Schwangerschaft als Transformation zur Mutterschaft. Erhaltung traditioneller Rollenbilder durch die Schwangerschaft


Seminararbeit, 2020

17 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Problemskizze und Zielsetzung der Arbeit
1.2 Aufbau der Arbeit

2 Hauptteil
2.1 Zentrale Begriffe

3 Theorien und Konzepte
3.1 Mutterschaft im Wandel der Zeiten
3.2 Schwangerschaft als Transformation zur Mutterschaft
3.3 Bindung zum Ungeborenen und Pflichten der Schwangeren

4 Fazit

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

1.1 Problemskizze und Zielsetzung der Arbeit

In den letzten Jahrzehnten kam es zu einschneidenden Veränderungen im Leben von Frauen. Selbstbestimmung, Autonomität, berufliche Unabhängigkeit und höheres Bildungsniveau sowie erhöhte Erwerbstätigkeit sind einige Merkmale moderner Gesellschaften, die mit neuen Rollenvorstellungen von Frauen verbunden sind. Infolgedessen haben sich durch die geschlechtliche Emanzipation Lebensverläufe der Frauen in den letzten Jahrzehnten jenen von Männern angeglichen.

Auf der anderen Seite ist es zu beobachten, dass es mit der Geburt des ersten Kindes zu einer ständigen traditionell geprägten Arbeitsteilung zwischen Frauen und Männern kommt. Das Thema wird seit Jahren diskutiert und es wurden zahlreiche Studien belegt, die sich häufig mit dem Aspekt „Geburt als Wendepunkt“ beschäftigen, bei welcher die Geburt des ersten Kindes zwischen Partnern eine traditionelle Arbeitsteilung auflebt. Eher selten wurden bislang direkten und indirekten Herstellungsmechanismen im Übergang zur Elternschaft untersucht. Nach dem das Werk „Soziologie der Schwangerschaft. Exploration pränataler Sozialität“ im Jahr 2014 erschienen ist, erweckte sich das Interesse weitere noch unentdeckte gesellschaftliche und politische Rahmenbedingungen zu erforschen, welche das Phänomen zur Retraditionalisierung zwischen Geschlechtern in der pränatalen Phase potenziell verstärken. Mit diesem Motiv sind Soziologinnen Müller und Zillien einen Schritt weitergegangen und haben in ihrer Studie aus dem Jahr 2016 explizit gesundsheitpolitisch anerkannte Geburtsvorbereitugnskurse untersucht sowie das Zusammenspiel von geschlechterdifferenzierten Zuschreibungsprozessen ausgewertet. Die Ergebnisse der Studie haben gezeigt, dass Geburtsvorbereitungskurse den geschlechtlichen Körper als Schicksal determinieren und die soziale Stellung der Frau als „Ausdruck“ der Natur darstellen. Die naturalisierten Zuschreibungen an die werdenden Mütter leisten somit einen einflussreichen Beitrag zur Feminisierung der Elternschaft sowie geschlechterdifferenzierende Arbeitsaufteilung in der Familie.

Ich möchte mit dieser Arbeit nach weiteren Herstellungsmechanismen in Bezug auf Schwangere untersuchen. Bisher gibt es allerdings wenig sozialwissenschaftliche Forschung und Literatur zur Frage, ob und in welchem Ausmaß Schwangere die (Re)-traditionalisierung im Übergang zur Elternschaft unterstützen. Es gibt bisher viel mehr sozialwissenschaftliche Forschungen oder Texte zu den Themen wie z. B. Frauenbewegung, Familienplanung, Abortion, Teenageschwangerschaften, Drogen und Sucht in der Schwangerschaft, die beschränkt oder kaum die Thematik Schwangerschaft und damit verbundene soziale Prozesse in Bezug auf Geschlechterordnung untersuchen. Aus diesem Grund stelle ich in meiner Arbeit die Frage, ob die Schwangerschaft eine soziale Konstruktion ist und wenn ja, ob und warum schwangere Frauen in den einzelnen Stationen des Prozesses „aktiv“ teilnehmen, sodass sie ggf. einen Beitrag zur Geschlechterdifferenz leisten. Es könnte viele Gründe dafür geben, dass Frauen mit Beginn der Schwangerschaft ihre Einstellungen, Interessen, Fähigkeiten und Verhaltensweisen neu definieren, die letztendlich Auswirkungen auf ihr Selbstbild und Lebensstil haben.

1.2 Aufbau der Arbeit

Um eine Einführung in die Thematik geben zu können, werde ich in Kapitel 2 einige Begriffe aus den soziologischen und anthropologischen Grundlagentheorien in Bezug auf Geschlechter vorstellen. Da die Schwangerschaft eine Übergangsphase zur Mutterschaft ist und beide Ereignisse sich gegenseitig ergänzen, werde ich in Kapitel 3 zunächst die Mutterschaft aus der sozialen, kulturellen und historischen Perspektive darstellen. Darauf aufbauend werde ich die Schwangerschaft und ihre sozialen Prozesse analysieren. Dem Kapitel 4 werde ich mein Fazit widmen, in dem ich in der Einleitung gestellte Fragen beantworten werde.

2 Hauptteil

2.1 Zentrale Begriffe

Für die Beantwortung der Frage nach der Transformation des weiblichen Geschlechts in die Mutterrolle und die damit verbundenen Prozesse, ist an dieser Stelle wichtig, einige zentrale Begriffe zur soziologischen Geschlechterforschung zu erwähnen.

Die theoriegeschichtliche Einordnung der Geschlechterforschung ist tief komplex und hat mehrere Wurzeln. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts herrscht in den westlichen Ländern die weit verbreitete Annahme, dass die Zweiteilung der Geschlechter eine „soziale Konstruiertheit“ ist (Hirschauer 1994, S. 668) und das physiologische Geschlecht bestimmte Fähigkeiten und Verhaltensweisen nicht zwingt. Zur Debatte um die Konstruktion von Geschlechterrollen gilt das Buch „Das andere Geschlecht“ (1951) von Simone de Beauvoir als Grundlagetext der Geschlechter- und Frauenforschung. Mit dem berühmtesten Satz des Buches: „Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es“ (1951, S. 265) erzielte das Werk einen Durchbruch. Es wird von ihr eine (De)-Naturalisierung der Geschlechter vorgenommen und sie vertritt die Meinung, dass „Frau-Sein“ ein angenommenes, soziales Merkmal sei. Beauvoir entwickelte damals eine „irreale“ Perspektive, in der Frauen ökonomisch und sexuell von Männern unabhängig sind, selbstbestimmtes Leben führen können und als „Gleiche“ anerkannt sind. Es sind 70 Jahre vergangen, nachdem das Buch erschienen ist und wir arbeiten nach wie vor an dieser Perspektive, die nicht erfüllt ist. Obwohl die gesellschaftlichen Wertungen und Vorstellungen der Geschlechtsbilder seitdem gewandelt haben, ist es immer noch zu beobachten, wie das subjektiv zugewiesene Geschlecht (körperlich, sex) relevant für die Entwicklung eines Individuums ist, in dem Akteure einer Gesellschaft an den Körper gebundene Unterschiede als Ableitungsmerkmale für das sozialkulturelle Geschlecht (Gender) verwenden und von Beginn der Sozialisation an diese sogenannten Weiblichkeitsvorstellungen oder Männlichkeitsvorstellungen als „natürlich“ und „normal“ vermitteln. Die gesellschaftliche Neigung die Geschlechterdifferenzierung zu demonstrieren, zeigt sich bereits bei Babys und Kleinkindern in Form von Kleider- und Verhaltenskodex. Nach Burkart haben Kinder keine geschlechtsspezifischen Spielinteressen und keinerlei Glaube daran, dass Mädchen mit Puppen und Jungs mit Autos spielen sollen (vgl. Burkart 2018, S. 231). D. h. die soziale Umwelt, in die der Mensch eintritt, bestimmt und vermittelt sozial normierte Rollenerwartungen an Akteure, die diese Zuschreibungen unbewusst übernehmen und wiederum an andere Akteure weitergeben. Des Weiteren erfährt das Kind im Sozialisationsprozess durch Bestätigung und Verstärkung der Bezugspersonen, normative Verhaltensweisen und Grenzziehungen, die die jeweilige Geschlechtsrolle steuern: „So übernimmt das Kind Werte und Einstellungen, Mythen und Vorurteile, Motivationen und Interessen seinen Eltern“ (Textor 1985, S. 36). Ich möchte an dieser Stelle noch anmerken, dass von Textor gegebene Beispiele zweifellos je nach Kultur und Gesellschaft unterschiedliche Dimensionen haben können. Die Frauenforschung der 1970er Jahre beschäftige sich mit den kulturellen Variationen gesellschaftlicher Geschlechternominierung. Das Ziel war den kulturell-konstruktiven Charakter der Geschlechterrollen zu untersuchen und über die Ländergrenzen hinweg zu schauen. Unter anderem auch festzustellen, wie unterschiedlich Geschlechter in unterschiedlichen Kulturen gerahmt werden und ob die wichtigen Charakterkomponente von Geschlechtern universal seien. Die Ergebnisse der Forschungen von Kulturanthropologin Margaret Mead (1908-1978) zeigten, dass Geschlechter in verschiedene Kulturen verschiedenen Gestalt annehmen und westliche Überzeugungen beispielsweise wie „Weiblichkeit“ und „Männlichkeit“ nicht in allen Gesellschaften zu finden sind (vgl. Glidemeister und Hericks 2012, S. 117 zit. nach Mead 1969 1935).

3 Theorien und Konzepte

3.1 Mutterschaft im Wandel der Zeiten

Vor dem Hintergrund der frühkindlichen geschlechterspezifischen Sozialisation, übernehmen Mädchen und junge Frauen infolgedessen eine Geschlechtsrolle, die gewisse zugeschriebene Weiblichkeitsvorstellungen umfassen wie z. B. Fürsorglichkeit, Emotionalität, Familiensinn, Einfühlungsvermögen etc. Aufgrund der Gebärfähigkeit bzw. „Natur der Frau“ (Beauvoir 1951) und „körperliche Verfügbarkeit“ (Tolasch 2016, S. 218) der Frau, wird die Mutterschaft zur zentralen Dimension der Weiblichkeit gemacht. So schreibt Herwartz-Emden:

„Mutterschaft ist Bestandteil des weiblichen Selbstkonzeptes, eine zentrale Dimension der weiblichen Geschlechtsrollenorientierung. Die Sozialisation zur Mutterschaft setzt für die Frau in ihrer Kindheit und Jugend ein; ihre Auswirkung auf die weibliche Biographie und Lebensgestaltung reichen weit über die Phase der aktiven Mutterschaft hinaus“ (1995 S. 11).

Auch gewisse kulturelle Mutterschaftsvorstellungen prägen die Mutterschaft aus. Elisabeth Badinter bringt das so auf den Punkt:

„Jede Kultur ist von einem Idealbild der Mutter geprägt, das sich mit den Zeiten ändern kann, dass aber Einfluss auf alle Frauen ausübt, ob sie sich dessen bewusst sind oder nicht“ (2010, 129).

Man kann davon ausgehen, dass normative Zuschreibungen ständig in Bewegung sind und immer wieder durch Handlungen bestätigt oder neu festgelegt werden, in der die Mutterschaft als adäquat oder inadäquat befunden wird (vgl. Distelhorst 2009, S. 38). Damit ist gemeint, dass die Mutterrolle, sowie alle anderen gesellschaftlichen Rollen, einen veränderbaren und zeitlich gültigen Kern hat. Denn neue Erkenntnisse immerhin neue soziale Phänomene schaffen, die durch eine effektive Koordination von Verhalten und im gegenseitigen Austausch von Denksystemen neue Realität und Entwicklung möglich machen. Das Buch „Mutterliebe“ (1987) hat durch geschichtliche Fakten und Zusammenhänge neue Perspektiven und Horizonte eröffnet, in dem die Autorin die gesellschaftliche Annahme der natürlichen Mutterliebe und Mutterinstinkte in Frage gestellt hat. Die Frage danach, wie sich die Mutterliebe entwickelt hat, stand im Mittelpunkt der sozialgeschichtlichen Analyse. Badinter hat die Entwicklung von Mutter-Kind-Beziehungen insbesondere ab das Ende dem 17. Jahrhunderts in Frankreich untersucht und festgestellt, dass die damalige Mutterrolle anders konstruiert war als heute. Damalige Mütter hatten aufgrund eines fehlenden Bewusstseins und hohen Arbeitsbelastungen ein anderes Empfinden für ihr Neugeborenes, kümmerten sich wenig um den Nachwuchs und bauten keine enge Bindung und Nähe auf. Man kann davon ausgehen, dass „Mutter-Sein“ eine Funktion des „Frau-Seins“ war, sodass Pflichten wie Ernährung und Pflege nicht unbedingt von der leiblichen Mutter erfüllt waren, sondern oft von anderen im Haushalt lebenden Frauen. Mit dem Übergang in die Moderne entwickelte sich das Bild der bürgerlichen Familie und Frauen waren nun für Heim, Familie, Sorge- und Pflegearbeit zuständig (vgl. Heidinger 2008, S. 184). Die neue Definition „aus Liebe zur Familie“ bezeichnete die zentrale Bestimmung des Mutterkonzepts (ebd.). Als dann später die Epoche der bewussten Kindererziehung (z.B. Pestallozi, Fröbel) begann, etablierte sich die Professionalisierung, Sensibilisierung und Responsibilisierung von Mutterschaft und „es entstand in der Folge ein regelrechter Mutterkult“ (ebd. S. 188). Wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Psychoanalyse und der Bindungsforschung betonten die große Bedeutung einer aufmerksamen und unterstützenden Mutter als Folge der gesunden und positiven seelischen Entwicklung des Kindes. Daraus kann geschlossen werden, dass die neue Mutterideologie unserer postmodernen Gesellschaft durch Modernisierungsprozesse in etlichen Gesichtspunkten anspruchsvoller geworden ist. Hinsichtlich der modernen Mutterschaft werden Frauen mit „ideell aufgeladenen Ansprüchen“ gegenübergestellt (Ecarius 2007, S. 187-188). Die kurze Darstellung der Mutterbilder der unterschiedlichen Zeiten macht erstens deutlich, dass Mutterliebe kein natürlicher Instinkt ist. Zweitens es lässt sich feststellen, dass das Mutter-Phänomen eine soziale Konstruktion ist, die sich immer wieder neu anpasst.

3.2 Schwangerschaft als Transformation zur Mutterschaft

Im kulturellen „Normalfall“ gehört der Kinderwunsch und die Geburt des Kindes innerhalb einer bestehenden Partnerschaft oder Ehe zum typischen Symbol der Verfestigung und Verwurzelung. Der Lebensabschnitt einer Frau in der Schwangerschaft ist durch körperliche und psychosoziale Veränderungen geprägt. Durch die Schwangerschaft und bevorstehende Geburt des Kindes entwickeln sich ein neues Selbstbild, neue Interessen und eine neue gesellschaftliche Rolle. Schwangere Frauen werden ein Teil von neuen Orten und beteiligen sich in gesellschaftlichen Praktiken, die bisher nicht verwendet wurden. Zu den neuen Orten gehören beispielsweise institutionell gerahmte Geburtsvorbereitungskurse und Vorsorgeuntersuchungen. Obwohl beide Angebote primär nur Frauen ansprechen, wird der Geburtsvorbereitungskurs von seinen Teilnehmern als sicherer Ort empfunden, der ihnen den Ausstieg aus dem Berufsleben und Einstieg in das alte Muster der Geschlechterrollen erleichtert (vgl. Müller und Zillien 2016, S. 429). Die zentrale Botschaft der Kurse besteht aus Wissensvermittlungen von Entspannungstechniken, über die Geburt, die Säuglingspflege und das Stillen sowie über das Wochenbett. Außerdem eine Beförderung der natürlichen Geburt und der optimalen Mutter-Kind-Beziehung stehen besonders auf der Agenda. In den Kursen wird stark auf den weiblichen Körper und auf primäre sowie sekundäre Geschlechterteile fokussiert, sodass auf Biologisierung basierte Geburtsvorbereitungskurse durch spezifische Körperübungen wie „Beckenboden erspüren“ (ebd. S. 420) eine Aktivierung und Realisierung der weiblichen Körperlichkeit anstreben. Man kann davon ausgehen, dass dieses Körperorgan vor der Schwangerschaft kaum eine Rolle im Leben der Frau gespielt hat und allmählich lernen schwangere Frauen ihren Leib als Gravitationszentrum der menschlichen Reproduktion zu betrachten. Zudem wird über die notwendige Neuordnung der familiären Arbeitsteilung gesprochen, weil davon ausgegangen wird, dass Frauen nach der Geburt des Kindes selbstverständlich ihre Erwerbstätigkeit aufgeben und die gesamte Kinderbetreuung übernehmen. Die primäre Kindererziehung wird als eine pflichtbewusste und zuverlässige Aufgabe ausgedrückt, die bestimmte Anforderungen an die Mütter stellt (vgl. Beck und Beck-Gernsheim 1990, S. 135-136). Damit ist auch die Opferbereitschaft und das Durchhaltervermögen der Mutter gemeint, die das eigene Befinden (Schlaflosigkeit, Übelkeit etc.) hinter dem Wohle des Kindes zurückstellen soll, da dies in der Natur des „Mutter-Seins“ begründet ist und zum anderen, weil dadurch eine emotional intensive Mutter-Kind-Beziehung entsteht, die für beide Parteien gewinnbringend ist. In den Kursen dargestellte verschiedene Erklärungsmodelle zu körperlichen Erfahrungen und hormonellen Veränderungen während der Schwangerschaft und der Geburt, erwecken im Erleben der Frauen das Gefühl von „Einzigartigkeit“ des „weiblichen“ Geschlechts. Diese „Einzigartigkeit“ wird an der Natur des „Frau-Seins“ begründet und führt dazu, dass ein klarer Unterschied zwischen Frauen und Männern gebildet wird. Diese „pauschalisierte“ Zuschreibungen und Zuweisungen verankern sich so tief, dass die Mutterschaft und damit verbundene Prozesse als etwas phänomenales bewertet werden und dadurch fällt es Frauen schwer diese Erfahrungen als nicht einzige Erfahrungen im Leben anzunehmen (vgl. Glenn 1994. S. 22-23). Auch das heutige Wissen über hormonellen Veränderungen der Frauen in der pränatalen Phase weisen auf Weiblichkeitskonzepte hin. Es wird sowohl von den schwangeren Frauen als auch von der Gesellschaft behauptet, dass aufgrund der hormonellen Situation bzw. Schwangerschaftshormonen Frauen gewisse „mütterliche“, „weibliche“ und wechselhafte Emotionen erleben, die „als rationalistische Erfüllungsgehilfen biologischer Reproduktion“, die „die embryonale Versorgung sicherstellen“ (Malich 2017, S.7). Das Standardwerk zur Geburtsvorbereitungskursen der Deutschen Hebammenverband erklärt, dass bestimmte „mütterliche“ Hormone von großer Bedeutung für eine gesunde Mutter-Kind-Beziehung sind. Während und nach der Geburt ausgeschüttete Hormone wie Oxytocin (zuständig für die liebevollen Gefühle gegenüber dem Kind) und Prolaktin (Wachsamkeit) Ursache der bedingungslosen mütterlichen Liebe sind (vgl. Müller und Zillien 2016, S. 428). Also bereits in der Schwangerschaft wird empfohlen sich auf solche „mütterliche“ Erfahrungen einzustellen und sie auch zuzulassen, um den Schutz des Ungeborenen sicherzustellen. Während meiner Recherche nach weiteren Erklärungsmodellen für die Schwangerschaftshormone bin ich auf das Buch von einer renommierten schwedischen Psychologin und Oxytocinforscherin gestoßen. In ihrem Buch aus dem Jahr 2016 untersucht Kerstin Moberg das Hormon Oxytocin und wie es unseren Körper in zwischenmenschlichen Beziehungen steuert. Die Wirkungsmechanismen von Oxytocin im Rahmen der Mutter-Kind-Beziehung wurden an Säugtieren und beim Menschen untersucht. Es wurden insgesamt 5 Experimente durchgeführt. Drei an Tieren und zwei beim Menschen. Zunächst wurden Tiere in drei Gruppen eingeteilt. In der ersten Gruppe wurden dem Gehirn der Tiermütter Oxytocin zugeführt. Die Ergebnisse der ersten Studie haben gezeigt, dass Tiermütter angeregt wurden ihre Jungen zu säugen. In der zweiten Gruppe wurden weiblichen Ratten auch Oxytocin zugeführt und auch sie haben eine verstärkte Beziehung zu ihren Jungtieren entwickelt. Bemerkenswert ist hierbei, dass Ratten nicht nur eigene, aber auch denen anderer Jungen Ratten Fürsorge aufzeigt haben, was vor der Gabe von Oxytocin nicht der Fall war. Die dritte Gruppe hat Gegenmittel nämlich Periduralanästhesie (PDA) bekommen, welche die Freisetzung von Oxytocin während der Wehen blockiert. Folge: Tiermütter haben kein Fürsorgeverhalten und Bonding gezeigt. In der vierten Gruppe (menschliche Gruppe) wurde auch der Zusammenhang von Oxytocin in der Mutter-Kind-Beziehung untersucht. Durch Wehen während des Geburtsvorgangs war die Oxytocinspiegel zu hoch, sodass hier die Mutter-Kind-Beziehung von Anfang an sehr intensiv erlebt wurde. In der fünften Gruppe wurden Gebärende während des Kaiserschnitts (ohne Wehen) untersucht. Wie in der Gruppe drei, wurde hier lokale Betäubung (PDA) durgeführt. Moberg schreibt: „Die betreffenden Mütter entwickeln erst nach einer Stillphase die vom Oxytocin abhängigen mütterliche Anpassungen“ (Moberg, S. 89). Sie schreibt noch, dass Oxytocin das Gefühl von „zusammenschweißen“ zwischen Mutter und Kind (ebd. S. 104) beschleunigt. Im Allgemeinen beschreibt Moberg über die wichtigen und vielseitigen Vorteile des Hormones, dass das „mütterliche Verhalten verstärkt“ wird (ebd. S. 84). Moberg geht auf das Thema „Oxytocin und Schwangerschaft“ nicht ein und schreibt mit wenigen Worten, dass durch Östrogen und Progesteron sowie Ultraschallbilder eine enge Beziehung zu dem Kind entsteht (ebd. S. 87). Darunter versteht man, dass anhand dieser Studienergebnisse keine Aussagen über die ausgeschütteten „Liebeshormone“ während der Schwangerschaft getroffen werden können, weil zum einen in der Studie keine detaillierte Analyse in Bezug auf Schwangerschaft durchgeführt wurde und zum zweiten die Hormone Östrogen und Progesteron, rein biologisch betrachtet, zur Veränderung bestimmter Organen führen. So beispielsweise das Hormon Östrogen für die Bildung und Erweiterung von neuen Blutgefäßen zuständig ist und das Hormon Progesteron eine Relaxation der glatten Gefäßmuskulatur auslöst (vgl. Coad 2007, S. 286). Beide Hormone „sorgen für eine erhöhte Flüssigkeitsretention, in dem sie das Renin-Angiotensin-System (RAS) beeinflussen“ (ebd.). Es lässt sich daraus schließen, dass aus Sicht der Physiologie eine Interpretation oder Deutung in Richtung „Mütterlichkeit“ und damit gefühlsame Befindlichkeit der Mutter ausbleibt. Außerdem wurde festgestellt, dass es auch die Jungen unter dem Einfluss von Oxytocin stehen, so dass durch das Säugen, die Berührung und die Nähe zu einer erhöhten Oxytocinausschütung kommt (vgl. Moberg, S. 86). Dann bedeutet das, dass auch unabhängig vom Geschlecht (Frau oder Mann) das Hormon eine natürliche Produktion des Körpers ist, die durch Aktivierung zustande kommen kann. Denn es ist auch im Erwachsenenalter möglich, ohne Gebären zu müssen, das „Bindungshormon“ durch zahlreiche Techniken wie Meditation, Massage, Sex, gutes Essen/gute Musik usw. zu aktivieren oder zu erhöhen. Jedoch darauf wird in solchen Studien nicht eingegangen, weil im Mittelpunkt weitgehend die „weiblichen“ Körperprozesse und dadurch ausgelöste Gefühle stehen, die den Effekt haben, dass Frauen an bestimmte Geschlechterrollen gebunden werden. Die Bedeutung, die an die Schwangerschaft und das Mutterwerden gegeben wird, hat eine weit verbreitete kulturelle Wirkmacht. Dies wird durch Zeitungen, populäre Aufklärungsbücher und hebammengeleitete Geburtshilfen sowie Psychologie präzisiert und bestätigt. Das führt dazu, dass Schwangerschaft als essenzieller Bestandteil von Entwürfen der Natur dargestellt wird, die die kulturellen Geschlechterrollen und das normative Mutterbild plausibilisieren und naturalisieren.

[...]

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Schwangerschaft als Transformation zur Mutterschaft. Erhaltung traditioneller Rollenbilder durch die Schwangerschaft
Note
1,7
Jahr
2020
Seiten
17
Katalognummer
V941224
ISBN (eBook)
9783346272980
ISBN (Buch)
9783346272997
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schwangerschaft, transformation, mutterschaft, erhaltung, rollenbilder
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Schwangerschaft als Transformation zur Mutterschaft. Erhaltung traditioneller Rollenbilder durch die Schwangerschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/941224

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