Krankheit und Tod haben schon immer eine zentrale Rolle im Denken der Menschen gespielt. In manchen Epochen gewinnen sie jedoch besonders an Bedeutung, so zum Beispiel im Viktorianischen Zeitalter, für das man von einem regelrechten „cult of death“ (Wheeler 1994: 28) sprechen kann. Die Literatur der Zeit ist als Spiegel der Gesellschaft durchsetzt von diesen Motiven, und die Romane Charlotte Brontës stellen keine Ausnahme dar. Tatsächlich kann gerade für ihre Romane von einer „obsessiven Verwendung von Tod und Todessymbolik“ (Rublack 1985: 32) gesprochen werden. Ihre Romane Jane Eyre, Shirley und Villette, die hier im Zentrum der Untersuchung stehen sollen, illustrieren beispielhaft die Durchdringung der Literatur mit einer ausgeprägten Krankheits- und Todesthematik.
Diese Magisterarbeit setzt es sich daher zum Ziel, die große Bedeutung dieser Themen anhand verschiedener Beispiele aufzuzeigen. Dabei soll herausgearbeitet werden, welche Funktionen die Themen Krankheit und Tod im Kontext der Romane haben. Die Figurenanalyse stellt eines der Hauptwerkzeuge der Interpretation dar, da es in der Natur der Sache liegt, dass hauptsächlich Menschen – hier die Figuren der Romanwelt – von Krankheiten und Tod betroffen sind. Dennoch sollen weitere Bereiche, in denen sich diese Aspekte ebenfalls niederschlagen, untersucht werden. Dazu gehört zum einen die Sprachmetaphorik der Romane, zum anderen die Raumgestaltung.
Der Theorieteil dieser Arbeit soll den für die Interpretation nötigen historischen und kulturellen Hintergrund liefern und aufzeigen, welche Rolle Krankheit – dazu zählen sowohl körperliche als auch geistige Erkrankungen – und Tod in der Kultur des Viktorianischen Zeitalters spielten. Zu den körperlichen Krankheiten, die von besonderer Bedeutung für die spätere Analyse sein werden, zählen Tuberkulose – die bedeutendste Krankheit des 19. Jahrhunderts – und Fieberkrankheiten; zu den psychischen Erkrankungen „moral insanity“ und Hysterie. Da diese eine Vorrangstellung innerhalb der Romane einnehmen, wird ihnen dementsprechend viel Raum zukommen. Um die Relevanz und die Hintergründe der psychischen Leiden zu erschließen wird ausführlich auf das in diesem Zusammenhang besonders bedeutsame Thema der weiblichen Sexualität im Viktorianischen Zeitalter eingegangen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Krankheit und Tod im Viktorianischen Zeitalter
2.1 Der kranke Geist: Wahnsinn im Viktorianischen Zeitalter
2.1.1 „Krankheit Frau“: Sexualität und Wahnsinn
2.1.2 Formen geistiger Erkrankungen
2.1.2.1 Der verlorene Anstand: „moral insanity“
2.1.2.2 Der nervöse Körper: Hysterie
2.2 Körperliche Krankheiten
2.2.1 Tuberkulose
2.2.2 Fieberkrankheiten
2.3. Das ‚richtige’ und das ‚falsche’ Sterben: Tod im Viktorianischen Zeitalter
2.3.1 Der „gute Tod“
2.3.2 Der „schlechte Tod“
2.3.3 Der Tod von Kindern
2.4 Die viktorianischen Ärzte
3 Romananalyse: Jane Eyre
3.1 Tod und Religion
3.1.1 Die Befreiung des Geistes: Helen Burns
3.1.2 Der glorreiche Tod: St. John Rivers
3.2 Die Herrschaft des Geistes über den Körper: Bertha Mason
3.3 Die poetische Gerechtigkeit
3.3.1 Krankheit und Tod als Strafe: Mrs. Reed
3.3.2 Aus dem Leiden lernen: Mr. Rochester
3.4 Der unbeugsame Lebenswille: Jane Eyre
3.5 Orte und Krankheit
3.5.1 Ein Ort der Krankheit: Lowood School
3.5.2 Ein ungesunder Ort der Fruchtbarkeit: Ferndean
4 Romananalyse: Shirley
4.1 Weiblich und krank: drei Schicksale
4.1.1 Leiden und Leidenschaft: Caroline Helstone
4.1.2 Die erweckte Weiblichkeit: Shirley Keeldar
4.1.3 Der ‚weibliche’ Tod: Mary Cave
4.2 Männlich und krank: zwei Schicksale
4.2.1 Täter oder Opfer? Robert Moore
4.2.2 Die männliche Leidenschaft: Louis Moore
4.3 Die Yorkes: ein Spiegel der viktorianischen Familie?
4.3.1 Hysterie und Häuslichkeit: Mrs. Yorke
4.3.2 Ein Tod in der Fremde: Jessy Yorke
4.4 Sprache und Tod
5 Romananalyse: Villette
5.1 Gelähmte Gefühle – gelähmte Körper: die weiblichen Figuren
5.1.1 Der Kampf mit den Gefühlen: Lucy Snowe
5.1.2 Liebe und Tod: Miss Marchmont
5.2 Hilfe oder Kontrolle: die männlichen Figuren
5.2.1 Der Arzt: Dr. John Graham Bretton
5.2.2 Der Lehrer: Monsieur Paul Emanuel
5.3 Ein Ort der Gesundheit? Madame Becks Pensionat
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Magisterarbeit untersucht die Bedeutung und Funktion der Motive Krankheit und Tod in den Romanen "Jane Eyre", "Shirley" und "Villette" von Charlotte Brontë. Dabei wird hinterfragt, wie sich die Darstellung dieser Themen vom viktorianischen Zeitgeist beeinflussen lässt und welche Rolle sie für die Charakterentwicklung, die Raumgestaltung sowie die soziale Kritik der Autorin spielen.
- Kultureller und medizinischer Hintergrund des viktorianischen Zeitalters (Wahnsinn, Tuberkulose, Fieber).
- Analyse der Krankheits- und Todessymbolik in den drei Hauptromanen von Charlotte Brontë.
- Untersuchung der Geschlechterrollen ("Gender-Thematik") im Kontext von Gesundheit und Krankheit.
- Rolle des viktorianischen Arztes als Bindeglied zwischen Krankheit und sozialer Kontrolle.
- Interpretation der Räumlichkeiten (z.B. Lowood School, Ferndean, Pensionat) als symbolische Orte der Krankheit oder Gesundheit.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Befreiung des Geistes: Helen Burns
[T]he sound of a cough close behind me, made me turn my head. I saw a girl sitting on a stone bench near; she was bent over a book, on the perusal of which she seemed intent: from where I stood I could see the title – it was "Rasselas"; a name that struck me as strange, and consequently attractive (Jane Eyre 49).
Dies ist der erste Eindruck, den Jane von ihrer späteren Freundin Helen Burns hat; und gleichzeitig die erste Beschreibung, die der Leser erhält. An dieser Beschreibung sind zwei Dinge bemerkenswert. Zum einen wird Jane durch ein Husten auf Helen aufmerksam, dies ist bereits ein erster Verweis auf Helens Tuberkulose-Erkrankung, auch wenn Jane dies zu Anfang noch nicht bewusst ist. Zum anderen gibt uns Helens Lektüre (Dr. Johnsons „Rasselas“) bereits Aufschluss über Helens Geisteshaltung, die im weiteren Verlauf von besonderer Bedeutung ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung erläutert die zentrale Bedeutung von Krankheit und Tod im viktorianischen Zeitalter und stellt die Forschungsfrage sowie methodische Ansätze für die Analyse von Brontës Romanen vor.
2 Krankheit und Tod im Viktorianischen Zeitalter: Dieses Kapitel liefert den kulturwissenschaftlichen und historischen Kontext, indem es zeitgenössische medizinische Theorien über Geisteskrankheiten, körperliche Leiden und die viktorianischen Bestattungs- und Sterberituale beleuchtet.
3 Romananalyse: Jane Eyre: Die Analyse untersucht die spirituelle und symbolische Darstellung von Krankheit und Tod bei Figuren wie Helen Burns, St. John Rivers und Bertha Mason sowie deren Bedeutung für die Entwicklung der Protagonistin Jane.
4 Romananalyse: Shirley: In diesem Kapitel wird aufgezeigt, wie soziale und politische Aspekte die Gesundheit der Figuren beeinflussen, wobei besonders die psychosomatischen Leiden von Caroline Helstone und Shirley Keeldar im Fokus stehen.
5 Romananalyse: Villette: Die Untersuchung konzentriert sich auf die psychische Instabilität der Protagonistin Lucy Snowe und die ambivalente Rolle männlicher Figuren wie Dr. John und Monsieur Paul, die sowohl als Helfer als auch als Kontrolleure fungieren.
6 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht, dass Brontë die Themen Krankheit und Tod zunehmend zur Gesellschaftskritik einsetzt, wobei die Situation der Frauen in den Romanen über die Zeit hinweg als zunehmend prekär dargestellt wird.
Schlüsselwörter
Charlotte Brontë, Jane Eyre, Shirley, Villette, Viktorianisches Zeitalter, Tuberkulose, Hysterie, moral insanity, Tod, Sterbebett-Szenen, Krankheitssymbolik, Geschlechterrollen, Psychologie, Literaturwissenschaft, soziale Kontrolle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit?
Die Arbeit analysiert die thematische Durchdringung der Romane Charlotte Brontës mit Motiven von Krankheit und Tod und untersucht deren Funktion im viktorianischen Kontext.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind der viktorianische "Kult des Todes", medizinische Diskurse über Geisteskrankheiten wie Hysterie und "moral insanity" sowie die symbolische Bedeutung dieser Krankheiten in den Romanen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Brontë Krankheit und Tod als erzählerische Werkzeuge nutzt, um Gesellschaftskritik zu üben und die oft prekäre Lage viktorianischer Frauen darzustellen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit bedient sich eines kulturwissenschaftlichen Ansatzes, kombiniert mit literaturwissenschaftlicher Figurenanalyse und historischer Kontextualisierung der medizinischen Doktrinen des 19. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei detaillierte Analysen der Romane Jane Eyre, Shirley und Villette, in denen jeweils spezifische Schicksale und die damit verbundenen Krankheits- oder Todesmotive untersucht werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind unter anderem viktorianischer Zeitgeist, Gender-Thematik, Tuberkulose, Wahnsinn, soziale Kontrolle und literarische Symbolik.
Warum spielt der Begriff "moral insanity" in der Analyse eine so große Rolle?
Der Begriff war eine zeitgenössische Diagnose, die besonders bei Frauen zur sozialen Disziplinierung eingesetzt wurde, und spiegelt sich in den Romanen als Mittel der Kontrolle wider.
Welche Funktion hat die "deathbed scene" (Sterbebettszene) in den Romanen?
Die Sterbebettszene dient im viktorianischen Roman oft als moralische Prüfung, bei der zwischen einem "guten" und einem "schlechten" Tod unterschieden wird, was Rückschlüsse auf den Charakter der sterbenden Figur zulässt.
Warum wird die Rolle der Ärzte in Villette besonders hervorgehoben?
Im Gegensatz zu den früheren Romanen tritt in Villette mit Dr. John ein Arzt als zentrale Figur auf, wodurch die ambivalente Rolle der Ärzteschaft als Helfer und zugleich als Instrument gesellschaftlicher Überwachung verdeutlicht wird.
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- Dr. des. Imke Neumann (Author), 2003, Krankheit und Tod in den Romanen von Charlotte Brontë , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/93754