalytischen Aufarbeitung individueller Traumata.

Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?

Es wird eine kritische Rekonstruktion von Benjamins Thesen vorgenommen, ergänzt durch eine psychoanalytische Deutung, die Konzepte wie "Eingedenken", "archäologische Spurensuche" und "dialektische Bilder" verwendet.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Im Hauptteil werden Benjamins Abgrenzung vom konservativen Historismus und vom Fortschrittsoptimismus diskutiert sowie die Methode der materialistischen Geschichtsschreibung als eine Form der "archäologischen" Aufdeckung verdrängten historischen Leids beschrieben.

Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?

Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie "Eingedenken", "materialistische Geschichtsschreibung", "dialektisches Bild", "Kritik des Fortschritts" und die Verbindung von "Psychoanalyse und Gesellschaft" geprägt.

Inwiefern unterscheidet sich die Arbeit von Wiegmanns Ansatz?

Während Wiegmann die moderne Technik als Hauptursache für das kollektive Leiden ansieht, argumentiert der Autor, dass Technik lediglich ein Instrument von Herrschaftsverhältnissen ist, die erst durch eine solche Analyse in ihrer wahren Ursache erkannt werden können.

Warum ist das Verfahren des "Zitierens" bei Benjamin so bedeutend?

Das Zitieren fungiert für den Autor als notwendige Destruktion der linearen, siegreichen Geschichtsschreibung, um singuläre Momente aus der Totalität zu befreien und sie für die Gegenwart als Ausgangspunkt für revolutionäres Handeln nutzbar zu machen.

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Details

Title
Materialistische Geschichtstheorie. Ein psychoanalytisches Projekt?
Subtitle
Auf Spurensuche in Walter Benjamins geschichtsphilosophischen Thesen
College
Humboldt-University of Berlin
Author
Lukas Treiber (Author)
Publication Year
2020
Pages
28
Catalog Number
V935291
ISBN (eBook)
9783346261038
ISBN (Book)
9783346261045
Language
German
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Lukas Treiber (Author), 2020, Materialistische Geschichtstheorie. Ein psychoanalytisches Projekt?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/935291
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